Der Judenweg von Ruth Weiss, 2004, Mosse Verlag

Ruth Weiss

Der Judenweg
(Leseprobe aus: Der Judenweg, Roman, 2004, Mosse Verlag)


Es regnete. Rötlich schimmerten die grob behauenen Steine der Scheune im letzten Tageslicht. Wasser lief vom Strohdach an den Mauern herab und vermischte sich mit dem Blut, das im Innern des Gebäudes von einem Kadaver tropfte. Dicht daneben stand ein ärmliches Holzhaus, in dem eine Frau geschäftig hantierte. Das Anwesen lag am Ende einer sich windenden Straße hinter einigen Bäumen, zehn Minuten Weges entfernt von dem fränkischen Dorf Neustein, zu dem es gehörte. Es war bewusst abgesondert wegen des Gestanks der Misthaufen, gesammelt von mehreren Wiesen, auf denen Vieh weidete, das aus anderen Ländern eingeführt worden war. Vierzehn Tage mussten die Tiere dort bleiben, ehe die Händler sie zum Markt treiben durften. Man hatte Angst vor Krankheiten, die fremdes Vieh einschleppen könnte.
Über den Bergen ballten sich Wolken zusammen, der Himmel verdunkelte sich mehr und mehr. Raoul von Westernau, ein zierlicher Mann mittleren Alters, der als erster den Fuß eines Berghangs erreicht hatte, sein Gefolge im Rücken, riss an den Zügeln seines schwarzen Hengstes und brachte den Zug zum Stehen. Er musste sich entscheiden. Wie weit wollte er noch reiten an diesem späten Nachmittag? Das Ziel war heute kaum mehr zu erreichen. Hinter sich hatte er das Murren der Landsknechte vernommen. Sie wollten nicht mehr weiterreiten. Sie und die Pferde waren erschöpft, brauchten Nahrung und Ruhe.
Der Ritter überlegte: Wie sicher war die Gegend? Noch immer herrschte überall im Land nackter Hunger und tiefe Armut ...

Westernau fragte sich, ob es nicht ratsam sei, die Reise zu unterbrechen, um Unterkunft für die Nacht zu suchen. Er zögerte noch, als er plötzlich Laute vernahm und sein scharfes Auge eine feste Scheune erspähte. Nahe des Weges standen einige magere Kühe zusammengedrängt auf einer offenen Weide. An den langen Hörnern erkannte Westernau, dass es ungarisches Vieh war. Ein drahtiger Junge hütete die kleine Herde. Sein Hund rannte japsend um die Tiere herum, trieb sie enger zusammen. Die Kühe sollten zur Nacht in die Scheune.
Der Junge mochte etwa zehn Jahre alt sein. Er bewegte sich behände, die kalte Nässe störte ihn nicht. Im Gegenteil, er hüpfte fröhlich umher trotz der beißenden Kälte, die den Ritter erschauern ließ. Der Knabe rief den Kühen laute Worte zu, stieß vergnügte Pfiffe aus und schlug aus Übermut einen Purzelbaum, der seine braunen Beine bloßlegte und den hellen Oberkörper zeigte.
Westernau ließ die Zügel hängen, sein Mund verkniff sich, die kleinen Augen glänzten. Angelus Toma, ein Benediktinerpater, der den Zug begleitete und an Westernaus Seite ritt, folgte besorgt dem Blick des Ritters. Er wusste, warum dessen Adlernase plötzlich weiß wurde, räusperte sich und tätschelte seinen Rappen.
„Die Herberge ‚Zum Hirsch‘, sagte man in Bamberg, liege hier in der Nähe, Herr. Das Haus hat den Ruf einer guten Bierschenke“, erklärte der Mönch mit heiserer Stimme. Er kannte Westernaus lüsterne Triebe. Sanft schmeichelnd fügte er hinzu: „Von dort könnte man dem Fürstbischof eine Nachricht senden mit der Bitte um Audienz, ehe der Herr aufbricht zur letzten Etappe. Der Kirchenmann würde die Reisenden gut bewirten. Vor allem, wenn sie aus Münster zuverlässige Nachricht aus erster Hand bringen.“ Der Mönch sprach französisch, Westernaus deutscher Dialekt war ihm fremd und dessen Latein miserabel.
