HARRY POTTER UND DAS LETZTE GEHEIMNIS DER MENSCHHEIT
Laß die
Finger davon, Harry!
Mußt du dir unbedingt die Finger verbrennen, Harry?!
Man wird dir nicht nur die Finger verbrennen, sondern am Ende dich selbst,
Harry!
So sprach Mutter Jane zu ihrem Sohn Harry Potter. Doch Harry wollte nicht auf sie hören. Alle Fälle, die er bisher gelöst hatte, schienen bedeutungslos gegenüber seinem neuesten Vorhaben, weil er sicher war, damit das letzte Geheimnis der Menschheit lösen zu können. Er wurde widerborstig, sträubte sich gegen die gluckenden Einschränkungen, und Mutter Jane spürte, daß er ihr zu entgleiten drohte.
Dabei war Harry nur dran, auf ordentliche Weise
den Kinderschuhen seiner Erkenntniswelt zu entwachsen.
Schließlich versuchte sie es mit dem letzten Mittel.
Die Inquisition, Harry, die Inquisition ist h e i l i g ! Mit der Inquisition treibt man keine Wahrheitsspielchen.
Mächtig ist sie, Mum, aber nicht heilig! Nur die Wahrheit ist heilig. Folglich treibe ich keine Spielchen mit der Wahrheit und schon überhaupt nicht mit der Heiligkeit, sondern mit der Macht. Nichts leichter als dieses.
Denn im
Zusammenhang mit dem letzten Geheimnis der Menschheit, das von der Inquisition
gehütet wurde wie der heilige Gral, den es nicht gibt, gerade eben diese
Hüterin zu versuchen und, wenn möglich vom Sockel zu stürzen, reizte Harry.
Außerdem war er Anglikaner und deshalb mit anderen Heiligen vertraut als mit
denen der Inquisition.
Die Inquisition ist konfessionsüber- und zugreifend, Harry!!
Ist ja gut, Mum.
Mein Gott, was habe ich da angerichtet, entsetzte sich Mutter Jane insgeheim.
Sie hatte ihn zu dem gemacht, was er inzwischen geworden war: Er konnte sich nicht mehr einschätzen, die Überheblichkeit hatte von ihm Besitz ergriffen.
Resigniert gab sie ihre Einwände auf und tröstete sich in ihrem Herzensschmerz damit, daß Harry ihr Sohn und deshalb einfach clever war. Vielleicht würde es ihm ja tatsächlich gelingen, eines der größten Rätsel der Menschheit zu lüften. Zu gönnen wäre es ihm, dachte sie, ein wenig stolz auf sich selbst - und der Menschheit.
Jedoch bestand sie darauf, den kleinen Riß in der Tarnkappe zu reparieren. Dieses Risiko dürfte er nicht eingehen. Selbst wenn der normale Mensch aufgrund dieser minimalen Beschädigung auch nur die Iris seines rechten Auges sehen konnte, wäre die Schwachstelle für die geübten Häscher der Inquisition sofort erkennbar, und sie würden sich, ganz anders als der normale Mensch, mißtrauisch fragen, was es mit einer einzigen Iris, frei im Raum schwebend und in steter, heftiger Bewegung, wohl für eine Bewandtnis haben könnte.
Auf alle Fälle würden sie versuchen, diese unerklärliche Iris aus der Luft wegzufangen und ihm - peng - dabei dieTarnkappe vom Kopf reißen, weil man eine freischwebende Iris in der Regel mit zwei Händen fängt wie einen Schmetterling.
Das sah Harry ein, und Mum Jane reparierte die Tarnkappe mit wenigen Nadelstichen ihrer kunstvollen Hand, so daß die Iris schnell von der Bildfläche verschwunden war.
Was bräuchte er noch? Er überlegte penibel, wie er es immer getan hatte, bevor er an einen neuen, richtigen Fall herangegangen war.
Informationen einholen und überdenken. Auf eine Reihe bringen. Querverbindungen nicht vergessen. Scheinbare Nebensächlichkeiten keineswegs stiefmütterlich behandeln. Wie oft waren Nebensächlichkeiten entscheidend gewesen. Sogar in seinen Zauber-Fällen, seufzte Harry bekümmert.
