I.B. auf Römö, Foto:Marie Nyreröd SVT/Mit freundlicher Genehmigung (hf0108)

Ingmar Bergman am Strand von Fårö, 2003,
Photo: Marie Nyreröd SVT

Eckhard Weise

"Zirkus Bergman" - Ein Familienunternehmen
Der schwedische Meisterregisseur Ingmar Bergman hat es verstanden, fast jedes seiner neun Kinder künstlerisch an sich zu binden

(Auszug aus: DIE RHEINPFALZ-Nr.6, 08.01 2005)

> Jüngst klagte der berühmte Henning Mankell über seinen noch berühmteren Schwiegervater Ingmar Bergman, dass der nie vorbeikäme, um mal Hallo zu sagen und stattdessen lieber als Prospero auf seiner Insel versauere...
Die Worte des Erfinders von Kommissar Wallander klingen nach verletzter Liebe und untermauern die weit verbreitete Vorstellung vom Verhältnis des notorischen Nicht-Familienmenschen Bergman zu seiner Nachkommenschaft. Der schwedische Meisterregisseur selbst hat dieses "Familientableau" manches Mal bestätigt, in Wort und Bild.

   Ingmar Bergmans Töchter und Söhne wuchsen nie mit ihrem Vater auf. Selbst wenn er das gewollt hätte, die Zeit für sie hätte ihm gefehlt, war er doch viel zu beschäftigt als Bühnen-  und Leinwandregisseur, als Theaterleiter, als Schriftsteller... und reflektierte dennoch, so absurd es klingen mag, wiederholt gerade dieses väterliche Unvermögen.

Ingmar Bergman als Kind. Aus Marie Nyreröds Film "Ingmar Bergman,3 dokumentärer om film, teater, Farö och livet"

Ingmar Bergman als Kind.
Aus Marie Nyreröds Film "Ingmar Bergman,
3 dokumentärer om film, teater, Farö och livet"

  Der an Ibsen und Strindberg geschulte, scharfsichtige Analytiker familiärer Lebensverstrickungen hat die schwierige Beziehung seiner Eltern unter einander und zu ihren Kindern sprichwörtlich unter dem Vergrößerungsglas betrachtet - zuletzt in seiner autobiografischen Erzählung "Sonntagskinder".

  Im Angesicht seines Spätwerkes mag es so erscheinen, als interessiere sich Bergman nur für das unter puritanischer Strenge  leidende Kind Ingmar. Dieser Eindruck täuscht jedoch, wenn wir auf sein Gesamtwerk blicken. Elterliche Willkür, Lieblosigkeit und Gefühlskälte hat der einsichtige Künstler stets als Fluch verstanden, welcher - antiker Mythologie nicht unähnlich - von Generation zu Generation vererbt werde.
    In frühen wie späten Filmszenarien Bergmans lässt sich harsche Kritik entdecken an Eltern, die aus Eigensucht ihre Fürsorgepflichten vernachlässigen. Aufgrund mancher Übereinstimmung von Leben und Werk lesen sich Leinwand-Dramen wie "An die Freude" oder "Die Treulosen" wie Selbstanklagen des Autors; die dort als Nebenstränge innerhalb von Ehekonflikten behandelten Motive bündelt er einmal gar zu einem Themenkomplex: in "Herbstsonate"  prallen eine vorwurfsvolle Tochter und eine gewissenslose Mutter unversöhnlich aufeinander - abendfüllend.

Die vielleicht erschreckendste Selbstoffenbarung in einem Vater-Sohn-Konflikt gestaltet Bergman mit seiner letzten Filmarbeit, "Sarabande", in der sich das Scheidungspaar aus

Liebeserklärung an die Schauspieler: Ingmar Bergman mit seinem alter ego Erland Josephson als fürsorglicher Theaterdirektor und Lena Olin als Schauspielerin Anna  in "Nach der Probe" (1983). Photo: Arne Carlsson © Cinematograph & SF

Liebeserklärung an die Schauspieler: Ingmar Bergman mit seinem alter ego Erland Josephson als fürsorglicher Theaterdirektor und Lena Olin als Schauspielerin Anna in "Nach der Probe" (1983). Photo: Arne Carlsson © Cinematograph & SF