„Bamberg liegt nicht auf dem Weg“, bemerkte Peter von Hebelein, der neben dem Pater ritt, grimmig. „Was kümmert unseren Herrn der Fürstbischof!“ Der breitschultrige Edelmann, der an Westernaus Seite in etlichen blutigen Schlachten gekämpft, in mancher Elendshütte geschlafen und ihn zu guter Letzt in die Paläste begleitet hatte, war dem Mönch nicht gut gesinnt. Er hielt ihn für einen ehrgeizigen Intriganten, einen, der zu viel fromme Reden hielt, die Westernau um seine gute Laune brachten. Hebelein wollte Westernau, der unberechenbar und launisch war, in bester Stimmung halten ...

Raoul von Westernau kümmerte sich nicht um das Gerede. Er war Streit unter seinen Leuten gewöhnt. Er förderte ihn sogar. Der Ritter verstand es, Männer zu führen. Wie manch anderer Herr hatte er im Krieg ein eigenes Regiment aufgestellt, gerüstet, finanziert und es dem kaiserlichen Heer gegen ein Entgelt zur Verfügung gestellt. Das Unternehmen hatte sich ausgezahlt, er hatte sein Erbe nicht verschulden müssen wie viele andere Ritter. Streitende verbünden sich nicht, hatte er gelernt. In seiner Abwesenheit sahen sich seine Männer stets gegenseitig auf die Finger. So war’s ums Stehlen schlecht bestellt. Aber was Hebelein anging, war Westernau unbesorgt, denn der war kein Vasall, sondern ein Kampfgenosse, er war Oberst einer seiner Truppen gewesen. Und heilige Brüder wie Angelus Toma stahlen nicht. Jedenfalls nicht offen. Außerdem hatte der Mönch sich der Reisegesellschaft lediglich aus Sicherheitsgründen angeschlossen.
Westernau erhob einen seiner behandschuhten Arme, deutete damit auf den Bach, der längs des Weges plätscherte und unter dem Peitschen des Regens kleine Wellen schlug. „Dort werden wir die Pferde tränken. Im Dorf können wir Unterkunft für die Nacht bekommen.“
Der hagere Mönch hatte bereits nach Hebeleins ersten Worten den Rappen in Trab gesetzt und war weitergeritten. Nun kam er zurück und berichtete, was er gesehen hatte. „Herr, da steht nur ein einziges Haus im Hof! Es gehört einem Hirten, denke ich. Durch die Scheunentür sah ich, wie ein Mann Fleisch zerteilte. Es hängt ein Kadaver im Raum, und es stinkt wie die Pest! In der Hütte wird kaum Platz für uns sein.“
Westernau vermied es, dem Pater ins Gesicht zu blicken. „Gut. Ihr könnt weiterreiten, gibt’s einen Hirten, werden die Bauern nicht weit weg ihr Dorf haben, dort findet ihr sicher, was ihr braucht. Auch Wasser für die Tiere, der Bach fließt an der Straße entlang. Ich bleib hier.“ Er zögerte, sagte knapp: „Hebelein wird mit mir reiten.“
Dem wuchtigen Mann stieg erfreut die Röte ins Gesicht. Er hatte schon seit Wochen überlegt, was er tun sollte. Im Elsass geboren, hatte ihn der Krieg entwurzelt und ihm trotz des vielen Plünderns wenig gebracht. Es war nicht viel zu holen gewesen. Nun waren im Zuge des Westfälischen Friedens östliche Ländereien im Elsass an Frankreich gegangen, zusammen mit Verdun, Metz und weiteren Gebieten. Hebelein hatte nicht vor, unter einem minderjährigen König zu leben. Er hatte sich zu lange als Söldner verdingt und wollte sich lieber mit Westernau arrangieren. Die Nacht würde ihm die Gelegenheit geben, das Gespräch in diese Richtung zu lenken. Zufrieden zog er sein Pferd beiseite, um hinter Westernau im Trab über die Wiesen zu reiten.
Betrübt, aber etwas erleichtert, dass Westernau nicht allein sein würde, führte der Mönch das übrige Gefolge an. Einen Augenblick lang hatte er gezögert, wollte darauf bestehen, mit den Herren zu reiten. Doch er war müde, sein Alter machte sich in letzter Zeit bemerkbar. Wozu einen Streit beginnen? Sie waren zu zweit. Außerdem war er nach dem beschwerlichen Tagesritt erschöpft. Er beruhigte sich. Westernau hatte ein langes Gespräch mit seinem Abt geführt, er war ein Mann, den die Kirche brauchte. Warum sollte man sich Sorgen machen. Westernau wollte sich schließlich nur ausruhen, ein warmes Essen und ein Bett erbitten, bislang war jede Nacht nicht anders verlaufen.
