Willi Weglehner

HARRY POTTER UND DAS LETZTE GEHEIMNIS DER MENSCHHEIT

Laß die Finger davon, Harry!
Mußt du dir unbedingt die Finger verbrennen, Harry?!
Man wird dir nicht nur die Finger verbrennen, sondern am Ende dich selbst, Harry!

So sprach Mutter Jane zu ihrem Sohn Harry Potter. Doch Harry wollte nicht auf sie hören. Alle Fälle, die er bisher gelöst hatte, schienen bedeutungslos gegenüber seinem neuesten Vor­ha­ben, weil er sicher war, damit das letzte Geheimnis der Menschheit lösen zu können. Er wur­de widerborstig, sträubte sich gegen die gluckenden Ein­schränkungen, und Mutter Jane spür­te, daß er ihr zu ent­gleiten droh­­te.

Dabei war Harry nur dran, auf ordentliche Weise den Kinder­schu­hen seiner Erkenntniswelt zu entwachsen.
Schließlich versuchte sie es mit dem letzten Mittel.

Die Inquisition, Harry, die Inquisition ist  h e i l i g ! Mit der Inquisition treibt man keine Wahr­heitsspielchen.

Mächtig ist sie, Mum, aber nicht heilig! Nur die Wahrheit ist hei­­lig. Folglich treibe ich keine Spielchen mit der Wahrheit und schon überhaupt nicht mit der Heiligkeit, son­dern mit der Macht. Nichts leichter als dieses.

Denn im Zusammenhang mit dem letzten Geheimnis der Mensch­heit, das von der Inquisition gehütet wurde wie der hei­li­ge Gral, den es nicht gibt, gerade eben diese Hüterin zu ver­su­chen und, wenn möglich vom Sockel zu stürzen, reizte Harry.
Außerdem war er Anglikaner und deshalb mit anderen Hei­li­gen vertraut als mit denen der In­qui­sition.

Die Inquisition ist konfessionsüber- und zugreifend, Harry!!

Ist ja gut, Mum.

Mein Gott, was habe ich da angerichtet, entsetzte sich Mutter Jane insgeheim.

Sie hatte ihn zu dem gemacht, was er inzwischen ge­worden war: Er konnte sich nicht mehr einschätzen, die Über­heb­lichkeit hatte von ihm Besitz ergriffen.

Resigniert gab sie ihre Einwände auf und tröstete sich in ihrem Herzens­schmerz damit, daß Har­ry ihr Sohn und deshalb einfach clever war. Vielleicht würde es ihm ja tatsächlich ge­lin­gen, ei­nes der größten Rätsel der Mensch­heit zu lüften. Zu gönnen wäre es ihm, dachte sie, ein wenig stolz auf sich selbst - und der Menschheit.   

Jedoch bestand sie darauf, den kleinen Riß in der Tarnkappe zu re­parieren. Dieses Risiko dürfte er nicht eingehen. Selbst wenn der normale Mensch aufgrund dieser minimalen Be­schä­digung auch nur die Iris seines rechten Auges sehen konnte, wäre die Schwachstelle für die geübten Häscher der Inquisition sofort er­kennbar, und sie würden sich, ganz anders als der normale Mensch, mißtrauisch fragen, was es mit einer einzigen Iris, frei im Raum schwebend und in steter, heftiger Bewe­gung, wohl für eine Be­wandtnis haben könnte.

Auf alle Fälle würden sie versuchen, diese unerklärliche Iris aus der Luft wegzufangen und ihm - peng - dabei dieTarnkappe vom Kopf reißen, weil man eine freischwebende Iris in der Re­gel mit zwei Händen fängt wie einen Schmetterling.

Das sah Harry ein, und Mum Jane reparierte die Tarnkappe mit wenigen Nadelstichen ihrer kunst­vollen Hand, so daß die Iris schnell von der Bildfläche ver­schwunden war.  

Was bräuchte er noch? Er überlegte penibel, wie er es immer ge­tan hatte, bevor er an einen neuen, richtigen Fall herangegangen war.

Informationen einholen und überdenken. Auf eine Reihe brin­gen. Querverbindungen nicht vergessen. Scheinbare Neben­säch­lich­keiten keineswegs stiefmütterlich behandeln. Wie oft waren Ne­bensächlichkeiten entscheidend gewesen. Sogar in seinen Zau­ber-Fällen, seufzte Harry bekümmert. 