Endlich wieder einmal ein Fall, der geeignet war, sich von diesem lächerlichen Zauberer-Image abzusetzen. Nur seine Mutter war daran schuld gewesen. Weil es sich besser verkauft, hatte sie ihm ständig in den Ohren gelegen. Die Menschen wollten in Wirklichkeit keine real existierenden Kriminalfälle, weil ihr ganzes Leben aus solchen bestand, und sie mittendrin saßen wie in einer Mausefalle, oft genug sogar die Hauptrolle spielten. Daher das Zauberer-Image: Er sollte sie herauszaubern aus diesen Fallen und hineinzaubern in die Zuckerwatte von guten, aber geplagten Feen, und von Bösewichtern, die im Grunde von Anfang an zum Untergang verurteilt waren durch ihn, ihnen vermitteln, das Leben sei doch eigentlich ein schönes Märchen, in dem es auch mal gute Zauberer gibt und andere, die schuldig waren.
Nicht schlecht eigentlich, diese Idee von Mum. Aber er verlor dadurch an Glaubwürdigkeit in seinen Kreisen. Ja, ihm war nicht verborgen geblieben, daß man hinter seinem Rücken über ihn lachte.
Also frisch in die Hände gespuckt und ran, zunächst das gesamte Feld durchleuchten.
Wer stand diesmal zur Disposition?
Auf keinen Fall mehr ein Pole. Die kommunistische Sowjet-Bedrohung war an dem streitbaren Polen zerbrochen, der Pole hatte seine Pflicht und Schuldigkeit getan und war dahingegangen. Folglich brauchte man keinen Polen mehr. Holte man erneut einen Polen, führte eine derartige Kurzsichtigkeit über das politische Tagesgeschäft hinaus womöglich zu einer polnischen Wirtschaft, und die hatte seit alters her keinen besonders guten Ruf. Besonders die Krauts waren nicht gut zu sprechen auf die Polen, weil die seit nunmehr zwei Jahrzehnten vom Sowjetjoch Befreiten mit ihren Anhängern durchs Nachbarland fuhren und alles zusammenstahlen, was nicht niet- und nagelfest war.
Ein schönes Begräbnis war ihm zuteil geworden, dem Karol, ja. Das forderte die Pietät, beziehungsweise die pietätvolle Inquisition. Da ließen sie sich nicht lumpen. Aber dabei mußte es auch bleiben.
Abgehakt.
Ein Lateinamerikaner?
Ach was, keine Revolution dort in Aussicht. Tupamaros, Leuchtender Pfad, es hatte sich ausgeleuchtet. Alle von der amerikanischen Inquisition, die sich dort genauso unverhohlen CIA nannte wie anderswo, korrumpiert, zusammengekauft. Bis auf einige wenige natürlich, die man gewähren ließ wegen des Pluralismus, sogar in Lateinamerika. Außerdem mußte man die Lateinamerikaner seit der Zeit der heilbringenden Conquistadores sowieso nicht mehr bekehren. Die hatten gründlich gearbeitet, gute Diener waren sie gewesen, ja...
Cuba eventuell, da wäre noch Potential, denn der alte Krausbartschopf war so zäh. Einmal jüngst hatten sie es noch probiert, ihn die Treppe hinuntergerumpelt. Aber der Lederapfel hatte sich wieder nur ein Bein gebrochen. Beim nächsten Mal das andere, und dann wäre unwiegerlich der Hals dran, ein Naturgesetz. Das konnte man getrost erwarten. Und von daher betrachtet wäre es nicht nur zu kostspielig, sondern widerspräche allen Lehrsätzen der Diplomatie, würde man das archaische, rote Gesindel dort unangemessen aufwerten. Alles nur eine Frage der Zeit.
Einen Nordamerikaner, USA?
Den einfältigen Präsidenten müßte man ja eigentlich schon ein wenig unter die Fittiche nehmen gegen seine Berater im Auftrag der jüdischen Hochfinanz. Die Schwestern und Brüder Chaldäer im Zweistromland zu beschützen, hatte Karol ihm gerade noch reindrücken können.
