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"Zirkus Bergman" - Ein Familienunternehmen
Der schwedische Meisterregisseur
Ingmar Bergman hat es verstanden,
fast jedes seiner neun Kinder künstlerisch an sich zu binden
(Auszug aus: DIE RHEINPFALZ-Nr.6, 08.01 2005)
> Jüngst klagte der berühmte
Henning Mankell über
seinen noch berühmteren Schwiegervater Ingmar Bergman, dass der nie vorbeikäme,
um mal Hallo zu sagen und stattdessen lieber als Prospero auf seiner Insel
versauere...
Die Worte des Erfinders von Kommissar Wallander klingen nach verletzter Liebe
und untermauern die weit verbreitete Vorstellung vom Verhältnis des notorischen
Nicht-Familienmenschen Bergman zu seiner Nachkommenschaft. Der schwedische
Meisterregisseur selbst hat dieses "Familientableau" manches Mal bestätigt, in
Wort und Bild.
Ingmar Bergmans Töchter und Söhne wuchsen nie mit ihrem Vater auf. Selbst wenn er das gewollt hätte, die Zeit für sie hätte ihm gefehlt, war er doch viel zu beschäftigt als Bühnen- und Leinwandregisseur, als Theaterleiter, als Schriftsteller... und reflektierte dennoch, so absurd es klingen mag, wiederholt gerade dieses väterliche Unvermögen.
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Der an Ibsen und Strindberg geschulte, scharfsichtige Analytiker familiärer Lebensverstrickungen hat die schwierige Beziehung seiner Eltern unter einander und zu ihren Kindern sprichwörtlich unter dem Vergrößerungsglas betrachtet - zuletzt in seiner autobiografischen Erzählung "Sonntagskinder".
Im Angesicht seines Spätwerkes mag es so erscheinen, als interessiere sich
Bergman nur für das unter puritanischer Strenge leidende Kind Ingmar.
Dieser Eindruck täuscht jedoch, wenn wir auf sein Gesamtwerk blicken. Elterliche
Willkür, Lieblosigkeit und Gefühlskälte hat der einsichtige Künstler stets als
Fluch verstanden, welcher - antiker Mythologie nicht unähnlich - von Generation
zu Generation vererbt werde.
In frühen wie späten Filmszenarien Bergmans lässt sich
harsche Kritik entdecken an Eltern, die aus Eigensucht ihre Fürsorgepflichten
vernachlässigen. Aufgrund mancher Übereinstimmung von Leben und Werk lesen sich
Leinwand-Dramen wie "An die Freude" oder "Die Treulosen" wie Selbstanklagen des
Autors; die dort als Nebenstränge innerhalb von Ehekonflikten behandelten Motive
bündelt er einmal gar zu einem Themenkomplex: in "Herbstsonate" prallen
eine vorwurfsvolle Tochter und eine gewissenslose Mutter unversöhnlich
aufeinander - abendfüllend.
Die vielleicht erschreckendste Selbstoffenbarung in einem Vater-Sohn-Konflikt gestaltet Bergman mit seiner letzten Filmarbeit, "Sarabande", in der sich das Scheidungspaar aus
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"Szenen einer Ehe" nach 30 Jahren wieder begegnet. Als Johan einst Frau und Kinder verließ, schien er noch von schlechtem Gewissen geplagt. Als Vater erleben wir diesen Johan jetzt wie befreit von jeglicher Reue. Auf sein Bekenntnis, ein miserabler Vater gewesen zu sein, hatte ein Sohn Bergmans einst geantwortet: "wieso ‚Vater'? Du warst nie einer!" Diese nie verheilte Verletzung lässt der Autor nun einen bitterbösen Johan im Dialog mit dessen Sohn Henrik memorieren, um noch eins draufzusetzen. Gnadenlos wendet Johan die Replik gegen Henrik: Seit Jahrzehnten habe dieser aufgehört, als sein Kind zu existieren.
Die positivste Gestaltung der Beziehung eines Vaters zu seinen Kindern innerhalb von Bergmans Gesamtwerk kann im Fernsehspiel "Nach der Probe" entdecket werden. Erland Josephson erklärt als alternder Regisseur Vogler der jungen Hauptdarstellerin Anna seine Liebe zu den Schauspielern - zu den attraktiven weiblichen ohne Frage, mehr noch aber versteht er diese Liebe als tiefe Zuneigung zu begabten Künstlern, deren "Instrument" zum Erklingen zu bringen er als seine einzige Freude bezeichnet. "Ich biete dir Fürsorge und Zärtlichkeit von halb elf bis drei. Ich sorge dafür, dass das Publikum dich liebt", sagt der "Dirigent" zu Lena Olin in der Rolle der Schauspielerin, die seine Tochter sein könnte. Und als dieser Satz fällt, steht dem Theater- und Filmregisseur Bergman eine leibliche Tochter zur Seite - als Regieassistentin.