Endlich wieder einmal ein Fall, der geeignet war, sich von die­sem lächerlichen Zauberer-Image abzusetzen. Nur seine Mutter war daran schuld gewesen. Weil es sich besser verkauft, hatte sie ihm ständig in den Ohren gelegen. Die Menschen wollten in Wirklichkeit keine real existierenden Kriminalfälle, weil ihr gan­zes Leben aus sol­chen bestand, und sie mittendrin saßen wie in einer Mau­sefalle, oft genug sogar die Hauptrolle spielten. Da­her das Zauberer-Image: Er sollte sie her­aus­zau­bern aus diesen Fal­len und hineinzaubern in die Zuckerwatte von guten, aber geplagten Feen, und von Bö­se­wich­tern, die im Grun­de von An­fang an zum Untergang ver­ur­teilt waren durch ihn, ihnen ver­mit­teln, das Leben sei doch eigentlich ein schönes Märchen, in dem es auch mal gute Zau­be­rer gibt und andere, die schuldig waren.

Nicht schlecht eigentlich, diese Idee von Mum. Aber er verlor dadurch an Glaubwürdigkeit in seinen Kreisen. Ja, ihm war nicht verborgen geblieben, daß man hinter seinem Rücken über ihn lachte.   

Also frisch in die Hände gespuckt und ran, zunächst das gesamte Feld durchleuchten.

Wer stand diesmal zur Disposition?

Auf keinen Fall mehr ein Pole. Die kommunistische Sowjet-Be­drohung war an dem streit­ba­ren Polen zerbrochen, der Pole hatte seine Pflicht und Schuldigkeit getan und war dahin­ge­gan­gen. Folglich brauchte man kei­nen Polen mehr. Holte man erneut ei­nen Polen, führte eine der­­ar­tige Kurzsichtigkeit über das po­li­ti­sche Tagesgeschäft hinaus wo­­mög­lich zu einer pol­ni­schen Wirt­schaft, und die hatte seit al­ters her keinen be­sonders guten Ruf. Besonders die Krauts wa­ren nicht gut zu sprechen auf die Polen, weil die seit nunmehr zwei Jahrzehnten vom Sowjetjoch Be­freiten mit ihren Anhängern durchs Nachbarland fuhren und al­les zu­sam­menstahlen, was nicht niet- und nagelfest war.

Ein schönes Begräbnis war ihm zuteil geworden, dem Karol, ja. Das forderte die Pietät, be­zie­hungsweise die pietätvolle Inqui­si­ti­on. Da ließen sie sich nicht lumpen. Aber dabei mußte es auch bleiben.

Abgehakt.

Ein Lateinamerikaner?

Ach was, keine Revolution dort in Aussicht. Tupamaros, Leuch­ten­der Pfad, es hatte sich aus­ge­leuchtet. Alle von der ame­ri­ka­ni­schen Inquisition, die sich dort genauso unverhohlen CIA nannte wie anderswo, korrumpiert, zusammengekauft. Bis auf einige we­­nige natürlich, die man gewähren ließ wegen des Plu­ra­lismus, sogar in Lateinamerika. Außerdem mußte man die La­­tein­ame­ri­kaner seit der Zeit der heilbringenden Con­qui­sta­do­res sowieso nicht mehr be­keh­ren. Die hatten gründlich gear­bei­tet, gute Die­ner waren sie gewesen, ja...

Cuba eventuell, da wäre noch Potential, denn der alte Kraus­bart­schopf war so zäh. Einmal jüngst hatten sie es noch probiert, ihn die Treppe hinuntergerumpelt. Aber der Lederapfel hatte sich wieder nur ein Bein gebrochen. Beim nächsten Mal das andere, und dann wäre un­wie­gerlich der Hals dran, ein Naturgesetz. Das konnte man getrost erwarten. Und von daher be­trachtet wäre es nicht nur zu kostspielig, sondern widerspräche allen Lehrsätzen der Di­plo­ma­tie, würde man das archaische, rote Gesindel dort unan­ge­mes­sen aufwerten. Alles nur eine Frage der Zeit. 

Einen Nordamerikaner, USA?

Den einfältigen Präsidenten müßte man ja eigentlich schon ein wenig unter die Fittiche neh­men gegen seine Berater im Auftrag der jüdischen Hochfinanz. Die Schwestern und Brüder Chal­däer im Zwei­stromland zu beschützen, hatte Karol ihm gerade noch rein­drücken können.

