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aus: Der Schnee der Jahre
Das Laub der
Linden vor dem Sieben Fohlen beginnt sich zu verfärben, das sieht Edward in der
Abendsonne, als er das Lokal betritt. Es bildet nur noch eine konturlose dunkle
Wolke, als er sich, ziemlich spät und ein klein wenig beschwipst, in dieser
Sonntagnacht auf den Heimweg macht. Guntram hat ihm mit ausführlichen Erklärungen
schraffierte Rechtecke in den Kölner Stadtplan gezeichnet und die auf diese
Weise markierten Straßenbahnhaltestellen mit dünnem Gestrichel verbunden, so
daß zwischen dem roten Riegel des Kölner Hauptbahnhofs und dem winzigen
schwarzen Kreis in der Braubachstraße eine klare, wenn auch etwas gezackte
Verbindungslinie entstanden ist. Der schwarze Kreis umschließt Edwards künftige
Wohnung. Den zerfledderten Stadtplan, ein Geschenk Guntrams, hält Edward auf
dem Nachhauseweg umklammert wie den einzigen Schlüssel zu dem Tor, hinter dem
seine Zukunft liegt, und den er deswegen um keinen Preis verlieren darf.
Jetzt, wo die Koffer gepackt sind, wirkt sein Zimmer unbewohnt, bereit für
einen neuen Gast. Am Schrank hängt, gebürstet und gebügelt, sein Reisemantel;
in den Taschen die Fahrkarte, die Börse, die Landkarte, die er selbst sich
vorgestern gekauft hat und die er jetzt hervorzieht, um sie sich auf den
Nachttisch zu legen und nach dem Zubettgehen noch einmal zu entfalten. Als er
glaubt, müde genug zu sein, um das Licht zu löschen, legt er sie auf sich wie
eine zweite Decke.
Erst mit geschlossenen, dann mit offenen Augen liegt er in der Dunkelheit. Der
Schlaf, auf den er sonst nie warten muß, will sich heute nicht einstellen. Die
Landkarte lastet mit immer stärkerem Druck auf seiner Brust. Was ist das für
ein Gefühl, das sich unter seinen Rippen aufbaut? Eine große Walze rollt über
ihn hinweg, die das Relief der Welt zusammenpreßt zu einer planen, buckel- und
dellenlosen Fläche: die Hügel um Hainitz, den Hochwald, das Moseltal, die
Eifel, alles wird flach und unwirklich.
Er schaltet das Licht wieder an. Ist das so nahe Höhrand wirklich der nördlichste
Punkt, an den er auf der ganzen Erde je gelangt ist? Ja, so ist es, aber vor
allem deswegen, weil sich dieser winzige Ort, den die Kartographen vergessen
haben und den sein Vater mit dem breiten Strich des Füllfederhalters ergänzen
mußte, sich an den Südhang eines schwer überwindlichen, bis zu siebenhundert
Meter hohen Gebirgszugs schmiegt.
Eines Gebirgszugs? Die Karte degradiert auch den Hochwald zu einem kleinen
Schatten vor den dunkelbraun schraffierten Kuppen des Hunsrücks, der im Gesamt
der kartographierten Fläche wiederum nur einen winzigen Ausschnitt bildet. Höhrand
und Hainitz, muß Edward feststellen, sind im Besiedlungsgefüge der Welt so gut
wie nicht vorhanden. Wie sollen da seine Bewohner wohl etwas anderes sein als
niemand? Was geschieht, wenn ein Niemand in die Welt hinauszieht?
Seine Kehle, aus der er morgen früh vor seinen Eltern ein möglichst
unverzagtes ‹Auf Wiedersehen› hervorbringen muß, ist trocken wie der Gaumen
und der ganze Mund. Der Steingutkrug auf seinem Nachttisch enthält nur noch
einen kleinen Rest Wasser. Er steht auf, den vollends geleerten Krug in der
Hand, und tastet sich im Dunklen die Treppe hinunter. In der Küche stößt er
krachend mit dem Schienbein an einen Stuhl. Er löscht seinen Durst, ertastet über
dem Herd eine Packung Zündhölzer, lauscht in den Dämmer. Jenseits des Flures,
hinter der Schlafzimmertür, ist kein Geräusch zu vernehmen. Beim Hinaufgehen
erkennt er die einzelnen Treppenstufen jetzt deutlich. Die Augen haben sich an
die Dunkelheit gewöhnt.
Im ersten Stock entzündet er eine nach der andern alle Kerzen aus dem
sonderbaren Gefühl, das elektrische Licht sei zu laut. Er nimmt von der Kommode
einen der drei Leuchter, die die goldgefaßte Madonnenstatue umringen. In dem
flackernden Kerzenlicht schauen dunkle Augen ihn plötzlich an. Es sind nicht
die pupillenlosen, weißen Porzellanaugen der Madonna, sondern geheimnisvollere
von der gegenüberliegenden Wand. Das rocaillegerahmte Ölporträt vibriert und
flattert, als er sich ihm zuwendet, wie die Kerzenflammen ein Spielball des
Luftzugs. Indem er die Tür zum Treppenabsatz schließt, beruhigt Edward die
Flammen, das Gemälde, den Tanz der Schatten und seine eigene Furcht vor dem
Unheimlichen.