 "Szenen einer Ehe"  nach 30 Jahren wieder begegnet. Als Johan einst Frau und Kinder verließ, schien er noch von schlechtem Gewissen geplagt. Als Vater erleben wir diesen Johan jetzt wie befreit von jeglicher Reue. Auf sein Bekenntnis, ein miserabler Vater gewesen zu sein, hatte ein Sohn Bergmans einst geantwortet: "wieso ‚Vater'? Du warst nie einer!" Diese nie verheilte Verletzung lässt der Autor nun einen bitterbösen Johan im Dialog mit dessen Sohn Henrik memorieren, um noch eins draufzusetzen. Gnadenlos wendet Johan die Replik gegen Henrik: Seit Jahrzehnten habe dieser aufgehört, als sein Kind zu existieren.

   Die positivste Gestaltung der Beziehung eines Vaters zu seinen Kindern innerhalb von Bergmans Gesamtwerk kann im Fernsehspiel "Nach der Probe" entdecket werden. Erland Josephson erklärt als alternder Regisseur Vogler der jungen Hauptdarstellerin Anna seine Liebe zu den Schauspielern -  zu den attraktiven weiblichen ohne Frage, mehr noch aber versteht er diese Liebe als tiefe Zuneigung zu begabten Künstlern, deren "Instrument" zum Erklingen zu bringen er als seine  einzige Freude bezeichnet. "Ich biete dir Fürsorge und Zärtlichkeit von halb elf bis drei. Ich sorge dafür, dass das Publikum dich liebt", sagt der "Dirigent" zu Lena Olin in der Rolle der Schauspielerin, die seine Tochter sein könnte. Und als dieser Satz fällt, steht dem Theater- und Filmregisseur Bergman eine leibliche Tochter zur Seite - als Regieassistentin.

Schuldbewusstes Eingeständnis

Partnerschaftlichkeit und Väterlichkeit ausschließlich im Szenenraum entfalten zu können, dort aber umso segensreicher für diejenigen, die sich auf einen solchen Vorbehalt einlassen: Bergmans Botschaft wird verstanden als schuldbewusstes Eingeständnis, aber eben auch als Angebot. Nicht zuletzt von seinen Kindern - früher oder später. 
Tatsächlich haben alle neun Kinder ihr Instrument vor Aug' und Ohr des berühmten Vaters erklingen lassen, wenn manche auch nur kurz. Zwei von ihnen machen die Schauspielerei zum Hauptberuf. Und mit einer Ausnahme nähern sich Töchter wie Söhne der Profession des Vaters erstaunlich weit an.

"Abend der Gaukler": Zirkus Alberti gastiert in Ystad; links oben: Direktor Johansson (Åke Grönberg), davor: seine Geliebte Anne (Harriet Andersson). © Sandrew Metronome Distribution Sverige AB

"Abend der Gaukler": Zirkus Alberti gastiert in Ystad; links oben: Direktor Johansson (Åke Grönberg), davor: seine Geliebte Anne (Harriet Andersson). © Sandrew Metronome Distribution Sverige AB

Bergmans früher Film "Abend der Gaukler" thematisiert den klassischen Konflikt zwischen Künstler und Bürger, die Zerrissenheit zwischen Berufung und Familiensinn in Bildern von einzigartiger poetischer Kraft. Albert Johansson, Direktor eines kleinen Wanderzirkus', lebt und leidet für seine Artisten, sehnt sich zugleich nach geruhsamer Existenz und würde seiner jungen Geliebten Anne den Laufpass geben, nähme seine Frau Agda den Reumütigen wieder bei sich auf. Agda jedoch ist nicht bereit, die erlangte Eigenständigkeit im Leben mit den Kindern zu riskieren. Johansson bleibt gezwungen, seine Runden zu drehen.
   Dieses 1953 gedrehte Meisterwerk gestaltet alle Mühsal menschlichen Daseins, gleichwohl veranschaulicht es die von Bergman erfahrenen Lebensumstände unmittelbar und einleuchtend wie kaum ein anderes seiner Schlüsselwerke.

