Der Nu oder Die Einübung der Abwesenheit - Theodor Weißenborn, 1999, Böschen

Theodor Weißenborn

Der Nu oder Die Einübung der Abwesenheit.
(Leseprobe aus: Der Nu oder Die Einübung der Abwesenheit, Roman, 1999, Böschen).

Im Mai '68 traf sich de Gaulle an einem geheimen Ort mit den Militärs, zog die Panzereinheiten um Paris zusammen, und die Truppe erwartete den Schießbefehl.
Zu der Zeit war ich mit Fleuriot in Nizza gelegentlich einer Vernissage mit Modeschau in der Rue d'Alembert, zu der fossile Gestalten erschienen. Ich erinnere mich an eine Scharteke mit einer Rückgratverkrümmung und einem Pferdegebiß, die sich mit Fächerhieben überall Durchlaß und Vortritt verschaffte. "Das ist Boubu", sagte man mir - "Boubu?" - "Nun ja, die Comtesse de Boubuillon. Sie ist mit einem Bourgeois, einem Filou in Nanterre liiert, der Parfüm verlegt."
Fleuriot hatte zwei seiner Bilder gebracht. Sie hingen unter anderen Bildern im Treppenaufgang, konnten ohnehin mit den Models nicht konkurrieren und blieben daher unbeachtet. Fleuriot ging voraus ins Hotel Justin, wo wir ein Zimmer gemietet hatten. Die Getränke waren frei, und ich blieb, und am Abend - es war der Tag, an dem die HUMANITE den Bürgerkrieg in Aussicht stellte - konnte ich mich nicht schlafen legen, weil Fleuriot eine Pute mit aufs Zimmer genommen hatte.

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