Fräulein Schnitzler von Gabriele Weingartner, 2006, Haymon

Gabriele Weingartner

Fräulein Schnitzler
(Leseprobe aus: Fräulein Schnitzler, Roman, 2006, Haymon)

Ihr Vater hätte sie vor ihrem Unglück bewahren müssen, hätte stärker sein sollen als die Frauen in seiner Familie, dachte Lili und fürchtete sich davor, daß bald eine Kirchenglocke anschlug oder ein Sterbeglöcklein anfing zu bimmeln. Stärker und bedachter hätte er sein müssen als alle, die so rasch und widerstandslos dem Charme des schwarzen capitano verfielen.
Er hätte mich vor mir selbst beschützen müssen, er wußte doch, wie es in meinem Kopf zuging, wie oft hat er behauptet, er könne meine Gedanken lesen. Meine chaotischen Gedanken, meine gescheiten Gedanken, meine hüpfenden Gedanken, meine Gedankenfäden, die sich weiter- und weiterspinnen. Er sah doch immer voraus, wie die Geschichten ausgingen. Warum hat er sich meine Geschichte nicht vorstellen können?

In seinen Geschichten war Papa wie Gott. Aber sein eigenes Leben und das von Lili wollte oder konnte er nicht beeinflussen. Es gelang ihm weder, seine Ehe zu retten, noch seine Tochter vor ihrem Verderben zu schützen. Dabei hätte er doch wissen müssen, daß sie noch nicht erwachsen war. Daß sie überhaupt nie erwachsen sein würde und es auch nicht mehr werden könnte, nun, da sie ungewollt schwanger geworden war. Selbst wenn sie sich das Kind wünschte, hätte sie ja nie die Kraft, es auf die Welt zu bringen, sie würde sich zu Tode pressen und innerlich daran ersticken. Papa hätte erkennen müssen, daß es Lilis Verhängnis war, älter zu scheinen, als sie war, von Anfang an. Daß seine Tochter klug war, aber auch dumm. Raffiniert, aber auch ungeschickt in ihren Gefühlen. Und daß sie irgendwann nur noch den Schein aufrechterhalten wollte, weil es darunter moderte und das Elend ihr alle Knochen zerfraß.
Das Gegenteil aber war geschehen, ihr Vater hatte nicht eingegriffen. Lili war Lili im Tempel geblieben, hübsch, intelligent und frühreif, und auf den Schößen der alten Männer wurde sie immer frühreifer, ohne jemals zur Reife zu gelangen. Schon wie ein ganzes Fräulein sähe sie aus, riefen die Besucher in der Sternwartestraße bei ihrem Anblick, da war sie aber erst elf oder zwölf. Und die jungen und schlanken Frauen vom Burgtheater boten ihr nicht nur einmal an, ihre Tanzkleider anzuprobieren oder ihre Schuhe, um damit eine Modenschau zu veranstalten. Nur vergaßen sie leider immer, was sie versprochen hatten, so daß es nie dazu kam. Und Lili schalt sich dafür, daß sie ihnen glaubte, wenn sie ihr das nächste Mal Komplimente machten. Nur das fade Fräulein Stritzinger, die Nachfolgerin Wuckis, hatte jedesmal Lili, du bist doch noch ein Kind gesagt, wenn sie sie im Türkenschanzpark beim Rendezvous mit Ernst, einem Studenten aus dem Institut für Bodencultur, ertappte. Wirklich Lili, leichtsinnig bist du und weißt nicht, was du riskierst.
Irgendwann hatte sie sich dann Arnoldo mitgebracht, diesen gutaussehenden gondoliere, wie ihn Papas Freunde nannten, diesen eleganten Milizionär mit dem kantigen Söldnergesicht, diesen Colleoni ohne Pferd und Rüstung. Er erlöste sie aus ihrer Unentschiedenheit. Ein Italiener könnte mir gefährlich werden, hatte Papa das Fräulein Else sagen lassen, wenige Minuten bevor sie den verhängnisvollen Brief erhielt, der zu ihrem schrecklichen Sterben führte. Sicher, manchmal war Else trotz all ihrer Gescheitheit eine dumme Gans. Aber Papa bewies damit einmal mehr, daß er die Wünsche der Frauen kannte. Auch wenn er darüber lächelte, sie wohl nie vollständig ernst nahm. Konnte er überhaupt etwas ohne Ambivalenz sagen? Lili glaubte zu wissen, daß er dann lieber in Schweigen verfiel. Er hätte ja zu deutlich werden können. Zu eindeutig. Er hätte sich ja verraten können. So mußte Arnoldo dafür sorgen, daß Lili erwachsen wurde, niemand konnte ihm dies verübeln. Er machte wenigstens den Mund auf, war streng und heftig zu ihr. Und meinte immer, was er sagte.

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