DAS BILD DES PROFESSORS
(ein neuromantisches Märchen)
Aufgrund der begeisterten Akzeptanz und einer damit verbundenen Überfüllung des ohnehin geräumigsten Hörsaales, so daß die Studenten der Kunstakademie scharenweise hatten abgewiesen werden müssen, entschloß sich Professor Eugéne Hasenhündl, die Vorlesung über das Bild auf ein zweites Semester auszudehnen.
Der Professor, ein international anerkannter Spezialist für Gemälde der frühen Romantik und selbst ein charismatischer Künstler, besaß die Fähigkeit, jedem Detail, sogar jenen, die oft in der Schwärze der Bildränder scheinbar verschwanden, quirliges Leben einzuhauchen und zusammen mit den für das oberflächliche oder ungeschulte Auge zentralen Figuren oder dem Landschaftscharakter als gleichbedeutend tragende Elemente des Gesamtkunstwerkes, ohne die dieses jegliche Wirkung verlöre, so ins Bewußtsein der Betrachter zu rücken, daß sie am Ende glaubten, von einer schweren Augenkrankheit geheilt worden zu sein und ihrem Herrn und Meister dieses auf vielfältigste Art zu danken bereit gewesen wären.
Der Professor jedoch wollte keinen Dank im herkömmlichen Sinn, weder die mehr als platonische Bewunderung schmachtender Studentinnen noch die Zuwendung in Form von Geschenken bis hin zu unverblümt angebotenen Geldzuwendungen.
Letzteres wies er beständig und mit aufrichtiger Entrüstung weit von sich und war dann lange Zeit nicht ansprechbar. Ob Dank oder nicht - der schnöde Mammon zerstöre die Welt, äußerte er bedrückt, wenn er wieder einigermaßen in diese zurückgefunden hatte.
Dank sei für ihn, so pflegte er dann, auch in Situationen gespanntester Versuchung, zu erklären, seine Arbeit, die gleichzeitig Passion sei, in ähnlicher Form zu würdigen wie er es selbst tue.
Er war also ein hochethisch denkender und gleichzeitig entsprechend handelnder Mensch; Gedanke, Wort und Tat eine unlösbare Einheit, eine ausgesprochene Seltenheit.
In der Regel schenkte er seine Aufmerksamkeit und Hingabe, freilich in differenzierter Form, allen Werken, mit denen er sich auseinandersetzte. Nicht anders als der gerechte Vater, der keines seiner vielen Kinder bevorzugt oder ablehnt, wenngleich es ihm bisweilen schwerfiel, aus der seelenwärmenden Sonne der Zeit der frühen Romantik herauszutreten und sich vorübergehend in die Schatten von Werken anderer Epochen und Stile zu versenken.
Und selbst in seine passionierte Liebe zu dieser frühen Romantik hatte sich, wie Kenner plötzlich erstaunt feststellen mußten, eines Tages eine eigenartige Favorisierung geschlichen, die Favorisierung eines einzigen Gemäldes, das ihn offenbar so fesselte, daß er es auf zarten, fürsorglichen Händen in ein weiteres Semester hinübertrug, wie schon angeführt.
Da er ein Lehrer war, der seinen Auftrag ernstnahm, versuchte er, den Unterricht nicht seiner Schwärmerei zu unterwerfen, der er sich wohl bewußt war. Die Schüler sollten vielmehr zunächst auf rationale Weise an die Kunst herangeführt werden und dann selbst entscheiden, ob sie an den Gestaden seiner schäumenden Begeisterung baden wollten.
So hielt er seine Vorlesungen während der ersten Phase in der herkömmlichen akademischen Art. Farbmischung und Farbauftrag, Pinselführung, maltechnische Details; ein Exkurs in die Epoche und deren geistigen Hintergrund wie gesellschaftliche und politische Verhältnisse; philosophische Strömungen, insbesondere die weniger bekannten, die landläufig als Geisteskrankheiten oder sonstiger Irrwitz verschrieen waren.
