Der Schnee der Jahre von Simon Werle, 2003, Nagel & Kimche

Simon Werle

aus: Der Schnee der Jahre

Das Laub der Linden vor dem Sieben Fohlen beginnt sich zu verfärben, das sieht Edward in der Abendsonne, als er das Lokal betritt. Es bildet nur noch eine konturlose dunkle Wolke, als er sich, ziemlich spät und ein klein wenig beschwipst, in dieser Sonntagnacht auf den Heimweg macht. Guntram hat ihm mit ausführlichen Erklärungen schraffierte Rechtecke in den Kölner Stadtplan gezeichnet und die auf diese Weise markierten Straßenbahnhaltestellen mit dünnem Gestrichel verbunden, so daß zwischen dem roten Riegel des Kölner Hauptbahnhofs und dem winzigen schwarzen Kreis in der Braubachstraße eine klare, wenn auch etwas gezackte Verbindungslinie entstanden ist. Der schwarze Kreis umschließt Edwards künftige Wohnung. Den zerfledderten Stadtplan, ein Geschenk Guntrams, hält Edward auf dem Nachhauseweg umklammert wie den einzigen Schlüssel zu dem Tor, hinter dem seine Zukunft liegt, und den er deswegen um keinen Preis verlieren darf.
Jetzt, wo die Koffer gepackt sind, wirkt sein Zimmer unbewohnt, bereit für einen neuen Gast. Am Schrank hängt, gebürstet und gebügelt, sein Reisemantel; in den Taschen die Fahrkarte, die Börse, die Landkarte, die er selbst sich vorgestern gekauft hat und die er jetzt hervorzieht, um sie sich auf den Nachttisch zu legen und nach dem Zubettgehen noch einmal zu entfalten. Als er glaubt, müde genug zu sein, um das Licht zu löschen, legt er sie auf sich wie eine zweite Decke.
Erst mit geschlossenen, dann mit offenen Augen liegt er in der Dunkelheit. Der Schlaf, auf den er sonst nie warten muß, will sich heute nicht einstellen. Die Landkarte lastet mit immer stärkerem Druck auf seiner Brust. Was ist das für ein Gefühl, das sich unter seinen Rippen aufbaut? Eine große Walze rollt über ihn hinweg, die das Relief der Welt zusammenpreßt zu einer planen, buckel- und dellenlosen Fläche: die Hügel um Hainitz, den Hochwald, das Moseltal, die Eifel, alles wird flach und unwirklich.
Er schaltet das Licht wieder an. Ist das so nahe Höhrand wirklich der nördlichste Punkt, an den er auf der ganzen Erde je gelangt ist? Ja, so ist es, aber vor allem deswegen, weil sich dieser winzige Ort, den die Kartographen vergessen haben und den sein Vater mit dem breiten Strich des Füllfederhalters ergänzen mußte, sich an den Südhang eines schwer überwindlichen, bis zu siebenhundert Meter hohen Gebirgszugs schmiegt.
Eines Gebirgszugs? Die Karte degradiert auch den Hochwald zu einem kleinen Schatten vor den dunkelbraun schraffierten Kuppen des Hunsrücks, der im Gesamt der kartographierten Fläche wiederum nur einen winzigen Ausschnitt bildet. Höhrand und Hainitz, muß Edward feststellen, sind im Besiedlungsgefüge der Welt so gut wie nicht vorhanden. Wie sollen da seine Bewohner wohl etwas anderes sein als niemand? Was geschieht, wenn ein Niemand in die Welt hinauszieht?
Seine Kehle, aus der er morgen früh vor seinen Eltern ein möglichst unverzagtes ‹Auf Wiedersehen› hervorbringen muß, ist trocken wie der Gaumen und der ganze Mund. Der Steingutkrug auf seinem Nachttisch enthält nur noch einen kleinen Rest Wasser. Er steht auf, den vollends geleerten Krug in der Hand, und tastet sich im Dunklen die Treppe hinunter. In der Küche stößt er krachend mit dem Schienbein an einen Stuhl. Er löscht seinen Durst, ertastet über dem Herd eine Packung Zündhölzer, lauscht in den Dämmer. Jenseits des Flures, hinter der Schlafzimmertür, ist kein Geräusch zu vernehmen. Beim Hinaufgehen erkennt er die einzelnen Treppenstufen jetzt deutlich. Die Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt.
Im ersten Stock entzündet er eine nach der andern alle Kerzen aus dem sonderbaren Gefühl, das elektrische Licht sei zu laut. Er nimmt von der Kommode einen der drei Leuchter, die die goldgefaßte Madonnenstatue umringen. In dem flackernden Kerzenlicht schauen dunkle Augen ihn plötzlich an. Es sind nicht die pupillenlosen, weißen Porzellanaugen der Madonna, sondern geheimnisvollere von der gegenüberliegenden Wand. Das rocaillegerahmte Ölporträt vibriert und flattert, als er sich ihm zuwendet, wie die Kerzenflammen ein Spielball des Luftzugs. Indem er die Tür zum Treppenabsatz schließt, beruhigt Edward die Flammen, das Gemälde, den Tanz der Schatten und seine eigene Furcht vor dem Unheimlichen.
