Der Lebenslauf der Liebe von Martin Walser, 2001,SuhrkampMartin Walser

Sonntagskind
(Leseprobe aus: Der Lebenslauf der Liebe, 2001, Suhrkamp)

Sechsmal hielt sie den Zeigefinger Domino hin, sechsmal hielt sie ihn Jeannie hin und zählte mit und wechselte ab, weil sie wußte, Jeannie hätte es für ungerecht gehalten, wenn Domino sechsmal nacheinander den aus der Quarkschüssel auftauchenden Zeigefinger hätte ablecken dürfen, bis sie zum ersten Mal drangekommen wäre. Susi Gern genoß es, gerecht sein zu können. So hätte Mr. Warhol sie malen müssen. Frühstückend. Domino und Jeannie links und rechts vor ihr auf dem großen, runden, weißen Tisch. Edmunds Kommentar: Wenn mir das einer gesagt hätte, Katzen auf deinem Frühstückstisch. Sie, von Anfang an: Meine Katzen dürfen alles. Sie hatte allerdings nicht von Anfang an Katzen gehabt. Erst als sie fünf oder sechs Jahre verheiratet gewesen waren, hatte sie angefangen, sich nach Katzen umzusehen. Um Edmund die Zustimmung zu erleichtern, hatte sie gesagt: Kinder brauchen Tiere. Conny durfte den Katzen Namen geben. Andreas interessierte sich für die Katzen so wenig wie Edmund.
Daß ihre Katzen Kunstwerke waren, wußte nur sie. Wenn Edmund mit ihr frühstückte - also gar nicht mehr so oft, und sie hatte sich nicht nur daran gewöhnt, sie hatte es sogar genießen gelernt, ohne ihn zu frühstücken -, aber wenn er sich dann wieder einmal zur gleichen Zeit an den von ihm ausgesuchten Tisch setzte, dann ließ er sie das vorher wissen; und sie wußte, daß es besser sei, die Katzen den Quarkfinger lecken zu lassen, bevor Edmund ihr gegenüber Platz nahm. Edmund hat beim Frühstück zwar von Anfang an die Frankfurter vor dem Gesicht gehabt, aber er hat ihr, während er las, immer lieben Blödsinn zugerufen. Frühstück ist die schönste Jahreszeit. Dergleichen. Oder hat sich lustig gemacht darüber, daß bei ihr, angefangen von sechsmal den Finger hierhin und sechsmal dahin, bis zum fünffachen Süßstoff immer alles gleich ablaufe. Magerquark, Knäckebrot, Nescafé ohne Coffein, aber mit fünf Stückchen Süßstoff und Milch. Edmund brauchte jeden Tag ein anderes Frühstück. Es machte ihm Spaß, bei ihr zu bestellen. Ihr machte es Spaß, daß er in zweiunddreißig Ehejahren noch nie etwas bestellt hatte, was sie nicht vorrätig gehabt hätte. Sie hatte ihn allerdings schon erwischt, wie er, bevor er ins Bad ging, schnell noch in die Küche abbog und den Kühlschrank inspizierte. Rücksicht nehmen gilt nicht, hatte sie gerufen. Und er: Du täuschst dich, ich will sehen, was du NICHT hast, das bestelle ich dann. Sie hatte aber immer alles. Alles, was er überhaupt bestellen konnte. Es waren nicht Eßgelüste, die Edmunds Phantasie belebten.

Domino und Jeannie zogen sich, sobald Edmund auch nur im Eßzimmer erschien, auf einen ihrer Kratzbäume zurück. Jeannie freiwilliger als Domino, der immer glaubte, er könne noch einen siebten Quarkfinger erzwingen. Aber Susi Gern sagte mit einer Stimme, die für ein Parlament ausgereicht hätte: Wenigstens bei mir soll es gerecht zugehen.

Heute morgen hatte Edmund weder mit ihr noch ohne sie gefrühstückt. Mit Heimchen Pudlich nach Rom. Das hätte sie sich ausrechnen können, daß er da zu aufgeregt war, um sich hier ruhig, gar noch Zeitung lesend, hinsetzen zu können. Aber dann fand sie sich doch ganz unvorbereitet, als es um halb acht plötzlich klingelte. Das konnte nur das Taxi sein. Edmund war noch im Bad. Sie rief ihn. Keine Reaktion. Da ihr, ein Taxi warten zu lassen, in der Seele wehtat, ging sie ins Bad, fand Edmund vor dem Spiegel, er probierte Gesichter.

Lächeln und Lachen, sagte er, kann ich mir nicht mehr leisten. Lachen schon länger nicht mehr. Aber jetzt ist auch Lächeln schon gefährlich. Schau, wie sich schon bei einem Anflug von Lächeln die Fältchen häufen. Und führte es vor. Das Taxi wartet, sagte Susi, und Frau Pudlich auch. Und sah die betuliche Dörte Pudlich im Flughafen hin und her trippeln. Susi mußte Edmund, was ihn erwartete, vorführen. Hach, Edmund, bist du aber früh gekommen, früher, als ich hoffen durfte, was für ein wunderbarer Tag, hach, Rom, Edmund, endlich wieder einmal Rom. Und das mit dir, hach, Mündchen. Sie nannte ihn, wenn sie zärtlich wurde, Mündchen. Hatte Edmund verraten. Und dabei den Kopf geschüttelt, als plage ihn diese Bezeichnung. Daß Susi Heimchen Pudlich nachmachte, gefiel ihm. Am liebsten würde ich wieder auspacken, sagte er. Und zeigte, wie ihm die Augen schwammen. Ist ja gut, Lieken, sagte Susi, hau ab jetzt.

Sie waren schon längst in ihrem Ritual und wußten es beide. Immer wieder kam ein Satz dazu, der neu war. Und vielleicht von jetzt an dazugehörte. Edmund machte weiter. Schnucke, sagte er, wie weh mir das wieder tut. Du leidest so, daß ich dich sofort im Leiden übertreffen möchte. Ich ertrage es nicht, daß du mehr leidest als ich. ‚s iss, wie‘s iss, sagte Susi. Hau ab. Oh, sagte er, nur das noch, daß du mich nicht ganz falsch verstehst: Frau Pudlich muß die Kassettendecke in Maria Maggiore ohne mich anschauen ... Das Taxi, rief Susi. Ja, ja, ja, sagte Edmund und stellte sich noch einmal dicht vor Susi hin. Sie mußte, um ihm in die Augen schauen zu können, fast gar nicht nach oben schauen.

Susi, sagte er, siebenundfünfzig bin ich ...
Achtundfünfzig, rief Susi.
Nächste Woche, Dienstag, sagte er. Aber gekündigt bei Oxfort mit grade mal siebenundfünfzig und jetzt Sozietät Ophoff, Kebben, Wallisch und Gern. Nachsagen!

Das gab es erst, seit er, und zwar mit seiner Sekretärin, über die Kö herübergewechselt hatte, weg von Oxfort ins Hohenzollernhaus. Seit er in der neuen Sozietät war, sagte er ihr jeden Tag einmal die Namen auf, und sie mußte nachplappern. Nein, nicht plappern, groß die Namen hissen wie Fahnen, wie er es vormachte. Ophoff, Kebben, Wallisch und Gern.