Schuldbewusstes Eingeständnis
Partnerschaftlichkeit und
Väterlichkeit ausschließlich im Szenenraum entfalten zu können, dort aber umso
segensreicher für diejenigen, die sich auf einen solchen Vorbehalt einlassen:
Bergmans Botschaft wird verstanden als schuldbewusstes Eingeständnis, aber eben
auch als Angebot. Nicht zuletzt von seinen Kindern - früher oder später.
Tatsächlich haben alle neun Kinder ihr Instrument vor Aug' und Ohr des berühmten
Vaters erklingen lassen, wenn manche auch nur kurz. Zwei von ihnen machen die
Schauspielerei zum Hauptberuf. Und mit einer Ausnahme nähern sich Töchter wie
Söhne der Profession des Vaters erstaunlich weit an.
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Bergmans früher Film "Abend der
Gaukler" thematisiert den klassischen Konflikt zwischen Künstler und Bürger, die
Zerrissenheit zwischen Berufung und Familiensinn in Bildern von einzigartiger
poetischer Kraft. Albert Johansson, Direktor eines kleinen Wanderzirkus', lebt
und leidet für seine Artisten, sehnt sich zugleich nach geruhsamer Existenz und
würde seiner jungen Geliebten Anne den Laufpass geben, nähme seine Frau Agda den
Reumütigen wieder bei sich auf. Agda jedoch ist nicht bereit, die erlangte
Eigenständigkeit im Leben mit den Kindern zu riskieren. Johansson bleibt
gezwungen, seine Runden zu drehen.
Dieses 1953 gedrehte Meisterwerk gestaltet alle Mühsal menschlichen
Daseins, gleichwohl veranschaulicht es die von Bergman erfahrenen
Lebensumstände unmittelbar und einleuchtend wie kaum ein anderes seiner
Schlüsselwerke.
Die
Übereinstimmungen zwischen Johansson und Bergman sind so zahlreich wie Versuche,
sie zu erfassen, und weitere wird die Bergman-Forschung gewiss noch ergründen.
Geht man indes den Unterschieden zwischen dem Zirkusdirektor und seinem Schöpfer
nach, so erscheint Bergmans Familiensituation in einem Licht, das die in „Nach
der Probe“ thematisierten "artistischen"
Bande verdeutlicht.
Das Leben der Artisten
Als "Abend der Gaukler" entsteht, ist Bergman 35 Jahre alt, arbeitet hauptberuflich als Regisseur am Stadttheater in Malmö und lebt dort zusammen mit Freundin Harriet Anderson, der Darstellerin der Geliebten Johanssons. Er hat zu diesem Zeitpunkt drei Ehen hinter sich und sechs Kinder zu versorgen.
Die Ehefrau von
Zirkusdirektor Johansson lebt in der Stadt, kleinbürgerlich situiert und in
strikter Abgrenzung zum Tingeltangel-Reich des Erzeugers ihrer wohlerzogenen
Buben.
Bergmans Lebenspartnerinnen sind dagegen allesamt Teil seiner mittelgroßen
Artistenwelt.
Else Fischer und Ellen Lundström als Choreografinnen, Gun Grut als
Drehbuchautorin, Käbi Laretei als Pianistin.
Harriet Andersson erlangt wie ihre Nachfolgerinnen in Bergmans Privatleben, Bibi
Andersson und Liv Ullmann, Weltruhm als Schauspielerin im handverlesenen
Filmteam der "Bergman-Family". Ingrid von Rosen wiederum betätigt sich als
Topmanagerin des unermüdlich schaffenden Multitalents - bis zu ihrem Tode im
Jahre 1995.
Kinder der Manege
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Das Wiedersehen Johanssons mit
seinen Söhnen gestaltet sich alles andere als herzlich; sachlich-höflich
begegnen sie dem als Fremdling empfundenen Vater. Das ist eine Erfahrung, die
Bergman wiederholt machen muss. Wahr ist aber auch, dass es ihm stets aufs Neue
gelingt, seine Kinder Anteil nehmen zu lassen an seiner Arbeit als Künstler - in
unterschiedlichen Bereichen, Situationen und mit unterschiedlicher Intensität.
