Der Liebhaber unserer Mutter von Katherine Weber, 2006, Beck

Katherine Weber

Der Liebhaber unserer Mutter
(Leseprobe aus: Der Liebhaber unserer Mutter, Roman, Seite 12-16, , 2006, Beck - Übertragung Brigitte Gerlinghoff)

Wir verließen Mutter und Vater, weil wir wütend waren. Wir verließen unsere Eltern, weil sie einander nicht verlassen würden. Wir gingen fort, weil unsere Mutter zwar Bedauern zeigte, aber sich weigerte, schuldig zu sein, und weil unser Vater es ablehnte, wütend zu sein, und statt dessen lieber traurig war. Beide reagierten nicht angemessen. Die Situation erforderte mehr. Wir drei Schwestern waren in die abscheuliche Lage verwickelt, und wir verlangten mehr, viel mehr.

Wir verließen Mutter und Vater in der letzten Augustwoche vor vier Jahren, nach einem bitteren Sommer voller

Diskussionen und Verhandlungen, die alle zu intellektuell und theoretisch waren und denen es an Tiefe fehlte. Unsere Eltern hatten uns feste Grundsätze vermittelt. Sie hatten uns zu den Menschen gemacht, die wir waren, aber sie konnten den Maßstäben, die wir durch ihre Erziehung schätzengelernt hatten, selbst nicht gerecht werden – diese Maßstäbe legten wir bei anderen ebenso an wie bei uns. Unsere Eltern verfügten nur über die schwachen Worte ungenügender Erklärungen. Wir aber wollten gute, starke Worte, die etwas bedeuteten. Und außerdem wollten wir mehr als nur Worte. Die Green-Schwestern wollten Taten sehen. Die Green-Schwestern wollten Blut sehen. Von irgendeinem, von jedem. Von allen.

Was war passiert?

Unsere Mutter hatte eine Liebesaffäre, und wir entdeckten es.

Der seit dreiundzwanzig Jahren mit ihr verheiratete Mann konnte ihr verzeihen, aber wir, ihre drei Töchter, die sie unser Leben lang gekannt hatten, konnten es nicht. Wir konnten ihr diesen Fehltritt gegen uns, gegen unsere Familie, dieses Vergehen, das alles in eine Lüge verwandelte, nicht verzeihen. Wir konnten es einfach nicht. Ich glaube, Meg hat es versucht, aber mir ist bewußt, daß ich es gar nicht erst versuchen wollte. Warum sollte ich? Und Klein-Amy, süßes Schwesterlein und Nesthäkchen, Amy, die vor dem Einschlafen noch manchmal gern mit unserer Mutter kuschelte und leise sang – ihre Erbitterung und Wut waren wie eine Sonnenfinsternis.

Wir konnten weder unserer Mutter verzeihen, was sie getan hatte, noch unserem Vater, daß er ihr vergab. Deshalb verließen wir unsere Eltern und begannen eine eigenständige Existenz, um eine perfekte Einheit zu bilden und nach den Wertvorstellungen zu leben, zu denen wir erzogen worden waren.

Wir wollten, daß unsere Eltern stark waren, damit wir nicht stark sein mußten, aber sie vermochten es nicht, nicht in unserem Sinne. Unsere Eltern weigerten sich, den Weg zu gehen, den sie sich nach unserer Überzeugung selbst gebahnt hatten. Es herrschten fürchterliche Zustände, die nach fürchterlichen Lösungen schrien. Wir wollten Scheidungsverhandlungen mit allem Drum und Dran: grausame Drohungen, böse Szenen, Kämpfe um das Sorgerecht, habgierige Anwälte, eigennützige Erklärungen, gemeine Anschuldigungen, Pyrrhussiege.

In unserer Vorstellung konnte das Leben gar nicht anders weitergehen nach jenem Augenblick, jenem Innehalten des Pendels zwischen Vorher und Nachher, zwischen Nichtwissen und Wissen, zwischen Vertrauen – oh, so viel Vertrauen – und Vertrauensverlust.

Sie glaubten, alles könnte genauso bleiben wie vorher, und wir glaubten, nichts könnte je wieder so sein wie zuvor. Wir drei Schwestern hegten und pflegten unseren Zorn, bis er übermächtig wurde und Besitz von uns ergriff. Was bildeten sie sich ein? Daß die überragende Kultur unserer Familie, die Gegenentropie der prächtigen Familie Green, ein Greensches Familiensubstrat, ausreichte, um alles zusammenzuhalten? Sie kapierten es nicht. Den feuchten Augustnachmittag vor uns, schlossen Amy und ich die Tür der großen chaotischen Wohnung in der West Seventyfifth Street, in der wir unser ganzes, ehemals glückliches Leben verbracht hatten, und sie kapierten es nicht.