Im großen und ganzen zuviel Aufhebens drum zu machen, wür­de nun den Einfaltspinsel un­nö­tig und vor allem unverdient über den Scheffel stellen. Zu lange schon genoß er den an­geb­li­chen Status des Weltenherr­schers, obwohl jedes Kind wußte, daß die Welt nicht von ihm, sondern zu etwa gleichen Teilen von der In­qui­si­tion und der jüdischen Hochfinanz beherrscht wur­de. Wa­rum also eine trübe Suppe auf­rüh­ren?

Und dazu, oh und igitt, diese übermäßige  Päderastie im dor­ti­gen Klerus.  Einen schwu­len Bu­ben­schänder auf dem Stuhl Pe­tri? Un­denkbar. Was waren dagegen doch die lebenslustigen Päp­­ste des Hochmittelalters für Sauber­män­ner gewesen. Ja, bei aller Offenheit, aller Neube­sin­nung auf die ver­änderte Ge­schlech­­terrolle in der postmodernen Gesell­schaft, das sprengte den Rahmen aller Freiheiten. Im ungünstigsten aller Fälle stürbe dadurch der Klerus sogar aus! Da hatte, um nur ein Beispiel zu nennen, der Borg­he­se seinerzeit anders vorgesorgt durch seinen un­gezählten Nach­­wuchs.

Dann doch wieder einen bewährten Italiener?

Die Italiener waren nicht mehr bewährt. Schon überhaupt nicht die jungen Männer, selbst wenn sie als Kardinäle alt werden wür­den und ihre Mammas hinwegstürben. Solange trieben sie sich im Hotel Mamma herum und ließen sich bedienen. Da mach­te nämlich auch der Kle­rus keine Ausnahme. Überall flat­terten die Mammas als Non­nen umher und kümmerten sich um ih­re Söhnchen im Or­nat. Ergo hätten letzten Endes nur noch die Nonnen das Sa­gen. Un­er­träg­lich!  

Einen ehemaligen sowjetrussischen Geheimagenten?

Schwer möglich, denn die waren alle in den Schoß der Ortho­do­xie zurückgekrochen oder sa­ßen dicke im Ölgeschäft nach dem Zusammenbruch des neuen Za­renreiches. Wieder andere wußten einfach zu viel. Sie würden auch um das letzte Geheimnis der Menschheit wissen, das zu lüften einzig Harry Potter zustand. Solches mußte mit aller Macht verhindert werden, denn dann hätte er umsonst gelebt.

Einen Vertreter des British Empire, der Heimat?

Unglaubwürdig, denn nach wie vor waren die ketzerischen Ang­li­kaner hier der harte Kno­chen. Die Sun würde zwar über kurz oder lang ein Geküngel aufdecken, das die Unter­wan­de­rung der Ab­trün­nigen belegen könnte, der Ruch der Verschwö­rungs­theo­rien hinge dennoch wie das Schwert des Damokles drüber. Vielleicht einen - noch - queengetreuen Inder gegen Pa­kistan, Af­­ghanistan, Tad­schiki­stan, Malayistan, zusammengefaßt und kurz Binla­di­stan? Überlegens­wert, denn mili­tä­risch wäre da nichts zu machen, ganz und gar nichts.

Könnte man freilich einem Orientalen grund­sätz­lich ver­trau­en? Spielten die nicht allzu gerne Katz und Maus, wenn es um den Westen an sich ging? Heute Anwärter auf den Heiligen Stuhl, selbigen Abends Gast bei den Sikhs, frühmorgens Rä­dels­füh­rer gegen irgendwelche Ka­rikaturen? 

Einen Teutonen?

Das würde unweigerlich am Veto der britischen Empiristen scheitern. Nazi War never will be ending, daran dürfe nicht ge­rüt­telt werden.

Einen schwarzen Afrikaner?

Genügte es nicht, daß die schwarz sind? Es gibt zwar keine Ras­si­sten mehr, aber schwarz bleibt schwarz, basta. Und die mit ih­ren archaischen Stammesfehden! Da käme man ganz schön ins Schlamassel, denn mit der Diplomatie der Kurie sei gegen den Voodoo-Kult nicht um ein Hälmchen anzukommen, geschweige denn mit Jesus von Nazareth. Die wüßten doch nicht mal, wo Bethlehem liegt, von Rom ganz zu schweigen.

China? Siehe Cuba.

Halt und nein!

Hongkong, die Kronkolonie, Commonwealth, still and forever very british, der Trumpf!

