Ersatzteile
Man solle nur herzutreten und sich
bedienen, es sei genug da; und wohlfeil dazu. So warb und wirbt der Billige
Jakob auf den Jahrmärkten in Stadt und Land spätestens seit Beginn des
marktwirtschaftlichen Goldenen Zeitalters.
Dieses gebar nicht nur den Marktschreihals, sondern glitzernde, überquellende
Kauf- und Versandhäuser, vielfarbige Versandkataloge, die grenzenlose Freiheit
der Kreditkarte, mittels derer es möglich wurde, sich wie ein Paradiesvogel,
hoch über den Wolken schwebend, wollüstig zu verschulden, und bestimmt nicht
zuletzt das Netz ohne doppelten Boden, welchem das Attribut der
Internationalität besondere Attraktivität verleiht, denn der, der es nutzt,
ist Weltmensch. Und wer möchte nicht pantoffeltragender Weltmensch sein in
seinem Wohnzimmer?
Wir können also alles kaufen, was wir wollen, wann wir wollen, wie wir wollen,
vorausgesetzt, wenn wir wollen. Und ehrlich, wer will nicht kaufen? Einsiedler,
Käuze und Spinner halt. Die hartnäckigsten Un-Käufer und
Fortschrittsblockierer sind die existentialistischen Intellektuellen, die eine
Breitcordhose, einen Schafswollpullover, Jesus-Sandalen und eine Baskenmütze
oder ein Beduinenkopftuch ihr einziges Eigen nennen und nicht davon lassen,
böte man ihnen selbst ein Königreich dafür.
Der Frühaufsteher aber, der im Halbschlaf irrt, um den ersten Hahnenschrei
nicht zu verpassen; der Nachtmensch, der glaubt, er werde den nächsten Tag
nicht erleben und es deshalb nicht wagt, sich niederzulegen; der an
Schlaflosigkeit laborierende, der sein Leiden zum Vergnügen macht, denn
er lechzt nach Bettflucht, um ungestört zu sörfen, zu tschätten und zu
bestellen; und sogar der Somnambule, dem Bildschirm, Tastatur und Maus die
Traumwege befehlen, daß er schließlich auf den Wellen wandelt. Das sind die
wahren Kinder von aetas aurea und werden von ihm getätschelt, verhätschelt,
liebkost und geherzt.
Freilich kaufen nicht alle Neuwertiges oder Hochwertiges, da wären sie schön
dumm, denn statt Gold gibt es Messing, und Messing darf ruhig aus zweiter,
dritter oder tausendster Hand sein. Dann bestellt man sich ein
Messingputzmittel, und der Secondthousendhandschatz glänzt wieder wie Gold.
Daneben kann man lustig durchaus Neuwertiges bestellen, wenngleich es ein
Ersatzteil ist, aber ein neuwertiges Ersatzteil eben.
Ersatzteile übertreffen durch den Fortschritt sogar die Originalteile, sonst
bräuchte man ja keine Erstzteile, nicht?
Man kauft für den durchgerosteten Auspuff des Wagen als Ersatz aus Torheit mit
Sicherheit keinen, der wieder durchrostet, sondern einen, der nicht mehr
durchrostet, feuerverzinkt oder aus Edelstahl. Dadurch werden Kapazitäten frei
für andere Artikel des Ersatzteilmarktes.
Bei dem heutigen allgemeinen nicht mehr zu übertreffenden Wissensstand, nach
dem das Zeugnis der Hochschulreife als Bescheinigung eines abgeschlossenen
Gärungsprozesses definiert wird, hieße es Eulen nach Athen tragen, darauf
hinzuweisen, daß der Ersatzteilmarkt längst den menschlichen Körper als
unerschöpfliche Profitmaximierungsquelle aufgetan hat.
Einer, der ernsthaft behauptet, Michael Jackson sei negroider Abstammung, gibt
sich nie dagewesener Lächerlichkeit preis. Erdreistet sich ein Vorwitziger,
Elizabeth Taylor zu fragen, ob sie noch eine Winzigkeit natürlicher Haut in
ihrem Gesicht trage, so wird sie jenem die Gegenfrage stellen, was das sei,
natürliche Haut.