In diesem Fall Einzelheiten aus dem Leben und der Weltanschauung des Künstlers. Zum Beispiel, daß dieser einige Monate eingesperrt gewesen sei.
Da wußte Eugéne Hasenhündl sich zu echauffieren.
Zu Unrecht, meine Damen und Herren! Ein großes Unrecht war dem Manne widerfahren, glauben Sie mir. Die Neider, die Neider, die ärgsten Feinde des Genius!
Vor diesem Hintergrund begann er, sachte hinanzuschweben in eine Poetik, die ihm, nachdem die Studenten es gemerkt hatten, keiner zugetraut hätte: Das Gemälde entstand, ausschließlich verbal in herrlichste, opulente, lebenssprühende und kaum an Aussage zu übertreffende Maximalattribute gekleidet, strahlend vor ihren Augen und Ohren vollkommen neu, als hätte es vorher nie existiert.
Dabei existierte es zwar objektiv, jedoch nicht subjektiv im Hörsaal, denn sie hatten es, bis auf einige besonders Eifrige, die sich über die regulären Studientermine hinaus mit ihrer angestrebten Berufung identifizierten und deshalb alle verfügbaren Kataloge studierten, bis sie das Bild endlich fanden, auf welches die leidenschaftliche Beschreibung ihres Professors zutraf, noch nicht mit eigenen Augen gesehen.
Alsdann, auf dem längst ausgereizten und deshalb bereits siedenden Höhepunkt der Spannung, als die Hörer spürbar unruhig zu werden begannen, ließ Professor Eugéne Hasenhündl ein verhülltes Etwas in den Hörsaal transportieren, und die zum Bersten aufgeheizte Atmosphäre drohte sogleich die hohen Fenster aus ihren Rahmen zu drücken.
Jetzt sei der Augenblick gekommen, endlich würde das Geheimnis, das schier unerträglich auf den Gemütern lag, ihnen schlaflose Nächte und unruhige Tage beschert habe, gelüftet, ging ein ehrfürchtiges Raunen aus stupide aufgerissenen Mäulern durch den Saal.
Der Professor spürte das sehr wohl, und zum Herzensschmerz der Studenten riß er die Verhüllung so achtlos von dem Gemälde, als handele es sich um Werbung von einer Plakatsäule.
Aus dem Raunen wurden mit einem Schlage Rufe der Verzückung, donnernder Applaus brandete auf, Köpfe suchten sich zu überrecken, was nicht ohne Knuffen und Stoßen abging, und Weinkrämpfe hochsensibler Studentinnen erschütterten selbst die Hartgesottenen, nachdem das Gemälde in seiner Herrlichkeit sichtbar wurde.
Nach Indianerart wurden Hände wie Schirme über die Augen gehalten, damit man ein ungeblendetes Sichtfeld habe.
Unwirsch wehrte der Professor ab, und die Enttäuschung in seinem Gesicht war nicht zu übersehen.
Meine Damen und Herren, wie ich sehe, müssen Sie noch sehr viel lernen. Diese Ignoranz ist erschütternd...
Er wendete sich kurz ab, und seine Schultern zuckten. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt. Zornig fuhr er herum.
Was Sie hier sehen, ist doch nicht das Original! Wie käme ich dazu, Ihnen jetzt schon das Original vorzuführen? Wir sind doch nicht im Kino oder auf dem Jahrmarkt. Und das Gemälde ist kein Andy Warhol oder anderer vergleichbarer Unrat. Zugegeben, und deshalb sei Ihnen vorerst verziehen: Es ist eine sehr gut gearbeitete, maßstabsgetreue Kopie, und wir können daran sehen, daß es hervorragende Kollegen gibt, die ihr Handwerk beherrschen. Aber, sehen Sie nur hin! Es kann nicht das Original sein. Wer mir bisher zu folgen in der Lage war, muß das sehen. Und wer es nicht sieht, ist hier fehl am Platze, damit wir uns nur verstehen.
