Erste Person von Anne Weber, 2002, Suhrkamp

Anne Weber

Erste Person
(Leseprobe aus: Erste Person, Erzählung, 2002, Suhrkamp)

Die besten Verstecke in dieser Welt liefern uns die grammatischen Personen. Das gläserne Versteck des Ich bietet eine ideale Tarnung, die man leicht unterschätzt. Das Ich steht nicht umsonst an erster Stelle. Aufgeblasen und gewichtig kommt es daher, beschwert von unseren Geschwüren, unseren schmerzenden Füßen und unseren von Hornhaut umgebenen Seelen. Es befördert, was uns das Liebste ist. Das Ich erzeugt das Du und das Ihr, das Sie und das Er, so oft es ihm beliebt. Ohne die erste Person wären die anderen wie Vögel ohne Himmel.
Ich habe das Ich zur Tür hinausgejagt, es ist durch das Fenster wieder hereingekommen. Dann hat es das Fenster abgedunkelt und alle Ritzen zugestopft, durch die noch Plättchen des Universums eindrangen. Ich bin im Dunkeln stehen geblieben und habe zum ersten Mal eine erste Person (meine eigene) von innen betrachtet. Viel war nicht zu erkennen, aber ich erinnerte mich, dass die Augen Zeit brauchen, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Allmählich sah ich Landschaften, die nur im Dunkeln zu erkennen sind. Diese unberührten unterirdischen Gefilde, wo die abrupte Kraft ihren Ursprung hat und die Falltür der Verzweiflung sich allenthalben öffnet, übergebe ich nun den Neugierigen zur Betrachtung. Alle Masken, Haut- und Gedächtnisschichten will ich abnehmen, den leichten Schleier der Tränen und den schweren Blutvorhang, und den Blick freigeben auf die erste Person.

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