Im großen und ganzen zuviel Aufhebens drum zu machen, würde nun den Einfaltspinsel unnötig und vor allem unverdient über den Scheffel stellen. Zu lange schon genoß er den angeblichen Status des Weltenherrschers, obwohl jedes Kind wußte, daß die Welt nicht von ihm, sondern zu etwa gleichen Teilen von der Inquisition und der jüdischen Hochfinanz beherrscht wurde. Warum also eine trübe Suppe aufrühren?
Und dazu, oh und igitt, diese übermäßige Päderastie im dortigen Klerus. Einen schwulen Bubenschänder auf dem Stuhl Petri? Undenkbar. Was waren dagegen doch die lebenslustigen Päpste des Hochmittelalters für Saubermänner gewesen. Ja, bei aller Offenheit, aller Neubesinnung auf die veränderte Geschlechterrolle in der postmodernen Gesellschaft, das sprengte den Rahmen aller Freiheiten. Im ungünstigsten aller Fälle stürbe dadurch der Klerus sogar aus! Da hatte, um nur ein Beispiel zu nennen, der Borghese seinerzeit anders vorgesorgt durch seinen ungezählten Nachwuchs.
Dann doch wieder einen bewährten Italiener?
Die Italiener waren nicht mehr bewährt. Schon überhaupt nicht die jungen Männer, selbst wenn sie als Kardinäle alt werden würden und ihre Mammas hinwegstürben. Solange trieben sie sich im Hotel Mamma herum und ließen sich bedienen. Da machte nämlich auch der Klerus keine Ausnahme. Überall flatterten die Mammas als Nonnen umher und kümmerten sich um ihre Söhnchen im Ornat. Ergo hätten letzten Endes nur noch die Nonnen das Sagen. Unerträglich!
Einen ehemaligen sowjetrussischen Geheimagenten?
Schwer möglich, denn die waren alle in den Schoß der Orthodoxie zurückgekrochen oder saßen dicke im Ölgeschäft nach dem Zusammenbruch des neuen Zarenreiches. Wieder andere wußten einfach zu viel. Sie würden auch um das letzte Geheimnis der Menschheit wissen, das zu lüften einzig Harry Potter zustand. Solches mußte mit aller Macht verhindert werden, denn dann hätte er umsonst gelebt.
Einen Vertreter des British Empire, der Heimat?
Unglaubwürdig, denn nach wie vor waren die ketzerischen Anglikaner hier der harte Knochen. Die Sun würde zwar über kurz oder lang ein Geküngel aufdecken, das die Unterwanderung der Abtrünnigen belegen könnte, der Ruch der Verschwörungstheorien hinge dennoch wie das Schwert des Damokles drüber. Vielleicht einen - noch - queengetreuen Inder gegen Pakistan, Afghanistan, Tadschikistan, Malayistan, zusammengefaßt und kurz Binladistan? Überlegenswert, denn militärisch wäre da nichts zu machen, ganz und gar nichts.
Könnte man freilich einem Orientalen grundsätzlich vertrauen? Spielten die nicht allzu gerne Katz und Maus, wenn es um den Westen an sich ging? Heute Anwärter auf den Heiligen Stuhl, selbigen Abends Gast bei den Sikhs, frühmorgens Rädelsführer gegen irgendwelche Karikaturen?
Einen Teutonen?
Das würde unweigerlich am Veto der britischen Empiristen scheitern. Nazi War never will be ending, daran dürfe nicht gerüttelt werden.
Einen schwarzen Afrikaner?
Genügte es nicht, daß die schwarz sind? Es gibt zwar keine Rassisten mehr, aber schwarz bleibt schwarz, basta. Und die mit ihren archaischen Stammesfehden! Da käme man ganz schön ins Schlamassel, denn mit der Diplomatie der Kurie sei gegen den Voodoo-Kult nicht um ein Hälmchen anzukommen, geschweige denn mit Jesus von Nazareth. Die wüßten doch nicht mal, wo Bethlehem liegt, von Rom ganz zu schweigen.
China? Siehe Cuba.
Halt und nein!
Hongkong, die Kronkolonie, Commonwealth, still and forever very british, der Trumpf!
