Franz Weinzettl

Zwischen Tag und Nacht
(Leseprobe aus: Zwischen Nacht und Tag (Residenz/2005, Edition Korrespondenzen)

Mit einem Blumenstock und einem Öllicht im Rucksack und der Armbanduhr, die seinem Vater gehört hatte, in der Jackentasche machte sich an einem Septembertag früh am Morgen ein Mann von seinem Elternhaus auf den Weg zu der viele Stunden Gehzeit entfernten Stelle, wo sein Vater als Vorarbeiter einer Straßenbaufirma vor mehr als zwei Jahrzehnten in einem Dränagegraben ums Leben gekommen war.
Wagner hatte die Uhr des Vaters erst vor einigen Wochen wieder entdeckt und trug sie seither als Glücksbringer, ein wenig auch als eine Art Kompass (wie um mit dessen Hilfe aus einem Labyrinth zu finden) bei sich und griff vor allem nach ihr, wenn ihn in der Nähe von Menschen, von einem Augenblick zum andern, die Angst überschwemmte, vor Schwäche nicht mehr weiter zu können und zusammenzusacken oder wie die Figur eines Zeichentrickfilms, die plötzlich entdeckte, dass sie längst schon keinen Boden mehr unter den Füßen hatte, im nächsten Moment in die Tiefe zu stürzen …

Rezension I Buchbestellung I home IV06 LYRIKwelt © Edition Korrespondenzen