Die Chinesen mochten ruhig glauben, mit diesem Moloch ein gutes Schnäppchen gemacht zu haben. Die würden sich noch wun­dern, ha! Das kapitalistische Nest im roten Pelz, zwar geo­gra­phisch nicht mittendrin, aber beim Geld hört selbst die Geo­gra­phie auf.

Von Hongkong aus hatten Coca Cola und Mc, die Donalds, ihren Siegeszug durchs Reich der Mitte schon längst angetreten, und die dummen Maos hatten es nicht mitgekriegt. Aber für das letzte Geheimnis der Menschheit war selbst die Kronkolonie noch zu jung, obwohl sie neun­undneunzig Jahre lang tapfer ge­lauert hatte. Als Basiszelle, ja, auf der langen Bank einst­weilen, da wäre nichts besser geeignet. Ein Kardinal dort, das müßte eine  Mischung sein aus chinesischer Bauernschläue und kapi­ta­li­­stischer Gründlichkeit. Coke und Mc sollten ruhig vor­­erst al­lein weitermachen, den blauen Ameisen die Vorzüge westlicher Küche schmackhaft machen, denn auch im ehemaligen Reich der Mandarine geht die Liebe durch den Magen. Die Kin­der dort waren mittlerweile schon so fett wie in New York oder in Ber­lin. Würde man de­nen eines Tages ihre Coke oder Mc weg­neh­men, wäre eine Kulturrevolution die Folge, eine wirkliche, ge­gen die die Schandmützen der hun­gern­den Roten Garden von damals Karneval ge­wesen wären. Also einmal mehr: Abwarten, nicht abhaken. So lange wie in der Sow­jet­uni­on durfte es freilich nicht dauern. Aber die Aussichten stünden gut, waren die Chi­ne­sen doch für ihre Emsigkeit bekannt, ganz anders als die Polen.    

Die Bajuwaren?

Da wäre schon einer, der infrage käme. Ein alter Fuchs. Aber zu polyglott. Das könnte man zwar einerseits einem neuen Pfingst­wun­der gleichsetzen, weil die Menschen nicht nur zau­be­rer-, son­dern mindestens genauso wundersüchtig sind.

Andererseits kennt jeder das indianische Wort von der ge­spal­te­nen Zunge. Wie oft und tief ge­spalten muß da erst eine poly­glot­te Zunge sein. Auf diese Weise würden wieder die Latein­ame­ri­kaner mit ihren bekehrten Indios vergrault.

Auf die nordamerikanischen Indsmen bräuchte man da­gegen keine Rücksicht nehmen, weil es kaum mehr welche von dieser Spe­zies gibt. Das Feuerwasser dezimierte sie gründlich. Außer­dem glauben die nur an einen einzigen Gott, den sie Manitou, den großen Geist nennen. Nicht trinitarisch, daher heid­nisch.  

Harry kratzte sich den Kopf unter der Tarnkappe. Die hatte er vorsichtshalber aufgesetzt, da­mit ihm Mum nicht doch wieder ihre Kommentare aufhalste.

So kam er nicht weiter, es war schwieriger, als er gedacht hatte. Deshalb beschloß er, seine Stra­tegie an Ort und Stelle zu entwickeln. Am Ort des letzten Ge­heim­nis­ses der Menschheit.

Wenn er sich dort vielleich an einen von der Inquisition heran­machte? Die ahnte eventuell et­was vom letzten Ge­heimnis der Menschheit.

Aber gerade deswegen Harry traute ihnen nicht über den Weg. Aus der Vielschichtigkeit der wis­senschaftlichen Kriminologie des Kle­ri­ka­lismus wußte Harry, daß sich unweit des Ortes des letzten Ge­heimmnisses auch die tiefsten Kerker der Ge­schich­te der Menschheit befanden, in welchen so man­cher seiner Vor­gänger sang-, klang- und spurlos ver­schwun­den war. Dis­ap­pea­red, forever gone, yeah.    

Nichtsdestotrotzquam: No risk, no fun!

Harry packte packte seine Erkenntnisse bis auf das eine, ent­schei­dende, einschließlich seiner Sie­bensachen und bestieg den Flie­ger nach Fiumicino, wo er sicher landete, ein gutes Omen ge­gen die Omnipotenz der Inquisition - zunächst.

Und just an der Gepäckabfertigung kam ihm der erste Teil der feh­lenden Erkenntnis: Nichts von alledem. Die Menschen in aller Welt wa­ren politik­ver­dossen geworden, denn die Kunst des Lesens, Schrei­bens und Rechnens hatte, gut fünfhundert Jahre nach Mei­ster Gensfleysch zu Guttenberg, begonnen, sich welt­um­­span­nend, also global, durchzusetzen.