Die Gefolgsmänner waren ebenfalls zufrieden. Es war Zeit, ein Lager zu suchen und die Pferde zu versorgen.

Der Mann, den der Mönch erblickt hatte, bemerkte mit Schrecken das Anhalten des Reiterhaufens. Er schob seine Arbeit beiseite, winkte dem Jungen durch die offene Tür hastig zu, er solle kommen. Er eilte über den Hof ins Haus, merkte nicht, dass er sein Messer noch in der Hand hielt. Flugs legte er es auf die Lehne der hölzernen Bank, die fast die Länge der Wand des kleinen balkenüberdeckten Raumes einnahm. Seine Frau hatte die Reiter ebenfalls gehört, den Topf schnell vom Feuer genommen und nach ihrem Tuch gegriffen. Beide wussten, wie viel Unheil Reiter mit sich bringen konnten. Zu oft hatten sie erlebt, dass versprengte Söldnerbanden wie Heuschrecken über Dörfer hergefallen und bei armen Leuten eingedrungen waren, um nach Wertvollem zu suchen. Selbst wenn sie etwas fanden, hatten sie dann meist alles mutwillig zertrümmert. Und sich die Frauen geholt.
Nur wenige Menschen hatten diesen Krieg unbeschadet überstanden. Das Volk hatte drei grausame Jahrzehnte hinter sich, auch die jüdischen Gemeinden in dieser Gegend zwischen der Reichsstadt Nürnberg, den zollerschen Markgrafschaften, der Oberpfalz und dem Bistum Bamberg. Nachdem Herzog Albrecht V. im Jahr 1553 alle Juden aus Bayern ausgewiesen hatte, waren in fränkischen und schwäbischen Dörfern eine Reihe kleiner jüdischer Niederlassungen entstanden. Natürlich gestatteten das die Obrigkeiten nicht aus purer Menschenliebe, sondern wegen der vielfältigen Zahlungen, die sie Juden auferlegen konnten.
Löw ben Simon war dreißig Jahre alt. Er verrichtete verschiedene Dienste für die kleine jüdische Gemeinde der vier benachbarten Orte im Rittergut des Ulrich von Seckeling. Unter anderem war er Mohel und Schächter. Sein Schreck über die Reiter war nicht grundlos, mit derartigen Besuchern hatte er schlechte Erfahrungen gemacht. Löw kannte nichts anderes als Krieg. Schon vor seiner Hochzeit mit Esther, der Tochter des Schnaittacher Hausierers Gideon, hatte er genau gewusst, wo man sich am besten im Wald verstecken konnte. Dort hatte er sich mit anderen Juden aus der Gegend aufgehalten, als sich kaiserliche und schwedische Truppen gegenüberstanden, der Schwedenkönig sich in Fürth einquartiert und Nürnberg belagert hatte. Ein Teil der Stadt war dem Erdboden gleichgemacht worden. Viele Judenhäuser waren zerstört, die Synagoge hatten Kroaten als Pferdestall benutzt. Wie furchtbar waren diese Kriegsjahre gewesen! Verständlich, dass viele Stadtbewohner zu jener Zeit in die Wälder geflüchtet waren.
Juden wurden in die Armeen nicht aufgenommen. Aber sie mussten Sonderabgaben für die Kriegsführung leisten. Viele Juden waren von Soldaten erschlagen worden, ihr Besitz war gestohlen, ihre Häuser geplündert und abgebrannt worden. Mehrmals waren sie von den Herren des Landes vertrieben und der Not ausgesetzt worden. Doch einige Herrschaften merkten, dass Juden nützlich waren, weil sie es verstanden, Waren aus anderen Ländern zu holen. Sie konnten sich bei ausländischen Glaubensgenossen Kredite beschaffen, Wechsel ausstellen. Trotz der unruhigen Zeiten hatten es Juden geschafft, geregelte Geschäfte mit Tieren und Textilien aus Böhmen, Korn aus Polen und selbst mit Waffen zu machen.
Der Viehhändler Nathan hatte Geld zusammengekratzt und seinem Bruder Löw einen Schutzbrief erkauft, so dass dieser heiraten durfte. Ihre Ersparnisse konnten Juden nur in Geld anlegen, Landbesitz war ihnen seit Jahrhunderten verboten. Mit der Zeit hatten immer mehr Obrigkeiten den Juden erlaubt, sich in ihren Fürstentümern wieder niederzulassen. Dieses Recht hatten sich die Herren gut bezahlen lassen. Sie ließen sich keine Gelegenheit entgehen, Juden zu besteuern.