Und Herr Edmund Gern, rief er, der siebenundfünfzigjährige Neuling, kaum hat er seine Edelmöbel im Hohenzollernhaus, dritte Etage, plaziert, zieht er die Ausschreibung des Jahres an Land. Schlachthof Rom. Schnucke. Aus der Westentasche zieht Edmund dergleichen. Auf jeden Fall tut er so. Hat er bei Oxfort mitlaufen lassen. Wär dort sein finales Opus geworden oder schon Nachlaß. Also mitgenommen über die Kö hinüber ins Hohenzollernhaus.

Und daß du auch weißt, sagte er, mit wem du verheiratet bist, bring ich‘s dir dar.

Das Taxi, rief Susi.

Aber Edmund ließ sich nicht rausbringen. Es folgte einer jener Auftritte, die Edmund selber Nummern nannte. Die Ein-Engel-namens-Edmund-Nummer, rief er. Schau, Schnucke, schau-schau-schau. Und hob bei jedem schau die Arme, daß die Goldfassungen seiner Manschettenknöpfe leuchten konnten. Und als eine Art Fred Astaire unterstützte er seinen Singsang.

Zweihunderttausend

Aufwand,

die Ausschreibung

war unser,

Edmund himself

meißelt den Vertrag,

hermesgesichert,

jetzt, Konzernkonsortium,

leg los.

Die schicken hin

zuerst einen

Dipl-Insch,

der hält Rom

für Castrop-Rauxel,

Rom ist sauer,

will raus aus

dem Vertrag,

jetzt flehen

die Konzerne,

ein ganzes Konsortium

fleht: Herr Gern,

Herr Gern, retten Sie,

retten Sie Ihr Werk.

Also überfliegt

der Engel namens

Edmund schnell mal

die Alpen. Schnucke,

wie das tut,

tun zu dürfen,

was man am liebsten

tut. Irre gut tut

das, Schnucke. Adieu.

Und tanzte, als würde Fred Astaire einen Torero parodieren, hinaus. Sie wußte es ja, Edmund war ein Kind. Nein, pubertär war er. Als sie ihm das einmal gesagt hatte, hatte er sich gekränkt gegeben. Um ihn zu versöhnen, hatte sie gesagt, Männer seien eben pubertär. Das hatte ihn versöhnt. Aber es stimmte nicht. Sie hätte sagen müssen: viele Männer sind pubertär. Und denken: aber nicht alle. Zum Glück. Aber lustig waren die Pubertären. Durchaus möglich, daß Edmund nur den Anzug hatte vorführen wollen, der gestern von Mr. Wilkinson aus London eingetroffen war. Ein Stoff, der sein Grau adelte. Angepaßt, wie Edmund es verlangt: als wäre der Anzug eine Winzigkeit zu klein. Wahrscheinlich sollte Edmund dadurch ein bißchen größer wirken. Die Krawatten immer von Blau oder Schwarz beherrscht. Was gelb oder rot als Muster auftritt, muß eher verloren wirken im blauen oder schwarzen Fond.

Fort war ihr Pubertärer mit all seinen feinen mit EAG signierten Sachen, die sie gestern abend gepackt hatte, als er summend von seinem Schach-Guru zurückgekommen war. Summend, obwohl er wieder verloren hatte. Er behauptete, Mr. Yingling sei der einzige Mensch, gegen den er genau so gern verliere wie gewinne, aber wenn Susi am Freitagabend versäumte zu fragen, wer denn gewonnen habe, war Edmund verstimmt. Auch verlorene Spiele wollte er ihr melden, weil er dann ihr und sich erklären konnte, warum er diesmal verloren hatte. Susi hörte sich das Schachkauderwelsch seit Jahr und Tag an. Wenn Edmund fragte: Verstehst du? nickte sie. Die Mr. Yingling-Sätze, die er immer mitbrachte, verstand sie immer. Gestern hatte Mr. Yingling Edmund erklärt, warum er, Mr. Yingling, der sich einen Fastgläubigen nenne, mit Edmund immer am Freitagabend Schach spielen könne, also genau dann, wenn der Sabbat beginne. Nicht verboten sei, hatte Mr. Yingling erklärt, das Einfangen eines Hirsches, das Einfangen der Schlange und das Aufstechen eines Geschwürs. Auch nicht verboten seien Handlungen, die nur scheinbar sind. Warum das Schachspielen eine scheinbare Handlung genannt werden dürfe, werde er seinem Freund Gern ein anderes Mal erklären. Gestern hatte Edmund verloren, angeblich weil er zuviel von Mr. Yinglings historischem Burgunder getrunken habe, während Mr. Yingling, der gut und gerne Fünfundachtzigjährige, sich beschämend gut beherrscht habe: Musigny, Jahrgang ...., und da nippt Mr. Yingling eher, als er trinkt, während Edmund nach dem zweiten Schluck eigentlich nicht mehr aufhören möchte. Und weiß doch auch, daß man so eine höchste Flüssigkeit gar nicht fromm genug zu sich nehmen, sich einverleiben kann. Natürlich hat er auch gestern ein Buch mitgebracht, wie immer eine Erstausgabe. Ich bin sein letzter Kunde, sagte Edmund. Außer an Edmund verkauft er an niemanden mehr, seit er das Geschäft in der Breiten Straße geschlossen hat. Auch das Buch, das Edmund gestern mitgebracht hatte, sah gar nicht aus wie ein Buch, sondern wie etwas, in dem man etwas Kostbares aufbewahrt, Schmuck zum Beispiel. Edmund streichelte die Bücher, die er von Mr. Yingling brachte, wie Susi ihre Kätzchen. Da fühl mal, dieses Maroquin, quergenarbt, fühlst du‘s. Und da, diese florale Bordüre, goldgeprägt, Schnucke, und das ist der erste Druck der ersten Ausgabe, die in wenigen Exemplaren für Goethe selbst hergestellt wurde. Auf Velinpapier. Und heißt ... Er drehte ihr den Buchrücken zu. Lies! Sie las: Goethe West-Oestlicher Divan. Und las ihr gleich volltönend vor:

Gottes ist der Orient! Gottes ist der Okzident!

Und geschrieben für eine Marianne, die vierunddreißig Jahre jünger war als er.

Und wie immer am Freitag bestieg Edmund, als er das Buch lange genug liebkost hatte, die riesige und auf riesigen Messingrollen fahrbare Mahagonileiter, setzte sich oben auf der Plattform auf die lederbezogene Bank, fing noch einmal an zu blättern und zu lesen und schob dann die Neuerwerbung feierlich zärtlich da hin, wo sie hingehörte.

Ach, Schnucke, hatte er dann, als er ihr beim Packen zugeschaut hatte, gesagt, wenn ich doch auch schon fünfundachtzig wäre. Ach, Lieken, hatte Susi gesagt, schön wär‘s.

