Der ägyptische Heinrich von Markus Werner, dtv

Markus Werner

Der ägyptische Heinrich
(aus: Der ägyptische Heinrich, Roman, Residenz/dtv)

"Es ist wahrscheinlich, dass die sechziger Jahre beruflich und privat die bewegtesten in Heinrichs ägyptischem Leben waren, aber ich habe dieses Jahrzehnt und das Nildelta, wo es gelebt worden ist, in einem einzigen Tag durchquert, und zwar mit eher stumpfen Sinnen, wenn auch nicht ohne Besinnungsinhalte und Gedenkminuten da und dort. Der Fahrer, den ich in Ismailiya angeheuert hatte und der sich Tiger nannte, war im Bild, dass es um eine bedächtige Sonderfahrt ging und nicht um eine möglichst schleunige Beförderung, nach Alexandrien. Die ersten sechzig Kilometer konnte er rasen und tat es, aber in Tell-el-Kebir bat ich um einen kurzen Halt, ohne allerdings das Schlachtfeld zu suchen, auf dem die britischen Besatzungstruppen im September zweiundachtzig die nationale Befreiungsarmee unter Arabi Pascha bezwungen hatten. Das war zwar lange nach Heinrichs Delta-Zeit gewesen, und Heinrich hatte nichts mit der Schlacht bei Tell-el-Kebir zu tun gehabt, abr es war hier kurz zu danken dafür, dass er und seine Angehörigen den blutigen Ereignissen, die sich schon vor der Schlacht abgespielt hatten, nicht zum Opfer gefallen waren. Sie hätten ja, obwohl sie damals schon in Kairo wohnten, per Zufall in Alexandrien sein können, als dort, im Juni zuvor einige hundert Europäer von Arabis Anhängern umgebracht wurden oder als die englische Flotte die von Aufständischen wimmelnde Stadt wenig später mit Bomben und Granaten belegte. Von alledem war Heinrich verschont geblieben, sogar von der Personalpolitik der Besatzer, die darin bestand, die Nicht-Engländer im Staatsdienst durch Engländer zu ersetzen. Er aber hat seinen Stuhl im Ministerium für öffentliche Arbeiten nicht räumen müssen bis zu Pensionierung."

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