Augenblicklich verstummten alle Regungen.
Zu Tode beschämt ließen die aus ihren Gefühlskorsetten geplatzten Studentinnen klammheimlich ihre Taschentücher verschwinden, trugen erstaunlicherweise von einer Sekunde auf die andere eine kritische, hoffärtige Miene zur Schau, rümpften die rotgeriebenen Näschen und Äuglein und begannen, auf plötzliche Änderungen der Lebenumstände von Jugend an gründlichst vorbereitet, umgehend eine Diskussion zur fachkundigen Beurteilung gängiger Kopierkriterien und deuteten, dabei zur eigensichernden Kontrolle verstohlen auf den Professor blickend, mit gespreizten Finger hin zur Kopie.
Hier sei permanent zu dick aufgetragen, dort ein Pinselstrich dem Künstler weit entglitten, ja, zu einem Pinselstreich geworden, hier die Farbmischung, für unerfahrene oder dilettantische Augen freilich betörend, geradezu pervers unnatürlich. Immer die gleichen Fehler, die letztlich jede Kopie entlarvten, sei sie noch so gut.
Der Professor beruhigte sich vollends und überließ das Werk vorläufig der schonungslosen, beißenden Zerpflückerei, obwohl er genau wußte, was da jetzt für Humbug geschwätzt wurde.
Die scheinbare Beruhigung aber gebar neues Ungemach, von dem die plappernden Schüler nichts ahnen konnten.
Hatte alles überhaupt einen Sinn? Wieviele dieser sogenannten Studierenden der Kunst begriffen, worum es ging? Um die Kunst ging es, die Kunst schlechthin.
Diese Knilche und Schnepfen aber wollten nur berühmt und reich werden, ja, auf Ausstellungen durch und mit sich selbst glänzen, würden schließlich jede Bodenhaftung verlieren und sich eines Tages lächerlich machen.
Zu ihrer Verteidigung würden sie vorgeben, sie hätten doch bei ihm, Professor Eugéne Hasenhündl, studiert, und damit käme die Schmach auch über ihn.
Da saß er, den Kopf in die Hände gestützt, in tiefer Resignation, die kurz davor war, in süßer Verzweiflung aufzugehen.
Endlich gab er sich einen Ruck und entschloß sich, für immer die Spreu vom Weizen zu trennen, so schwer es ihm auch fallen würde. Die Ehre der Kunst verlangte es von ihm. Zum Ende des Semesters würde er den Schritt tun.
Gebeugt vom Elend erhob er sich schwerfällig und tat seine Pflicht. Lieblos, beinahe tonlos, mit leeren Augen und zittrigen Fingern, die keinen Halt fanden, ja, nicht finden wollten an der Kopie.
Die Schüler deuteten sein Verhalten ausnahmslos als Tribut seiner eigenen Unwürdigkeit an den Künstler, wenn der auch nur ein Kopist war. Das Original mußte ihm vorschweben, dem Professor, daher seine Hilflosigkeit, dachten sie mitfühlend, und etliche aus dem Kreis der Eifrigen traten zögernd heran, ihn zu stützen. Der Professor wollte es ihnen danken, besah sie prüfend, prägte sich ihre Gesichter ein und schrieb sie auf seiner geistigen Liste in die Sparte Weizen.
Die Worte kamen ihm brüchig über die trockenen Lippen, so daß eine Studentin in die Mensa sprang, einen Krug Mineralwasser herbeischaffte und ihm den Mund netzte.
Diese notierte er dankbar als seine künftige Lieblingjüngerin.
Eugéne Hasenhündl war heilfroh, daß diese Vorlesung an der Kopie in Kürze vorüber sein würde. Niemals mehr würde er sich fürderhin zu einer solchen herablassen müssen. Das spendete ihm Trost.