Er schaute ihr beim Packen immer zu, als wolle er das, was da getan wurde, lernen, um es bald selber zu können. Pose. Seit Jahrzehnten. Susi wußte, daß in Rom, wenn er den Koffer öffnete, Heimchen Pudlich neben ihm stehen würde. Heimchen Pudlich sollte sehen, daß dieser Koffer von Frau Gern gepackt worden war. So konnte nur Frau Gern einen Koffer packen. Frau Gern, ein Genie der Ordnung und der Gerechtigkeit. Sollte Heimchen Pudlich denken. Und sich fürchten.

Susi rannte zur Fensterfront im Wohnzimmer, um Edmund abfahren zu sehen. Vielleicht schaute er ja herauf. Tatsächlich, er schaute, er winkte herauf. Oh Lieken, dachte sie. Empfand sie. Damals in Essen kuckte er runter und sie hinauf, kuckte aus dem RHEINSTAHL-Bau, fünfte Etage, sah sie unten stehen, die Verlobte, die den Referendar jeden Abend abholte, hin und her ging, stehen blieb vor dem erleuchteten Schaufenster gegenüber, vor Heiligenfiguren, Kreuzen, Weihnachtsflitter. Ein leichter Schneesturm trieb an diesem Abend, als Edmund runterkuckte, durch die Straßen. Sie stand, sagte er nachher und sagte es in den Jahren und Jahrzehnten danach noch hundertmal, so himmlisch geduldig stand sie, er habe gewußt: dieser Augenblick ist unvergänglich, zu der, die da unten im lyrischen Schneesturm steht - so hat er sich dann ausgedrückt -, zu der habe er in der fünften Etage laut gesagt: Du gehörst zu mir. Als sie sich, zu Connys Erstkommunion, wieder einmal viel zu kleine Schuhe gekauft hatte und in der Kirche wenigstens aus dem rechten geschlüpft war und gestöhnt hatte vor Schmerz, und das Edmund, als er fragte, was denn sei, erklärt hatte, da habe er, erzählte er später, das Gelübde abgelegt: Ich will ihr immer zuhören, egal was sie mir sagt. Also. Ab zu Heimchen Pudlich. Jetzt Witwe. Der arme Herr Pudlich. Als Herr Pudlich, weil er ein Trinker war, seine kleine Galerie in Köln nicht mehr hatte halten können, hatte Edmund Herrn Pudlich beim Galeristen Hüllencremer untergebracht. Hüllencremer: Ob Herr Pudlich mit dem Maler Pudlich verwandt sei. War er nicht. Herr Hüllencremer nahm ihn trotzdem. Ihnen kann ich nichts abschlagen, Herr Gern. Schließlich ließ sich Edmund von Herrn Hüllencremer alle seine Konstruktivisten besorgen. Sie hatten schon zehnmal so viel, wie sie in ihrem Dachpalast an die Wände hängen konnten. Susi wollte nicht froh sein über des armen Herrn Pudlich Tod, obwohl sie, wenn er noch gelebt hätte, heute und morgen und übermorgen und solange Edmund unterwegs war, Herrn Pudlichs Anrufen ausgesetzt gewesen wäre, seiner elend leisen Stimme und den quälend langsamen Sätzen. Immer wenn Heimchen Pudlich mit Edmund verreiste, mußte Susi Herrn Pudlichs Kontrollanrufe aushalten und Herrn Pudlich durch ebenso kühne wie konkrete Auskünfte von dem Verdacht erlösen, seine Frau sei womöglich mit seinem Wohltäter Gern unterwegs. Herr Pudlich wagte natürlich nie, direkt zu fragen, ob Edmund da sei und, wenn nicht, wo er denn gerade sei. Susi, die wußte, was Herr Pudlich brauchte, bediente ihn gleich mit einer Budapest-Reise, Herr Gern hat eine Schweineverarbeitungsfabrik, Tageskapazität tausend Schweine, zu finanzieren. Oder: Herr Gern ist in Kuwait, weiht dort eine Palastkühlanlage ein, daß die zwölf Frauen des Prinzen bei minus zwanzig Grad in den von den Sowjets geschenkten Schneetigerfellen herumspazieren können. Das waren immer Reisen, die wirklich aus Edmunds Reisekalender stammten, also eine unbezweifelbare Tatsächlichkeit ausstrahlten. Aber Susi wurde das Gefühl nicht los, Herr Pudlich wisse genau, daß seine Frau mit seinem Wohltäter in Baden-Baden oder in Ascona flanierte. Er mußte anrufen, Kontrollfragen stellen, aber eigentlich bat er Susi, ihn vor der Wahrheit zu schützen. Ging es ihr denn anders? Einerseits hatte Edmund, als er die Fundamentalbedingung ihrer Ehe gewürdigt hatte - nichts hinterm Rücken des anderen! -, die Unverbrüchlichkeit ihrer Ehe gefeiert - wenigstens die Wahrheit und nichts als die Wahrheit -, andererseits hatte sie sich oft genug gewünscht, es nicht wissen zu müssen, weil dann in ihrer Vorstellung alles ablief, was dort, wo er gerade war, ablief. Und trotzdem: es zu wissen, so weh es tat, war besser als die undurchsichtige Watte des Betrugs. Ist doch gar nicht wahr! Hin jetzt, quer durch die Flughafenhalle, denen Guten Flug ins Gesicht geschrieen und zurück in die Stadt, die Scheidung eingereicht ... Susi in Aufruhr. Du hast dich nie abgefunden, Blödesuse, du hast nur so getan, als ob. Schluß. Bleib. ‚s iss, wie‘s iss. Werde praktisch. Wenn Edmund zurückkommt, erstes Thema: die Pudlich hat sich sofort nach einem Mann umzusehen. Vielleicht wird‘s ja einer, der es ihr nicht so leicht macht, mit Herrn Gern Kunstreisen zu machen wie ihr Dritter. Susi konnte verlangen, daß die Geliebten ihres Mannes feste Partnerschaften hatten. Der arme Herr Pudlich hat diese Funktion nicht ganz drei Jahre ausüben können. Edmund würde sich wehren. Hatte die Pudlich niemanden, war sie leichter zu disponieren. Er würde wieder schwören, daß er, sollte Susi etwas zustoßen, weder die Pudlich noch die Prellmann noch die Proll je ins Haus holen würde. Trotzdem, wenn eine von denen keinen Partner hatte, sah Susi die in Wartestellung. Die Pudlich, fünf Jahre jünger als Susi, die Prellmann sieben und die Edelnutte Proll einunddreißig Jahre jünger. Alle drei auf ganz unterschiedliche Weise weniger verausgabt als Susi. Susi fühlte sich, schon von innen her, zerschlissen. Daß er keine von denen so liebt, wie er sie liebt, glaubt sie ihm. Sie reckte sich, streckte sich. Edmunds Offenheit ihr gegenüber, ihre Offenheit Edmund gegenüber, dieses Allessagenkönnen, das kann sie sich bei keiner dieser drei Frauen vorstellen. Aber daß Herr Pudlich tot ist, darf sie trotzdem nicht einfach hinnehmen. Ihr erster Satz am Mittwoch zu Edmund: Entweder du bringst das Heimchen sofort dazu, daß sie wieder mit einem zusammenlebt und den dann wieder mit dir betrügt, oder ich kündige den Vertrag. Ist doch klar, wenn sie alles schleifen läßt, ist ihr Mann in absehbarer Zeit umringt von einer Schar von Witwen, die nur noch Zeit für ihn haben und auf Susis Tod warten. Hätte die Pudlich besser auf ihren Mann aufgepaßt, würde der wahrscheinlich noch leben. In zermürbenden Telephonaten hatte Herr Pudlich ihr immer wieder geschildert, welche Fallen ihm das Schicksal schon gestellt hat. Als Galerist hat er antreten müssen gegen immer noch mehr Sprößlinge aus immer noch reicheren Häusern. Ob die verkaufen oder nicht verkaufen, die haben so viel Geld hinter sich, Verluste stecken die doch weg wie nichts. Und da erscheint Herr Gern und holt ihn raus. Bei Hüllencremer hat Pudlich nicht mehr getrunken. Und weil Edmund sein Retter war, hat er es sich nicht leisten können, in ihm seinen Feind zu sehen. Heute vor sieben Wochen ist Herr Pudlich beerdigt worden. Daß man einen Mann leichter verliert als ein Kind, konnte sich Susi vorstellen. Obwohl einem, genau genommen, ein Mann wichtiger ist als ein Kind. Aber eben eine Wichtigkeit, für die es Ersatz gibt. Schnucke, hatte er gestern, als er beim Packen zugeschaut hatte, gesagt, nur daß das klar ist: sie kann dir das Wasser nicht reichen, die Pudlich.