   Die Übereinstimmungen zwischen Johansson und Bergman sind so zahlreich wie Versuche, sie zu erfassen, und weitere wird die Bergman-Forschung gewiss noch ergründen.
Geht man indes den Unterschieden zwischen dem Zirkusdirektor und seinem Schöpfer nach, so erscheint Bergmans Familiensituation in einem Licht, das die in „Nach der Probe“ thematisierten "artistischen" Bande verdeutlicht.

Das Leben der Artisten

Als "Abend der Gaukler" entsteht, ist Bergman 35 Jahre alt, arbeitet hauptberuflich als Regisseur am Stadttheater in Malmö und lebt dort zusammen mit Freundin Harriet Anderson, der Darstellerin der Geliebten Johanssons. Er hat zu diesem Zeitpunkt drei Ehen hinter sich und sechs Kinder zu versorgen.

   Die Ehefrau von Zirkusdirektor Johansson lebt in der Stadt, kleinbürgerlich situiert und in strikter Abgrenzung zum Tingeltangel-Reich des Erzeugers ihrer wohlerzogenen Buben.
Bergmans Lebenspartnerinnen sind dagegen allesamt Teil seiner mittelgroßen Artistenwelt.
Else Fischer und Ellen Lundström als Choreografinnen, Gun Grut als Drehbuchautorin, Käbi Laretei als Pianistin. 
Harriet Andersson erlangt wie ihre Nachfolgerinnen in Bergmans Privatleben, Bibi Andersson und Liv Ullmann, Weltruhm als Schauspielerin im handverlesenen Filmteam der "Bergman-Family". Ingrid von Rosen wiederum betätigt sich als Topmanagerin des unermüdlich schaffenden Multitalents - bis zu ihrem Tode im Jahre 1995.

Kinder der Manege

Zu seinem 60.Geburtstag auf Fårö am 14. Juli 1978 versammelte Ingmar Bergman erstmals alle seine Kinder und Stiefkinder um sich.Von links oben: Daniel Bergman, Fredrik von Rosen, Ingmar Bergman jr., Mats Bergman, Jan Bergman, Ingmar Bergman, Ehefrau Ingrid von Rosen, Lena Bergman , Anna von Rosen, Caroline von Rosen, Maria von Rosen, Linn Ullmann, Anna Bergman, Eva Bergman  (vor Bergmans Haus in Dämba auf Fårö). Foto: Bertil Ericson. © dpa

Zu seinem 60.Geburtstag auf Fårö am 14. Juli 1978 versammelte Ingmar Bergman erstmals alle seine Kinder und Stiefkinder um sich.
Von links oben: Daniel Bergman, Fredrik von Rosen, Ingmar Bergman jr., Mats Bergman, Jan Bergman, Ingmar Bergman, Ehefrau Ingrid von Rosen, Lena Bergman , Anna von Rosen, Caroline von Rosen, Maria von Rosen, Linn Ullmann, Anna Bergman, Eva Bergman  
(vor Bergmans Haus in Dämba auf Fårö). Foto: Bertil Ericson. © dpa

Das Wiedersehen Johanssons mit seinen Söhnen gestaltet sich alles andere als herzlich; sachlich-höflich begegnen sie dem als Fremdling empfundenen Vater. Das ist eine Erfahrung, die Bergman wiederholt machen muss. Wahr ist aber auch, dass es ihm stets aufs Neue gelingt, seine Kinder Anteil nehmen zu lassen an seiner Arbeit als Künstler - in unterschiedlichen Bereichen, Situationen und mit unterschiedlicher Intensität.
Das Mitwirken in der väterlichen "Zirkustruppe" reicht von Kurzauftritten vor der Kamera über Co-Regie für Theater und Fernsehen bis hin zur eigenständigen Leinwandumsetzung eines Szenarios von Vater Bergman.

   Die Leinwandpräsenz von Bergmans ältester Tochter Lena als Statistin ist unscheinbar; unvergesslich aber bleibt ihre kleine Rolle als lebensfroh plappernde Zwillingsschwester in "Wilde Erdbeeren".

