Die Königsdame von Sabine Weigand, 2007, Krüger

Sabine Weigand

Die Königsdame
(Leseprobe aus: Die Königsdame, Roman, 2007, Krüger)

Dresden, Oktober 1747

Der Große Garten vor den Toren der Stadt lag im warmen Sonnenlicht.
Es war einer dieser goldenen Herbsttage, an denen die
Natur noch einmal in aller Schönheit erstrahlt, bevor die tristen,
düsteren Nebel und kalten Schauer des Spätherbstes den Winter
ankündigen. Rote und gelbe Blätter tanzten im Gras unter den
alten Bäumen, ein milder Wind trieb das Laub über die Wiesen,
und die Eichhörnchen vergruben geschäftig ihre Vorräte. Selbst die
Goldfische in den Teichen überwanden noch einmal ihre einsetzende
Winterträgheit und schnappten großmäulig nach den letzten
Wasserläufern. Am hellblauen Himmel war kein einziges Wölkchen
zu entdecken.
Die schwarze Reisekutsche rollte die von Skulpturen gesäumte
Hauptallee entlang, vorbei an den herrlichen Vasenplastiken am
Eingang, dem heiter plätschernden Mosaikbrunnen und der wilden
Kentaurengruppe. Die wenigen Spaziergänger und Reiter, die sich
im Park verlustierten, sahen dem Gefährt neugierig nach. Es trug
ein Wappen an der Seite, das zu Dresden unbekannt war, russisch
vielleicht, schwedisch oder gar spanisch. Der König hatte wohl
wieder ausländischen Besuch, was zwar nicht mehr so oft vorkam
wie zu Zeiten seines seligen Vaters, des starken August, aber immerhin
war die sächsische Hauptstadt für den europäischen Adel
auch jetzt noch eine Fürstenresidenz von Rang.
In Sichtweite des Gartenpalais, das im Zentrum des Parks lag,
gabelte sich der Weg, und der alte Kutscher lenkte seine beiden
Grauschimmel nach rechts. Beim ersten der beiden Kavaliershäuser,
die ganz in der Nähe des Lustschlösschens lagen, hielt er sein
Gefährt an, sprang etwas steifbeinig ab und öffnete den Schlag. Der
Kalesche entstieg eine vornehme Dame von edler Haltung, ganz in
einen nachtblauen Umhang gehüllt, der mit schimmerndem Nerz
verbrämt war. Sie war nicht mehr jung; ihr zu einer kunstvollen
Frisur hochgestecktes rabenschwarzes Haar wurde von vielen sil8
bergrauen Strähnen durchzogen. Auffälliger noch als die Tatsache,
dass sie keine Perücke trug, ja, nicht einmal die Haare gepudert
hatte, war der fremdländische Schnitt ihrer Züge: hohe Wangenknochen,
mandelförmige Augen, ein schmaler, feiner Mund. Und
obwohl sichtbare Fältchen ihr Gesicht durchzogen, trug sie keine
Schminke, kein Wangenrot, kein Brauenschwarz.

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