Kaum saß Susi wieder am Eßtisch, um ihr immer gleiches Frühstück zwischen den zwei Katzen und den zwei Kerzen zu zelebrieren, da schlurfte Conny in die Küche. Conny hatte immer Schlappen an, die man nicht mit dem Fuß heben konnte, weil sie dann sofort abgefallen wären, man mußte sie auf dem Boden schieben. Es gelang Conny, Jeannies habhaft zu werden und sie in ihr Zimmer zu tragen. Als sie Jeannie drüben hatte, kam sie noch einmal und holte das Tablett, auf dem Susi ihr jeden Morgen das Frühstück richtete. Auch heute lud Conny noch zwei Schokoriegel drauf. Mäusken, rief Susi, einer genügt. Polster Teufel, rief Conny. Als ihre Mutter nicht, wie es sich gehörte, auch Polster Teufel rief, worauf beide gelacht hätten, rief Conny noch einmal und deutlich mahnender, fast flehend: Polster Teufel!! Aber Susi konnte nicht nachgeben. Einer genügt, rief sie und versuchte Unerbittlichkeit auszudrücken. Conny legte einen Riegel auf den Tresen, der die Küche vom Esszimmer trennte, und schnipste den Riegel noch vollends herüber. Er fiel zu Boden. Mäusken! Das klang schmerzerfüllt. Und war nicht gespielt. Conny durfte einfach diesen Schokoriegel nicht so herüberschnipsen, daß der zu Boden fiel. Susi hatte das Gefühl, daß ihr Leben jeden Sinn verliere, wenn sie das zuließ. Und Conny kapierte, kam rüber, hob den Riegel auf und legte ihn auf den Tisch wie ein Clown, der so tut, als ekle er sich vor dem, was er in der Hand hat, gleichzeitig aber ausdrückt, daß er das, wovor er Ekel demonstriert, heiß begehrt. Conny drückte sich zur Zeit am liebsten als Clown aus. Susi mußte immer wieder staunen.Waren sie je im Zirkus gewesen? Oder war Conny ein geborener Clown? Weil Susi ihrem Kind etwas Nettes sagen wollte, sagte sie: Mäusken, weißt du eigentlich, wie glücklich ich bin, daß du nicht mehr mit dem Kopf wackelst! Du bist achtundzwanzig und wackelst schon seit drei Jahren nicht mehr mit dem Kopf. Ist doch phantastisch. Ganz deiner Meinung, Muttertier, sagte Conny. Und Susi: Jetzt schau dir deine Haare an, am Hinterkopf, wie schön die gewachsen sind, und bis vor drei Jahren war hinten alles verfilzt und abgewetzt, weil du auch nachts nicht aufgehört hast, den Kopf hin und her zu drehen. Ist das nicht ganz wunderbar, daß wir das hinter uns haben, Conny-Mäusken? Conny: Ganz wunderbar, Muttertier.

Und Susi: Und seit sieben Jahren kein Pipi mehr ins Bett, Mäusken, das ist noch viel wunderbarer.

Conny: War aber auch schön, Muttertier, wenn das Pipi so warm rauslief und lief und lief.

Susi: Aber nachher war das doch scheußlich, Conny-Mäusken, das wurde doch sicher kalt.

Conny: Wurde es. Aber dann stand man eben auf, zog sich um, verstehst du. Man wurde richtig aktiv.

Aber wie das roch, Mäusken, sagte Susi, das kriegte man ja nicht mehr raus aus den Matratzen.

Affenstall, sagte Conny, hat der Boß getönt, wenn er die Nase zu mir reinsteckte. Affenstall, Muttertier.

Susi: Ich gebe die Hoffnung nicht auf, Mäusken, daß du eines Tages Lust auf Ordnung kriegst, wie du bis jetzt Lust auf Unordnung hast. Oh Muttertier, rief Conny, Unordnung nennst du das. Heilige Ahnungslosigkeit eines Muttertiers. So sieht doch jede Werkstatt aus, jedes Atelier.So sieht es überall aus, wo Großes versucht wird.

Aber, sagte Susi, die Schokoladedosis fahren wir zurück, Mäusken. Kopfwackeln weg, Pipimachen weg, jetzt wollen wir doch nicht unser Figürchen gefährden.

Muttertier, sagte Conny, sobald ich einen Mann habe, erfülle ich alle deine Wünsche. Aber wirklich, Alte. Ich halt‘s jetzt nicht mehr aus. Ich brauche jetzt einen Freund. Ich leide so.

Susi sagte: Das weiß ich doch, Mäusken, ich ...

Ich habe zu tun, sagte Conny und ging in ihr Zimmer, um weitere Säulen aus Groschen und Fünfzigpfennigstücken zu bauen. Ihr Ziel war es, Säulen aus fünfzig Groschen oder fünfzig Fünfzigpfennigstücken zu bauen. Und wenn sie dazu keine Lust mehr hatte, schaltete sie ihren Fernseher ein oder telephonierte. Am liebsten telephonierte sie nachts. Und rund um die Welt.

Connys Telephonpartner in aller Welt wußten nicht, dass Conny achtundzwanzig war. Susi hatte durchgesetzt, daß Conny ihren neun- bis dreizehnjährigen Brief- und Telephonpartnern nicht verriet, daß sie mindestens doppelt so alt war wie die.