Die Eifrigen indes plagte Ungemach, doch sie vermochten dessen Ursache nicht zu deuten, obwohl sie sich ihre Hirne zermarterten und die Haare rauften. Scheinbar zum Greifen nahe, schwebte es undeutbar, nein, unheimlich über ihren Köpfen. Noch Stunden nach der Vorlesung saßen sie vor der Kopie, starrten darauf wie das Kaninchen vor der Schlange, berieten sich ohne Rat, denn ein unsichtbares Joch hatte sich vor die Erkenntnis gelegt.
Um welches Gemälde nun handelte es sich?
Im Grunde war es nichts Außergewöhnliches, eine Arbeit wie hunderte andere, die zu jener und allen Zeiten entstanden und entstehen, in erster Linie wohl, wie üblich, dem Broterwerb des Künstlers dienend.
Selbst an der Kopie war der Titel des Gemäldes auf einem blankgeputzten Messingschildchen angebracht worden:
Gelerter mit Wanderstab und Raenzel
Eine Ehrerbietung an die griechische Antike, die zweifellos nicht nur Pate gestanden, sondern aus der heraus der Künstler alle Ursprünge seines Schaffens begründete.
Das war im Kern auch der Vorwurf gegen ihn gewesen, der ihm einige Monate Sicherheitsverwahrung eingebracht hatte: Hochstapelei und Verwendung fremdartiger, kryptischer Symbole, eine Geheimschrift, die geeignet sei, zum Aufruhr anzustacheln. Es war die Zeit der Bürgerlichen Revolution gewesen, März, achtzehnachtundvierzig und vieles mehr.
Im Grunde aber hatte der Maler lediglich die deutschen in Buchstaben des griechischen Alphabets umgewandelt und als Hauptargument zu seiner Verteidigung vorgebracht, der Begriff Alphabet komme doch von den ersten beiden griechischen Buchstaben Alpha und Beta.
Davon hatte der Richter jedoch nichts wissen wollen, ein Mann, der behauptete, Humanistische Bildung genossen zu haben und auch zu praktizieren.
Freilich hatte der Künstler in Ermangelung des Buchstaben W im griechischen Alphabet stattdessen kurzerhand ein Omega verwendet. Gerade dieser Umstand jedoch war der Anlaß für den hechelnden Spürsinn des Richters gewesen: Omega, der letzte Buchstabe des Alphabets der Hellenen sei ein eindeutiger Beweis für Endzeiterwartung, ein Signal an geheimbündlerische Kumpane, Strauchdiebe, Räuber, Mörder, die Revolution also.
Umsturz sei und bleibe Umsturz, und Hochstapelei diene der persönlichen Bereicherung auf Kosten anderer, ein unseliges Brüderpaar, konstatierte der Ehrenmann de cathedra laut vergilbtem, zerschlissenem Gerichtsprotokoll.
Eine derart hirnrissige Argumentation hatte seinerseits den Künstler zu einem kläglichen Lächeln gereizt, was sich als Verhöhnung des Hohen Gerichts und damit strafverschärfend auswirkte.
Ein Richter müsse ein Gerechter sein!, tobte Professor Eugéne Hasenhündl. Was aber war dieser Richter gewesen? Ein Büttel, nichts sonst. Einer, der das Pflänzchen Freiheit Arkadiens plattgetreten hatte im Auftrag der Herrschenden. Den Professor überkam ein Schauer der Verachtung.
Das Bild hieß also: Gelehrter mit Wanderstab und Ränzel.
Durch die Bildmitte, von links herangeführt, zog sich ein allem Anschein nach von schweren Ochsenkarren grob in den lehmigen Erdboden gefurchter Fuhrweg, eingerahmt von buschigen Farnen und sattgrünen Waldgräsern, behäbig durch das mystische Halbdunkel eines hohen, dichten Eichen- und Akazienwaldes mit hängenden, wuchernden Efeugirlanden, die von Regen, Frost und Wind gegerbten Stämme an der Wetterseite silberbeflechtet. Das altersrissige Rindengewand der Bäume dürstete buchstäblich nach der finsteren Feuchtigkeit seiner Umgebung und seufzte hörbar wie die abgearbeiteten Hände des Landvolks.
