Wir sprechen uns noch von Florian Werner, 2005, dtv

Florian Werner

Ewige Jugend
(Leseprobe aus: Wir sprechen uns noch, Erzählungen, 2005, dtv)

Wenn Thea und ich postkoital-melancholisch nebeneinander liegen und sich aufgrund unserer äußeren Nacktheit auch die Vorstellung von seelischer Nähe einschleicht …
Wenn sich angesichts des vollzogenen Geschlechtsakts der Gedanke an Ewigkeit aufdrängt, auf diesen Gedanken aber unmittelbar die Einsicht folgt, dass unser irdisches Dasein nur ein Schatten ist, und deshalb auch unsere Liebesbeziehung nur von begrenzter Dauer sein wird, und wenn diese Einsicht sich breit macht und sitzen bleibt wie ein ungebetener Gast auf einer Geburtstagsfeier …
Wenn Thea dann aufsteht, zu ihrer Jacke, die auf dem Fußboden liegt oder über einem Stuhl hängt, geht, ich sie dabei mit halb geschlossenen Augen beobachte, aber so, dass sie das nicht bemerkt, weil es mir ungehörig erscheint, den nackten Körper, den ich eben noch in den Armen gehalten habe, zu betrachten …
Wenn Thea dann ihre Zigaretten aus der Jackentasche nimmt, mir die leere Tasse, die als Schlafzimmeraschenbecher dient, auf den Bauch stellt und sich eine Zigarette anzündet, ich sie daraufhin über die verheerenden Folgen des Rauchens belehre, ihr die gesammelten Warnungen der EU-Gesundheitsminister vorbete, Rauchen verursache Krebs und Gefäßkrankheiten und beeinträchtige die Gesundheit ihres, ich stocke kurz und verbessere mich: unseres Kindes, und wenn Thea dann statt einer Antwort nur heiser lacht, das zugeknotete Kondom vom Fußboden aufhebt, den Rauch ihrer Zigarette dagegen bläst und das Sperma fragt: »Hast du damit ein Problem?« …
Wenn also all unsere Gedanken und Gespräche zwischen Liebe, Tod und Unendlichkeit hin- und herpendeln, dann kann es schon passieren, dass ich ins Philosophieren gerate oder mich angesichts von Theas Respektlosigkeit meinem Samen gegenüber doch zumindest ihrer Zuneigung versichern möchte, und dass ich sie daher frage, was sie eigentlich machen würde, wenn ich plötzlich tot wäre.
»Du meinst, jetzt gleich? Hier? In meinen Armen?« Sie reckt die Zigarette in die Höhe wie eine Fackel und beginnt, den Trauermarsch aus der Götterdämmerung zu intonieren.
»Nein«, sage ich. »Nur so generell.«
»Wie, ›generell‹?«, will Thea wissen. Beim Sterben gebe es keine allgemeingültigen Aussagen, und wenn ich schon so blöde Fragen stellen würde, müsse ich ihr schon konkret sagen, wie sie sich meinen Tod vorzustellen habe. Ob sie von ihrem schrecklichen Verlust zum Beispiel bei der Arbeit erfahren würde, von einem feschen Kriminalhauptkommissar womöglich, der sie behutsam beiseite nehmen, ihr beruhigend seine kräftige Hand auf den zitternden Arm legen und die Sache so schonend wie möglich beibringen würde – ein durch und durch einfühlsamer Beamter, der sich später, wenn sie, Thea, die zahlreichen Orden und Rangabzeichen auf seiner breiten Schulter mit heißen Tränen benetzt habe, seiner nassen Uniformjacke entledigen und sie auf ganz und gar unbürokratische Weise trösten würde. Oder ob sie mich etwa selber finden müsse, abends nach der Arbeit, ausgerechnet, sie kommt müde nach Hause, freut sich auf einen entspannten Abend zu zweit, aber ich mache mal wieder alles zunichte, hänge verkokelt an einem schadhaften Elektrogerät oder – bei jemandem, der solche Fragen stellt wie ich, müsse man ja auf das Schlimmste gefasst sein – liege mit aufgefeilten Pulsadern in der cremefarbenen Sofagarnitur beziehungsweise baumele vom Ikea-Deckenstrahler, alles voller Blut und Exkremente und Sperma, weil sich im Moment des Sterbens noch mal alle Körperöffnungen entleert haben, eine eklige Vorstellung, sagt Thea, igitt.
»So genau wollte ich meinen Tod gar nicht ausgemalt haben«, unterbreche ich sie. »Meinetwegen bekommst du die Nachricht von dem feschen Polizisten überbracht. Es geht mir ja nur darum, was du dann tun würdest.«
Thea drückt ihre Zigarette aus, dreht sich auf die Seite und stützt das Kinn auf die Hand. »Kommt ganz auf den Polizisten an.«
»Nicht mit dem Polizisten. Mit mir.«
»Ich denke, du bist tot?«
»Schon. Aber damit ist doch nicht auf einen Schlag alles vergessen und vorbei. Oder?«