Und da auch der Markt der Kallichirurgen aus den Nähten platzt, kann nach
dem einzig noch gültigen Gesetz von Angebot und Nachfrage die Frau, der
wir höflicherweise den Vortritt lassen, weil sie uns, da wir Mann sind, im
anderen Falle einen Arschtritt verpaßte, eine neue Ersatznase, neue
Ersatzzähne, neue Ersatzbrüste, neue Ersatzhüften, neue Ersatzoberschenkel,
einen neuen Ersatzpo und sogar eine neue Ersatzvagina, der Mann in ähnlicher
Weise einen neuen Eratzbizeps, einen neuen Ersatzwaschbrettbauch, neue
Ersatzklavierspielerhände und einen neuen Ersatzpenis via internationales Netz
bestellen und preiswert montieren lassen.
Kranke oder endverbrauchte Organe und deren Ersatzbeschaffung haben längst ihre
Schrecknisse verloren.
Mußten vor wenigen Jahren noch aufgeblähte Kinder oder andere Verhungernde,
die ansonsten aber als durchaus gesund galten, in der dritten Welt eingefangen
werden, damit man ihnen Nieren und andere Innereien entnehmen konnte, ohne sich,
da sie ohnehin dem baldigen Tod geweiht waren, weitere Gedanken machen zu
müssen, so läuft das heute mit dem Link auf Ersatzteile, Körper, menschlich:
Gentechnisch nach dem neuesten Stand einwandfrei produziertes Vielkammerherz,
Normalausführung, neuwertig, mit höchster Pumpqualität (1,35 l/min),
glasfaserverstärkten Elasto-Wänden und Gefäßanschlüssen (gegen Aufpreis),
Lifetime-Garantie; Lungenflügel einzeln oder im Paket, Bläschen (Euro-Norm)
aus reißfestem Latex mit garantiertem Volumen von mindestens 120 %, getestet
unter härtesten Machorka-Bedingungen, teerabweisend, im
Nikotinschonfilterverfahren entwickelt; feinstes Lebermaterial, Hepatitis A,B,C
immunologisiert, in Methylalkohohlkonzentrat gezüchtet, gewachsen und
versiegelt, für Kenner und Genießer besonderer und häufiger Tropfen; Magen im
Naturpansengewebe, garantiert krebsresistent durch Kunstsäure,
kalorienreduktionsfähig, dabei äußerst voluminös, daher geeignet für
hochquantitative Nahrungsaufnahme bei mildem Verdauungsvorgang, nie mehr
Erbrechen, Verstopfung, Diarrhoe oder übermäßige Gasansammlung im sekundären
Verdauungstrakt; Augäpfel von mattviolett über giftgrün, space-ebony,
orangemetallic, dschehennarot, original hundertwasserblau bis zu albinoweiß,
Linse laserfocussiert, Steinadlernetzhaut, Prismablick (gegen Aufpreis), grün-
und gaustarimprägniert; Zunge, drei bis maximal zwölfkommasieben cm lang,
belegfrei forever, präzise S-Lautformung gegen Lispeln, um die Längsachse
rollfähig für gesundes Freispucken, Spezialanfertigung für professionelle
Zungenküsse, auch für Homosexuelle geeignet (gegen Aufpreis); trendy
Ohrmuscheln aus der Gentechnik-Werbung (Maus, Schweinchen, Elephant),
Trommelfell aus Kunsthymen, Gehörnerv aus feinstem Antennenmaterial
(Weltraumtechnik);
in Kürze d e r absolute Verkaufsschlager: Neue Gehirne, heute noch top secret,
aber jetzt schon zugreifen und bestellen, da Vorrat begrenzt!
Und, und, und.
Ganz zu schweigen von den ungezählten Lifestyle-Produkten, die ein
mindestens hundertvierzigjähriges Leben vollkommen werden lassen bis in die
Todesstunde.
Aber selbst diesbezüglich hat eine der obigen Zungen das letzte Wort noch nicht
gesprochen, wie die Dres. Antinobaldi, Ben Moses Himmelblick und Jamas
Prophetakis von der Frankenstein Foundation International freudestrahlend und
absolut glaubhaft in der Internet-Fachliteratur versichern. Da lacht das bereits
implantierte Vielkammerherz!
Ganz so top secret ist das mit den neuen Gehirnen freilich nicht mehr, denn jede
Innovation zieht Industrie- und Wirtschaftsspione an wie das Licht die
Nachtgeister. Und daß wir es hier mit einem immensen Wirtschaftspotential zu
tun haben, erscheint augenfällig, denn nie war der Bedarf an neuen Gehirnen so
groß wie in unserer Zeit. Die Notwendigkeit einer industriellen Produktion ist
daher unumgänglich.