Ein bestimmter Moment: Amy und ich stehen mit unserem Gepäck im Hausflur und warten auf den Fahrstuhl, um dann gleich von unserer Ecke Amsterdam Avenue an den drei vertrauten Häuserblocks entlang zum U-Bahnhof Seventy-second Street Broadway zu laufen. Von dort würden wir zum Times Square fahren und den Bus zur Grand Central Station nehmen, dann würden wir mit dem Metro-North-Zug um 16.02 Uhr nach New Haven und dort schließlich mit einem überteuerten Taxi zu Megs Wohnung – unserer Wohnung – in die High Street fahren. Während Amy und ich unsere Sachen zusammenpackten, hatten sie sich gerade im Wohnzimmer auf der großen, durchgesessenen grünen Couch niedergelassen, ohne es zu kapieren, und lasen in einträchtigem Schweigen restliche Teile der Sonntagsausgabe der New York Times. Dabei tranken sie diesen trüben äthiopischen Kaffee aus ihren Lieblingsbechern, die sie auf einer romantischen Italienreise vor Megs Geburt erstanden hatten, und boten sich im gegenseitigen Austausch den Reiseteil und die Woche im Überblick an, überaus zivilisiert, Mann und Frau zu Hause, am Montag nach einem faulen Wochenende, zu Beginn eines neuen Semesters.

So ihrer selbst gewiß hatten sie sich entwickelt, so originell und aufeinander eingespielt waren sie als Eltern, daß sie es vorgezogen hatten, sich von ihren Töchtern statt Mom und Dad Janet und Lou nennen zu lassen. Aber sie merkten nicht, daß wir tatsächlich auszogen und nicht einfach bloß theatralische Teenager waren. Sie sagten oder taten nichts, um uns aufzuhalten. Sie nahmen uns nicht ernst. Oder vielleicht ist das falsch, vielleicht taten sie es doch, aber nahmen uns nicht beim Wort.

Als ich die Tür schloß, zwang ich mich, zu ihnen hinüberzusehen, wie sie da mit ihrer Zeitung und ihren Überzeugungen saßen, und ich schwor mir, daß ich diesen Moment immer im Gedächtnis behalten würde. Und das habe ich, klar und deutlich: Lou und Janet auf der Couch, und sie tun so, als ginge es sie nichts an, daß die Tür sich hinter ihren beiden Töchtern schließt, nachdem diese angekündigt haben, sie würden ausziehen und künftig bei ihrer älteren, in New Haven studierenden Schwester leben.

Gibt es irgendein Zeichen von Verzweiflung hinter der Selbstgefälligkeit, die ich auf ihren Gesichtern zu erkennen glaube? Lou in seinem gelben Freizeithemd von Lacoste, das er schon seit seinen Collegezeiten besitzt, Janet mit ihrem freundlichen Kann-ich-dir-helfen?-Blick, der sie bei ihren Studenten so beliebt macht – sind sie sich wirklich so einig in ihrer Gewißheit, wir würden in ein paar Tagen wieder zurückkommen, so zufrieden mit ihrer Theorie, daß es richtig sei, uns bei diesen vorübergehenden pubertären Spielen gewähren zu lassen? In diesem Augenblick zweifelte ich daran, daß ich sie je wieder so lieben könnte, wie ich es immer getan hatte.

Sie begriffen nicht, daß die vergiftende Wirkung ihres Handelns und sein Versäumnis, Einspruch dagegen zu erheben, die herrliche Landschaft unserer vollkommenen kleinen Greenschen Familienexistenz von Grund auf verwandelt hatten: in eine unkenntliche Einöde, in eine Mondlandschaft ohne Luft zum Atmen und ausreichende Schwerkraft, um uns dort festhalten zu können. Wir hingegen verstanden nicht, was sie noch an ihrem Platz hielt, wir wollten sie auch nicht an ihrem Platz, und wir konnten nicht eine Minute länger in diesem Potemkinschen Dorf von einer Familie bleiben. Doch alles, was die beiden an jenem Tag zustande brachten, war ein zögerndes Heben der Hand, um Amy und mir nachzuwinken, als ob wir nur mal eben einen Spaziergang um den Block machten. Und so gingen wir fort.

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