Die Chinesen mochten ruhig glauben, mit diesem Moloch ein gutes Schnäppchen gemacht zu haben. Die würden sich noch wundern, ha! Das kapitalistische Nest im roten Pelz, zwar geographisch nicht mittendrin, aber beim Geld hört selbst die Geographie auf.
Von Hongkong aus hatten Coca Cola und Mc, die Donalds, ihren Siegeszug durchs Reich der Mitte schon längst angetreten, und die dummen Maos hatten es nicht mitgekriegt. Aber für das letzte Geheimnis der Menschheit war selbst die Kronkolonie noch zu jung, obwohl sie neunundneunzig Jahre lang tapfer gelauert hatte. Als Basiszelle, ja, auf der langen Bank einstweilen, da wäre nichts besser geeignet. Ein Kardinal dort, das müßte eine Mischung sein aus chinesischer Bauernschläue und kapitalistischer Gründlichkeit. Coke und Mc sollten ruhig vorerst allein weitermachen, den blauen Ameisen die Vorzüge westlicher Küche schmackhaft machen, denn auch im ehemaligen Reich der Mandarine geht die Liebe durch den Magen. Die Kinder dort waren mittlerweile schon so fett wie in New York oder in Berlin. Würde man denen eines Tages ihre Coke oder Mc wegnehmen, wäre eine Kulturrevolution die Folge, eine wirkliche, gegen die die Schandmützen der hungernden Roten Garden von damals Karneval gewesen wären. Also einmal mehr: Abwarten, nicht abhaken. So lange wie in der Sowjetunion durfte es freilich nicht dauern. Aber die Aussichten stünden gut, waren die Chinesen doch für ihre Emsigkeit bekannt, ganz anders als die Polen.
Die Bajuwaren?
Da wäre schon einer, der infrage käme. Ein alter Fuchs. Aber zu polyglott. Das könnte man zwar einerseits einem neuen Pfingstwunder gleichsetzen, weil die Menschen nicht nur zauberer-, sondern mindestens genauso wundersüchtig sind.
Andererseits kennt jeder das indianische Wort von der gespaltenen Zunge. Wie oft und tief gespalten muß da erst eine polyglotte Zunge sein. Auf diese Weise würden wieder die Lateinamerikaner mit ihren bekehrten Indios vergrault.
Auf die nordamerikanischen Indsmen bräuchte man dagegen keine Rücksicht nehmen, weil es kaum mehr welche von dieser Spezies gibt. Das Feuerwasser dezimierte sie gründlich. Außerdem glauben die nur an einen einzigen Gott, den sie Manitou, den großen Geist nennen. Nicht trinitarisch, daher heidnisch.
Harry kratzte sich den Kopf unter der Tarnkappe. Die hatte er vorsichtshalber aufgesetzt, damit ihm Mum nicht doch wieder ihre Kommentare aufhalste.
So kam er nicht weiter, es war schwieriger, als er gedacht hatte. Deshalb beschloß er, seine Strategie an Ort und Stelle zu entwickeln. Am Ort des letzten Geheimnisses der Menschheit.
Wenn er sich dort vielleich an einen von der Inquisition heranmachte? Die ahnte eventuell etwas vom letzten Geheimnis der Menschheit.
Aber gerade deswegen Harry traute ihnen nicht über den Weg. Aus der Vielschichtigkeit der wissenschaftlichen Kriminologie des Klerikalismus wußte Harry, daß sich unweit des Ortes des letzten Geheimmnisses auch die tiefsten Kerker der Geschichte der Menschheit befanden, in welchen so mancher seiner Vorgänger sang-, klang- und spurlos verschwunden war. Disappeared, forever gone, yeah.
Nichtsdestotrotzquam: No risk, no fun!
Harry packte packte seine Erkenntnisse bis auf das eine, entscheidende, einschließlich seiner Siebensachen und bestieg den Flieger nach Fiumicino, wo er sicher landete, ein gutes Omen gegen die Omnipotenz der Inquisition - zunächst.
Und just an der Gepäckabfertigung kam ihm der erste Teil der fehlenden Erkenntnis: Nichts von alledem. Die Menschen in aller Welt waren politikverdossen geworden, denn die Kunst des Lesens, Schreibens und Rechnens hatte, gut fünfhundert Jahre nach Meister Gensfleysch zu Guttenberg, begonnen, sich weltumspannend, also global, durchzusetzen.
