Fes von Stefan Weidner, 2006, Ammann

Stefan Weidner

Fes
(Leseprobe aus: Fes, Roman, 2006, Ammann)

Eine schöne junge Frau muß auftauchen, um R. aus seinen Betrachtungen zu reißen. Sehr schön und sehr jung, fast noch ein Mädchen, und doch sicher keines mehr. Was macht so eine in der Buchhandlung, fragt er sich. Zu einem kurzen, kräftigen Zopf gebündeltes, glänzendes, pechschwarzes Haar. Zweifellos Marokkanerin: zu dunkle Haut für eine Französin, Berberprofil, und die coole Freizügigkeit, wie sie ihm schon auf den wenigen Metern vom Hotel zur Buchhandlung bei den jungen Frauen aufgefallen ist, krasser noch als in Rabat. Zu zweit sausen sie mit wehenden Haaren und kurzen Röcken auf einem Moped über die Kreuzung, führen ihre Handtaschen spazieren oder telefonieren scheinbar konzentriert, und wenn er ihnen direkt ins Gesicht schaut, blicken sie sogleich auf und unverhohlen zurück, so daß er es nicht wagt, länger hinzuschauen, sonst fühlte er sich gleich verwickelt mit ihnen.
Die hier hat die Augenbrauen elegant auf zwei dünne Striche zusammengezupft, ihre Lider dezent blau-rosa gefärbt und die kräftigen Wangenknochen mit einem zarten Rouge betont. Zwischen neunzehn und zweiundzwanzig, schätzt er. Verteufelt enge Bluejeans, kurz, den schmalen Unterschenkel bis zu der Höhe preisgebend, wo die Achillessehne sacht zum Muskel sich auswächst. Die Sonnenbrille hat sie in die Haare gesteckt, ein Modell nach der Mode der ersten Welt aus der letzten Saison: global typische Schwellenlandmodeverspätung. Das nach wie vor auch in westlichen Breiten übliche, dort freilich ins proletarische Milieu herabgestufte Handtäschchen (rosa!) hält sie eng unter die linke Achsel gepreßt und hebt dadurch schlau ihre kleinen Brüste hervor.
R. beschließt, sich von ihr führen zu lassen. Sie schlendert zwischen den Büchertischen, als wären es Blumenbeete, und scheint nichts Bestimmtes zu suchen. Vermutlich vertreibt sie sich die Zeit bis zu einem Rendezvous oder sucht ein Geschenk für eine Freundin. Bei den Stapeln mit den modernen Dichtern bleibt sie stehen. Wenn er sie anreden wollte, wäre das jetzt ein guter Moment, denn bei den Dichtern kennt er sich aus. Doch was will er von ihr? Sie hebt einen der kleinformatigen Bände mit Liebesgedichten von Nizar Qabbani hoch. R. erinnert sich an die Verse, die er einmal übersetzt hat:

Der Alhambra Tor war zum Treffen erkoren,
Wie süß, daß ohne Planung man sich traf
Zwei schwarze Augen, aus denen Fernen geboren,
Bist du Spanierin? Habe ich gefragt,
In Granada geboren, hat sie gesagt.

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