Mario Wernicke-Hackel

Mensch ohne Schatten
(Sieben Sonette)

I
Ein Mensch, schmaler Körper, ohne Schatten,
auf verschiedenen Wegen, allein, beinahe peinlich
anzusehen: er, wie eine Reihe Puppen übrig geblieben,
in denen die Federn längst gebrochen sind.

Träumt tags mit offenen Augen, nachts von ihr.
Doch sieht er sehr genau, die in jeder Müdigkeit
Enthaltene Zärtlichkeit – ist eine Illusion.
So will er ihre Nähe greifbar erfassen.

An freien Tagen erfährt er ihre Augen.
Sie schenkt einen Kuss mit ihrem Mund.
Dann öffnet sie ihren Körper: ihm nach Wochen.

Da will er sie, die Liebe, nicht versäumen.
Sein Körper redete und dachte leise:
„Nach deinem Körper öffne deine Seele, lass…“

II
Er nannte sie: nie die Seine. Ihren Namen
Teilte sie bereits. – Einem anderen, der sie
gelegentlich nimmt, wohl mehr unvollkommen hält.
Kann sie doch übermäßig mehr erreichen!?

Sie nimmt und gibt in ihren Worten, Ideen,
sieht kaum brennendes Verlangen, löscht es nicht.
Wer will sie lieben? Jeder will sie ficken.
Denn eine Idee, das ist sie:

Haucht sie etwas an, ist es wie wenn
In das Rauschen von Saiten plötzlich ein Ton kommt.
Es formt sich ein unendlicher Zug:

Aus dem Gewirr ihrer Seele. Und alle Schönheit
Der Welt scheinen an ihrem Weg zu stehen.
Die Idee zu greifen ist sie ihm nicht beständig.

III
Deshalb die Geduld. Reine Liebe,
durch nichts getrübt, auch nicht durch ihre Hände,
die, in seinen einsamen Nächten, berühren,
was sein Körper leidenschaftlich begehrt.

Er fühlt nur so, wie viele fühlen.
In seinen Träumen schleppt er sie durch Strassen
Wie ein Bettler sein einzig Hab und Gut.
Ganz wie zu Hause ist ein Mann in sie verknallt.

Hier aber merkt er, es geht nicht um ihn.
„Nimmst du meine Liebe?“ – „Nicht so…“
Sie ist der Stein und er der Wind.

Seine Erwartungen! Er möchte sie ertränken.
Im Venensaft möchte er sie ertragen,
und nicht mehr gehen, weil er zu müde ist.

IV
Gesang in Sand geschrieben, Gesang
In Augenblicken, von keinem Laut bewegt,
wenn Schattenhäupter nicken, vom Schattenrumpf gesägt.
Weint! Denn sie teilen keine Leidenschaft.

Nachts, der Mond verweht im Feuersand, aber sie,
sie sind zusammen, der letzte Fuß, die letzte Hand,
versinken im Feuersand, aber sie, sie sind zusammen.
Die Gedanken schreien nicht mehr.

Der Stein ist Wasser, Wasser Stein,
und keiner – ist mit nichts allein, sie sind zusammen.
Lernt den Kuss der Zungen, von Hemd
Und Haut umschlungen, er liebt, bis sie schreit.

Die Frage stürzt sich in die Antwort,
sieht Spiegellicht, denn ihr Gesicht ist sein Gesicht.

V
Er ist blind und taub,
damit sie nicht blind und taub ist.
Aber er ist auch eine Zeichnung in Stein geritzt.
Er geht nicht weg, obwohl er geht, liegt sie entspannt.

Sie krochen aus Gemeinem,
mieden das Allgemeine,
erkannten sich selbst nicht. –
Er winkt. Sie kann ihn ziehen lassen.

Er ist ein Fragment
Auf der Flucht aber ohne Füße,
fünf Sinne mit vier, denn er hört.
Er möchte stürzen!

Er wichst, brennt lichterloh in ihrem Lichte!
Ist Ekel, Auferstehung und Geschichte.

VI
Sie, Augen die sind,
damit seine sind, Haare
die Hülle um den Aderlass,
Mund, er erkennt die Züge: „Nicht!“

Monde drei, er Mann in einem.
Sie, aber fragt sie nach dem Balken im Auge,
denkt er übers Haar nach,
das ihresgleichen ausfiel,

empört sich gegen das Maul,
Unrat statt Honig speiend,
umschling mich, umarme jedermann.

Doch sie, sprach mit Staren,
nicht mit Leuten,
die sich nicht Häuten zum Wunderbaren.

VII
Liebe ohne Ursache, Wirkung,
ohne Voraussetzung, Erkenntnis,
Irrtum, Verwerfung des Irrtums,
stinkend, frierend bebend, denkend:
wohl ihr (sich): das er kein Gedicht macht,
denn schreibt er ein Gedicht
und sie stört ihn dabei,
tötet er sich,
aber er macht kein Gedicht,
er kann kein Gedicht machen,
denn er überlegt sich,
ob er sich geirrt hat,
im Gehege der Liebe,
im Gehäuse der Lust.

(2005)

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