Sie würden einen neuen Politischen nicht annehmen. Ein völlig Unpolitischer müßte es sein, ein gütiger Übervater, den schönen Künsten zugetan zum Beispiel, ein Dichter, Poet, Maler, Spaziergänger vielleicht, auf keinen Fall mehr ein hektischer Traveller, ganz ohne Papamobil, etwas Seelsorge am Rande, eine Periode lang wenigstens, bis zum nächsten Weiß-Schwarz-Geschmauche über dem Ort des letzten Geheimnisses der Menschheit.
Aufgrund der reparierten Dunst- und Tarnkappe gelangte Harry ohne Probleme ins Zentrum des letzten Geheimnisses der Menschheit, unter den Konferenztisch in der Sixtinischen Kapelle, und war nun doch selbst ein wenig erstaunt, wie ihn dieses, klerikalwissenschaftlich Conclave genannt, beeindruckte, insbsondere von seiner derzeitigen Sicht aus.
Die Herren Kardinäle hatten sich - es war höchste Zeit geworden für ihn - im Augenblick niedergesetzt, und die Aussicht, zunächst recht banal auf schwarze Rocksäume und schwarze Schuhspitzen beschränkt, weitete sich bereits nach wenigen Minuten durch die Aktivitäten, die jetzt hier unten entstanden.
Die Hauptschwierigkeit für ihn bestand nun darin, den unterirdisch Agierenden ein überirdisches Gesicht samt Namen und Herkunftsland zuzuordnen. Das heißt, er mußte Lücken finden, durch welche er schlüpfen konnte, denn die Kappe verbarg allein die visuelle Seite seiner Gestalt. Ein schlüpfender, drängender, wenn auch unsichtbarer Corpus, würde unnötig für Verwirrung sorgen.
Es war jedoch ganz einfach: Da, wo berockte Knie sich auf einer Seite aneinanderschmiegten und von nachbarlichen, feingliedrigen, wenn auch bereits faltigen Händen belegt wurden, entstanden auf der anderen Durchschlupfe.
Es dauerte auch nicht lange, bis Kassiber sich unterirdisch auf den Weg machten, Schuhspitzen sanft gegen andere tupften, Knie, die nicht von feingliedrigen, älteren Händen belegt waren, sacht gegen andere drückten, immer jeweils zum monotonen überirdischen Singsang eines Zeremonienmeisters, dessen bajuwarischer Akzent in seinen italienischen Erläuterungen unverkennbar war.
Harry kam ins Schwitzen, denn die unterirdische Harmonie ließ darauf schließen, daß die Schuhe und Soutanen bald weiß würden wie der Rauch, der dann aus dem Kamin stiege - ohne sein wirksames Eingreifen. Denn der zweite, der Hauptteil seiner Erkenntnis, stand noch immer aus.
Was tun, verdammt?
Wie der Wurm, der nach dem Trial- and Errorprinzip auf der Suche nach Nahrung ist, kroch Harry auf dem Boden des Ortes des letzten Geheimnisses der Menschheit umher.
Und da - frischer Lebertranduft, von einem Paar sorgsam gewienerter Schuhe ausgehend, strömte seiner Nase entgegen. Warum der ihn so anzog und gar unruhig machte, wußte er im Moment selbst nicht zu beurteilen. Er mußte nachsehen, überirdisch.
Der Kardinal von Eskimonien!
Why, the hell, war er nicht gleich darauf gekommen? Eskimonien, das letzte Land des Friedens, der Harmonie, der lachenden, pausbäckigen Gesichter unter fellgerahmten Hauben!
Als hätte seine Erkenntnis sich verselbständigt und wichtig gemacht, entstand unterirdische Unruhe.
Aus den sachten, sanften und brüderlichen Berührungen unter Tische wurden rohe Tritte gegen Schienbeine, Kniffe in benachbarte Oberschenkel, die Kassiber flogen nur so umher, und es waren insbesondere die Camel-Schuhsohlen der lateinamerikanischen und afrikanischen Kardinäle, die heftig auf die der Nordamerikaner und Europäer prallten.
