Katalog von Allem von Pdeter K. Wehrli, 2008, Ammann

Peter K. Wehrli

KATALOG DER 134 WICHTIGSTEN BEOBACHTUNGEN WÄHREND EINER LANGEN EISENBAHNFAHRT
(Leseprobe aus:
Katalog von Allem, 2008, Ammann).

13. das Blättern
das suchend unsichere Blättern des Schalterbeamten im Bahnhof Zürich in Preislisten und Streckenverzeichnissen, weil er nur selten eine solche Fahrkarte ausstellen muß.

14. der Soldat
der Soldat, der, welkgrün und eigentlich wie ein guter Soldat aussehend, sein Gewehr mit uns weiterfahren läßt, als er in Goeschenen aussteigen muß.

15. der Zeiger
das ratlose Drehen am Uhrrädchen, um den Zeiger eine Stunde vorzustellen, weil die Uhr im Schweizer Teil des Bahnhofes Chiasso 10 Uhr 23 zeigt, jene im italienischen Teil aber 11 Uhr 23; ratlos deshalb, weil ich, immer wenn ich dies tue, nie weiß, ob ich eine Stunde gewinne oder verliere - aufs Ganze gesehen.

16. die Aufhebung
die von den Fahrgästen selber unternommene Aufhebung der Unterteilung in Raucher- und Nichtraucherabteil, kaum daß der Zug Schweizer Boden verlassen hat.

17. das Kinderbuchklischee
das, weil es Kinderbuchklischee geworden ist, beileibe nicht mehr erwartete (aber nun doch gesehene und notierte!) Lagerfeuer im Zigeunerlager am Bahngeleise vor Brescia.

18. der Tempel
der kulissenrein getünchte Tempel, welcher der Bahnhof von Lomazzo ist, wobei mich weniger der Tempelbahnhof verblüfft als vielmehr die Art, in der er sekundenschnell wie auf einer Kinoleinwand im Fensterrahmen aufblinkt.

19. die Aneinanderreihung
die aus der Aneinanderreihung von Stimmbandexplosionen bestehende Stimme des Gelativerkäufers, der einzigen als auffallend wahrgenommenen Person im Bahnhof von Verona, wobei zu sagen ist, daß es die Stimme ist, die diese Person auffallend macht.

20. der Schorf
der Schorf auf der Oberfläche der Erde nach Monfalcone, von dem mir einer sagt, man nenne das Karst.

21. das Mädchen
das verstörte Mädchen, das sich im Bahnhof Triest über Berge eigenen Gepäcks in den Korridor des Wagens kämpft und etwa zehn Mitreisende fragt: »Mosca?, Moscou?, Moskau?, Moskow?, Moskwa?«,
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und das anschließende verhetzte Verlassen des Wagens durch dasselbe Mädchen.

22. die Mutter
die gestiefelte Mutter in Zöllneruniform, die mit energischem Balkangesicht im Bahnhof Sezana die verlassen im Korridor stehenden Gepäckstücke eigenhändig öffnet und, gar nicht sorgsam, darin herumwühlt, dies offenbar, ohne sich verpflichtet zu fühlen, die herumfliegenden Wäschestücke wieder in den Koffern zu verstauen.

23. die Laute
die unverständlichen reibenden Laute, die im Bahnhof Ljubljana aus dem Lautsprecher poltern, und meine Feststellung, daß fremde Sprachen aus Lautsprechern im fremden Land viel fremder klingen als aus dem Radiolautsprecher zu Hause; am fremdesten tönen sie bei Nacht.

24. der Schweizer Franken
die Jugoslawin, die mir sagt: »Schweizer Franken müßte man haben, nicht Dinars. Mit Ihrem Geld ist überall alles billig«,
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und mein Bedauern, daß ihre Feststellung nur stimmt, wenn man Geld hat.

25. der Schlafwagen
der Satz einer anderen Jugoslawin, die, nachdem der Schlafwagen im Bahnhof Zagreb abgehängt worden war, zu mir sagte: »Schöne neue Wagen sind nichts für Belgrad und die Leute weiter unten im Balkan; die wissen schöne neue Wagen gar nicht zu schätzen«, und die mir erst viel später einfallende Antwort, die Leute wüßten schöne neue Wagen vielleicht nur deshalb nicht zu schätzen, weil die schönen neuen Wagen in Zagreb abgehängt werden.

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