Sie würden einen neuen Politischen nicht annehmen. Ein völlig Unpolitischer müßte es sein, ein gütiger Übervater, den schönen Künsten zugetan zum Beispiel, ein Dichter, Poet, Maler, Spa­­zier­gänger vielleicht, auf keinen Fall mehr ein hektischer Tra­vel­ler, ganz ohne Papamobil, etwas Seelsorge am Rande, eine Pe­­riode lang wenigstens, bis zum nächsten Weiß-Schwarz-Ge­schmau­che über dem Ort des letzten Geheimnisses der Mensch­heit. 

Aufgrund der reparierten Dunst- und Tarnkappe gelangte Harry ohne Probleme ins Zentrum des letzten Geheimnisses der Mensch­heit, unter den Konferenztisch in der Sixtinischen Ka­pelle, und war nun doch selbst ein wenig erstaunt, wie ihn die­ses, klerikalwissenschaftlich Con­clave genannt, beeindruckte, insbsondere von seiner derzeitigen Sicht aus.

Die Herren Kardinäle hatten sich - es war höchste Zeit ge­wor­den für ihn - im Augenblick nie­der­gesetzt, und die Aussicht, zunächst recht banal auf schwarze Rocksäume und schwarze Schuh­spitzen beschränkt, weitete sich bereits nach wenigen Mi­nuten durch die Aktivitäten, die jetzt hier unten entstanden.

Die Hauptschwierigkeit für ihn bestand nun darin, den unter­ir­disch Agierenden ein überir­di­sches Gesicht samt Namen und Herkunftsland zuzuordnen. Das heißt, er mußte Lücken fin­den, durch welche er schlüpfen konnte, denn die Kappe verbarg al­lein die visuelle Seite seiner Ge­stalt. Ein schlüpfender, drän­gen­der, wenn auch unsichtbarer Corpus, würde unnötig für Ver­­wir­rung sorgen.

Es war jedoch ganz einfach: Da, wo berockte Knie sich auf einer Seite aneinan­der­schmiegten und von nachbarlichen, feinglied­ri­gen, wenn auch bereits faltigen Händen belegt wurden, ent­stan­den auf der an­de­ren Durchschlupfe.

Es dauerte auch nicht lange, bis Kassiber sich unterirdisch auf den Weg machten, Schuh­spit­zen sanft gegen andere tupften, Knie, die nicht von feingliedrigen, älteren Händen belegt wa­ren, sacht gegen andere drückten, immer jeweils zum monotonen über­ir­di­schen Singsang ei­nes Zeremonienmeisters, dessen ba­ju­wa­rischer Akzent in seinen italienischen Erläuterungen un­­ver­kenn­bar war.

Harry kam ins Schwitzen, denn die unterirdische Harmonie ließ darauf schließen, daß die Schu­he und Soutanen bald weiß wür­den wie der Rauch, der dann aus dem Kamin stiege - ohne sein wirk­sa­mes Eingreifen. Denn der zweite, der Hauptteil seiner Er­kenntnis, stand noch immer aus.

Was tun, verdammt?

Wie der Wurm, der nach dem Trial- and Errorprinzip auf der Suche nach Nah­rung ist, kroch Harry auf dem Boden des Ortes des letz­ten Geheimnisses der Menschheit umher.

Und da - frischer Lebertranduft, von einem Paar sorgsam ge­wienerter Schuhe ausgehend, ström­te seiner Nase entgegen. Warum der ihn so anzog und gar unruhig machte, wußte er im Mo­­ment selbst nicht zu beurteilen. Er mußte nachsehen, über­ir­disch.

Der Kardinal von Eskimonien!

Why, the hell, war er nicht gleich darauf gekommen? Es­ki­mo­nien, das letzte Land des Frie­dens, der Harmonie, der lachenden, pausbäckigen Gesichter unter fellgerahmten Hauben!

Als hätte seine Erkenntnis sich verselbständigt und wichtig ge­macht, entstand unterirdische Un­ruhe.

Aus den sachten, sanften und brüderlichen Berührungen unter Tische wurden rohe Tritte ge­gen Schienbeine, Kniffe in be­nach­bar­te Oberschenkel, die Kassiber flogen nur so umher, und es waren insbesondere die Camel-Schuhsohlen der latein­ame­ri­kanischen und afrikanischen Kar­dinäle, die heftig auf die der Nordamerikaner und Europäer prallten.  