„Frau, verschwind! Schnell!“ Der Schächter brauchte nicht zu drängen, Esther war sich der Gefahr wohl bewusst. Ihr Sohn kam aufgeregt hereingestürmt, auch er hatte die Reiter gesehen. Löw legte ihm die Hand auf die Schulter. „Geh, Daniel! Lauf mit der Mame fort! Schnell!“ Der Junge, gewohnt zu gehorchen, fasste die Hand der Frau. Aber er ging nur unwillig. Gern hätte er die Pferde und die fremde Kleidung der Herren aus der Nähe gesehen. Als er aber die Angst in den Augen der Eltern sah, wurde er selbst ängstlich.
Pippin, Daniels junger Hund, angesteckt von der Furcht der Menschen, bellte nicht. Er schien zu wissen, dass sie zum Wald wollten und rannte schnurstracks darauf zu. Esther und Daniel hatten die ersten Bäume am Waldesrand kaum erreicht, da waren die Reiter bereits an der Hütte angekommen. Sie schwangen sich von ihren Pferden, banden die Zügel an den Schlagbaum und stießen dröhnend die Tür auf. Beide mussten sich bücken, um durch den niedrigen Eingang zu treten. Löw kam ihnen entgegen und verbeugte sich höflich. „Eine Ehr, die Herren, willkommen in meinem bescheidenen Haus!“ Er sprach fränkisch, wenn auch mit jiddischem Tonfall, er war unter den Bauern groß geworden.
„Ein Jud, Kreuzdonnerwetter!“ Verärgert betrachtete Westernau den Bart, die Schläfenlocken und den gelben Fleck am Kittel des Mannes, war erstaunt über dessen starke Figur. Löw war breit und schwer, sein Kopf stieß fast an die Balken. Die Stärke hatte sich in seiner Familie vererbt. Von seinem Großvater erzählte man sich Geschichten, die dessen Kraft und Zähigkeit rühmen. Die Legende sagte, er hätte einmal einen wütenden Stier ganz allein gebändigt, während alle Bauern auf dem Markt auseinander gestoben waren. Er hätte das Tier mit bloßen Händen an den Hörnern gefasst und es niedergerungen. Mit Kühen konnte er es leicht aufnehmen, wie nun auch seine Söhne und sein Enkel.
Hebelein erinnerte sich an den jüdischen Pferdehändler, der ihm seinen Hengst besorgt hatte, als Pferde kaum zu haben waren. „Wir werden hier übernachten, Jud! Sieh zu, dass man uns auftischt!“, brummte er etwas freundlicher. Er deutete zur Scheune, an der sie vorbeigekommen waren. „An Fleisch sollt’s wohl nicht fehlen!“
„Sofort, Herr! Ich ...“ Er wurde von Westernau unterbrochen, der bereits während des kurzen Ritts nach dem Jungen Ausschau gehalten und ihn nicht mehr auf dem Feld gesehen hatte. Er befand sich auch nicht in diesem Raum, der als Küche und Wohnraum diente. Ein schlecht gehobelter Eichentisch, der den meisten Platz einnahm, war bereits mit drei Tellern und Löffeln gedeckt. Westernau schritt durch das Zimmer, schlug mit dem Stiefel gegen den Verschlag, hinter dem er Strohmatten mit großer Federdecke im Dunkeln erkennen konnte. Er wusste nicht, dass Löws kleine Familie nur vorübergehend hier wohnte und eigentlich im Dorf bei Nathan lebte. Der Herr dieser Gegend, Ulrich von Seckeling, hatte Nathan erlaubt, seinen Bruder mehrere Wochen in der Hütte eines kranken Hirten unterzubringen, damit er auf die ausländischen Tiere achtgebe, ehe sie zum Markt gebracht wurden. Hier draußen durfte Löw auch schächten. Es gefiel der Familie hier, vor allem der kleine Daniel fühlte sich äußerst wohl in der ungewohnten Freiheit. Im Familienhaus im Dorf lebten wie in allen Häusern zahlreiche Menschen auf engstem Raum.
„Wo ist sie, die Frau?“, schrie der kleinere der beiden Ritter wütend.