Das Mitwirken in der väterlichen "Zirkustruppe" reicht von Kurzauftritten vor
der Kamera über Co-Regie für Theater und Fernsehen bis hin zur eigenständigen
Leinwandumsetzung eines Szenarios von Vater Bergman.
Die Leinwandpräsenz von Bergmans ältester Tochter Lena als Statistin ist unscheinbar; unvergesslich aber bleibt ihre kleine Rolle als lebensfroh plappernde Zwillingsschwester in "Wilde Erdbeeren".
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Jan, Bergmans ältester Sohn aus der Ehe mit Ellen Lundström, bewegt sich erst spät auf den Wirkungskreis des Vaters zu, umso entschiedener bricht er mit bisheriger Existenzsicherheit. Nach Jahren im Dienst der Staatsbahnen wechselt der Lokführer ans Theater. Er beginnt in der Provinz als Bühnentechniker; die Zusammenarbeit mit seinem Vater bei der Inszenierung von O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" ermutigt ihn zuletzt, als Regisseur weiterzuarbeiten. 1998, im Kulturhauptstadt-Jahr Stockholms, lassen sich Vater und Sohn mit Per Olof Enquists Erfolgsstück "Die Bildermacher" auf einen Wettstreit um die Gunst des Publikums ein: Ingmar inszeniert an seiner Hausbühne und Jan am "Riksteatern", der landesweiten Tourneebühne. Bald darauf erliegt der Jüngere einem schweren Krebsleiden.
Jans Schwester Anna
Bergman wiederum beginnt ihre Schauspielkarriere im Tingeltangel-Milieu der
Jetztzeit: In den 70er Jahren sorgt sie als Aktrice in Softpornostreifen für
manch hämische Schlagzeile. Als sie eine seriöse, wenn auch kleine Rolle im
Kinovermächtnis ihres Vaters, "Fanny und Alexander", erhält, scheint sich ihr
lebenslanger Traum zu erfüllen: endlich "Prinzessin in Ingmars Königreich"!
In der Autobiographie "Inte Pappas Flicka" (Bin nicht Papas
Mädchen) schildert Anna, wie ihr Leben geprägt wurde durch das Schicksal einer
Scheidungsfamilie, in der die allein erziehende Mutter Ellen - künstlerisch
ebenso engagiert wie der abwesende Vater- nie wirklich Zeit hatte für die
Kinder. Ins Zentrum ihrer Lebensbeschreibung rückt der Konflikt zwischen dem
tiefen Verlangen nach heiler Familie und der beständigen Suche nach
Selbstverwirklichung vor großem Publikum: Tagsüber erfüllte sie ihre Ehepflicht
als Mutter und Hausfrau an der Seite eines Londoner Polizisten, nachts bereitet
sie ihre Karriere als Fotomodell vor. Anna wird ungewollt zur Ideengeberin für
den Mordanschlag auf den Bischof in "Fanny und Alexander", nachdem sie ihrem
Vater gebeichtet hatte, wie sie sich vom verständnislosen Ehemann mit Hilfe von
Rattengift befreien wollte.
Als fürsorglicher Sohn des jüdischen Krämers Jakobi hat Anna Zwillingsbruder Mats in "Fanny und Alexander" eine Rolle von Format. Er kann als Berufsschauspieler von Angeboten heimischer Bühnen und Fernsehstationen gut leben, auch unter der Fuchtel des Vaters: Einen seiner größten Erfolge feiert Mats Bergman in dessen Inszenierung von Molières "Menschenfeind".
24 Jahre leitete Eva Bergman das Göteborger "Backa Teater". Die Stadt ehrt sie 2002 für ihre engagierte Tätigkeit als "Göteborgerin des Jahres". Ihre Bühne ist Teil des Stadttheaters im schwierigen Sozialmilieu des Backa-Viertels und zielt auf ein Publikum, das sich in Alter und Herkunft vom traditionellen Bildungsbürgertum unterscheidet.
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Ihre Einrichtungen von Shakespeare-Dramen - zuletzt ein arabischer "Sommernachtstraum" - werden ebenso gerühmt wie die rebellischen Stücke ihres Hausregisseurs Henning Mankell. Mit diesem, ihrem Gatten, teilt sie die knappe Freizeit, wenn es Mankell gerade nicht ans Teatro Avenida nach Maputo zieht. Doch auch Eva treibt es jetzt zu anderen Bühnen, so ans Dramaten, um ein Stück Erland Josephsons über die Begegnung unterschiedlicher Kulturen im Filmemachen zu inszenieren.