Der Weg drängte hinaus nach dem Bildhintergrund, wo die Wipfel der Bäume sich in einen Streifen matter Helligkeiten hin zu lichten begannen.
Dort änderte sich auch deren Farbe: Die Blätter waren zum Teil noch zart lindgrün, zum anderen Teil nahmen sie bereits dunklere Färbung an.
Die Stämme selbst erschienen nun von der Natur in atemberaubender Formschönheit in ihren Unebenheiten wie Gebirge verwulstet und von tiefen Tälern durchzogen.
Auch der Professor tat einen Seufzer und bezwang seine Rechte, die das Gemälde berühren wollte.
Sie ahnen es, meine Damen und Herren, es ist der Monat Mai...
Waldmeister und wilde Veilchen, bisher unentdeckt, verströmten ihr imaginäres Parfum, so daß die Betrachter unwillkürlich die Nasen hoben, zu schnuppern begannen und schließlich begierig die Himmelsdüfte des Frühlings einsogen.
Auf der linken Seite lagerten zwei schlanke Hunde, die sich hechelnd niedergelassen hatten zu kurzer Rast.
Der Blick der Betrachter glitt unwillkürlich und wie auf ein unhörbares Kommando dorthin, wo der stille Wald sich endlich öffnete.
Weit im Hintergrund tat sich ein ein unendliches, freundliches, grünes Tal auf, mit allerlei Buschwerk und anderem Niederholz zierlich betupft, goldhell von einer hinter dem flachen Horizont bereits verschwundenen Abendsonne beschienen.
Rechts in etwa halber Entfernung duckte sich eine von Grün fast völlig zugewachsene Burgruine wie eine Glucke über einem schemenhaften Dorf.
Alles war fast nur zu erahnen, und die goldrosanen Barockwolken dominierten als Symbole eines überirdischen Friedens vereinzelt und am Horizont fast gänzlich verschwindende violette bis grauschwarze Wolkenfetzen, die sich wie drohende Finger gewaltsamen Zugang zu der Idylle zu verschaffen suchten.
Doch auch diese ließ die Kühle des Abends in Unbeweglichkeit erstarren und stibitzte ihnen die Gefahr weg, die von ihnen ausgehen wollte.
Den eigentlichen Mittelpunkt, unmerklich rechts der Mitte versetzt, stellte eine Gestalt dar: Hochaufgerichtet trotz aller offenkundiger Strapazen nach einem langen Weg. Das aristokratisch leuchtende Antlitz edelte den Wanderer mit Stab und Ränzel, von welchem eine unbeschreibliche Güte, Freiheit und Glück ausstrahlte.
So löste das Bild bereits beim ersten, oberflächlichen Betrachten in seinem Gesamteindruck tiefe Stille und Frieden aus und man glaubte sogar, vereinzelt noch zufriedenes Gezwitscher in den Bäumen verborgener Waldvögeln zu vernehmen, die sich alsbald zur Ruhe begeben wollten. Klang es nicht wie das Loblied auf die beste Sangeskünstlerin in ihren Reihen?
Abendstille überall
nur am Bach die Nachtigall
singt ihre Weise klagend und leise
durch das Tal
Sing nur, sing, Frau Nachtigall!
Andererseits haftete dem uralten Auwald mit abgebrochenen, schweren Ästen, seiner Undurchdringlichkeit, wo der Wanderer gewärtig sein mußte, daß jeden Moment der wilde Keiler oder das Untier mit seinem rundgedrechselten Stoßhorn aus dem Unterholz bräche, etwas Bedrohliches an, während gleichzeitig das liebliche Tal in der Ferne, noch schier unerreichbar, doch wie die ausgebreiteten Arme des allgegenwärtigen Schöpfers ihm Hoffnung, Rettung und Heimeligkeit vor dräuendem Ungemach anbot.
