Drei Frauen am Meer von Eckhard Weise, Gedichte, 2010, Wiesenburg-VerlagEckhard Weise

Drei Frauen am Meer
(Leseprobe aus: Drei Frauen am Meer, Geschichten, Auszug aus der Erzählung Advent, Kapitel 3, 2010, Wiesenburg-Verlag).

In der Nacht hatte es sich etwas abgekühlt. Eine frische Brise wehte vom Maybachufer herüber und sie blieb stehen, um den Reißverschluss ihrer dünnen Joggingjacke hochzuziehen. Sie fröstelte ein wenig – nicht wegen der Temperatur, es war eher der Schlaf, der ihr fehlte. In der Luft hing immer noch Rauch. Be­stimmt der von gestern, dachte sie, durchmischt mit dem neuer Brandherde.

Es war unerwartet ruhig im Viertel. Ab und zu fiel ihr Motorlärm auf; nicht der nächtliche Geräuschpegel, wie er in Großstädten üblich ist, sondern Lärm, der entsteht, wenn Autos zu hochtourig gefahren werden. So wie der Polo, der gerade mit 60 Sachen im zweiten Gang auf Kopfsteinpflaster an ihr vorbei gerast war.

Mit Tagesanbruch verlöschten die Straßenlaternen. Es waren noch andere Fußgänger unterwegs – nicht viele, doch mehr, als normalerweise zu dieser Stunde auf den Beinen sind. Frauen waren es zumeist, denen sie auf ihrem Spaziergang begegnete. Sie gingen, schlenderten oder torkelten zu zweit, zu dritt, niemand jedoch bewegte sich hier allein - wie sie. Soeben wurde sie von einem angeheiterten Frauenquintett aufgefordert, sich anzuschließen, um mitzufeiern, zu tanzen, Kerle und Weiber aufzureißen… Zwei von ihnen hakten sie kichernd unter, sie rochen penetrant nach Schnaps, und nötigen sie, mit ihnen zu ziehen. Nach ein paar beschwingt-tänzelnden gemeinsamen Schritten gelang es ihr, sich lauthals lachend aus den Fängen des zudringlichen Pärchens zu befreien. Sie entschuldigte sich mit den Worten, dass sie gerade erst von einem heißen Tanz komme und nun müde zum Umfallen sei, und sie wünschte allen noch tieri­schen Spaß…

Das Gejohle der Weiber und das Stakkato ihrer Absätze auf dem Pflaster waren verhallt, als sie ihr Ziel erreicht hatte. Sie blieb für Sekunden stehen, um Zigarettenschachtel und Feuerzeug aus der Jackentasche zu ziehen, nahm sich eine Zigarette, steckte sie zwi­schen die Lippen, entzündete das Feuerzeug, fingerte einen Grill­anzünder aus der Schachtel, setzte zuerst ihn in Brand, dann erst die Zigarette, ging drei, vier Schritte, legte seelenruhig das bläu­lich flammende Klötzchen auf den linken Hinterreifen einer schwarzen „Audi RS 6“-Limousine, nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette und schritt weiter recht gelassen die Manteuffelstraße entlang, bog in die Reichenberger ein, ohne sich noch einmal umzusehen.

Karla fiel bäuchlings auf ihr Bett wie ein schwerer Stein. Angekleidet, ohne Decke schlief sie tief und fest, drei Stunden, vielleicht vier. Im Traum trifft sie auf eine Gruppe fröhlicher Frauen und Männer, die ihr alle irgendwie bekannt erscheinen. Freunde vielleicht? Verwandte? Ja, ihre erwachsen gewordene Tochter scheint dabei zu sein. Sie tanzt allein. Ihre Blicke begegnen sich nicht ein einziges Mal. Alle anderen tanzen ausgelassen zu zweit zu einer Musik, die klingt wie … sie vermag sie nicht zu bestimmen, vielleicht wie Hubert von Goiserns Alpenrock?

Als sich die ersten Frauen von ihr verabschieden wollen, weil sie nun hellwach sind, ist es Karla, die sie ermuntert, jetzt doch nicht aufzustehen, sondern weiterzuziehen. Hin zum großen Hexentanzplatz.

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