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Die schöne Aussicht
(Leseprobe aus: Die
schöne Aussicht, Roman, 2005, dtv)
Rosa hockte an Barrys Grab unter den
Fliederbüschen am Hintereingang zum Gasthaus, zupfte verwelkte Blüten von den
Kapuzinerkressen, nicht daß sie gerade an den Bernhardiner dachte, es war nur
der Platz geworden, an den ihre Füße gingen, ohne besondere Aufforderung. Auch
wenn die Büsche längst kahl waren, wenn es von den Zweigen tropfte und ihre
Schuhe in der nassen Erde einsanken, hockte sie hier, mit gespreizten Beinen,
manchmal stützte sie die Hände auf und vergaß, daß sie es getan hatte, dann
schimpfte die Mutter über den verkrusteten Matsch auf dem Mantel. Rosa mußte
den Fleck ausbürsten, bis nichts mehr davon zu sehen war. Ansonsten schüttelte
die Mutter zwar immer wieder den Kopf über die Tochter, doch wunderte sie sich
nicht mehr. Ein altes Ei und alter Samen, sagte sie, was konnte man da erwarten?
Sie sagte es auch, wenn Rosa in Hörweite war. Mich dürfte es eigentlich nicht
geben, dachte Rosa oft. Die Mutter war fünfzig, als sie geboren wurde, ihre älteste
Schwester dreißig.
Die Prüfung in Geschichte war nicht gut ausgegangen, unter dem Blick der
Lehrerin wurde Rosas Kopf leer, sie hatte gelernt, gestern wußte sie, wann der
Siebenjährige Krieg begann, jetzt wußte sie es wieder, 1756, natürlich 1756,
nur in der Klasse stand sie blöd und stumm, und die anderen kicherten, und
Hanna stupste Bärbel mit dem Ellbogen an und verzog das Gesicht. Hanna mit den
dicken braunen Zöpfen, Hanna mit den großen dunklen Augen, Hanna mit der
zarten Nase, Hanna mit den schmalen Fingern und den ovalen rosaroten Nägeln,
kein einziger abgebissen oder eingerissen. Hanna, die so gut roch, die
radschlagen konnte und immer eine Antwort wußte. Wenn die Lehrerin Hanna
aufrief, um ein Gedicht vorzutragen oder ein Lied zu singen, sträubten sich die
Härchen auf Rosas Armen und sie spürte etwas wie einen sanften Wind im Nacken.
Alle Mädchen wollten neben Hanna sitzen, alle wollten ihre Hand halten, wenn
sie sich in Zweierreihen aufstellen mußten. Hanna lächelte dann gleichmütig
in die Runde. Auch die Erwachsenen lächelten, wenn sie Hanna ansahen, sogar die
strenge Handarbeitslehrerin und der finstere Schulwart. Ein einziges Mal war es
Rosa gelungen, als erste neben Hanna zu stehen, da merkte sie, wie schweißnaß
ihre Hände waren, und trat schnell zur Seite. Rosa wußte, daß sie kein schönes
Kind war. Ihre Nase war zu klobig, ihr Gesicht zu breit, ihr ganzer Körper zu
gedrungen, ihre Füße und Hände zu groß, die Haare zu strähnig. Die riecht
doch immer nach Wirtshaus, hatte Marianne gesagt, laut genug, daß Rosa es am
anderen Ende des Turnsaals hören konnte. An dem Abend zog sie die Tuchent über
den Kopf, zuerst merkte sie nichts, aber dann roch sie es: schales Bier, Tabak,
Zwiebeln und brutzelndes Schmalz. Von da an hatte sie den fettigen Dunst in der
Nase, sobald sie die Haustür öffnete, der ließ sich auch nicht
hinausschneuzen, selbst wenn sie Wasser hochzog und wieder ausprustete. Die
Mutter verbot ihr, öfter als einmal in vierzehn Tagen den Kopf zu waschen,
davon würden die Haare dünn, sagte sie, und fielen aus. Rosas Haare waren
ohnehin dünn.
Rosa zog eine Brennessel aus dem Boden, wunderte sich, wie lang und wie gelb die
Wurzel war, zerkrümelte Erde zwischen den Fingern. Kühl fühlte sie sich an.