Puppentheater: Ellen Lundström, Ingmar Bergmans zweite Ehefrau, mit den gemeinsamen Kindern (v.l.): Jan, Eva, Mats und Anna (etwa 1952);.aus: B. Linton-Malmfors, Karins liv, Carlsson Bokförlag 2003

Puppentheater: Ellen Lundström, Ingmar Bergmans zweite Ehefrau, mit den gemeinsamen Kindern (v.l.): Jan, Eva, Mats und Anna (etwa 1952);.aus: B. Linton-Malmfors, Karins liv, Carlsson Bokförlag 2003

   Jan, Bergmans ältester Sohn aus der Ehe mit Ellen Lundström, bewegt sich erst spät auf den Wirkungskreis des Vaters zu, umso entschiedener bricht er mit bisheriger Existenzsicherheit. Nach Jahren im Dienst der Staatsbahnen  wechselt der Lokführer ans Theater. Er beginnt in der Provinz als Bühnentechniker; die Zusammenarbeit mit seinem Vater bei der Inszenierung von O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" ermutigt ihn zuletzt, als Regisseur weiterzuarbeiten. 1998, im Kulturhauptstadt-Jahr Stockholms, lassen sich Vater und Sohn mit Per Olof Enquists Erfolgsstück "Die Bildermacher" auf einen Wettstreit um die Gunst des Publikums ein: Ingmar inszeniert an seiner Hausbühne und Jan am "Riksteatern", der landesweiten Tourneebühne. Bald darauf erliegt der Jüngere einem schweren Krebsleiden.

   Jans Schwester Anna Bergman wiederum beginnt ihre Schauspielkarriere im Tingeltangel-Milieu der Jetztzeit: In den 70er Jahren sorgt sie als Aktrice in Softpornostreifen für manch hämische Schlagzeile. Als sie eine seriöse, wenn auch kleine Rolle im Kinovermächtnis ihres Vaters, "Fanny und Alexander", erhält, scheint sich ihr lebenslanger Traum zu erfüllen: endlich "Prinzessin in Ingmars Königreich"!
   In der Autobiographie "Inte Pappas Flicka" (Bin nicht Papas Mädchen) schildert Anna, wie ihr Leben geprägt wurde durch das Schicksal einer Scheidungsfamilie, in der die allein erziehende Mutter Ellen - künstlerisch ebenso engagiert wie der abwesende Vater-  nie wirklich Zeit hatte für die Kinder. Ins Zentrum ihrer Lebensbeschreibung rückt der Konflikt zwischen dem tiefen Verlangen nach heiler Familie und der beständigen Suche nach Selbstverwirklichung vor großem Publikum: Tagsüber erfüllte sie ihre Ehepflicht als Mutter und Hausfrau an der Seite eines Londoner Polizisten, nachts bereitet sie ihre Karriere als Fotomodell vor. Anna wird ungewollt zur Ideengeberin für den Mordanschlag auf den Bischof in "Fanny und Alexander", nachdem sie ihrem Vater gebeichtet hatte, wie sie sich vom verständnislosen Ehemann mit Hilfe von Rattengift befreien wollte.

Als fürsorglicher Sohn des jüdischen Krämers Jakobi hat Anna Zwillingsbruder Mats  in "Fanny und Alexander" eine Rolle von Format. Er kann als Berufsschauspieler von Angeboten heimischer Bühnen und Fernsehstationen gut leben, auch unter der Fuchtel des Vaters: Einen seiner größten Erfolge feiert Mats Bergman in dessen Inszenierung von Molières "Menschenfeind".

    24 Jahre leitete Eva Bergman das Göteborger "Backa Teater". Die Stadt ehrt sie 2002 für ihre engagierte Tätigkeit als "Göteborgerin des Jahres". Ihre Bühne ist Teil des Stadttheaters im schwierigen Sozialmilieu des Backa-Viertels und zielt auf ein Publikum, das sich in Alter und Herkunft vom traditionellen Bildungsbürgertum unterscheidet.