Der Professor deutete dies alles als den ewigen Widerspruch im Menschen zwischen Wagemut mit all seinen Gefahren, die er sucht, und der tiefen Sehnsucht nach Geborgenheit.
Dabei erwies sich auch als profunder Literaturanalytiker und erklärte sich hilfsweise mit dem Lied
Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,
da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zuhaus!
Er unterbrach.
Gemeint ist die widernatürliche, sklavische Lust an den Sorgen, meine Damen und Herren...
Dann setzte er wieder an, und aus dem gesprochenen Wort wurde leise die bekannte Melodie.
Wie die Wolken dort wandern am hohen Himmelszelt,
so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.
Doch - wer mache sich wohl am Abend auf in die weite Welt? Der Wanderer müsse daher auf dem Rückweg sein oder er habe ein unverhofftes Ziel im Auge: Das Dorf, die Burg, Heimat. Seine Heimat, die ihn rufe?
Komme der Wanderer nach Hause zurück?
Herr Vater, Frau Mutter...
Sei es der überwundene Übermut? Ziehe es ihn nach einer Zeit der Besinnung wieder heim?
Die Studentinnen brachen über der innigen Deutung reihenweise in Tränen aus, und auch die männlichen Kollegen zuckten um Augen- und Mundwinkel.
Der Professor hatte zu seiner alten Form zurückgefunden. Kein Wunder also, daß die Vorlesung solchen Zuspruch fand, denn alle Herzen sind weich, wenn sie auch nach außen hin ruppig erscheinen.
Als er zu Ende gekommen war, sank Eugéne Hasenhündl vollkommen erschöpft in den Sessel, den sein Assistent vorsorglich bereitgestellt hatte und schickte die Studenten fort bis auf ein Häufchen Erwählter, die er beobachtet hatte, als sie ihm mit Leib und Seele gefolgt waren.
An seinem Entschluß aber änderte sich nichts. Er spürte mehr denn je, wie ihn das alles zermürbte. Noch eine Weile durchmaß er mit den Getreuen die Stimmung, von der sie eingefangen worden waren und ließ sie dann zurück, um sich selbst zur Ruhe zu begeben wie sie das Gemälde vermittelt hatte.
Dann kam endlich der Tag der originalen Begegnung in der Abteilung Frühe Romantik der staatlichen Gemäldegalerie, die eigens für den Professor und seine Hörer reserviert worden war.
Wollte er die Ruhe des Bildwaldes nicht stören, weil er auf Zehenspitzen in den Saal und vor das Bild schlich? Die Studenten taten es ihm nach, und man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören.
In ehrfürchtiger Andacht stand Eugéne Hasenhündl vor dem Original und schien darin zu versinken. Seine Augen nahmen einen seidigen Schimmer an, und seine Gestalt wuchs in der Betrachtung. Dann trat er einen Schritt zur Seite.
Kommen Sie heran, meine Damen und Herren, sie werden staunen... nein, mehr, Sie werden... sehen Sie Arkadia, das phantastische Land der alten Griechen, wie auf einer Insel in deutschen Gefilden...
Die Schüler hörten seine Worte nicht mehr, denn ihre überschäumende Begeisterung wandelte sich in Staunen, wie er es vorausgesagt hatte, doch ihrem Staunen folgte schlagartige Verblüffung.
Die Eifrigen wischten sich über die schweißende Stirn - das hemmende Joch über der Erkenntnis war langsam, aber stetig gewichen. Wie hatten sie nur so blind sein können?
Das Unglaubliche vollzog sich so konsequent, wie sie es von ihrem Professor gewohnt waren.
Die Gestalt des Gelehrten mit Wanderstab und Ränzel begann plötzlich zuerst zu verblassen, sich dann fast unmerklich aufzulösen, und an ihrer Stelle erschien schließlich eine weitere knorrige Eiche mit überraschend lebendig wirkendem, ganz jungem Blattwerk.
