Zärtlichkeit in Deutsche Landschaften von Martin Walser, 2003,S.FischerMartin Walser

Zärtlichkeit
(Leseprobe zu „Der Bodensee" aus Martin Walser „Aufgeschriebene Zeit“, in "Deutsche Landschaften" 2003, S. Fischer - hrsg. von Thomas Steinfeld)

Kann man, darf man einer Gegend Zärtlichkeit nachsagen? Die Gegend, das ist der See und das sind diese immer rund verlaufenden Hügel am See. Auch das Hinterland rundet sich so von Hügel zu Hügel. Tausendfach. Und keine zwei dieser runden Höhen sind einander gleich. Und das hochdeutsche Wort Hügel beweist einmal mehr, wie unfähig diese hochdeutsche Sprache ist, unser Hiesiges zu benennen. Bleiben wir bei Höhen. So heißen sie hier. Es sind Eiszeitgeschenke. Also schroff ist hier nichts. Auch wenn da und dort eine Molassewand steil tut. Jede dieser Wände ist biegsam, weich, zitronen- bis honigfarben. Jede zeigt, dass sie sich lieber rundet als streckt. Und der See. Von allen Eiszeitgeschenken ist er das bedeutendste. Das Zärtlichkeit stiftende schlechthin. Auch wenn er sich von allen eingeführten Windstärken hin- und herjagen und aufregen lässt und wild tut wie ein Laienschauspieler, der einen Wildling spielt, auch wenn er dann darauf besteht, dass in ihm auch ertrunken werden kann; seine eigentliche Stärke ist, dass er alles mitmachen kann, was der Himmel gerade will. Und im Aufnehmen, Widerspiegeln und Vermehren von allen Angeboten der Zeit und der Welt ist er groß. Das ist überhaupt seine Größe. Alles aufzunehmen und sich zu Eigen zu machen und dann so darzustellen, dass, wer nicht wirklich vertraut ist mit ihm, glaubt, die jeweilige Produktion, das sei nun wirklich er selber, der See. Temperaturen, Farben, Strömen und Ruhen, Wildheit und Schwere - er hat alles irgendwoher, kann aber daraus einen unerschöpflichen Reichtum an Zuständen und Stimmungen machen. Und damit wird widerrufen, dass er ein Laienschauspieler sei. Er ist eine unendliche Naturbegabung, denn alles, was er spielt, wirkt, als sei er das, was er jeweils spielt, ganz und gar. Wer ihn spielend ruhen sieht, hält es nicht für möglich, dass er eine halbe Stunde später wütet, als habe er einen Zorn auszuleben. Die Energien bezieht er von überall her. Korsika, Spanien, Burgund, Island... alles sein Einzugsgebiet. Aber Katastrophen macht er nicht mit. Die sollen sich bitte anderswo austoben. Hochwasser? Da und dort netzt er mal einen Uferweg, macht Visite im Souterrain einer Villa, die ihm zu nahe getreten ist. Erdbeben? Kennt er nicht. Alle hundert Jahre lässt er sich einmal zufrieren. Das ist keine Katastrophe, sondern ein Fest. Ja, vor 6000 Jahren hat er einmal im Westen so gegen die Molasse gedrückt, dass die nachgab, so hat er diesen abenteuerlichen Auslauf bekommen, der Rhein heißt und der sich, bis er dann ins Meer darf, allerand gefallen lassen muss, was er sich an seinem Ursprung in Graubünden droben nicht hat träumen lassen. Der Wasserspiegel ist, als der See sich diesen Auslauf verschafft hatte, um 400 Meter zurückgegangen. 400 Meter Land sei, heißt es, dadurch entstanden. Damit wir später darauf bauen und beten konnten. Die geologischen Daten beeindrucken mich mehr als alles, was es sonst über die Gegend zu wissen gibt. Ich bin dem Rhein von seinem hohen Anfang an zugetan. Vielleicht weil er für mich schon in beeindruckbarster Jugend im Hölderlingedicht ausführlich, als »göttliches Wild« nämlich, vorgestellt wurde. Aber dass er einmal das heutige Rheintal als ein strömendes Meer ausgefüllt hat und sich dann zusammen mit dieser und jener Aach ein noch größeres Meer bei »uns« schuf, ist Erdgeschichtspoesie an sich.
Die Zärtlichkeit also, das Rundliche als Kontur, der See als Inbild der Uneigentlichkeit, und zweitausend Jahre ohne Katastrophe - ausgenommen hausgemachte -, das darf sich doch ausgewirkt haben. Auf die Menschen, meine ich. Beweisen lässt sich das nicht, aber erleben schon. Ich kann wählen aus 500 oder 700 Dorfbewohnern, zu denen kommen gut noch einmal so viel dazu, wenn ich die ganze Pfarrei zum Erfahrungsfeld mache. Zärtlichkeit. Am Werktag auch. Ob hinter den schwer gewordenen Kühen dorfeinwärts gehend oder auf einem Traktor sitzend oder auf der Leiter in den Kirschbaum gelehnt oder als Kirchgänger, Kirchgängerin, erhobenen Blicks dorfabwärts, die Nase in die Luft gestreckt, als folgten sie einer frommen Witterung, erst am Weihwasserkessel angekommen, da sank die Nase, der Blick, von da an wurde Unwürdigkeit gespielt, wurde die jeweils fällige Kirchenjahrszerknirschung gezeigt, dann vor den Gräbern stehend, die Drandenkzeit mit der Seele zählend, oder die Trompete am Mund in der Blechmusik oder den Schneepflug deichselnd oder beichtend oder fluchend, aber niemand ist getötet worden, niemand denunziert, die Gehässigkeit war hier ein Spiel, die Gemeinheit eine Komödie, geweint wurde, wenn Weinen dran war, gelacht auch, unmäßig hat man sein dürfen, saumäßig auch, aber nichts ohne Fassung, nichts ohne diesen goldenen Rand Zärtlichkeit. Und immer mit Glockengeläut. Alle ein Muster im zeitlosen Gegendtuch. Die Feindseligkeit, ein Import. Es ist dann kein Auge trocken geblieben. Es war dann bald wie überall. Aber vorher ist es zärtlich zugegangen. So wie jetzt nirgends mehr. Vielleicht hat sich aber alles erhalten hier und mir kommt es jetzt nur weniger zärtlich vor, weil ich inzwischen selber durch diese und jene Erfahrung unzärtlich geworden bin, also Zärtlichkeit nicht mehr zu erleben vermag. Mag ja sein.

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