Proben am Göteborger "Backa Teater", Februar 2000: Eva Bergman inszeniert Henning Mankells Drama "Påläggskalven" über die Gefährlichkeit zunehmender Demokratie- und Fremdenfeindlichkeit in Schweden. Photo: Thomas Johansson. © Henning Mankell

Proben am Göteborger "Backa Teater", Februar 2000: Eva Bergman inszeniert Henning Mankells Drama "Påläggskalven" über die Gefährlichkeit zunehmender Demokratie- und Fremdenfeindlichkeit in Schweden. Photo: Thomas Johansson. © Henning Mankell

Ihre Einrichtungen von Shakespeare-Dramen - zuletzt ein arabischer "Sommernachtstraum" - werden ebenso gerühmt wie die rebellischen Stücke ihres Hausregisseurs Henning Mankell. Mit diesem, ihrem Gatten, teilt sie die knappe Freizeit, wenn es Mankell gerade nicht ans Teatro Avenida nach Maputo zieht. Doch auch Eva treibt es jetzt zu anderen Bühnen, so ans Dramaten, um ein Stück Erland Josephsons über die Begegnung unterschiedlicher Kulturen im Filmemachen zu inszenieren.

    Anna berichtet 1987 in "Inte Pappas Flicka" von einem heimlichen "Kind der Liebe" ihres Vaters, von dem sie lange Jahre nur den Nachnamen kannte: von Rosen.
Erst in diesen Tagen hat sich Bergman öffentlich zu seiner Tochter Maria bekannt. Ende der 50er Jahre hatte der damals mit Gun Grut  verheiratete Regisseur eine heftige Affäre mit der ebenfalls gebundenen Ingrid von Rosen. Und die gemeinsame Tochter erfährt erst als Erwachsene, wer ihr leiblicher Vater ist. Dieser hatte das literarische Talent seines heimlichen Kindes früh erkannt und gefördert. Maria schreibt Fernsehspiele, eine ganze Serie sogar, die ihre Halbschwester Eva 1993 verfilmt. Hauptberuflich jedoch arbeitet sie als Pflegehelferin.
Im Herbst 2004 hat sie zusammen mit Ingmar Bergman ein Buch herausgegeben, das die Konfrontation mit Ingrid von Rosens unheilbarer Krankheit beschreibt, und zwar in Tagebuchaufzeichnungen - ihren eigenen sowie denen ihrer sterbenden Mutter und ihres hilflos-furchtsamen Vaters. Dieses außergewöhnliche Buch, "Tre dagböcker", dokumentiert die Entfremdung von Vater und Tochter im Angesicht des Todes eines geliebten Menschen wie auch beider Versöhnung während der Textzusammenstellung als "Trauerarbeit".

Hoffnungsvolle Nachzügler

Der Filmwelt des Vaters in vielfältiger und enger Weise verbunden ist Daniel Sebastian, das Kind aus der Ehe mit der Musikerin Käbi Laretei. Daniel schafft es, zum Hauptdarsteller eines ganzen Bergman-Werkes zu werden - und das bereits vor Vollendung des zweiten Lebensjahres (im selten gezeigten Episodenfilm "Daniel"). Später geht der jüngste Sohn zum Vater in die Filmlehre. Seine ersten Kurzspielfilme geben ein verblüffendes Geschick zu erkennen, jugendliche Akteure zu führen. 1992 adaptiert er Vaters Drehbuch "Sonntagskinder". 
   In seiner Verfilmung von sechs Erzählungen Reidar Jönssons, "Svenska hjälter", begegnen sich die Helden einander in einer Beiläufigkeit, die an Altmanns "Short Cuts" erinnert. Mit dieser Bestandsaufnahme nationaler Befindlichkeit gelingt Daniel 1998 der Sprung an die Spitze der jungen Generation des schwedischen Kinos.
   Er dreht erfolgreich Videoclips und Fernsehkrimis (darunter einen nach Vorlage von Schwager Mankell), bis er das Genre radikal wechselt: in "Erste Priorität" dokumentiert Daniel Bergman in einem atemberaubenden kleinen Film über Mitmenschlichkeit die Arbeit von Krankenschwestern und Rettungs-Sanitätern im Alltag von Göteborg. (…)