Auf dem Gemälde steht der vierzigjährige Dietrich Hilgenlohr in leuchtend
blauer Uniform vor einer dekorativen Photostudiosäule und neben ihm, doch seine
stolz emporgereckte Gestalt nicht berührend, Elisabeth. Fast zwanzig Jahre jünger
als ihr Mann, trägt sie eine grüngelb changierende Abendrobe, mit
hochgestecktem, leicht rötlichem Haar, den Hals von einem silbernen Armband
umschlossen, so als sei sie soeben in der Erfrischungspause eines mondänen
Balls, wie Hainitz sicher noch nie einen gesehen hat, zum Atemholen auf den
Altan in den Nachtwind hinausgetreten. Warmer Atem scheint durch den rosigen,
leicht geöffneten Mund zu fließen, die weiß behandschuhte rechte Hand hält
einen Nelkenstrauß vor die Brust. Leicht maskenhaft, fast wächsern wirkt die
Glätte ihres hellen Teints. Irisierende Reflexe spiegeln sich darin. Die Augen
sind durch kühles Perlweiß fast ins Eisige gekehrt. Natürlich schauen sie den
nächtlichen Besucher nicht an. Ganz gleich, welchen Platz Edward vor dem Gemälde
einnimmt und wie er seinen Leuchter hält, ihr Blick geht nicht auf ihn, sondern
in eine unbestimmte Ferne.
Minutenlang durchforscht Edwards Neugier Elisabeths Gesicht, doch Ähnlichkeit
mit dem seiner Mutter vermag er nicht zu entdecken. Kätts tiefdunkles Haar und
südländischer Teint, ihre schwarzen Augen unter den gewölbten Brauen deuten
auf eine andere Herkunft.
Wie nähme Grus’ Gesicht, das weder jemals gemalte noch je photographierte
Gesicht von Schlubbs Mutter, sich in einem solchen Rahmen aus? Statt sanft
durchglühter Schmelz des Inkarnats wäre da die Derbheit ihrer unter Wind und
Wetter ledrig gewordenen Haut. Statt Abendrobe die rauhe Joppe oder die ewige
Kittelschürze, in der sie zum Waschen geht. Es wäre ein Genrebild vom harten
Bauernleben ohne verklärendes Abendrot.
Edward hat Mühe, sich loszureißen. Nichts, was ihm tagsüber vertraut war,
bleibt es in diesem flackernden Dämmerlicht. Er durchwandert die mit
Grabbeigaben gespickte Kammer eines Mausoleums, in dem die Zeit gefriert.
Entschlossen durchquert er das Klavierzimmer. Hier, in dem ‹Salon›, wie
seine Mutter sagt, sind meist auch tagsüber die schweren Vorhänge zugezogen.
Unter beigen Schonüberwürfen warten lindgrüne Fauteuils mit leicht
abgewetzten Bezügen geduldig und müde auf den fernen Tag ihrer
Wiederbenutzung. An der Längswand beobachten die lidlosen Augen unziselierter
Zinnteller das ihnen gegenüber befindliche Instrument mit dem offensichtlichen
Argwohn, es könne zum Leben erwachen.
Das Schlafgemach zieren einst in Maigrün gehaltene, inzwischen aber bis auf das
Blaßgelb ihrer Rankenmuster ausgeblichene Tapeten, zwischen zwei Geweihen an
der Längswand eine funktionsfähige, von niemandem auf ihren Ladungszustand überprüfte
Doppelflinte, ein Kachelofen mit altdeutsch dekorierten, flaschengrünen Fliesen
und eine immer tickende, weil stets pünktlich aufgezogene Standuhr mit
blinkendem, bei längerem Hinstarren hypnotisch wirkendem Messingpendel. Aus dem
Salon ausgelagert und im Bruch mit der ursprünglichen Hilgenlohrschen Ordnung
hierher verbracht, ragt der Bücherschrank aus Eiche wuchtig auf bis zur Decke.
Hinter seinen Glastüren drängen sich, seit vielen Jahren unangetastet, die
breiten Rücken goldbeschrifteter Nachschlagewerke, aber auch zahlreicher
Aktenordner der ehemaligen Straßenmeisterei.
Edward stellt den Leuchter auf dem Schemel ab, der neben dem mit einer
schimmernden Paradedecke verhüllten Bett des Großvaters steht. Aus dem geöffneten
Bücherschrank zieht er den Band Kinpolung bis Kyzikos von Meyers
Konversationslexikon. Er findet tatsächlich einen Stadtplan von Köln, und
dieser zeigt genau dieselben Straßen, dieselben Namen, dieselben Denkmäler und
öffentlichen Gebäude, die er sich im Sieben Fohlen einzuprägen versucht hat.
Was war sein Mißtrauen? Hat er wirklich geglaubt, Guntram erlaube sich mit ihm
einen üblen Scherz und schicke ihn in eine Stadt, die als solche nur auf dem
Papier existiert?
Es ist ein Gefühl tiefer Beruhigung, mit dem er das Buch an seinen Platz zurückstellt.
Obwohl es weit nach Mitternacht sein muß, fühlt Edward keine Müdigkeit. Als
er sich auf das Bett seines Großvaters legt, geschieht dies als Versuch, sich für
einen Augenblick in jenen Mann hineinzuversetzen. Kann man von jemandem, den man
nie gekannt hat, Abschied nehmen?
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