|
|
Luft und Liebe
(Leseprobe aus:
Luft und Liebe, Roman, 2010,
S. Fischer).
1
Das letzte Wort ist geschrieben, das Manuskript fertig.
Ich hatte darin so tun wollen, als sei das alles
nicht mir, sondern einer anderen widerfahren, einer
engen Freundin etwa, deren Mißgeschick ich aus
nächster Nähe miterlebt und also hätte erzählen können,
guter Gott, wie hat die Ärmste sich da nur hineinmanövriert;
na, mir jedenfalls wäre das nicht passiert.
Verschiebungen dieser Art gelingen noch den
plumpesten Romanciers, aus ich mach sie, aus dick
mach dünn, aus blond mach schwarz. Und ausgerechnet
ich sollte diese dumme, diese idiotische,
diese grauenhafte Geschichte nicht glaubhaft einer
anderen in die Schuhe schieben können?
Ich habe es versucht, habe die ganze Geschichte
unter falschem Namen aufgeschrieben und am Ende
feststellen müssen: Tatsächlich, nein, ich kann es
nicht.
Es sollte eine Liebesgeschichte werden, und damit
niemand auf die Idee käme, die Geschichte sei womöglich
mir selbst widerfahren – bin ich nicht viel
zu schamhaft, um in aller Öffentlichkeit mein Lie-
besleben auszuplaudern? –, habe ich damit angefangen,
mich Le´a zu nennen und katholisch zu taufen
und mir die französische Staatsangehörigkeit und
eine russische Mutter anzudichten. Le´a sah natürlich
anders aus als ich, sie war um einen halben Kopf kleiner,
dunkelblond und in jedem Sinne blauäugig,
während ich es nur in einem Sinne, und auch das nur
manchmal bin. Die Geschichte meines Romans oder
was es werden sollte spielte zu einem Teil in Paris,
was aber noch lange nicht heißen mußte, daß sie mir
selbst zugestoßen war, denn ich lebe zwar in dieser
Stadt, aber außer mir sind immerhin noch mehrere
Millionen anderer liebesgeschichtenfähiger Menschen
dort angesiedelt – warum nicht eine Le´a?
In dem Romanmanuskript, dem ich den Titel Armer
Ritter gegeben hatte und das in fertigem Zustand
ebenso imposant wie unbrauchbar ist, trat auch die
männliche Hauptfigur unter einem falschen Namen
auf, und zwar unter dem seltenen französischen Vornamen
Enguerrand, der die Renaissance nur in wenigen
adligen Familien überlebt und es zuletzt noch
in ein mißratenes Manuskript geschafft hat. Statt an
dem Ort, wo sein lebendiges Vorbild lebt und über
dessen tatsächliche Lage ich leider auch in diesem
Remake keine Auskunft geben kann, war Enguerrand
in der Normandie zu Hause, in einem völlig isolierten
Haus oder vielmehr Schloß, ja, Schloß, mitten im
Wald. So weit war ich immerhin gediehen mit mei-
nem Romancier-Einmaleins, daß ich es einem amerikanischen
Milliardär nachtun und ein Schloß Stein
für Stein abbauen und vom Burgund oder von der
Marne an den Hudson oder auch nur in die Normandie
transportieren konnte.
Mich selbst hatte ich zu Le´as bester Freundin gemacht,
ich spielte eine schon lange in Paris lebende
Schriftstellerin, die bald gerührt, bald bestürzt und
empört das Liebesglück und -leid ihrer Gefährtin aus
nächster Nähe miterlebte und kommentierte, eine
Verdoppelung meiner selbst, von der ich mir nicht
nur eine zusätzliche Tarnkappe, sondern auch die
zum Erzählen unerläßliche Distanz versprach.
Im Schutz meiner zwar rudimentären, aber, wie
ich hoffte, doch einigermaßen glaubwürdigen Fiktion
erzählte ich munter drauf los, so munter jedenfalls,
wie unter den gegebenen Umständen, von denen
noch zu lesen sein wird, möglich, bis das
Manuskript vollendet war.
Dann warf ich es in den Papierkorb.
Rezension I Buchbestellung I home 0I10 LYRIKwelt © S. Fischer