Die ratlosen und erschrockenen Studenten - nur die Eifrigen verharrten, erlöst und befreit, weil sie sich von der neuen Entwicklung einfach dahintreiben ließen -, durch ein bekanntes Räuspern aufgeschreckt, sahen sich um, und da stand der Gelehrte mit Wanderstab und Ränzel leibhaftig hinter ihnen, ihr Professor Eugéne Hasenhündl war es, der geheimnisvoll und gütig, voll strahlender Seligkeit lächelte, noch schöner und friedvoller als vorher auf dem Gemälde.
Nicht begreifend sahen sie immer wieder vom Bild auf ihn, doch es war und blieb Wirklichkeit: Der Gelehrte war aus dem Gemälde herausgetreten, war Fleisch und Blut geworden.
Am Wanderstab sprossen einige zarte Rosenblüten, und im Dunkel des Bildrandes neben den Hunden, bisher von keinem bemerkt, lümmelten auf einmal zwei kleine Pausbackenengel, denen Faune mit Weidenpfeiflein und Panflöten, und Tauben mit aufgeplusterten Kröpfen scherzende Gesellschaft leisteten.
Einer der Engel trug Pfeil und Bogen, hatte einen seiner Liebesboten auf die Sehne gelegt und zielte in die Gruppe. Auch der Pfeil war mit Rosen bekränzt, und das Lächeln der so unvermittelt erschienen Gruppe übertrug sich wohltuend auf die sprachlosen Betrachter.
Der Gelehrte mit Wanderstab und Ränzel lud sie nun mit freundlichen Worten ein, mitzukommen auf die Wanderschaft ins Paradies. Der Waldweg dorthin, den sie inzwischen ja zur Genüge kennten, beginne gleich dort oben auf der Höhe.
Wollen wir den Pinsel gegen den Wanderstab eintauschen? Die Lust an der Sorge gegen die Lust an der Seligkeit?
Dann stimmte er das Lied an.
Der Mai ist gekommen...
Die ersten, die frohen Mutes einstimmten, waren die Eifrigen, die mit dem Professor gesessen waren und sich den Kopf zerbrochen hatten, damals, als sie beinahe dem Wahnsinn verfallen waren, weil das Schicksal ihnen die Erkenntnis verweigert hatte. War es nur an der Kopie gelegen?, fragte sich jetzt manch einer.
Sie setzten sich an die Spitze derer, die dem Gelehrten so willenlos folgten wie Kinder in Hameln einst dem Flötenspiel eines Mannes gefolgt waren. Singend zogen sie hinaus und wurden nie mehr gesehen.
Im Walde aber, da, wo der Weg ist mit den alten Eichen und Akazien, so geht von da an das raunende, staunende und zugleich greuliche Gerücht, sei hin und wieder gegen Abend das helle, frohe Gelächter einer kleinen Gesellschaft zu hören, die vorüberziehe, hinaus in eine weite Ebene, hin zu der alten Burgruine, wo dann liebliche Musik ertöne die ganze Nacht, weil dort ein rauschendes Fest gefeiert werde, jedes Jahr im Mai von neuem...
Allein der Versicherungsgesellschaft der Gemäldegalerie bereitete das Verschwinden des Gelehrten mit Wanderstab und Ränzel aus dem Gemälde erhebliches Kopfzerbrechen.
Diebstahl?
Vorsätzliche Beschädigung durch den Professor, von dem man seit langem wußte, daß er nicht recht bei Sinnen war?
Doch erstens war das Gemälde an Ort und Stelle, unverrückt und mehrfach gesichert, und nach dem Gutachten eines Sachverständigen vollkommen unbeschädigt.
Zweitens war und blieb Professor Eugéne Hasenhündl samt dem Häuflein seiner Getreuen verschwunden.
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