Tal der Herrlichkeiten von Anne Weber, 2012, S. Fischer

Anne Weber

Tal der Herrlichkeiten
(Leseprobe aus: Tal der Herrlichkeiten, Roman, 2012, S. Fischer).

1

Der Lärm der Fische?, fragte er, sein in der Mitte mit dünnem Papier umwickeltes Baguette schon in der Hand.

Ja, Goldfische machten sehr wohl Geräusche, sagte die Bäckerin. Die Lippen mehrmals hintereinander zusammenpressend und zu einer runden Öffnung aufreißend, ahmte sie das nächtliche Goldfischgeräusch nach.

Als Entschuldigung, weil sie sich im Wechselgeld geirrt hatte, und vielleicht auch, um diesen einzelnen Kunden zurückzuhalten und nicht gleich wieder allein im Laden zu bleiben, hatte sie ihm erzählt, in der letzten Nacht habe sie nicht schlafen können, sie sei vor ihrem schnarchenden Ehemann ins Wohnzimmer und aufs Sofa geflüchtet, aber auch dort habe sie wachgelegen, vom Lärm der Goldfische am Einschlafen gehindert.

Es heißt immer stumm wie ein Fisch, sagte sie, aber in der Nacht machen Fische einen Heidenkrach. Noch einmal ließ sie den leisen Knall des sich öffnenden Fischmauls ertönen, einen dumpfen Laut zwischen p und b, und sie lachten zusammen über das Fischgesicht, das sie dabei machte, undurchdringlich, ausdruckslos.

Wieder auf der Straße, fing er selbst an, das Fischgeräusch nachzuahmen, und er stellte fest, dass es mit befeuchteten Lippen dem Geräusch aufprallender Regentropfen, mit trockenen eher dem einer platzenden Luftblase glich. Ich muss aussehen wie ein Flugzeugpassagier, der versucht, sich von dem Druck auf den Ohren zu befreien, indem er den Mund aufreißt, dachte er – oder eben wie ein Fisch? Es war kaum jemand auf der Straße, keiner drehte sich nach ihm um. Oft fühlte er sich wie ein Fisch. Natürlich nicht wirklich wie ein Fisch, von dem keiner weiß, wie er sich fühlt und ob er »sich« überhaupt fühlt, sondern wie ein Mensch sich das Fischsein vorstellt: ein stummes, rundäugiges Zickzackleben, ein stetes Öffnen und Wieder-Schließen des Mundes, ein tonloses Erzählen,

Fragen oder Beten, ein für niemanden hörbares Geplapper oder Rufen oder Singen. Er erinnerte sich, gelesen zu haben, dass Fische Geräusche erzeugen können, allerdings war dabei nicht von Mundlauten die Rede gewesen, sondern von einem Trommeln auf Schwimmblasen und einem Zupfen an Sehnen. Er hatte das behalten, weil es ihn erstaunt hatte, dass Fische sich ihres Körpers wie eines Musikinstrumentes bedienen. Den Rest des Artikels hatte er vergessen. Doch, etwas fiel ihm noch ein: Der Knurrhahn konnte knurren.

Er schützte das Baguette vor dem feinen, durchdringenden Regen, der wie in Zeitlupe niederging, unter seiner kurzen Jacke, aber wie er es auch hielt, eines der beiden Enden ragte immer hervor. Entweder schaute das obere Ende der mehlbestäubten Brotstange aus dem Kragen heraus, oder, was noch unangenehmer war, die untere Spitze hing ihm zwischen den Beinen.

Er ging den Hausflur entlang, an den hölzernen Briefkästen vorbei, die Treppe war vom Hof aus zu erreichen. In der Küche machte er eine Büchse Ölsardinen auf, brach eine Ecke Brot ab, stellte das Radio an. Fragen und Antworten erklangen, die er nur als Stimmen wahrnahm, eine Art umgekehrtes Fischgerede,statt Mündern ohne Stimmen Stimmen ohne Münder, ein Sprechen ins Leere, in beiden Fällen kam nichts an. In den kopf- und schwanzlosen Ölsardinen war noch ein zartes, vom langen Liegen im Öl aufgeweichtes Skelett verborgen. Er fühlte das brüchige, tote Knochengewebe zwischen Gaumen und Zunge, schluckte es mit hinunter. Tunkte den Rest Öl in der Büchse mit kleinen Brotstücken auf. Trank ein Glas Wasser aus dem Hahn.

Bis auf das Leben und seine zähe Konstitution hatte er so ziemlich alles, was man verlieren kann, verloren: Arbeit, Haus, Frau, Kind, Sparbücher, Haar. Den Schädel hatte er sich kahlrasiert, solange es noch etwas zu rasieren gab, und mit den Hoffnungen und Illusionen hatte er es ähnlich gehalten. In mehreren Etappen hatte es ihn aus der Hauptstadt, in deren Umgebung er geboren war, immer weiter nach Westen verschlagen. Seit einigen Jahren bewohnte er ein Zimmer mit Küche in einem Mietshaus eines Hafenstädtchens am Nordatlantik, dessen einst große Fischereiflotte heute auf ein Dutzend Schiffe geschrumpft war. Mit seinen hellgrauen Augen und der Krummsäbelnase ähnelte er einem blinden Sperber. Und bis ihm ein anderer Name besser zu Gesicht steht, soll er Sperber heißen

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