Kinder vor der Kamera

Ingmar Bergman und sein Heimkino auf Fårö, 2003, Photo: Marie Nyreröd SVT

Ingmar Bergman und sein Heimkino auf Fårö, 2003,
Photo: Marie Nyreröd SVT

Ingmar Bergman  mit Daniel und Käbi Laretei im Garten ihrer Villa im Stockholmer Stadtteil Djursholm, 1963. Photo: Lennart Nilsson © Lennart Nilsson Photography

Ingmar Bergman mit Daniel und Käbi Laretei im Garten
ihrer Villa imStockholmer Stadtteil Djursholm,1963.
Photo: Lennart Nilsson © Lennart Nilsson Photography

Dreharbeiten zu "Schreie und Flüstern"; Herbst 1971. Die fünfjährige Linn in der Rolle der Tochter von Maria (Liv Ullmann; links). (c) Emma Paterson, The Wylie Agency (UK) Ltd & Linn Ullmann

Dreharbeiten zu "Schreie und Flüstern"; Herbst 1971.
Die fünfjährige Linn in der Rolle der Tochter von Maria
(Liv Ullmann; links). (c) Emma Paterson,
The Wylie Agency (UK) Ltd & Linn Ullmann

Linn Ullmann und Ingmar Bergman, ca. 2008 in der Kirche von Farö.  (c) Emma Paterson, The Wylie Agency (UK) Ltd & Linn Ullmann

Linn Ullmann und Ingmar Bergman,
in der Kirche von Fårö, anlässlich der
Eröffnung der Bergman-Woche am
27.06.2006 © Emma Paterson, The Wylie
Agency  UK Ltd & Linn Ullmann


Wie ihr Halbbruder Daniel hat auch Linn Ullmann, die Tochter Liv Ullmanns, im Vorschulalter ihren ersten Auftritt vor der Kamera des berühmten Vaters, in "Schreie und Flüstern". In "Herbstsonate"  spielt sie die von ihrer Mutter Liv verkörperte Tochter einer gefeierten Pianistin als Kind. In einer Rückblende erleben wir die elfjährige Linn, die als traurige Eva den Vater trösten muss, weil Mutter nie Zeit hat für die kleine Familie, denn sie ist wie immer auf Tournee und wohnt in der Musik...
   Linn scheitert später als Schauspielschülerin, und nach zehnjähriger Tanzausbildung glaubt sie nicht länger an eine Zukunft im Ballett. Die Tochter zweier Filmkünstler, die im Buchladen einer fabulierenden Großmutter aufwuchs, studiert  Literatur in New York und wird Journalistin.
   Sie nähert sich der Profession des Vaters in einem Bereich, den der Workaholic für sich erobert, als Film- und Theaterregie ihm zu beschwerlich werden. Im fortgeschrittenen Alter nämlich wird Bergman zum Epiker auch des geschriebenen Wortes.
Linn  arbeitet seit Jahren als Literaturkritikerin beim Osloer "Dagbladet" und landet mit ihrem ersten Roman, "Die Lügnerin", sogleich einen Sensationserfolg.
Bleibt der altersweise Romancier Bergman seiner Kinematographie verbunden, so bewegt sich seine jüngste Tochter stilistisch und motivisch auf diesen Filmkosmos zu.
   In "Die Lügnerin"  porträtiert die Erzählerin  Mitglieder einer skurrilen Familie in einem Raum zwischen Wahrheit und Phantasie;  doch mehr noch als für die sonderbaren Aktionen ihrer "Verwandten" interessiert sie sich für das, was diese aussprechen, andeuten, aussparen.
   Ihr zweiter Roman  sieht auf den ersten Blick aus wie ein Krimi, in dem das Personal Auskunft zu geben scheint auf die Frage, ob Stella, die unglückliche Heldin von "Wenn ich bei dir bin", aus Versehen oder mit Vorsatz vom Hochhaus in die Tiefe stürzte. In einer einzigartigen Zeitdehnung schildert Linn zwei Sekunden eines Lebens, Stellas Fall aus tödlicher Stille der Endlichkeit. In Reflexionen der Fallenden sowie von Menschen, die um sie sind, erfahren wir etwas über einsame Liebeshungrige, die sich verzehren vor Angst, den anderen "die ganze Zeit in Naheinstellung" sehen zu müssen.