Löw erbleichte. „Ins Dorf muss sie gegangen sein“, stotterte er. „Ich war in der Scheune.“
„Lügenmaul!“ Westernau versetzte dem Schächter einen harten Schlag ins Gesicht, so dass seine Nase zu bluten begann. „Und der Junge? Wo ist der geblieben? Wo hält er den versteckt?“
Löw hielt den Arm vor die Nase und antwortete nicht. Was wollten sie von dem Kleinen? Ihn als Diener entführen? Flüsternd erflehte er die Hilfe des Ewigen, des Einzigen.
Westernau wandte sich an seinen Begleiter. „Weit können die nicht gekommen sein. Sicher sind sie zum Wald gelaufen“, sagte er bissig. „Hol sie!“
„Nein!“ Löw stürzte sich auf Hebelein, umklammerte mit seinen großen Händen dessen Arm, wurde aber wie ein kleiner Hund abgeschüttelt. Hebeleins Fausthieb ließ ihn zu Boden taumeln. Der Ritter war ein erfahrenerer Kämpfer als der große Metzger. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, verließ Hebelein das Haus, erhaschte die Zügel seines Pferdes und galoppierte zum Wald.
Der Knecht des Bauern Eisner, der am Waldrand Reisig gesammelt hatte und gerade auf einen kleinen Karren lud, drehte sich erschrocken um, als er laute Stimmen aus dem kleinen Holzhaus hörte. Er zog schnell den Karren an. Es war besser, nicht hinzugehen. Er wusste, sein Herr, der Bauer Eisner, war darüber verärgert, dass der Amtsherr dem Juden Nathan das Weide- und Tränkerecht für die Wiesen gegeben hatte. Dessen Bruder versorgte dort das auswärtige Vieh, ehe es der Händler zu den Viehmärkten trieb. Der Bauer gab vor allem Samstagabends beim Gerstenbier im Wirtshaus laut zu verstehen, dass der Jud ihn betrogen hätte. War nicht er der größte Bauer im Ort? Hatten nicht nur ansässige Bauern das Recht auf Land? Ein Jude durfte nicht mal eine Harke in die Hand nehmen! Wieso besaß der dreckige Jude Nathan das Weidrecht? Einer, der wie alle Juden den Heiland hasste!
Der Knecht war erleichtert, als er im Eisner-Hof eintraf. Der Reiter gehörte offensichtlich zu der Truppe Söldner, die gerade mit dem Bauern verhandelten, sie suchten ein Nachtquartier. Der Knecht tat, wie ihm sein Herr in barschem Ton befahl und kümmerte sich um die Pferde. Der Truppenführer, ein grobschlächtiger Schwabe, lachte dröhnend, als er abstieg. Der Knecht beeilte sich, die Anordnungen auszuführen und dachte nicht mehr an das Geschrei in der Hirtenhütte.
Löw versuchte sich aufzurichten, doch Westernau versetzte ihm einen heftigen Tritt, so dass er hilflos zusammensackte. Der Ritter traktierte ihn mit weiteren Tritten, bis einer ihn am Kopf traf und er bewusstlos zusammenbrach. Verächtlich stieß der Adlige den Mann beiseite, schritt gemächlich zum Herd und stocherte in Esthers Kochtopf herum. Er hatte gerade den Löffel an den Mund gesetzt, als Hebelein zurückkam, den zappelnden Jungen unter dem Arm. Die Frau lief jammernd hinter ihm her. Der Ritter hatte die beiden ohne Schwierigkeit eingeholt, hatte zuerst den Jungen eingefangen und zum Pferd gezerrt, worauf Esther ihm nachgerannt war. Es war ihm ein Leichtes, beide aufs Pferd zu werfen und zum Haus zu bringen.
Als Esther ihren Mann auf dem gestampften Lehmboden liegen sah, schrie sie laut auf und rannte zum Bach, um Wasser zu holen. Peter von Hebelein war sich ihrer sicher. Die würde weder Sohn noch Mann allein lassen. „Hier, die Beute!“ Wie einen Ball warf er Westernau den Jungen zu.
„Gut gemacht, Hebelein!“ Westernau hielt den Kleinen mit einer Hand. Als dieser schrie und sich zu befreien versuchte, ließ der Ritter den Löffel fallen und schlug dem Jungen mit der flachen Hand ins Gesicht. Grinsend betrachtete er das Kind. Hebelein machte sich an den Topf. Esther war zurückgekehrt, hatte den Wasserkübel auf den Boden gestellt und war zu ihrem Mann geeilt. Vorsichtig benetzte sie seinen Kopf und versuchte, das Blut zu stillen. Sie hatte aufgehört zu jammern, es würde niemandem etwas nützen. „Lass ihn nicht sterben, Allmächtiger!“, betete sie und beugte sich über Löw, dessen Atem kaum zu spüren war.