Sie verstehe nicht ganz, worauf ich hinauswolle, sagt Thea und runzelt die Stirn, bis auch die Haut auf ihrer Nasenwurzel Falten wirft. Ich möge das nicht persönlich nehmen, bitte, bestimmt würde ich eine schöne Leiche abgeben, zumindest wenn ich mich von schadhaften Elektrogeräten, Rasierklingen und anderen unappetitlichen Todesursachen fernhielte. Aber mit Verlaub, nach meinem Ableben werde zwischen uns beiden garantiert nichts mehr laufen, schon gar nicht in Anwesenheit eines Kriminalbeamten, Paragraf hundertachtundsechzig Strafgesetzbuch, wer am Körper eines Verstorbenen beschimpfenden Unfug verübe, werde mit Freiheitsentzug bis zu drei Jahren bestraft, und bei aller Liebe, für solche sittenwidrigen Sauereien sei sie nicht zu haben.
»Ich meinte ja eher so seelisch.«
»Seelisch?«
»Auf die Seele bezogen. Die ist dort, wo bei euch Juristen das Rechtsempfinden sitzt.«
»Ach so, sag’s doch gleich.« Thea rührt nachdenklich mit dem Zeigefinger im Aschenbecher herum. »Na ja«, sagt sie schließlich, »ich wär wahrscheinlich erst mal ziemlich sauer. Weil ich ja plötzlich diesen ganzen Papierkram am Hals hätte: Sterbeurkunde. Abmeldung von der Rentenkasse. Leichenschmaus …«
»Sonst nichts?«
»Hm«, sie legt ihren ascheverschmierten Zeigefinger auf die Stirn und massiert die Stelle, hinter der sie wahrscheinlich ihr Rechtsempfinden vermutet. »Natürlich hat jede Sache auch ihr Gutes«, fügt sie nach kurzem Nachdenken hinzu. So eine Beerdigung sei schließlich immer auch eine willkommene Gelegenheit, Familie und Freunde wiederzusehen, endlich mal alle auf einem Haufen, das werde mit den Jahren ja immer schwieriger, egal, ob eine Hochzeit anstünde oder ein Geburtstag, immer würde jemand fehlen, selbst damals bei ihrem Dreißigsten hätten sich ein paar gedrückt, obwohl sie schon so lange im Voraus eingeladen habe, die Leute seien sich ja für keine Ausrede zu schade. Aber bei meiner Beerdigung werde es kein Pardon geben, dafür wolle sie schon sorgen, alle, alle sollten kommen, um mir das letzte Geleit zu geben, selbst Menschen, mit denen ich nie richtig warm geworden sei, ihr Bruder zum Beispiel oder dieser alte Studienfreund von ihr, den ich damals, als wir gerade frisch zusammen waren, so unfreundlich behandelt hätte, wie sie auf den jetzt plötzlich komme, wisse sie auch nicht, sagt Thea und verstummt mit einem Mal, und ihre Stirn entspannt sich und um ihren Mund entfaltet sich ein rätselhaftes Lächeln.
»Du meinst diesen Schönling? Der, der nach dem Studium in den Polizeidienst gegangen ist?«
»Hm.«
»Was ist aus dem eigentlich geworden?«
»Keine Ahnung«, Thea zuckt mit den Schultern. »Hab ewig nichts von ihm gehört.«
Ich blicke sie schweigend an. Sie blickt an die Decke. Ich folge ihrem Blick nach oben, und dort, an der Raufasertapete mit ihren unregelmäßigen Schatten, sehe ich plötzlich alles. So, wie man angeblich kurz vor dem Tode noch mal sein ganzes Leben in wunderbarer Klarheit an sich vorüberziehen sieht, erinnere ich mich mit einem Mal wieder ganz deutlich an meine erste und letzte Begegnung mit Theas altem Studienfreund. Ich erinnere mich an die Art, wie er mir zur Begrüßung etwas zu leutselig auf die Schulter klopft; ich höre Theas aufgekratztes Lachen, als er vom Maßnehmen für seine erste Uniformhose erzählt; ich höre das kurze Schweigen, als er Thea mit vielsagendem Blick eine Zigarette anbietet, und ich sie überrascht frage: »Du rauchst?«, und sie ihm antwortet: »Jetzt nicht.«
»Was war damals eigentlich zwischen euch?«, frage ich betont beiläufig.
Thea kratzt sich an der Nase. »Nichts.«
»Du kannst mir das ruhig sagen«, ich bemühe mich um einen verständnisvollen Tonfall, »ist ja schon eine Weile her. Und ich hab vielleicht nicht mehr lange zu leben.«
»Sagen wir mal so«, sagt Thea und gähnt. »Nichts, was ich nicht wieder tun würde.«
Ich setze mich ruckartig auf, der Aschenbecher entleert sich in meinen Schoß. »Was soll das heißen? Du hast mir all die Jahre verschwiegen, dass ihr zusammen wart? Und jetzt wartest du nur darauf, dass ich in die Grube fahre, damit du sofort wieder mit deinem alten Liebhaber in die Kiste springen kannst?«
»Nein«, sagt Thea und seufzt. »Nicht sofort«, fügt sie hinzu, »erst nach Ablauf einer angemessenen Kondolenzzeit.« Sie richtet sich auf und gibt mir einen Gutenachtkuss. Dann dreht sie sich auf die andere Seite, und bevor sie einschläft, murmelt sie leise: »Ruhe sanft.«

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