Bergmans 56 m lange Trutzburg bei Hamars  auf Fårö, Photo: E. Weise 1993

Bergmans 56 m lange Trutzburg bei Hamars  auf Fårö, Photo: E. Weise 1993

Henning Mankell in seinem südschwedischen Sommerhaus

Henning Mankell in seinem südschwedischen Sommerhaus... Nach dem Tod seines Schwiegervaters wird er ein Drehbuch schreiben zu einer 4-teiligen TV-Serie über Bergman. Erzählen möchte er darin die Geschichte über den Preis, der zu zahlen gewesen sei von einem Künstler für seine Kompromisslosigkeit, zu zahlen aber auch von dessen Frauen und Kindern. In jedem Teil wird eine von Bergmans Ehefrauen im Mittelpunkt stehen, und mit jeder Folge werden die Kinder an Bedeutung gewinnen... © Henning Mankell

Porträt des Vaters

Die Selbstdarstellung eines väterlichen Freundes Stellas, des griesgrämigen Axel Grutt, liest sich wie ein kaum verschlüsseltes Porträt des in der Isolation verharrenden Vaters. Mit einem Instrumentarium, das beider Vorbild Ibsen verpflichtet ist, spürt die empathische Erzählerin den noch so verästelten Zeichen von Leben hinter den Masken eines  Schubertischen Leierkastenmannes nach, in ihrer Haltung zwischen Befremdung und Zuneigung schwankend.
Linns dritter Roman vertieft die Thematik von Elend und Würde im Alter. "Gnade", entstanden in der Zeit kurz nach dem Tode ihres Bruders Jan, ist geprägt von der Erfahrung unheilbarer Krankheit und beschreibt die Zeitspanne, die einem sterbenskranken Mann bleibt für Liebe, Versöhnung und Leben bis zum letzten Atemzug.

   Aus dem Schatten berühmter, stets beschäftigter Eltern zu treten, eigene Pfade einzuschlagen, ohne sich von ihren Zelten allzu weit zu entfernen, wem gelingt das wohl?

In unserem Fall am wenigsten Anna vielleicht - oder doch Daniel? Am unbeschwertesten gewiss Ingmar Jr., der als Linienflugkapitän den Zirkus einfach überfliegt. Und am besten offenbar der Poetin Linn Ullmann, auf deren selbstbewusste Auftritte im Dunstkreis zweier Weltstars wir weiterhin sehr gespannt sein dürfen.

   Henning Mankell übrigens kennt den Prospero Bergman recht genau, weil der auf Fårö so einsam lebt wie Wallander in Ystad. Hin und wieder begegnet dieser ebenso melancholische wie hochsensible Polizist seiner Tochter Linda, die eine Zeitlang fest entschlossen ist, Schauspielerin zu werden. Genug Talent hat sie, und manche ihrer Projekte nehmen sich im Verlauf der Krimireihe aus, als sollten sie Evas Bergmans Backa-Theater im wirklichen Leben bereichern...
   Aber wir wissen es ja längst besser: Linda bleibt sie selbst und wird doch wie Papa. Im letzten Wallander-Fall, "Vor dem Frost", beschreibt Mankell das Vater-Tochter-Verhältnis so nuancenreich, tiefgründig und bewegend, wie es womöglich nur ein Autor zu tun vermag, der aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz des "Familienunternehmens" Bergman schöpft.

Link: NZZ-online, Neue Zürcher ZeitungAbschied in Nahaufnahme“: Die schwedische Porträtserie «3× Ingmar Bergman»  (über Marie Nyreröds Dokumentation Bergman und der Film, Bergman und das Theater, Bergman und Fårö, Schweden 2003) und NZZ-online, Neue Zürcher Zeitung"Europäischer Filmpreis für Liv Ullmann", 11.12.2004

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