Plötzlich landete ein aufmüpfiger, etwa siebzigjähriger und damit noch relativ junger Schwarzer direkt neben ihm unter dem Tisch und wurde von verschiedenen Schuhen dort unsanft umhergeschoben.
Überirdisch-sixtinisch herrschte versteinerte Ruhe.
Jetzt mußte Harry handeln. Ein Lebertrankardinal wäre der richtige: Der Ichthys im polaren Eiswasser, die urchristliche Wahrheit in einem Land der Bescheidenheit, der gegenseitigen Nachbarschaftshilfe, der Kargheit, des Verzichts, der ehrlichen Arbeit undsoweiter.
Als aufgrund der Erkenntnis seine Augen zu leuchten begannen, schwenkte eine unter der Tischplatte verborgene Infrarotkamera auf ihn ein, und sofort zog ein kaum zu bemerkender gelber Schwaden über ihn hinweg. Harry, der gerade tief einatmete, bemerkte es noch - zu spät.
Er erwachte wieder in einer Ecke des Petersplatzes Unbeschreiblicher Jubel dröhnte um ihn herum. Die Schwaden, die er als erstes sah, waren nicht mehr gelb wie unter Tisch, sondern weiß und drangen aus dem Ort des letzten Geheimnisses der Menschheit: Habemus Papam! Papam Escimonium!
Jetzt erkannte Harry den Haken, den die Sache gehabt hatte: Er wußte nicht, daß die Inquisition den Kardinal von Eskimonien längst zum neuen Papst bestimmt und von ihm, auf dessen Scharfsinn sie zählte, nur die Bestätigung gewollt hatte. Er hatte sie unterschätzt, hatte sich zu ihrem Werkzeug machen lassen.
Mutter Jane hatte ihm abgeraten wegen der Inquisition, die heilig ist.
Ich hab´ es dir gleich gesagt, Harry: Die Inqusition ist scheinheilig. Und mit der Scheinheiligkeit spielt man nicht.
Ach Mum... wollte er noch sagen. Doch was nützte es, der Mutter zu widersprechen, die noch dazu eine Frau ist.
Er konnte nichts für das Fehlschlagen seiner Mission, denn dafür war er einfach noch zu jung, die Inquisition dagegen schon mehr als neunhundert Jahre alt.
Hätte er jedoch vor seinem waghalsigen Unterfangen nur ein klein wenig Kant studiert, wäre ihm bald aufgefallen, was der dazu zu sagen gehabt hatte: Mit dem Alter nimmt die Urteilskraft zu und das Genie ab. Im Umkehrschluß: In der Jugend hat man viele Ideen, aber die anderen sind eben schon zu alt für den jungen Genius. Weise wäre ein wenig übertrieben.
Dem jugendlichen Genie nützt da freilich auch eine reparierte Tarnkappe nix. Sie muß vor der Kapuze kapitulieren, auch wenn´s noch so schwer fällt.
Doch der eskimonische Papst wurde ein guter Papst. Er verbrachte seinen Urlaub nicht auf den Gipfeln der Brenta-Gruppe, sondern beim Kajakfahren und Fischen mit seinen Brüdern und Schwestern im Eismeer. Er flog nicht mehr nach Lateinamerika, nach USA, nach Russland, nach Schwarzafrika, nach Köln und Bayern und so weiter, siehe oben, und sparte damit der Kurie eine Menge Kohle ein.
Und, last but not least: Die arktische Polkappe schmolz nicht weiter ab, ein Wunder, wie es die Welt seit der stigmatisierten Resl von Konnersreuth nicht mehr gesehen hatte.
Ja, die Inquisition hatte Weitblick gezeigt.
Und das letzte Geheimnis der Menschheit wurde nicht gelüftet, denn Mum Jane versteckte die Tarnkappe und verbot ihrem Sohn von da an den Mund. Sie hatte auch so schon genug Geld mit ihm verdient. Irgendwann muß man aufhören können, erzählte sie, geheimnisvoll lächelnd, der Sun, die mehr wissen wollte vom letzten Geheimnis der Menschheit.
Das freilich behielt sie für sich. Es könnte ja sein, daß irgendwann das Geld knapp würde im Hause, und dann, ja dann, wäre das Geheimnis möglicherweise dran...
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