Plötzlich landete ein aufmüpfiger, etwa siebzigjähriger und da­mit noch relativ junger Schwar­zer direkt neben ihm unter dem Tisch und wurde von verschiedenen Schuhen dort unsanft um­­her­geschoben. 

Überirdisch-sixtinisch herrschte versteinerte Ruhe.

Jetzt mußte Harry handeln. Ein Lebertrankardinal wäre der rich­ti­ge: Der Ichthys im polaren Eis­wasser, die urchristliche Wahr­heit in einem Land der Bescheidenheit, der gegenseitigen Nach­­barschaftshilfe, der Kargheit, des Verzichts, der ehrlichen Ar­beit und­soweiter.   

Als aufgrund der Erkenntnis seine Augen zu leuchten be­gan­nen, schwenkte eine unter der Tisch­platte verborgene Infra­rot­ka­me­ra auf ihn ein, und sofort zog ein kaum zu be­mer­kender gel­ber Schwaden über ihn hinweg. Harry, der gerade tief einatmete, bemerkte es noch - zu spät.

Er erwachte wieder in einer Ecke des Petersplatzes Unbe­schreib­licher Jubel dröhnte um ihn herum. Die Schwaden, die er als erstes sah, waren nicht mehr gelb wie unter Tisch, sondern weiß und drangen aus dem Ort des letzten Geheimnisses der Menschheit: Habemus Papam! Papam Escimonium! 

Jetzt erkannte Harry den Haken, den die Sache gehabt hatte: Er wußte nicht, daß die In­qui­si­ti­on den Kardinal von Eskimonien längst zum neuen Papst bestimmt und von ihm, auf dessen Scharf­sinn sie zählte, nur die Bestätigung gewollt hatte. Er hatte sie unterschätzt, hatte sich zu ihrem Werkzeug machen lassen.

Mutter Jane hatte ihm abgeraten wegen der Inquisition, die hei­lig ist.

Ich hab´ es dir gleich gesagt, Harry: Die Inqusition ist schein­hei­lig. Und mit der Schein­hei­lig­keit spielt man nicht.

Ach Mum... wollte er noch sagen. Doch was nützte es, der Mut­ter zu widersprechen, die noch da­zu eine Frau ist.  

Er konnte nichts für das Fehlschlagen seiner Mission, denn da­für war er einfach noch zu jung, die Inquisition dagegen schon mehr als neunhundert Jahre alt.

Hätte er jedoch vor seinem waghalsigen Unter­fan­gen nur ein klein wenig Kant studiert, wäre ihm bald auf­ge­fallen, was der dazu zu sagen gehabt hatte: Mit dem Alter nimmt die Ur­teils­kraft zu und das Genie ab. Im Umkehrschluß: In der Jugend hat man viele Ideen, aber die an­de­ren sind eben schon zu alt für den jungen Genius. Weise wäre ein wenig übertrieben.

Dem jugendlichen Genie nützt da freilich auch eine reparierte Tarn­kappe nix. Sie muß vor der Kapuze kapitulieren, auch wenn´s noch so schwer fällt.  

Doch der eskimonische Papst wurde ein guter Papst. Er ver­brachte seinen Urlaub nicht auf den Gipfeln der Brenta-Gruppe, sondern beim Kajakfahren und Fischen mit seinen Brüdern und Schwestern im Eismeer. Er flog nicht mehr nach Lateinamerika, nach USA, nach Russ­land, nach Schwarzafrika, nach Köln und Bayern und so weiter, siehe oben, und sparte damit der Kurie eine Menge Kohle ein.

Und, last but not least: Die arktische Polkappe schmolz nicht weiter ab, ein Wunder, wie es die Welt seit der stigmatisierten Resl von Kon­ners­reuth nicht mehr gesehen hatte.

Ja, die Inquisition hatte Weitblick gezeigt.

Und das letzte Geheimnis der Menschheit wurde nicht gelüftet, denn Mum Jane versteckte die Tarn­kappe und verbot ihrem Sohn von da an den Mund. Sie hatte auch so schon genug Geld mit ihm verdient. Irgendwann muß man aufhören können, er­zähl­te sie, geheimnisvoll lä­chelnd, der Sun, die mehr wissen wollte vom letz­ten Geheimnis der Menschheit.

Das freilich behielt sie für sich. Es könnte ja sein, daß ir­gend­wann das Geld knapp würde im Hause, und dann, ja dann, wäre das Geheimnis möglicherweise dran...   

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