Die Mutter steckte den Kopf aus der Hintertür, rief Rosa. Semmeln solle sie
holen. Zum Bäcker ging sie gern, zum Fleischhauer nicht, von dem Geruch nach
Blut wurde ihr übel. Als sie zurückkam, saß die alte Frau Wiesner am Tisch in
der Fensternische und schlürfte schmatzend Gulyassuppe. Rings um ihren Mund glänzte
der rote Saft. Sie grabschte eine frische Semmel aus Rosas Korb, putzte den
Teller aus, schob ihn mit einer ungeduldigen Bewegung bis an die Tischkante, so
daß Marianne herlief, um ihn vor dem Fallen zu retten. Die Wiesner verlangte
Kaffee mit viel heißer Milch, ohne Haut, und einen kleinen Cognac. Während sie
darauf wartete, nahm sie ihr Strickzeug zur Hand und begann mit klappernden
Nadeln an einem grünen Socken zu stricken. Rosa schauderte es. Sie hatte gehört,
wie die Schwester mit ihren Freundinnen flüsterte, die Wiesner mache noch ganz
andere Dinge mit ihren Stricknadeln. Die jungen Frauen scheuchten Rosa weg,
bevor sie Genaueres erfuhr, aber aus ihren fahrigen Gesten, den geröteten
Wangen, den gesenkten Stimmen wußte sie, daß es sich um Da-unten handeln mußte,
um das unaussprechliche Geheimnis, um Männer und Frauen und die schrecklichen
Dinge, die sie miteinander anstellten. Früher hatte Rosa manchmal Geräusche
aus dem Zimmer der Eltern gehört, vor denen sie sich unter der Decke verkrochen
hatte, seit langem schon hörte sie nur mehr Vaters schwere Schuhe auf den Boden
plumpsen, aber als die Eltern am Ruhetag im Kino waren, hörte sie noch beängstigendere
Geräusche aus dem Zimmer, das sie mit der Schwester teilte. Sie riß die Tür
auf; noch bevor sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und sie mehr
sah als den hellen Fleck des Bettes, drohte eine Männerstimme mit Prügeln,
wenn sie nicht sofort verschwände. Rosa blieb auf halber Höhe der Treppe
sitzen, döste irgendwann ein und wachte erst auf, als der Mann über sie
hinwegstieg, sich umdrehte, sie unters Kinn faßte und dabei laut und gurgelnd
lachte. Später steckte ihr Marianne eine Kokoskuppel zu und legte den Finger an
den Mund.
Die Wiesner verlangte eine Kokoskuppel. Rosa erschrak. Konnte die Frau Gedanken
lesen? Die Wiesner setzte ein Grinsen auf, vor dem Rosa heiß und kalt wurde,
und zeigte mit der Stricknadel auf sie. Rosa solle die Kokoskuppel bringen, sie
habe jüngere Beine, sagte die Wiesner. Mit abgewandtem Gesicht stellte Rosa den
Teller auf den Tisch, die Wiesner ließ die Stricknadeln fallen, packte Rosas
Kinn, betrachtete sie und schüttelte den Kopf. Rosa schämte sich, sie wußte
nicht recht wofür, sie fühlte, wie sie rot wurde, häßliche rote Flecke bekam
sie im Gesicht und am Hals, vor ein paar Tagen hatte sie sich im Spiegel
erblickt, als sie genau diese Hitze spürte, und war erschrocken, weglaufen
wollte sie und konnte nicht, blieb stehen vor diesem bösen, anklagenden
Spiegel, bis Marianne ärgerlich nach ihr rief und sie aus der Erstarrung löste.
Die Wiesner lachte. In ihrer linken Mundecke bildeten sich Bläschen, in einem
davon war ein Kokosschnipsel, eins glitzerte bräunlich-rosa von der Kakaocreme.
Die dicken weichen Finger der Wiesner hielten immer noch Rosas Kinn, sie mußte
dableiben und die Bläschen anstarren, als sie den Kopf zur Seite drehte und die
Mutter hilfesuchend anschaute, ließ die Wiesner los und sagte zur Mutter, es
werde nimmer lang dauern. Die Mutter strich sich die Haare aus der Stirn und von
den Wangen, verschränkte die Hände über dem Bauch und senkte den Kopf. Der
Nagel am Mittelfinger ihrer rechten Hand war eingerissen. Wie rot ihre Hände
waren, wie dick die blauen Venen an den Handrücken. Hannas Mutter hatte ganz
schmale Hände und lange rosarote Fingernägel.
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