Gedichte und Teillösungen
(Auszug aus dem
Anfang des Essays, aus: Die Schweizer Korrektur, Edition Engeler)
Wenn ich jetzt an den
Bahnhof, den Nicht-Bahnhof denke, der kleinen Stadt oder des Rests Aquileia, habe ich
gleich eine Vorfreude, möchte gleich dahin reisen, wo so gut wie alles erwartet, nichts
sehenswert ist, jedenfalls keine Picasso-Sammlung in Saal 3, keine Berühmtheit, keine
Raffinesse: Verkehr und Häuser in einer Ebene: und der Verkehr und die Häuser eine
weitläufige Zeichnung, Abbildung einer ungewissen menschlichen Sache. Da sitzen und
nichts können. Besser: da stehen und nichts können.
Die Schienen liegen meterweise schon unterirdisch. Hier ist lange mehr kein Zug
angekommen. Vorne im Bahnhof ist eine unklar eingegrenzte Weinschenke (Zugang von der
Seite), Osteria, teils verdeckt durch Kühlaggregate und das Brummen und Rütteln dieser
Maschinen. Auf der Seite der Gleise, hier klopft mein Herz schneller. Es geschieht etwas.
Hier habe ich angehalten. Die körperliche Empfindung ist: Hand aufmachen. Mit offenen
unendlichen Handinnenflächen stehen. Mit nichts in der Hand dastehen (: und da die
Zeichnung lesen: den Plan der Linien in der Haut und der Linien in der Landschaft). - Man
kann die Zukunft nicht in die Hand legen. Sie ist nicht wie ein Stein oder ein Tisch. An
die Zukunft denke ich an: an den Wind, Hauch, Atem, fahrende Wagen.
Es kann vorkommen, daß einer so aufgewachsen war wie Wind, umherbewegt von Ort zu Ort,
mit den zwei Eltern mitgezogen in neue Häuser. Ein paar Monate hier, ein Jahr dort, drei
Jahre in Köln gelebt, so daß eine Serie begrenzter kleiner Heimaten entstanden war. Zum
Beispiel eine Halbjahrheimat auf einem Bauernhof, eine Dreijahreheimat in der Stadt usf.
Auch die Minutenheimat am süß riechenden Rhein gab es. Die Spazierheimat Über die
Wiese. Die Blickheimat vom Fenster aus auf die Blesse ('mein Heimatdorf: Pferdeblesse').
Gestern Abend stand ich im Park, unter dem Schneefall. Vor zwei Jahren stand ich in Köln
auf dem weiten Grün (eines der Felder des parkartigen Gürtels, der um die Stadt
geblieben ist). Auf das Schneeweiß, aus dem Dunkel kamen gelaufen die Kinder und Eltern
und warfen Schneebälle, alle riefen aus Schreck und Freude durcheinander, eine Elster aus
Schreck und Freude. Aber jeder dieser über die Fläche verteilten Rufe, auch Schreie, war
eine kurz laut erzeugte Heimat, die, nachdem sie gezuckt hatte, sogleich zurückgelassen
war irgendwo, Arme bewegend. Der kleine Arenbergpark rief ringsum ein Vertrauen. Es war
eine veränderliche Wörtergesellschaft auf der Schneewiese. Und die enorme Sommerwiese.
Ich stand auf einem Fleck Glanzglas, Windhalmen, Flattergras und wo und wie ich
zentimetergenau gestanden war dreißig Jahre davor. Ein lang nicht mehr gehörter Ruf
einer Stimme. Auf dem weichen Gras war ein Einlaß in die zarte Empirie, die rief. Ich
wurde gegenstandslos. Der Ruf wie aus einer grünen Tiefe kommend oder wie aus Stille
zusammengesetzt: endlich zart (die Haut abgezogen, geplagt, getrennt, voll Zorn oder
Kummer).
So gibt es das Nicht-Können. Ich schaute von dem Fleck den Kastanienbaum an und dachte
den Kastanienbaum, dachte den Baumstamm, dachte ohne zu zählen die Äste, schaute die
Blätter an und dachte sie dabei, dachte Farben, wie ich sie anschaute, dachte Gelb,
dachte Braungelb, Zitronengelb, durchsichtiges Gelb, Grün im Licht und im Schatten, ich
schaute den Kastanienbaum an und konnte nicht, schaute ihn an, um ihn dabei zu denken, und
es war ein Nicht-Können. Als eine denkende Samenkapsel des zwanzig Meter hohen Baums bin
ich gestanden. Schwer zu sagen.
Wie wenn man im Berühren mit der Hand dieses Kastanienbaums ein Nicht-Können berührt,
eine andere Sicherheit, ein Gewebe und einen rauhen Text. Anschaut, daran denkt, ihn
berührt mit der Hand, damit auch ein Nicht-Wissen. Wie ich über die Wiese ging zum
weißen Schulhaus, sah ich, daß der Speisesaal ausgehöhlt, unser aller Tische und Sessel
untergegangen, die Küche in einer Gewalt zerbrochen. Hinter dem Gebäudeflügel in einem
Dickicht von Weißdorn und Waldreben steht noch das Schild, in zwei Sprachen,
englisch-deutsch, dieser Gartenteil sei ein Kindergarten, Zutritt verboten. Heute ist das
hier, und das steht geschrieben auf der Tafel an der Vorderseite des Gebäudes neben dem
damals Volksschultor, Hochschule für das Militär. Ich stand wieder bei der anderen Tafel
im Dunkel, ganz eingeschlossen in die Waldreben, wie ein da hinein gefallener Regentropfen
(alle Jahre gefallen, geregnet). Mit den Armen, ausgebreitet - wie im Flug ausgebreitet -,
schob ich das Gezweig von mir; zog ich die Arme zurück, legten sich die Zweige wieder
über mich, wie Buchstabenteile über mich und vor mich. Das Dickicht wuchs wie ein
schwieriger Text.
Rezension I Buchbestellung I home II02 LYRIKwelt © Edition Engeler