Dreimal war Conny bei der Einschulung abgelehnt worden. Sonderschule, hieß es! Susi hatte Fräulein Witte berufen. Die Sonderschule wäre eine Niederlage gewesen. Und der Rektor der normalen Schule hatte eine Hasenscharte. Darin spürte Susi eine Chance. Beim vierten Versuch war die Einschulung gelungen. Neun Jahre lang trichterte Fräulein Witte Conny an jedem Nachmittag das ein, was Conny am Vormittag in der Schule nicht verstanden hatte. Fräulein Witte hatte neun Jahre lang keinen einzigen Nachmittag ausfallen lassen. Englisch war Connys liebstes Fach gewesen.Wegen der Aussprache. Sie habe, hatte sie gesagt, eine bessere Aussprache als der Lehrer. Sie konnte überhaupt alles nachmachen, was sie hörte. Zuerst hatte Conny, um den ewigen Quälereien und Neckereien der Schüler etwas entgegenzusetzen, gesagt, daß ihr Vater einen Bentley fahre, ihre Mutter einen Porsche. Das hatte nichts genutzt. Sobald Conny auf dem Pausenhof erschien, brüllte einer: Achtung, weg mit euch Käfern, Bentley hat Vorfahrt. Erst als ihr Englisch besser war als das der anderen, ließ man sie in Ruhe. Aber nach neun Jahren ging nichts mehr. Fräulein Witte war erschöpft. Conny war erschöpft. Die Schule war erschöpft. Die Zeugnisse waren eher besser als schlechter geworden, aber in Mathematik hatte die Schule auf eine Note verzichtet, da es unfair gewesen wäre, Conny dafür zu bestrafen, daß bei ihrer Geburt ein Professor einen Fehler gemacht hatte, der sich auf die Gehirnpartie auswirkte, in der Zahlen mit einander auskommen sollten. Schon das kleine Einmaleins war für Conny unzugänglich gewesen. Susi hatte dem Rektor den professoralen Fehler bis ins einzelne erklärt. Ohne Haß, ohne Bitterkeit. Das hatte sie sich beigebracht. Und war jedesmal wieder überrascht, wenn es ihr glückte, die Kollision zweier Schicksale leidlos darzustellen.

Wenn sich Conny am Vormittag überhaupt für etwas außerhalb ihres Zimmers interessierte, dann waren es Domino und Jeannie. Am liebsten hätte sie die Katzen ganz zu sich in ihr Zimmer genommen. Sie wollte die Mutter der Katzen sein, denen sie Namen gegeben hatte. Susi bewunderte Conny, wenn die für jede Katze sofort einen Namen hatte, der paßte.Wasty, Necko, Minus hatten Jeannies und Dominos Vorgänger geheißen. Alle Namen hatten sofort gestimmt. Aber Conny vergaß immer wieder, daß die Katzen es bei ihr nicht lange aushielten. Susi hatte versucht, ihr den Satz beizubringen, den sie aus Bielefeld mitgebracht hatte. Frau Gern solle sich, wenn es mit Domino oder Jeannie zu Konflikten komme, immer vorstellen, daß Domino oder Jeannie zu ihr sage: Denk immer daran, du wolltest mich, nicht ich dich. Conny kannte den Spruch, sagte ihn sich auch vor, konnte aber nicht danach handeln. Susi wußte, ihr durfte nichts passieren. Wenn sie nicht mehr da wäre, wäre das hier für die Katzen die Hölle. Edmund hatte, als sich Minus einmal morgens im Bad vor ihm auf dem Boden gewälzt hatte, gerufen: Schnucke, der Minus will mich verführen. Als Susi hinkam, sah sie sofort, daß Minus schwer krank war. Erbrach auch gleich Galle. Zwei Stunden später hatte er eingeschläfert werden müssen. Noch nicht fünf Jahre alt. Susi hatte Nächte lang wach gelegen und Minus, Minus, lieber Minus vor sich hingesagt. Begraben wurden ihre Katzen unter der Trauerweide, die sie vor fünfzehn Jahren in Niel für diesen Zweck hatte pflanzen lassen. Susis Lieblingsplatz, wenn sie übers Wochenende in ihrem Landhaus waren. Weil Minus so jung hatte sterben müssen, hatte sie bei Juwelier Kuck ein goldenes Kettchen gekauft, an dem ein ebenso goldenes Herzchen hing. Das hatte sie Minus in seinen kleinen, extra für ihn angefertigten Zinnsarg gelegt. Nach einer Trauerzeit von sieben Monaten war sie zu Frau Paul-Wesenholl nach Bielefeld gefahren, hatte Domino und Jeannie gefunden. Nach Bielefeld war sie durch die Empfehlung der Gelsenkirchner Züchterin gekommen. Beim ersten Besuch hatte sie einen Prachtkerl ausgesucht gehabt, aber die Mutter des Prachtkerls hatte gefaucht, als Susi sie streicheln wollte, und hatte sich unters Sofa gezwängt. Nein, von der wollte sie kein Junges. Eine andere trug noch, die ließ sich streicheln ohne zu zucken. Deren Junges wollte sie. Siam, Chocolate Point. Und die kleine Jeannie musste mit, weil sie grüngraue Augen hatte wie Susi selbst und weil sie gestromt war. Susi Gern hatte sofort gesagt, daß sie verrückt sei auf etwas Gestromtes. Das wußte aber Frau Paul-Wesenholl schon. Die Züchterinnen riefen einander an. Frau Paul-Wesenholl verriet ihr, die aus Gelsenkirchen habe am Telephon gesagt: Obwohl die Frau Gern so viel Geld hat, bei der haben‘s die Katzen gut. Das müssen Sie mir erklären, Frau Paul-Wesenholl, hatte Susi Gern gesagt. Und Frau Paul-Wesenholl: Manche geben damit an, daß es ihnen an nichts fehle, und dann sind sie alles andere als tierlieb, während Sie, Frau Gern, wirklich tierlieb sind, obwohl Sie Geld haben.