Anna berichtet
1987 in "Inte Pappas Flicka" von einem heimlichen "Kind der Liebe" ihres Vaters,
von dem sie lange Jahre nur den Nachnamen kannte: von Rosen.
Erst in diesen Tagen hat sich Bergman öffentlich zu seiner Tochter Maria
bekannt. Ende der 50er Jahre hatte der damals mit Gun Grut verheiratete
Regisseur eine heftige Affäre mit der ebenfalls gebundenen Ingrid von Rosen. Und
die gemeinsame Tochter erfährt erst als Erwachsene, wer ihr leiblicher Vater
ist. Dieser hatte das literarische Talent seines heimlichen Kindes früh erkannt
und gefördert. Maria schreibt Fernsehspiele, eine ganze Serie sogar, die ihre
Halbschwester Eva 1993 verfilmt. Hauptberuflich jedoch arbeitet sie als
Pflegehelferin.
Im Herbst 2004 hat sie zusammen mit Ingmar Bergman ein Buch herausgegeben, das
die Konfrontation mit Ingrid von Rosens unheilbarer Krankheit beschreibt, und
zwar in Tagebuchaufzeichnungen - ihren eigenen sowie denen ihrer sterbenden
Mutter und ihres hilflos-furchtsamen Vaters. Dieses außergewöhnliche Buch, "Tre
dagböcker", dokumentiert die Entfremdung von Vater und Tochter im Angesicht des
Todes eines geliebten Menschen wie auch beider Versöhnung während der
Textzusammenstellung als "Trauerarbeit".
Hoffnungsvolle Nachzügler
Der Filmwelt des Vaters in
vielfältiger und enger Weise verbunden ist Daniel Sebastian, das Kind aus der
Ehe mit der Musikerin Käbi Laretei. Daniel schafft es, zum Hauptdarsteller eines
ganzen Bergman-Werkes zu werden - und das bereits vor Vollendung des zweiten
Lebensjahres (im selten gezeigten Episodenfilm "Daniel"). Später geht der
jüngste Sohn zum Vater in die Filmlehre. Seine ersten Kurzspielfilme geben ein
verblüffendes Geschick zu erkennen, jugendliche Akteure zu führen. 1992
adaptiert er Vaters Drehbuch "Sonntagskinder".
In seiner Verfilmung von sechs Erzählungen
Reidar Jönssons, "Svenska
hjälter", begegnen sich die Helden einander in einer Beiläufigkeit, die an
Altmanns "Short Cuts" erinnert. Mit dieser Bestandsaufnahme nationaler
Befindlichkeit gelingt Daniel 1998 der Sprung an die Spitze der jungen
Generation des schwedischen Kinos.
Er dreht erfolgreich Videoclips und Fernsehkrimis (darunter einen
nach Vorlage von Schwager
Mankell), bis er das Genre radikal wechselt: in "Erste Priorität"
dokumentiert Daniel Bergman in einem atemberaubenden kleinen Film über
Mitmenschlichkeit die Arbeit von Krankenschwestern und Rettungs-Sanitätern im
Alltag von Göteborg. (…)
Kinder vor der Kamera
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Wie ihr Halbbruder Daniel hat
auch Linn Ullmann, die Tochter Liv
Ullmanns, im Vorschulalter ihren ersten Auftritt vor der Kamera des berühmten
Vaters, in "Schreie und Flüstern". In "Herbstsonate" spielt sie die von
ihrer Mutter Liv verkörperte Tochter einer gefeierten Pianistin als Kind. In
einer Rückblende erleben wir die elfjährige Linn, die als traurige Eva den Vater
trösten muss, weil Mutter nie Zeit hat für die kleine Familie, denn sie ist wie
immer auf Tournee und wohnt in der Musik...
Linn scheitert später als Schauspielschülerin, und nach
zehnjähriger Tanzausbildung glaubt sie nicht länger an eine Zukunft im Ballett.
Die Tochter zweier Filmkünstler, die im Buchladen einer fabulierenden Großmutter
aufwuchs, studiert Literatur in New York und wird Journalistin.
Sie nähert sich der Profession des Vaters in einem Bereich, den der
Workaholic für sich erobert, als Film- und Theaterregie ihm zu beschwerlich
werden. Im fortgeschrittenen Alter nämlich wird Bergman zum Epiker auch des
geschriebenen Wortes.
