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Delfinarium
(Zitat aus:
Delfinarium, Roman, 2009,
Mairisch Verlag).
1. Der Giraffeneffekt
Der Mann, der mir die Tür öffnet, ist kleiner als ich, aber
breiter gebaut. Sein Oberkörper sieht nach Hanteltraining aus
oder körperlicher Arbeit. Das karierte Hemd spannt darüber.
Sein Haar hat sich bereits gelichtet und ist zur Seite gescheitelt.
Er schaut mich prüfend durch das dicke Glas einer Brille
an, mit kleinen Äuglein, die zu lächeln beginnen, als ich ihm
meine Hand entgegenstrecke. Ich betrachte die beiden groben
Falten, die von seinen Nasenfl ügeln zu den Mundwinkeln
reichen und ihm das Aussehen eines jovialen Habichts
verleihen.
Gerade habe ich noch auf den Platten des Gehwegs gestanden,
zwischen denen Unkraut wucherte, und die Fassade des
Hauses abgesucht, konnte kein Zeichen von Leben entdecken.
Die Flucht der Straße auf der einen Seite von Bungalows mit
Firmenschildern gesäumt, in der Ferne das altmodische Gelb
einer Telefonzelle und das Rosa von Heckenrosen, auf der
anderen Seite die immer gleichen Reihenhäuser, eine verlorene
Idylle.
Ich hatte mein T-Shirt in die Hose gesteckt und mir einen
Ruck gegeben.
»Mein Name ist Martin«, sage ich, »wir haben telefoniert.«
Er greift nach meiner Hand und drückt sie kräftig.
»Hallo Martin, ich bin Henry, komm rein.«
Er zieht mich zu sich in den Flur.
Wir sind per Du. So schnell geht das.
Er ist deutlich älter als ich, ich hätte nie gewagt, ihn zu
duzen. Aber wenn er es so will, okay. Martin. Henry. Es ist
ein Missverständnis. Ich heiße Daniel und nicht Martin, ich
heiße Daniel Martin. Er heißt Henry. Gut. Für ihn bin ich
jetzt Martin. Martin, spreche ich innerlich vor mich hin. Ich
bin Martin. Es gefällt mir, es klingt gut. Es gefällt mir, Martin
zu sein. Es ist wie Urlaub von mir selbst. Zwischen Henry
und mir scheint das Eis gebrochen.
Ich folge ihm durch einen dunklen Flur, in dem es nach
Lederbekleidung riecht, ins Wohnzimmer.
In einem Kiefernsitzmöbel mit kariertem Bezug lässt er
mich Platz nehmen. Ich sehe mir die Aquarelle von bräunlichen
Baumgruppen an der Wand an. Er verschwindet aus
dem Raum und kommt kurz darauf mit einem Tablett zurück,
auf dem er zwei Gläser und zwei Dosen Tuborg-Bier balanciert.
Es ist kurz nach drei Uhr, aber ich beschließe, mich den
Sitten und Gebräuchen meines Gastgebers anzuschließen.
Henry setzt sich seitlich von mir in einen frei schwin -
genden Ledersessel. »So«, sagt er, öffnet das Bier. Er gießt uns
ein. Ich nutze die Zeit, um mich heimisch zu machen, es gibt
Kiefernregale, auf denen Gläser und Krüge und drei Bücher
stehen, ein Klavier in einer Ecke des Raumes neben einem
Deckenfl uter und ein Trimm-dich-Fahrrad, wie meine Großmutter
es hatte, als ich klein war. Vor dem Fenster breitet sich
verwilderter Garten aus. In der Mitte, umgeben von kniehohem,
ungemähtem Gras, steht eine Vogelskulptur. Ein großer
Vogel mit ausgebreiteten Schwingen, den Schnabel zum
Himmel emporgestreckt.
»Schöner Vogel«, sage ich. Henry lässt seinen Blick dem
meinen folgen und lächelt. Dann reicht er mir ein Glas hinüber
und wir stoßen an.
»So«, sagt Henry.
»Ja«, entgegne ich.
Wir sitzen uns gegenüber und lächeln. Da haben sich zwei
gefunden. Er hat Bierschaum auf der Oberlippe.
»Worum geht’s?«, fragt er mit echtem Interesse im Blick.
Die Frage bringt mich aus dem Konzept. »Die Anzeige«,
sage ich, »die Ausfl üge, Zoobesuche, ich möchte gerne mit
Ihrer Frau in den Zoo gehen, wir haben ja schon am Telefon
darüber gesprochen.«
Wer lässt einen Menschen in seine Wohnung und bietet
ihm Bier an, denke ich, ohne sich zu erinnern, worum es
geht?
Henry greift sich an die Brille und sieht auf seine Schuhe,
ich tue das Gleiche, er trägt fl auschige Hausschuhe und Tennissocken
mit einem roten und einem blauen Ring um die
Knöchel.
»Stimmt«, sagt er gedehnt, als sei das Wort auf seine Socken
gestickt und er könne es dort ablesen. Dann sieht er wieder
mich an.
»Was kannst du?«
Auf die Frage bin ich nicht vorbereitet. Ich bin irgendwie
davon ausgegangen, ich ginge einfach untergehakt mit einer
Frau spazieren, die sich von einer Gallenblasenoperation erholt
oder so was, ich müsse nichts weiter können. Wie Zivildienst,
hatte ich gedacht. Zivis müssen ja auch nichts können.
»Wie?«, frage ich.
»Meine Frau kann nicht sprechen«, sagt Henry.
Das konkretisiert seine Frage meiner Meinung nach kein
bisschen.
»Ist sie stumm?«, frage ich. Ich wundere mich, warum es
ihr dann hilft, durch den Zoo zu spazieren.
»Es gab einen Unfall«, sagt Henry. »Bei der Geburt unseres
Kindes verlor sie das Bewusstsein. Sie war weg, sie ist ins
Koma gefallen, aber bloß sieben Minuten.«
»Ah«, sage ich, etwas anderes fällt mir nicht ein. Ich trinke
einen kräftigen Schluck Bier.
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