Während Hebelein die Rübensuppe löffelte, beobachtete er das Kind, das Westernau noch immer mit einem Arm fest umschlungen hielt. Seine Kappe hatte der Junge bereits verloren, nun wurden ihm trotz seines Widerstandes das gewobene Hemd und die derbe Hose ausgezogen, bis er nackt vor den Männern stand, noch immer von eiserner Hand gehalten. „Nicht schlecht für ’ne Judenbrut!“, lachte Hebelein. „Gut gewachsen! Hübsches Gesicht, die dunklen Augen passen zum Haar, was? Sieh mal, der könnt so groß werden wie der Metzger! Wird wohl schon zehn sein.“ Wenigstens nicht jünger, dachte er erleichtert. Er hatte wenig übrig für Westernaus Geschmack.
Raoul von Westernau antwortete nicht. Er schlang beide Arme um den Jungen und trug ihn zum Verschlag. Wenige Minuten später hörte Esther einen gellenden Schrei, gefolgt von lautem Wimmern. Sie ließ von Löw ab, sprang entsetzt auf und rannte auf den Verschlag zu.
„Lass schon gut sein, Weib!“ Peter von Hebelein hielt die Frau mit einer Hand fest. Er kannte Westernaus Laster, genau wie der Mönch, auch wenn er nicht verstand, was so reizvoll sein sollte an einem zarten Jungenkörper. Er wischte sich die Lippen ab, riss die Frau an sich. Es schien ihm fast selbstverständlich, sie zu nehmen. Im Krieg war es nie anders gewesen. Esther wehrte sich, hämmerte mit ihren Fäusten auf den breit gebauten Ritter. Das reizte ihn, gern nahm er ein Weib gegen ihren Willen. Er warf sie zu Boden, konnte sofort seinen Hosenlatz öffnen, der Frau den langen Rock zerreißen und sich gierig auf sie werfen, seine Lust befriedigen. Es störte ihn nicht, als er merkte, dass sie ohnmächtig geworden war. Schwer atmend erhob er sich, ging hinaus zum Brunnen, um sich zu erfrischen, merkte, dass es noch stärker regnete. Gut, dass sie Halt gemacht hatten. Sie würden die Nacht über in der Hütte im Trockenen sein.
Löws Bewusstsein war langsam zurückgekehrt, er sah den leblosen, geschundenen Körper seiner Frau neben sich, hörte das Wimmern des Kindes. Er klammerte sich ans Tischbein und zog sich langsam in die Höhe. Da erblickte er sein Schlachtmesser auf der Bank, ergriff es in dem Moment, als Raoul von Westernau mit einem Lächeln um die schmalen Lippen aus dem Verschlag trat. Löw zögerte nicht, er warf sich auf den Adligen, wusste, wohin man zielte, um die Halsschlagader zu erwischen. Ein heller Strahl spritzte aus Westernaus Kehle, dem Ritter war nicht mehr zu helfen.
Als Hebelein eintrat, sah er, was geschehen war, zog unverzüglich seinen Dolch und stieß ihn in den Rücken des Juden, der röchelnd zusammensank.
Kopfschüttelnd betrachtete Hebelein die leblosen Gestalten. Nun war bei Westernau nichts mehr zu holen außer der Geldstange. Ehe ein anderer sie an sich nahm, steckte sie Hebelein in seine Tasche. Er verließ das Haus, band rasch die Pferde los, schwang sich in den Sattel und führte Westernaus schwarzen Hengst mit den kostbaren Gastgeschenken hinter sich her. Sicher waren sie ein Vermögen wert.
Den Weg nach Neustein nahm er nicht. Er wollte hochnäsigen Amtsherren keine Erklärungen abgeben. Sein neuer Reichtum würde ihm Ansehen und Gehör verschaffen. Dieser musste nur sicher sein! Endlich hatte er etwas aus dem Krieg errungen. Er fühlte sein Herz klopfen bei dem Gedanken, dass er nun bei der Frau als Bewerber erscheinen könnte, die er im letzten Kriegsjahr kennen gelernt hatte. Eine schöne, selbstbewusste Frau war sie, Witwe eines bayrischen Ritters. Eine teure Frau, sagte er sich. Doch nun würde er sie sich leisten können.

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