Dem Galeristen Hüllencremer, der Andy Warhol ins Haus gebracht hatte, daß der Edmund und Susi photographiere, um nach diesen Photos die Portraits zu malen, hatte sie gesagt, sie möchte gern mit ihren zwei Katzen photographiert und gemalt werden. Da Mr.Warhol aussah wie ein mißhandeltes Kind, wagte man nicht, ihn anzusprechen. Der Galerist sagte, er habe Mr. Warhol diesen Wunsch übermittelt, aber Mr. Warhol habe gesagt, er sei kein Tiermaler. Mindestens hundertmal hatte Mr. Warhol Edmund und sie, getrennt von einander, photographiert. Auf Polaroid. Die Bilder hatten sie nicht sehen dürfen. Ein Assistent, der nicht so mißhandelt aussah wie Mr. Warhol selber - er sei der Geliebte des Meisters, hatte der Galerist gesagt, so gesagt, als habe er den Auftrag, das mitzuteilen -, der Assistent und Geliebte hatte die Bilder in einem silbern glänzenden Koffer untergebracht. Edmund trug natürlich einen seiner in London von Mr. Wilkinson für ihn geschneiderten Anzüge und eine dort für ihn produzierte Krawatte. Am liebsten hätte er einen seiner Vicuñamäntel getragen. Mr. Warhol lehnte ab. Er bat Edmund, die Brille abzunehmen, Edmund tat‘s, und Mr. Warhol schrie Yes! That‘s it! Edmund hat danach sofort Kontaktlinsen machen lassen, hat die Brille nie mehr getragen. Aus Susi hatte Mr. Warhol ein Kunstwerk gemacht, bevor er sie photographierte. Er hat Susi angemalt mit einem dicken weißen Stift. Gesicht, Hals, Dekolleté, alles dick weiß angemalt. Der Galerist halblaut: Damit er Sie flächiger hat. Dann ihr einen grell roten Mund praktisch ins Gesicht gemalt. Hundertmal photographiert, ein Bild ausgewählt, das vergrößert, darüber gemalt, das war dann das Original. Akzeptiert hatte sie das Bild, weil es Seele hatte und sie diese Seele als die ihre erkannte, und zwar wegen der Augen, und die Augen waren ihr das Wichtigste an ihr. Wo der Hals anfängt, hatte Mr. Warhol das Bild beginnen lassen. Ein nackter Hals, so weit zu sehen, daß man wußte, diese Frau war nackt bis über die Schultern. Und schräg steigt dieser Hals nach oben, und oben wendet die Gemalte dem Betrachter das Gesicht zu. Edmund dagegen ganz von vorne, und mit Anzug und Krawatte. Sie vor Taubenblau, Edmund vor Graugrün. Ihr gefiel es, daß Mr. Warhol sie, wie der Galerist sagte, so flächig wollte. Und nur drei Farben. Haare schwarz, der Mund gleißend rot, alle Haut ein wirklich ungeheuer zartes Beige, in dem man einen Rosaton ahnte. Edmund hatte seine Bildhälfte nicht akzeptiert. Für 30000 Dollar sieht man anders aus, hatte Edmund gesagt, er verlange eine Sonderwertberichtigung. Der Galerist meldete es so weiter, daß der Künstler das Bild zu Edmunds Zufriedenheit berichtigte. Fast zu seiner Zufriedenheit. Sein EAG, das er jeder Jacke, jedem Hemd, jedem Koffer verpassen läßt, ziert natürlich auch jede seiner Krawatten: der Künstler weigerte sich. Der Galerist: Herr Gern, wo sie so deutlich als Sie selbst erscheinen, können Sie auf Ihre Initialen verzichten. Edmund hatte dann doch noch sagen müssen, sein Kunstrichtung sei‘s nicht. Ist uns bekannt, Herr Gern, hatte Galerist Hüllencremer gesagt, aber stellen Sie sich, bitte, vor, wie Sie aussähen, wenn einer Ihrer Konstruktivisten Sie gemalt hätte.

Zweimal sechs Stunden hatte Susi Gern im Nagelstudio gesessen, um sich neue Nägel aufsetzen und die von Hand bemalen zu lassen. Aber ihre Hände waren dann auf dem Gemälde so wenig zu sehen wie die Katzen. Sie hatte schöne Hände. Die Hände ihres Vaters, der Lehrer gewesen war für Malerei und Graphik an der Folkwangschule in Essen. Wenn sie ihre Hände nicht wirklich schön fände, führe sie wohl kaum jeden Donnerstag nach Oberkassel zu Aenne Klomfass ins Nagelstudio. Manchmal trat sie in ihren verrücktesten Schuhen und mit ihrer teuersten Handtasche vor den großen Spiegel in der Ankleide, spreizte ihre Hände so, daß ihre Nägel leuchteten, und sagte: Susi Gern, du hast etwas Biederes. Immer wenn sie das sagte, wurde es ihr wohl. Dann sagte sie sich ins Gesicht: Du bist nett. Alle sollten sie nett finden. Das war ihr Ehrgeiz. Ihre Putzfrauen fanden sie nett und sagten es ihr. Aber heute könnte sie nicht vor den großen Spiegel treten und sich ins Gesicht sagen: Susi Gern, du bist nett. Sie hatte Edmund die Großmütige vorgespielt. Die wollte sie nicht sein.

Um neun kam die Putzfrau, die an diesem Tag Dienst hatte. Frau Oschatz, bei weitem die älteste ihrer Frauen, sieben Jahre älter als Susi, die problematischste war sie auch. Andererseits doch die verläßlichste. Die intelligenteste sowieso. Das war eben das Problematische. Susi hatte öfter das Gefühl, Frau Oschatz halte sich für intelligenter als Susi. Susi hatte sich selber noch nie für intelligent gehalten. Lebensklug, ja. Aber intelligent? Nein. Edmund war lebensdumm, aber furchtbar intelligent. Paß nur auf, daß Edmund nicht noch vor der Hochzeit merkt, wie dumm du bist, sonst heiratet er dich nicht, hatte ihre Mutter zu ihr am Verlobungstag gesagt. Sie hatte das Edmund sofort weitergesagt. Und Edmund: Wenn du so dumm wärst wie deine Mutter, dann stünde es schlecht um uns. Aber wenn Susi einen Brief an Tante Grete geschrieben hatte, wartete sie doch, bis Edmund Zeit hatte, dann fragte sie: Kommt da ‚n Strichpunkt hin oder reicht ‚n Komma. Und Edmund war es auch wichtig, daß Susi sich vor seiner strengen Tante Grete nicht blamierte. Daß sie so gut wie kein Allgemeinwissen hatte, störte Susi von Jahr zu Jahr mehr. Mein Gott, wie hieß wieder dieses Zeug, das in den Bomben drin war, die in Essen den ganzen Block verbrannt hatten! Ihr konnte es schwindlig werden, wenn sie etwas, was sie einmal gewußt hatte, nicht mehr wußte. Edmund nennt einen Film, fragt nach dem Regisseur, Conny sofort: Polanski. Plötzlich stellt es sich heraus, daß ihre riesige, von einer Terrasse auf allen vier Seiten umgebene Wohnung - der Treppenhaus- und Aufzugsturm unterbricht die Terrasse auf der Vorderseite für ein paar Meter - Penthouse heißt. Und Susi hatte immer Penthaus gedacht. Und nie gefragt, was das überhaupt heißt: Penthouse. Bei ihr hieß die gewaltige Wohnung sowieso Dachpalast. Sie hatte, als sie Tante Grete einmal vorgeschwärmt hatte, wie schön es sei, im Herbst im dritten Stock im Penthaus zu sitzen und durch die Fensterfronten überall die goldrotgelbbraunen Blätterkronen im Wind wogen und abblättern zu sehen, noch nicht gewußt, daß diese Art Wohnung Penthouse heißt. Als Susi ihren Fehler entdeckt hatte, nahm sie sich vor, das Wort gelegentlich in einem Brief wieder vorkommen zu lassen, um die Blamage auszuwetzen. Vielleicht nur in einem Brief an Edmunds Bruder Edgar. Vielleicht machte sich die kritische Tante Grete einmal Edgar gegenüber lustig über Susi, zitierte den Fehler, dann würde Edgar sagen: Im Brief an mich hat sie‘s richtig geschrieben. Susi hatte Dr. Hornfeck fragen müssen: Herr Doktor, wenn ich ‚n Gehirnschaden habe, kriegen Sie das raus? Der Doktor: Kann man prüfen. Und fragte nach dem Symptom.