Linn arbeitet seit Jahren als Literaturkritikerin beim Osloer "Dagbladet"
und landet mit ihrem ersten Roman, "Die Lügnerin", sogleich einen
Sensationserfolg.
Bleibt der altersweise Romancier Bergman seiner Kinematographie verbunden, so
bewegt sich seine jüngste Tochter stilistisch und motivisch auf diesen
Filmkosmos zu.
In "Die Lügnerin" porträtiert die Erzählerin Mitglieder
einer skurrilen Familie in einem Raum zwischen Wahrheit und Phantasie;
doch mehr noch als für die sonderbaren Aktionen ihrer "Verwandten" interessiert
sie sich für das, was diese aussprechen, andeuten, aussparen.
Ihr zweiter Roman sieht auf den ersten Blick aus wie ein
Krimi, in dem das Personal Auskunft zu geben scheint auf die Frage, ob Stella,
die unglückliche Heldin von "Wenn ich bei dir bin", aus Versehen oder mit
Vorsatz vom Hochhaus in die Tiefe stürzte. In einer einzigartigen Zeitdehnung
schildert Linn zwei Sekunden eines Lebens, Stellas Fall aus tödlicher Stille der
Endlichkeit. In Reflexionen der Fallenden sowie von Menschen, die um sie sind,
erfahren wir etwas über einsame Liebeshungrige, die sich verzehren vor Angst,
den anderen "die ganze Zeit in Naheinstellung" sehen zu müssen.
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Porträt des Vaters
Die Selbstdarstellung eines
väterlichen Freundes Stellas, des griesgrämigen Axel Grutt, liest sich wie ein
kaum verschlüsseltes Porträt des in der Isolation verharrenden Vaters. Mit einem
Instrumentarium, das beider Vorbild
Ibsen verpflichtet ist, spürt die empathische Erzählerin den noch so
verästelten Zeichen von Leben hinter den Masken eines Schubertischen
Leierkastenmannes nach, in ihrer Haltung zwischen Befremdung und Zuneigung
schwankend.
Linns dritter Roman vertieft die Thematik von Elend und Würde im Alter. "Gnade",
entstanden in der Zeit kurz nach dem Tode ihres Bruders Jan, ist geprägt von der
Erfahrung unheilbarer Krankheit und beschreibt die Zeitspanne, die einem
sterbenskranken Mann bleibt für Liebe, Versöhnung und Leben bis zum letzten
Atemzug.
Aus dem Schatten berühmter, stets beschäftigter Eltern zu treten, eigene Pfade einzuschlagen, ohne sich von ihren Zelten allzu weit zu entfernen, wem gelingt das wohl?
In unserem Fall am wenigsten Anna vielleicht - oder doch Daniel? Am unbeschwertesten gewiss Ingmar Jr., der als Linienflugkapitän den Zirkus einfach überfliegt. Und am besten offenbar der Poetin Linn Ullmann, auf deren selbstbewusste Auftritte im Dunstkreis zweier Weltstars wir weiterhin sehr gespannt sein dürfen.
Henning Mankell übrigens kennt den Prospero Bergman recht genau, weil der
auf Fårö so einsam lebt wie Wallander in Ystad. Hin und wieder begegnet dieser
ebenso melancholische wie hochsensible Polizist seiner Tochter Linda, die eine
Zeitlang fest entschlossen ist, Schauspielerin zu werden. Genug Talent hat sie,
und manche ihrer Projekte nehmen sich im Verlauf der Krimireihe aus, als sollten
sie Evas Bergmans Backa-Theater im wirklichen Leben bereichern...
Aber wir wissen es ja längst besser: Linda bleibt sie selbst und
wird doch wie Papa. Im letzten Wallander-Fall, "Vor dem Frost", beschreibt
Mankell das Vater-Tochter-Verhältnis so nuancenreich, tiefgründig und
bewegend, wie es womöglich nur ein Autor zu tun vermag, der aus dem
reichhaltigen Erfahrungsschatz des "Familienunternehmens" Bergman schöpft.
Link:
„Abschied in Nahaufnahme“: Die schwedische Porträtserie «3× Ingmar Bergman»
(über Marie Nyreröds Dokumentation
Bergman und der Film, Bergman und das Theater, Bergman und
Fårö,
Schweden 2003) und
"Europäischer
Filmpreis für Liv Ullmann", 11.12.2004
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