Es werden also schon viele Varianten gehandelt, im Kleinen wie im Großen, und
der Markt ist nicht gerade zimperlich. Sauber durchtrennte Kehlen lassen auf
eine kräftige Mitwirkung der Russenmafia schließen. Und die sind anscheinend
auch bereits so weit im Wettbewerb, daß sie es nicht mehr nötig haben, die
angeschnittenen Köpfe mitzunehmen, in denen sie bisher immerhin noch etwas Hirn
vermuten durften. Nein, die Gemeuchelten sollen lediglich schweigen können, das
genügt.
Eine heikle, vor allem in Wissenschaftler- und Moraltheologenkreisen
vieldiskutierte Frage steht zur Thematik recht erschwerend im Raum: Ist das
Gehirn nun der Sitz der Seele oder nicht? Denn dann müßten neue Seelen
mitproduziert werden, und da machen die Techniker noch sehr lange Gesichter.
Manche behaupten der Einfachheit halber, und um den Beginn der Produktion nicht
unnötig lange hinauszögern zu müssen, was zu ungeheueren Verlusten fühen
müsse, jedes Gehirn, sei es nun tatsächlich der Sitz der Seele und nicht nur
elektrische Impuls- und Schaltzentrale, würde nach einer gewissen Anlaufzeit
von selbst Seele produzieren. Eine Seele, die sich dem jeweiligen Gehirn eben
anpasse und daher auch optimal zu ihm passe. Andere halten dagegen, was ihnen
die ersteren sehr verübeln, weil sie ihnen schlicht die Tour vermasseln
wollten, zu jedem einzelnen Gehirn müsse eine eigene Seele entwickelt werden
unter der Mitwirkung und vor allem Aufsicht von Ethikern, Geistlichen und
Seelenbiologen.
Ergo vermuten Dritte dahinter die Einmischung des Vatikans, der an dem
profitablen Geschäft ebenfalls partizipieren möchte. Eine heillose Denk- und
Gegendenklandschaft hat sich darüber entwickelt, und es kommt anläßlich der
Abhaltung von Symposien zu der Problematik immer wieder zu Handgreiflichkeiten,
in deren Verlauf nicht nur Fäuste, sondern vielmehr schon Seelen sprechen.
Dabei ist die Auseinandersetzung um die Seele überhaupt nichts neues. Schon
einmal nämlich, vor etlichen Jahrhunderten, war ein scharfer Kampf um die
Seelen entbrannt. Nicht unter der Federführung des Pferdefüßigen, wie man
spontan glauben möchte, wenngleich diejenigen, die diesen erbitterten Strauß
fochten, ihre Hufe schwerlich unter den langen Kutten verbergen konnten.
Auch ging es dabei nur vordergründig um die Seelen, denn der die
Auseinandersetzung begleitende Schlachtruf lautetete
Wenn das Geld im Kasten klingt,
die Seele [dann] aus dem Fegfeuer springt
Heutzutage weiß ja schon keiner mehr, was ein
Fegfeuer ist (s.o. zum Stichwort Hochschulreife). Das kann man aber auch sehr
leicht im Internationalen Netz abrufen, sodaß wir an dieser Stelle keinen
Exkurs einschieben müssen.
Ein Konditionalsatz, ein wenn - dann - Beziehungsgefüge: Ein Ergebnis ist
abhängig von einer Bedingung. Die Bedingung ist Geld, das Ergebnis die
Seelenfreiheit, theologisch Absolution, Freisprechung der Seele [von der
Sünde]. Anders ausgedrückt: Bauer, zahle, dann kannst du von neuem sündigen.
Eine Endlosschleife.