Susi: Allgemeinwissen, verheerend. Von der Mutter gehört, die Nabelschnur sei zweimal um den Hals gewickelt gewesen, sie sei, bis sie herauskam, schon halb stranguliert gewesen. Jetzt möchte sie ihre Gehirnströme gemessen haben, weil ihr dieser Mangel an Allgemeinwissen auf die Nerven gehe.

Dr. Hornfeck nachher: Tut mir leid, kein Schaden festzustellen. Vielleicht ist es ein Desinteresse. Vielleicht interessieren Sie sich für etwas anderes als die anderen. Schön wär‘s, hatte sie gedacht. Aber vielleicht war es ja so. Sollte Frau Oschatz tatsächlich intelligenter sein als sie, dann wollte Susi nicht, daß Frau Oschatz das bemerke oder es gar Susi gegenüber ausspiele.

Steh auf, geh in die Küche, wetz das Messer, mit dem Frau Oschatz nachher das Rinderherz für die Katzen schneiden wird.

Der Wetzstahl lag in der richtigen Schublade und in der richtigen Schublade auf der richtigen, nämlich der linken Seite. Susi Gern wußte, auch wenn sie plötzlich erblindet wäre, sie hätte in ihrem Dachpalast, ohne tasten zu müssen, alles auf den ersten Griff gefunden. Sie genoß es, Ordnung zu haben. Gerechtigkeit und Ordnung, für sie eigentlich ein und dasselbe. Wenn sie nachts zur Toilette muß, holt sie sich auf dem Rückweg, ohne das Licht anzumachen, aus der Tüte in der Küche ihren Zwieback, taucht ihn, sobald sie wieder im Bett liegt, in den Tee, der auf dem Nachttischchen steht, bis der Zwieback weich ist und nicht mehr kracht, wenn sie ihn mit viel Genuß ißt. Sie möchte Edmund nicht stören. Und das gelingt ihr nur durch ihre nichts auslassende Ordnung. Als sie jetzt im Mai zum siebzehnten Mal mit Conny im SEMIRAMIS in Hammamet eingetroffen war und von Herrn Scherbe feierlich zu IHREM Bungalow geleitet wurde, gefolgt von begeisterten Kellnern und Zimmermädchen, sogar ein Koch war dabei, da war doch nichts so schön wie das: es war das siebzehnte Mal.

Und wenn immer alles sein mußte, wie es sein mußte, dann mußte sie jetzt in die Küche und das Messer wetzen. Frau Oschatz verließ sich darauf, daß das Messer, das sie Susi Gern vor vielen Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte, wenn sie kam, immer frisch gewetzt war. Die Frischgewetztheit des Messers war die Bedingung, die erfüllt sein mußte, daß Frau Oschatz Susi Gern als Chefin oder überhaupt anerkannte. Das war ein Ritual. Dem hat Susi zu genügen. Das hatte die alte, schwerleibige, unter kaputten Venen leidende, aber einen am liebsten rotzfrech musternde Hexe doch geschafft. Die irgendwo in Dormagen geborene, in Ostpreußen aufgewachsene und dann wieder hierher vertriebene Ottilie Oschatz.

Susi Gern sagte ihren Frauen, daß sie sich nur wohlfühle, wenn ihre Frauen sich bei ihr wohlfühlten, aber das galt mehr als für alle anderen für Frau Oschatz. Susi rief Frau Oschatz manchmal sogar mit dem Vornamen. Natürlich so, daß Frau Oschatz merkte, es sei scherzhaft gemeint. Ottilie war ja ohnehin kein ernstzunehmender Vorname mehr. Und ihr Mann, bald siebzig, hieß Theo. Also, bitte. Aber Susi bedankte sich jedes Mal dafür, daß Theo Ottilie überhaupt hatte gehen lassen. Und sie bat immer, daß Ottilie diesen Dank auch ausrichte. Frau Oschatz war die einzige ihrer Frauen, die sie schon mal anrief, ohne daß etwas anlag. Aber wenn Ottilie Oschatz das Messer für das Katzenfleisch aus dem Messerblock zog und mit ihrem Daumen die Schneide prüfte, hielt Susi Gern den Atem an. Wenn Frau Oschatz nickte, atmete sie weiter. Einmal war sie herumgesessen und hatte nur noch nachdenken können, wie sie sich für das, was Klaus zwei ihr angetan hatte, rächen könnte, da hatte sie das Messer nicht gewetzt gehabt. Frau Oschatz hatte die Schneide geprüft. Da druff könnse nach Moskau reiten, hatte sie gesagt und zu Susi Gern herübergeschaut, als habe sie gesagt: Von Ihnen hätte ich mehr erwartet. Halb neun. Noch eine halbe Stunde Zeit. Gefrühstückt hast du. Die Kätzchen haben sich auf ihre Kratzbäume zurückgezogen. Blas das Teelicht aus, laß den Tag beginnen. Aber sie konnte nicht aufstehen. Keine Panik, bitte. Das kannte sie, daß sie sich nicht unter allen Umständen bewegen konnte, wie sie gerade wollte. Feigesuse. Sobald sie sich Suse nannte, sah sie ihren Vater vor sich, der ein frommer Mann gewesen war, der, hieß es, dagegen gewesen war, daß die Mutter sie Susanne taufen ließ, weil ihn Susanne immer an die im Bade von Lüstlingen Beobachtete erinnere. Der Vater hatte während ihrer ganzen Kindheit dafür gesorgt, daß nicht eine einzige Illustrierte in die Wohnung gekommen war. Aber Susi hatte aus elterlichen Dialogen entnehmen können, daß der Vater, um in Illustrierten zu blättern, öfter ins Café ging. In seiner Gegenwart durfte sie nur Suse genannt werden. Susi fand er unanständig. Feigesuse, du.

Sie schloß die Augen. Wenn alles gut war, wirkten die zwei Scheiben wie eine einzige. Sobald etwas in ihrem Leben nicht stimmte, schoben sich die zwei Scheiben auseinander. Wenn die Scheiben sich je so weit verschieben würden, daß sie sich trennten, wäre sie wahnsinnig oder gerade am Sterben.

