Spwerrzone von Peter Wawerzinek, Transit-Verlag, 2001Peter Wawerzinek

28. Juli 2000
(aus: Sperrzone, 2001, Transit-Verlag)

Nach Bergen im Schrittempo von Göhren über Sellin. Das auffällige Fuhrwerk wird als Zigeunerwagen genommen und nicht wohlwollend angesehen. In einem Kleinbus könnte mit einigem Arbeitsaufwand alles genauso gut untergebracht werden. Die Pferde würden ein Weidendasein führen und der Hund woanders tollen und nicht wachen müssen in der Fremde. So zwickt die Angst, daß wir überfallen, der Wagen abgefackelt wird, wir im Krankenhaus landen, die Pferde freigelassen rumrennen, die Tour abgebrochen werden muß, zu erwartende Gewinne nicht eingefahren werden, der ländliche Ruin bevorstünde. Wieder hat ein Feuerwehrmann Feuer gelegt, um als erster sich ins Zeug zu werfen. Umweltschützer schreien auf gegen das Abholzen ein paar Schweriner Birken. Wollten sich anketten. Pferde sind so dumme Tiere, sagt Sabine, die sind nur noch durch rote Eimer an Dummheit zu übertreffen.
Die Rechten okkupieren Zeltplätze. Sie sind anwesend, sie fahren ihre Strecken ab, sie spielen ihre Musik, sie zeigen sich. Sie motzen am Tag nicht sonderlich, das Auto bleibt ein Schutzring, die Fenster sind herablassbar, die Musik kann erklingen. Die Fahnen sind präsent und sicherlich mit den Hinweisen aus dem Internet in Übereinkunft gebracht. Sie besetzen die wichtigen Punkte im Ort. Sind in der Nähe. Sind zu sehen wie Papierkörbe, Plakate, Sitzbänke. Man soll sich an den Anblick gewöhnen. Sie sitzen in großen Gruppen, sie sagen nicht viel, sie hantieren an Gegenständen. Ihr Blick geht seitlich aufwärts wie eine Faust, die zum Kinnhaken bereit ist.
Wir langen an. Wir sind die Gaukler in Lobbe. Aufstand. Das Gerücht. Es ist eine Tasche weggekommen. Männer in Hektik. Finger fliegen durch die Lüfte. Polizei. Man schaut zu uns. Man hält für möglich. Man wird uns beobachten. Kann kein Zufall sein. Seit dem Eintreffen der Gaukler. Nie zuvor ist hier so etwas geschehen.
Bahnhof von Göhren. Es wird gebaut. Ich frage nach der Uhrzeit. Der, den ich befrage, ist ein Ausländer. Er sagt Viertel vor Drei. Ich sage, ah, dreiviertel. Er fragt mich wie und was. Ich erkläre, daß im Osten dreiviertel ist und woanders mitunter Viertel vor Drei. Daß ich lange gebraucht habe, es selber zu orten. Daß halb vor Vier für michhalb Vier und nicht halb nach Vier, also halb Fünf ist und ich einen Freund hatte, der das dauernd ausgenutzt hat.
Der konnte sich eine Stunde verspäten, erkläre ich dem mundoffenen Menschen. Der lächelt unsicher, als ich verschwinde.
Jürgen hat Kontakt zu den Skins aus Neustrelitz aufgenommen. »Eh, haben sie gerufen, bist du ein Jodler? – Haben schon ordentlich nen Klaren aufm Tisch stehn. Ham mich gefragt: Eh, willste nen Bier. Ham se mir erklärt, daß se nicht die bösen Glatzen sind, daß man sie nicht alle über einen Kopf scheren sollte. Und dann ham wir uns angefangen über Schäferhunde zu unterhalten, daß sie Schäferhunde total geil finden. Früh um sieben. Habe ich sie gefragt, warum sie dann nicht auf ihren Trikots deutscher Schäferhund, sondern Pitbull draufgeschrieben haben.
Weil das sind doch eigentlich englische Hunde. Ham se ja gesagt, der deutsche Schäferhund ist es. Vor allem kommen sie mit dem um alle deutschen Gesetze rum. Und es wäre Kacke, wenn sich alle Glatzen jetzt deutsche Schäferhunde anschafften. Weil dann käme der Schäferhund auch in die Kategorie Kampfhund und das wäre fatal.
Dann haben sie ihr T-Shirt gezeigt und laut ausgerufen, daß sie FC-Hansa-Rostock-Fans sind. Einer war Maurer, einer bei der Autofirma. Alle in Arbeit. darauf waren sie besonders stolz. Und dann haben sie noch einmal betont, daß sie keine Bösen sind, daß es sie ankotzt generell. Wie sie angeguckt werden, wie ein Stück Scheiße. Hab ich ihnen gesagt, dann laßt euch die Haare ein Stück länger wachsen, was die sofort abgelehnt. Eh wozu denn? Wie alt seid ihr denn alle so? 20, 21, die Antwort. Und wohnt ihr alle noch zu Hause? Na klar. Ist och das billigste.
Kommst nach Hause, kannst fressen und Wäsche wird gewaschen.«

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