Delfinarium von Michael Weins, 2009. Mairisch

Michael Weins

Delfinarium
(Zitat aus: Delfinarium, Roman, 2009, Mairisch Verlag).

1. Der Giraffeneffekt

Der Mann, der mir die Tür öffnet, ist kleiner als ich, aber

breiter gebaut. Sein Oberkörper sieht nach Hanteltraining aus

oder körperlicher Arbeit. Das karierte Hemd spannt darüber.

Sein Haar hat sich bereits gelichtet und ist zur Seite gescheitelt.

Er schaut mich prüfend durch das dicke Glas einer Brille

an, mit kleinen Äuglein, die zu lächeln beginnen, als ich ihm

meine Hand entgegenstrecke. Ich betrachte die beiden groben

Falten, die von seinen Nasenfl ügeln zu den Mundwinkeln

reichen und ihm das Aussehen eines jovialen Habichts

verleihen.

Gerade habe ich noch auf den Platten des Gehwegs gestanden,

zwischen denen Unkraut wucherte, und die Fassade des

Hauses abgesucht, konnte kein Zeichen von Leben entdecken.

Die Flucht der Straße auf der einen Seite von Bungalows mit

Firmenschildern gesäumt, in der Ferne das altmodische Gelb

einer Telefonzelle und das Rosa von Heckenrosen, auf der

anderen Seite die immer gleichen Reihenhäuser, eine verlorene

Idylle.

Ich hatte mein T-Shirt in die Hose gesteckt und mir einen

Ruck gegeben.

»Mein Name ist Martin«, sage ich, »wir haben telefoniert.«

Er greift nach meiner Hand und drückt sie kräftig.

»Hallo Martin, ich bin Henry, komm rein.«

Er zieht mich zu sich in den Flur.

Wir sind per Du. So schnell geht das.

Er ist deutlich älter als ich, ich hätte nie gewagt, ihn zu

duzen. Aber wenn er es so will, okay. Martin. Henry. Es ist

ein Missverständnis. Ich heiße Daniel und nicht Martin, ich

heiße Daniel Martin. Er heißt Henry. Gut. Für ihn bin ich

jetzt Martin. Martin, spreche ich innerlich vor mich hin. Ich

bin Martin. Es gefällt mir, es klingt gut. Es gefällt mir, Martin

zu sein. Es ist wie Urlaub von mir selbst. Zwischen Henry

und mir scheint das Eis gebrochen.

Ich folge ihm durch einen dunklen Flur, in dem es nach

Lederbekleidung riecht, ins Wohnzimmer.

In einem Kiefernsitzmöbel mit kariertem Bezug lässt er

mich Platz nehmen. Ich sehe mir die Aquarelle von bräunlichen

Baumgruppen an der Wand an. Er verschwindet aus

dem Raum und kommt kurz darauf mit einem Tablett zurück,

auf dem er zwei Gläser und zwei Dosen Tuborg-Bier balanciert.

Es ist kurz nach drei Uhr, aber ich beschließe, mich den

Sitten und Gebräuchen meines Gastgebers anzuschließen.

Henry setzt sich seitlich von mir in einen frei schwin -

genden Ledersessel. »So«, sagt er, öffnet das Bier. Er gießt uns

ein. Ich nutze die Zeit, um mich heimisch zu machen, es gibt

Kiefernregale, auf denen Gläser und Krüge und drei Bücher

stehen, ein Klavier in einer Ecke des Raumes neben einem

Deckenfl uter und ein Trimm-dich-Fahrrad, wie meine Großmutter

es hatte, als ich klein war. Vor dem Fenster breitet sich

verwilderter Garten aus. In der Mitte, umgeben von kniehohem,

ungemähtem Gras, steht eine Vogelskulptur. Ein großer

Vogel mit ausgebreiteten Schwingen, den Schnabel zum

Himmel emporgestreckt.

»Schöner Vogel«, sage ich. Henry lässt seinen Blick dem

meinen folgen und lächelt. Dann reicht er mir ein Glas hinüber

und wir stoßen an.

»So«, sagt Henry.

»Ja«, entgegne ich.

Wir sitzen uns gegenüber und lächeln. Da haben sich zwei

gefunden. Er hat Bierschaum auf der Oberlippe.

»Worum geht’s?«, fragt er mit echtem Interesse im Blick.

Die Frage bringt mich aus dem Konzept. »Die Anzeige«,

sage ich, »die Ausfl üge, Zoobesuche, ich möchte gerne mit

Ihrer Frau in den Zoo gehen, wir haben ja schon am Telefon

darüber gesprochen.«

Wer lässt einen Menschen in seine Wohnung und bietet

ihm Bier an, denke ich, ohne sich zu erinnern, worum es

geht?

Henry greift sich an die Brille und sieht auf seine Schuhe,

ich tue das Gleiche, er trägt fl auschige Hausschuhe und Tennissocken

mit einem roten und einem blauen Ring um die

Knöchel.

»Stimmt«, sagt er gedehnt, als sei das Wort auf seine Socken

gestickt und er könne es dort ablesen. Dann sieht er wieder

mich an.

»Was kannst du?«

Auf die Frage bin ich nicht vorbereitet. Ich bin irgendwie

davon ausgegangen, ich ginge einfach untergehakt mit einer

Frau spazieren, die sich von einer Gallenblasenoperation erholt

oder so was, ich müsse nichts weiter können. Wie Zivildienst,

hatte ich gedacht. Zivis müssen ja auch nichts können.

»Wie?«, frage ich.

»Meine Frau kann nicht sprechen«, sagt Henry.

Das konkretisiert seine Frage meiner Meinung nach kein

bisschen.

»Ist sie stumm?«, frage ich. Ich wundere mich, warum es

ihr dann hilft, durch den Zoo zu spazieren.

»Es gab einen Unfall«, sagt Henry. »Bei der Geburt unseres

Kindes verlor sie das Bewusstsein. Sie war weg, sie ist ins

Koma gefallen, aber bloß sieben Minuten.«

»Ah«, sage ich, etwas anderes fällt mir nicht ein. Ich trinke

einen kräftigen Schluck Bier.

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