28. Juli 2000
(aus: Sperrzone, 2001, Transit-Verlag)
Nach Bergen im
Schrittempo von Göhren über Sellin. Das auffällige Fuhrwerk wird als Zigeunerwagen
genommen und nicht wohlwollend angesehen. In einem Kleinbus könnte mit einigem
Arbeitsaufwand alles genauso gut untergebracht werden. Die Pferde würden ein Weidendasein
führen und der Hund woanders tollen und nicht wachen müssen in der Fremde. So zwickt die
Angst, daß wir überfallen, der Wagen abgefackelt wird, wir im Krankenhaus landen, die
Pferde freigelassen rumrennen, die Tour abgebrochen werden muß, zu erwartende Gewinne
nicht eingefahren werden, der ländliche Ruin bevorstünde. Wieder hat ein Feuerwehrmann
Feuer gelegt, um als erster sich ins Zeug zu werfen. Umweltschützer schreien auf gegen
das Abholzen ein paar Schweriner Birken. Wollten sich anketten. Pferde sind so dumme
Tiere, sagt Sabine, die sind nur noch durch rote Eimer an Dummheit zu übertreffen.
Die Rechten okkupieren Zeltplätze. Sie sind anwesend, sie fahren ihre Strecken ab, sie
spielen ihre Musik, sie zeigen sich. Sie motzen am Tag nicht sonderlich, das Auto bleibt
ein Schutzring, die Fenster sind herablassbar, die Musik kann erklingen. Die Fahnen sind
präsent und sicherlich mit den Hinweisen aus dem Internet in Übereinkunft gebracht. Sie
besetzen die wichtigen Punkte im Ort. Sind in der Nähe. Sind zu sehen wie Papierkörbe,
Plakate, Sitzbänke. Man soll sich an den Anblick gewöhnen. Sie sitzen in großen
Gruppen, sie sagen nicht viel, sie hantieren an Gegenständen. Ihr Blick geht seitlich
aufwärts wie eine Faust, die zum Kinnhaken bereit ist.
Wir langen an. Wir sind die Gaukler in Lobbe. Aufstand. Das Gerücht. Es ist eine Tasche
weggekommen. Männer in Hektik. Finger fliegen durch die Lüfte. Polizei. Man schaut zu
uns. Man hält für möglich. Man wird uns beobachten. Kann kein Zufall sein. Seit dem
Eintreffen der Gaukler. Nie zuvor ist hier so etwas geschehen.
Bahnhof von Göhren. Es wird gebaut. Ich frage nach der Uhrzeit. Der, den ich befrage, ist
ein Ausländer. Er sagt Viertel vor Drei. Ich sage, ah, dreiviertel. Er fragt mich wie und
was. Ich erkläre, daß im Osten dreiviertel ist und woanders mitunter Viertel vor Drei.
Daß ich lange gebraucht habe, es selber zu orten. Daß halb vor Vier für michhalb Vier
und nicht halb nach Vier, also halb Fünf ist und ich einen Freund hatte, der das dauernd
ausgenutzt hat.
Der konnte sich eine Stunde verspäten, erkläre ich dem mundoffenen Menschen. Der
lächelt unsicher, als ich verschwinde.
Jürgen hat Kontakt zu den Skins aus Neustrelitz aufgenommen. »Eh, haben sie gerufen,
bist du ein Jodler? Haben schon ordentlich nen Klaren aufm Tisch stehn. Ham mich
gefragt: Eh, willste nen Bier. Ham se mir erklärt, daß se nicht die bösen Glatzen sind,
daß man sie nicht alle über einen Kopf scheren sollte. Und dann ham wir uns angefangen
über Schäferhunde zu unterhalten, daß sie Schäferhunde total geil finden. Früh um
sieben. Habe ich sie gefragt, warum sie dann nicht auf ihren Trikots deutscher
Schäferhund, sondern Pitbull draufgeschrieben haben.
Weil das sind doch eigentlich englische Hunde. Ham se ja gesagt, der deutsche Schäferhund
ist es. Vor allem kommen sie mit dem um alle deutschen Gesetze rum. Und es wäre Kacke,
wenn sich alle Glatzen jetzt deutsche Schäferhunde anschafften. Weil dann käme der
Schäferhund auch in die Kategorie Kampfhund und das wäre fatal.
Dann haben sie ihr T-Shirt gezeigt und laut ausgerufen, daß sie FC-Hansa-Rostock-Fans
sind. Einer war Maurer, einer bei der Autofirma. Alle in Arbeit. darauf waren sie
besonders stolz. Und dann haben sie noch einmal betont, daß sie keine Bösen sind, daß
es sie ankotzt generell. Wie sie angeguckt werden, wie ein Stück Scheiße. Hab ich ihnen
gesagt, dann laßt euch die Haare ein Stück länger wachsen, was die sofort abgelehnt. Eh
wozu denn? Wie alt seid ihr denn alle so? 20, 21, die Antwort. Und wohnt ihr alle noch zu
Hause? Na klar. Ist och das billigste.
Kommst nach Hause, kannst fressen und Wäsche wird gewaschen.«
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