Leider war der damalige Bauer nicht in der Lage, zu zahlen und somit der Sünde
auf ewig verhaftet. Diejenigen dagegen, die zu bezahlen imstande waren, durften
ewiglich sündigen. Wir müssen deshalb den Begriff Bauer übertragen deuten,
wie nicht nur damals üblich, im Sinne von dummer Tropf. Und damit ist die
Parallele zur Neuzeit, genauer bestimmt, Post-Zeit hergestellt: Damals wie heute
ging es um Geld, sehr viel Geld, wie oben schon expliziert. Mit dem wesentlichen
Unterschied allerdings, daß das Geld der damaligen Kampagne in erster Linie
für den Bau der Immobilie Dom zu St. Peter, Rom, künftige Quelle von
Almosenspenden und anderen freiwilligen Abgaben der Heilssucher, die man bequem
und unkontrollierbar an den Bedürftigen vorbeifließen lassen konnte,
beziehungsweise zur Finanzierung weiterer Kreuzzüge, die den Ziehenden
ungeheuere Einnahmen verhießen, verwendet wurde, während Profite unserer Zeit
in mächtigen Wirtschafts- und Industriekomplexen, also Neutren, aufgehen, eine
Erscheinung, die bisher noch kein Internationalökonom oder Wissenschaftler
hinreichend klären konnte.
Aber was tut´s? Der gemeinsame Nenner war und ist der monetäre Hintergrund,
und wir wollen diese Tatsache beileibe nicht moralisieren, denn Geld wiederum
war, ist und bleibt die Triebkraft des Fortschrittes, dem sich keiner
entgegenstellen darf, schon angesichts des weiter immens expandierenden
Ersatzteilmarktes; denn weißt du, oder du, oder du da hinten, ob du nicht in
einer Stunde schon ein weiteres Ersatzteil brauchst, was?
Der Hauptscharlatan der spätmittelalterlichen Seelenkampagne war ein gewisser
Tetzel, nicht zu verwechseln mit dem seelenlosen TV-Tetzlaff. Von diesem Tetzel
wird eine kleine Anekdote erzählt, die wir dem Leser nicht vorenthalten wollen.
Als dieser kuttentragende Legatus Vaticanus in Thüringen wirkte, erfuhr er,
daß der Fürst des nachbarlichen Landes Sachsen den Ablaßhandel nicht erlaubt
hatte, weil er an dessen Erträgnissen nicht beteiligt werden sollte.
Strammen Fußes und durchdrungen von messianischem Geldbeschaffungseifer eilte
Tetzel daraufhin zur Grenze und brüllte in die Weite des ungastlichen
Nachbarlandes hinein, die Bewohner sollten kurz herüberkommen, um ihre Sünden
loszuwerden. Ob sie dem Aufruf folgten, ist nicht mehr bekannt. Tetzel aber
erhielt durch diesen Auftritt den Beinamen "Sachsenschreier". Eine
schöne Geschichte, finden wir.
Da es außer dem Internet bekannterweise grundsätzlich nichts Neues unter der
Sonne gibt, war es nicht eine Frage, ob nun Gehirn mit oder ohne Seele, sondern
schlicht der Zeit, bis der altbekannte Seelenhandel wieder ins Blick- und
Kommerzfeld rückte.
Uns interessiert weniger die Frage, ob Psychofabricatores der Gegenwart bereits
in der Lage sind, neuwertige Seelen zu basteln und auf den dürstenden Markt zu
werfen, sondern wie der Seelengebrauchthandel funktioniert. Und wir wurden
überraschend schnell fündig, wie die nachfolgend wörtlich wiedergegebene
Zeitungsrandnotiz belegt.
Student verkauft Seele bei Internetauktion
Washington (KNA) Ein US-amerikanischer Student hat bei einer
Internetauktion seine Seele verkauft. Nach gestrigen US-Presseberichten zahlte
die Käuferin, ebenfalls aus den Vereinigten Staaten, für die Seele von Adam
Burtle aus Washington umgerechnet rund 880 Mark. Der Betreiber der Website
"eBay" zeigte sich wenig erfreut über das Geschäft und schloss
Burtle von weiteren Versteigerungen aus. Nach Angaben von "eBay"-Sprecher
Kevin Pursglove dürfen nur Dinge versteigert werden, "die der Verkäufer
anschließend auch dem Käufer aushändigen kann". Das Unternehmen habe in
der Vergangenheit bereits mehrere "Seelenverkäufer" ausfiltern
können. Burtles Gebot sei aber anscheinend durch das Netz gerutscht, so
Pursglove. (Quelle: Donaukurier, Ingolstadt)
Es tut sich also was. Jedermann/frau kann wieder hoffen, wenn ihm/ihr die eigene
Seele durchgebrannt ist. Aber es ist sicherlich auch ein gutes Gefühl, eine
Ersatzseele auf Abruf im Safe schlummern zu wissen.