Auf dem Gemälde steht der vierzigjährige Dietrich Hilgenlohr in leuchtend blauer Uniform vor einer dekorativen Photostudiosäule und neben ihm, doch seine stolz emporgereckte Gestalt nicht berührend, Elisabeth. Fast zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, trägt sie eine grüngelb changierende Abendrobe, mit hochgestecktem, leicht rötlichem Haar, den Hals von einem silbernen Armband umschlossen, so als sei sie soeben in der Erfrischungspause eines mondänen Balls, wie Hainitz sicher noch nie einen gesehen hat, zum Atemholen auf den Altan in den Nachtwind hinausgetreten. Warmer Atem scheint durch den rosigen, leicht geöffneten Mund zu fließen, die weiß behandschuhte rechte Hand hält einen Nelkenstrauß vor die Brust. Leicht maskenhaft, fast wächsern wirkt die Glätte ihres hellen Teints. Irisierende Reflexe spiegeln sich darin. Die Augen sind durch kühles Perlweiß fast ins Eisige gekehrt. Natürlich schauen sie den nächtlichen Besucher nicht an. Ganz gleich, welchen Platz Edward vor dem Gemälde einnimmt und wie er seinen Leuchter hält, ihr Blick geht nicht auf ihn, sondern in eine unbestimmte Ferne.
Minutenlang durchforscht Edwards Neugier Elisabeths Gesicht, doch Ähnlichkeit mit dem seiner Mutter vermag er nicht zu entdecken. Kätts tiefdunkles Haar und südländischer Teint, ihre schwarzen Augen unter den gewölbten Brauen deuten auf eine andere Herkunft.
Wie nähme Grus’ Gesicht, das weder jemals gemalte noch je photographierte Gesicht von Schlubbs Mutter, sich in einem solchen Rahmen aus? Statt sanft durchglühter Schmelz des Inkarnats wäre da die Derbheit ihrer unter Wind und Wetter ledrig gewordenen Haut. Statt Abendrobe die rauhe Joppe oder die ewige Kittelschürze, in der sie zum Waschen geht. Es wäre ein Genrebild vom harten Bauernleben ohne verklärendes Abendrot.
Edward hat Mühe, sich loszureißen. Nichts, was ihm tagsüber vertraut war, bleibt es in diesem flackernden Dämmerlicht. Er durchwandert die mit Grabbeigaben gespickte Kammer eines Mausoleums, in dem die Zeit gefriert.
Entschlossen durchquert er das Klavierzimmer. Hier, in dem ‹Salon›, wie seine Mutter sagt, sind meist auch tagsüber die schweren Vorhänge zugezogen. Unter beigen Schonüberwürfen warten lindgrüne Fauteuils mit leicht abgewetzten Bezügen geduldig und müde auf den fernen Tag ihrer Wiederbenutzung. An der Längswand beobachten die lidlosen Augen unziselierter Zinnteller das ihnen gegenüber befindliche Instrument mit dem offensichtlichen Argwohn, es könne zum Leben erwachen.
Das Schlafgemach zieren einst in Maigrün gehaltene, inzwischen aber bis auf das Blaßgelb ihrer Rankenmuster ausgeblichene Tapeten, zwischen zwei Geweihen an der Längswand eine funktionsfähige, von niemandem auf ihren Ladungszustand überprüfte Doppelflinte, ein Kachelofen mit altdeutsch dekorierten, flaschengrünen Fliesen und eine immer tickende, weil stets pünktlich aufgezogene Standuhr mit blinkendem, bei längerem Hinstarren hypnotisch wirkendem Messingpendel. Aus dem Salon ausgelagert und im Bruch mit der ursprünglichen Hilgenlohrschen Ordnung hierher verbracht, ragt der Bücherschrank aus Eiche wuchtig auf bis zur Decke. Hinter seinen Glastüren drängen sich, seit vielen Jahren unangetastet, die breiten Rücken goldbeschrifteter Nachschlagewerke, aber auch zahlreicher Aktenordner der ehemaligen Straßenmeisterei.
Edward stellt den Leuchter auf dem Schemel ab, der neben dem mit einer schimmernden Paradedecke verhüllten Bett des Großvaters steht. Aus dem geöffneten Bücherschrank zieht er den Band Kinpolung bis Kyzikos von Meyers Konversationslexikon. Er findet tatsächlich einen Stadtplan von Köln, und dieser zeigt genau dieselben Straßen, dieselben Namen, dieselben Denkmäler und öffentlichen Gebäude, die er sich im Sieben Fohlen einzuprägen versucht hat. Was war sein Mißtrauen? Hat er wirklich geglaubt, Guntram erlaube sich mit ihm einen üblen Scherz und schicke ihn in eine Stadt, die als solche nur auf dem Papier existiert?
Es ist ein Gefühl tiefer Beruhigung, mit dem er das Buch an seinen Platz zurückstellt. Obwohl es weit nach Mitternacht sein muß, fühlt Edward keine Müdigkeit. Als er sich auf das Bett seines Großvaters legt, geschieht dies als Versuch, sich für einen Augenblick in jenen Mann hineinzuversetzen. Kann man von jemandem, den man nie gekannt hat, Abschied nehmen?

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