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Digitale Architektur - analoge Architektur
(Leseprobe aus: Ai Weiwei spricht, Interviews mit Hans Ulrich
Obrist, 2011, Hanser
- Übertragung Andreas Wirthensohn).
Den Künstler Ai Weiwei kannte ich seit den 1990er Jahren, doch besonders interessant fand ich die Tatsache, dass er auch mit seiner Architektur Erfolg hatte, wo er doch stets für sein künstlerisches Schaffen bekannt gewesen war. Mich interessierte dieser Moment, wenn Künstler sich auf neue Felder begeben. Vor allem eine Frage trieb mich besonders um: Wie funktioniert das, wie geht das vor sich? Inwiefern verfügt ein Künstler über die Fähigkeit und die Möglichkeit, außerhalb der Kunst zu arbeiten?
Als ich – zusammen mit Phil Tinari – Ai Weiwei häufiger traf, merkte ich ziemlich schnell, dass es fast unmöglich ist, ihn in einem einzigen Interview so richtig zu erfassen, denn er besitzt verschiedene Ateliers für unterschiedliche Wirklichkeiten: Kunst, Architektur und Design. Teil I des folgenden Gesprächs fand im September 2006 in Ai Weiweis Studio bei ihm zu Hause in Peking statt. Teil II fand im Mai 2006 statt und wurde erstmals in der Zeitschrift Domus veröffentlicht (Ausgabe Juli/August 2006), anlässlich der Fertigstellung des Jinhua Architecture Park, eines Gemeinschaftsprojekts, das von Ai Weiwei und seinem Architekturbüro organisiert wurde.
Teil
IHans Ulrich Obrist :
Das ist eine Digitalkamera.
Ai Weiwei :
Ja, genau.
Benutzen Sie diese Kamera für Ihren Blog?
Ja, der Blog ist ein ziemlich neues Feld für mich. Das ist etwas
ganz Großartiges. Man kann unmittelbar zu Menschen sprechen,
die man nicht kennt. Man kennt ihren Hintergrund
nicht, und sie kennen deinen Hintergrund nicht. Es ist, wie
wenn man auf die Straße geht und an der Ecke eine Frau trifft.
Man spricht sie direkt an. Und dann fängt man vielleicht an zu
streiten oder sich zu lieben.
Wann haben Sie mit dem Blog angefangen?
Eine Firma, ein großes Internetunternehmen, hat mich quasi
gezwungen, mit dem Bloggen anzufangen.* Sie haben zu mir
gesagt: »Oh, Sie sind ja ziemlich bekannt, wir richten Ihnen
einen Blog ein.« Ich hatte keinen Computer und so etwas
noch nie gemacht. Sie sagten mir: »Kein Problem, Sie lernen
das schon. Wir schicken Ihnen jemanden vorbei, der Ihnen
zeigt, wie’s geht.« Am Anfang habe ich meine alten Veröffentlichungen
und meine Arbeiten reingestellt, dann habe ich damit
begonnen, Texte zu tippen. Das hat mir totalen Spaß gemacht.
Als ich gestern nach Hause kam, habe ich noch circa
zwölf Blogeinträge geschrieben.
Letzte Nacht?
Genau, zwölf Posts. Man kann hundert Fotos in einen Blogeintrag
stellen. Die Leute sagen oft zu mir: »Sie haben so viele
Fotos von einem einzigen Tag!« Fotos können alles sein, von
allem. Das ist meiner Ansicht nach wirkliche Information, ein
freier Austausch – eine sorglose, verantwortungsfreie Lösung,
die meinen Zustand sehr gut widerspiegelt.
Wie viele Leute besuchen Ihren Blog?
Inzwischen sind es 1 Million und einige 100 000, irgendwo um
den Dreh. Pro Tag wird die Seite rund hunderttausendmal
aufgerufen.
* Das chinesische Internetportal sina.com lud Ai Weiwei und eine Reihe
anderer Menschen aus dem Kulturbereich, darunter auch den Verleger
Hung Huang und den Immobilienentwickler Pan Shiyi, Ende 2005 ein,
ein Onlinetagebuch zu führen.
Das sind mehr, als je in einer Ausstellung waren.
In der Tat. Wenn ich will, kann ich jederzeit meine Ausstellungseröffnung
haben. Und gerade das ist mir sehr wichtig.
Wenn ich Kunst mache, mache ich einen Plan, und Menschen
besuchen den Ort und kommen vielleicht für eine halbe Stunde
noch einmal zurück. Wenn ich Glück habe, gelingt mir eine
sehr gute Installation für jemanden, den ich nicht kenne, an
einem Ort, den ich nicht kenne, sagen wir in den Niederlanden,
in Amsterdam. Anders mit dem Blog: Im selben Augenblick,
da ich die Tastatur berühre, kann ein junges Mädchen,
ein alter Mann oder ein Bauer meinen Eintrag lesen und
sagen: »Schau dir das an, das ist was völlig anderes, der Typ
ist verrückt.«
Das Ganze hat etwas Sofortiges, Augenblickliches?
Ja.
Und mit dieser Kamera machen Sie also jeden Tag Fotos, wo
immer Sie sind?
Ja, ganz gleich, in welcher Situation. Ich denke, ich war überwältigt,
denn als wir aufwuchsen, hatten wir keinerlei Möglichkeit,
uns frei auszudrücken und unsere Meinung zu sagen.
Im schlimmsten Fall konnte man sogar den eigenen Vater und
die eigene Mutter den Behörden melden, wenn sie etwas Falsches
gesagt hatten. Das war wirklich extrem. Selbst heute sagen
noch immer viele Leute, ich solle auf mich aufpassen, ich
solle nicht so viel sagen in meinem Blog. Aber ich bin der Meinung,
jeder soll die Dinge so machen, wie er es für richtig hält.
Bislang war es okay. Ich spreche in meinem Blog häufig über
die Situation der Menschen und über gesellschaftliche Probleme.
Ich glaube, ich bin der Einzige.
Können wir einen Blick in Ihren Blog werfen?
Gerne, ich kann Ihnen ein paar Einträge zeigen. Das Leben in
Blogs ist real, denn es ist das eigene Leben, und Leben heißt
Zeit zu verbrauchen. Nichts anderes ist es. Es kommt darauf
an, wie man sie gebraucht. Wenn ich meine Zeit nutze, dann
werfen auch diese 100 000 Menschen einen Blick in meinen
Blog. Sie alle verbringen eine kleine Menge Zeit genauso wie
ich. Viele Leute haben zu mir gesagt: »Oh, Sie dürfen nicht
mit dem Bloggen aufhören. Sie müssen vorsichtig sein. Denn
wenn man Sie einsperrt, was sollen wir dann tun?« Es hat fast
etwas Rührendes an sich: »Wir brauchen Sie; Ihren Blog zu
besuchen ist ein Teil unseres Lebens geworden.« Das ist seltsam.
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