Halt, da war die Einschränkung aus dem Sachenrecht: Aushändigen und so. In der
Tat wird es dem Verkäufer nicht möglich sein, seine Seele auf Händen oder in
der Umhängetasche zum Käufer zu tragen.
Der Kaiser, der sich neue Kleider schneidern ließ, wurde trotzdem prompt,
wenngleich auf hohem geistigen Niveau bedient und fühlte sich so wohl wie ein
Pfau in den virtuellen Klamotten.
Und warum sollte es darüber hinaus, nachdem es zwischenzeitlich schon möglich
ist, Abhörmikrophone per e-Mail zu verschicken, im PC des Abzuhörenden zu
installieren und auch dann noch funktionstüchtig zu erhalten, wenn der
Belauschte sich zwischenzeitlich aus dem Netz verabschiedet hat, nicht ebenso
möglich sein, eine Seele auf diesem Weg ordnungsgemäß zu übereignen?
Daß man den pfiffigen Burtle von weiteren Versteigerungen ausschloß, setzt die
Vermutung voraus, er habe mehrere Seelen feilzubieten wie der Billige Jakob oder
die anderen Seelenverkäufer, die man ausfiltern konnte.
Eher unwahrscheinlich, nicht? Es sei denn, der Student ist ein ganz Ausgebuffter
und treibt hinsichtlich nebulöser Berufsaussichten seit langem einen
schwunghaften Gebrauchtseelenhandel, anstatt zu studieren.
Vielmehr sollte man davon ausgehen, daß Studenten arm sind und daher schon mal
ihre Seele verkaufen müssen. Die Seelen armer Leute sind außerdem bekanntlich
meist in sehr gutem Zustand.
Und weiter: Verkaufte er sie denn an den Teufel? Nein, an eine Frau. Und Frauen
haben häufiger Probleme mit ihrer Seele, das erfährt jedes Kind, das angeblich
eine Mutter hat, am eigenen Leib.
Immerhin spricht für die Echtheit der verkauften Seele, daß sie durch das Netz
gerutscht ist.
Und erst der Preis, das ist doch phänomenal. Wer und wie lange kann von DM 880
leben? Seele ist gleich Leben, und bis die neue wieder ersatzteilnötiggebraucht
ist, sinken die Preise aller Wahrscheinlichkeit nach noch um mindestens die
Hälfte. Da muß man zugreifen, bequem per Kreditkarte.
Nein, das Geschäft ist in Ordnung. Die Amerikaner allerdings, sonst so wendig
in allen Verkaufsangelegenheiten und Neuerungen, ansonsten aber recht humorlos,
können ihre puritanischen Wurzeln nicht überwinden, das ist das ganze Problem
dabei.
Wie man, hat man keinen PC, die Seele in das Gehirn bringen kann? Nichts
leichter als das: Angst essen Seele auf. Sie nimmt also den ganz normalen Weg,
wie jede andere Nahrung. Man muß nur den Willen aufbringen, sie nicht
leichtfertig wieder auszuscheiden. Das geschieht in der Regel mittels der Reste
der alten Seele, die man anschließend getrost zum Teufel jagen kann, damit der
auch ein wenig Freude hat.
Dem Pferdefüßigen müßte dagegen per Gesetz die Teilnahme am gewerbsmäßigen
Seelenmarkt untersagt werden, damit Mißbrauch von vorneherein ausgeschlossen
werden kann. In diesem Fall allerdings würden zwangsläufig echte Probleme
entstehen, da man vielen Gesetzgebern zurecht nachsagt, sie stünden mit jenem
im Bunde.
Zum Schluß sei, mit Verlaub und selbst auf die Gefahr hin, daß wir uns bei den
Internationalökonomen und Fortschrittlern unbeliebt machen, der
Gesamtproblematik dennoch eine grundsätzliche Frage nachgeschickt: Muß man
unbedingt eine neue oder auch gebrauchte Seele kaufen?
Ist es nicht eine Binsenweisheit, daß, ähnlich wie die existentialistischen
Intellektuellen mit Breitcordhose, Schafswollpullover, Jesus-Sandalen und
Baskenmütze oder Beduinenkopftuch, die Seelenlosen am unbeschwertesten
leben?
Rezension I Buchbestellung I home II06 LYRIKwelt © W.W.