Schon bevor die beiden randscharfen Scheiben heute auftauchten, hatte sie gewußt, die waren verrutscht. Bis neun hatte sie noch Zeit. Sie mußte zum momentanen Zustand in ein Verhältnis der Zustimmung kommen. Der Billigung wenigstens. Susi Gern wollte glücklich sein, auch wenn sie unglücklich war. Sie mußte glücklich sein, auch wenn sie unglücklich war. Ich kann nur leben, wenn ich glücklich bin, sagte sie einmal zu jemandem, dem sie ihr Leben aufsagte. In einem Zustand verharren, in dem sie zugeben müßte, sie sei unglücklich -, das konnte sie nicht. Durfte sie nicht. Das ließ ihr Kreislauf nicht zu. Und ihre Sonntagskindschaft auch nicht. So ne Angst schießt da durch mich durch, sagte sie und schaute ihren Zuhörer an, ob der das begreife. Die Angst, daß es so bleiben könnte, wie es jetzt gerade ist. So unerträglich. Nein, jetzt bloß nicht rauslaufen, nicht schreien. Sag dir, was du dir für solche Augenblicke eingebleut hast: Tu gewisse Dinge nie! Nie rauslaufen und schreien. Du kannst glücklich sein. Das hast du bewiesen. Schau zurück auf die ersten Jahre. Ein sonnenbeschienenes Wasser, das dich fast blendet. Aber nur fast. Der Glanz tut dir gut.

Edmund hatte ihr, solange sie schwanger war, jeden Abend vorgelesen. Aus englischen, französischen und russischen Romanen. Das war zwar langweilig, aber wunderschön. Eigentlich hatte sie in ihrem Leben nichts erlebt, was sie so gestreichelt hatte wie die von Edmund vorgelesenen Romanszenen. Sie selber hatte noch nie einen ganzen Roman gelesen. Dafür war sie einfach zu lebhaft. Schon dieses Umblättern! Eine Seite nach der anderen. Wenn sie sich das vorstellte, dachte sie: Nee. Sie hatte Tänzerin werden wollen.

Der Vater: Kommt nicht in Frage, Kinderärztin. Bei jedem Gewitter die Rolläden runter, Kopf in seinen Schoß, Augen zu, der Donner knallte, rollte dahin, der Vater sagte: Mach die Augen wieder auf, Schätzchen, das Gewitter ist vorbei.

Hoffentlich hatte Dr. Hornfeck recht. In der Schule war nichts drangekommen, was sie interessiert hätte. Sie hatte sich nichts merken können.Was sie für Prüfungen gelernt hatte, war, wenn die Prüfungen vorbei waren, unauffindbar verschwunden. Die Schulstunden waren nicht langweilig, sondern schmerzlich.

Wann waren die zwei Scheiben zum ersten Mal in ihrer Vorstellung aufgetaucht? Vielleicht in Tunesien. Sie auf Urlaub mit Conny in Hammamet. Und gleich gegeneinander verschoben. Als übereinanderliegende hatte sie die Scheiben noch gar nicht wahrgenommen gehabt. Erst, als sie auseinanderdrifteten, hatte sie sie entdeckt. Und sofort gewußt, daß diese zwei Scheiben übereinander gehörten und daß sie dafür da war, die zwei Scheiben zur Deckung zu bringen. Die auseinanderdriftenden Scheiben taten weh.

Sie war gegen sechs vom Strand zurückgekommen, das Wetter hatte eher zum Gehen als zum Liegen eingeladen, Conny war, wie so oft, überhaupt nicht mit hinausgegangen. Susi hatte sich, solange sie durch den Sand gestapft war, bemüht, mit Erfolg bemüht, sich nicht vorzustellen, was Edmund gerade tue. Hatten die besseres Wetter in Ascona? Zum Glück war sie noch nie in Ascona gewesen, konnte sich also überhaupt nicht vorstellen, wo und wie Edmund und Heimchen Pudlich gerade gingen, saßen, oder lagen. Susi stieß, während sie ging und stapfte und stapfte und ging, immer wieder Laute aus. Griff auch öfter jäh in die Luft. Sie wollte den Himmel wie eine Decke über sich herabziehen. Über sich und das Meer. Sie mochte nirgends mehr hinschauen als in die blaue Schwärze des Meers. Oder in den Sand. Vor allem in den Sand. Der Sand hat es hinter sich. So weit müßte man sein. Wie schön, daß das Meer jedes Jahr ein Stück Strand wegfrißt. Herr Scherbe zeigte ihr jedes Jahr, und jedes Jahr noch besorgter, was das Meer inzwischen wieder weggefressen hat. Wenn das Meer doch alles fräße, dachte Susi. Aber Herr Scherbe hatte gesagt, THE SEMIRAMIS werde sich wehren. Das Meer habe gegen THE SEMIRAMIS keine Chance. Schade, dachte Susi. Und Gott sei Dank, dachte sie auch. Und beides dachte sie gleich innig. Dann rief sie ziemlich laut - da war ja weit und breit kein Mensch -: Susi Gern, du bist schla-a-au! Dreisilbig machte sie das Wort. Sie fand nämlich nicht, daß sie sich im Augenblick mit Edmunds Namen und Taten herumschlagen mußte. Dann, als spreche sie zu jemandem, der neben ihr gehe: Du weißt dir zu helfen. Dann flüsterte sie: Susi, komm, wir drehen um. Schnell ins Hotel. Daß sie sich flüstern hörte, stimmte sie zärtlich. Selbstbefriedigung. Das Wort, eine Gemeinheit. Aber genau das liebte sie jetzt an diesem Wort, daß es so gemein war. Selbstbefriedigung. Ihr konnte es jetzt gar nicht gemein genug klingen. Lotfi anrufen. Lotfi wußte, daß sie da war. Schon von Düsseldorf aus hatte sie angerufen. Vom 5. bis zum 25. Mai sind wir in deiner Nähe. Conny und ich. Wenn Susi einen Fehler nicht machte, dann war es der: von Menschen zuviel zu erwarten. Was man allenfalls erwarten durfte und was man nicht erwarten konnte, dafür hatte sie das feinste Gefühl der Welt. Eines allerdings erwartete sie unter allen Umständen: Respekt.Wenn ihr Respekt verweigert wurde, vereiste sie förmlich. Und fing an, die Vergeltung zu entwerfen, die Rache, den Gegenschlag. Sie konnte nicht weiterleben als Beleidigte, Mißachtete, Übersehene. Sie mußte zurückschlagen, dann lebte sie wieder. Nichts wußte sie so sicher, wie daß sie Respekt verdiente. Fast drei Jahre lang war sie Woche für Woche nach Remscheid gekurvt, mit Rasierwasser, Oregano, Knoblauchpulver, Fernsehapparat, türkischer Wurst, Abos von stern und Le Monde. Lotfi und zwei Freunde hatten, erfuhr sie, mit 850 Gramm Kokain monatelang auf einen Käufer gewartet. Dann kam einer. Von der Polizei. Und bei ihr in der Simrockstraße standen, bevor Lotfi ihr hatte Nachricht geben können, zwei Polizisten vor der Tür, ein Beamter und eine Beamtin. Kripo. Wir dürfen Ihre Wohnung durchsuchen. Auf ihr bloßes Staunen, die: Bei ihr wohne ein Dababi Lotfi? Ja. Dann durchsuchen sie alles, dürfen aber noch nicht sagen, was sie suchen. Sie fand das langsam lächerlich. Der ist doch nicht hier, das sehen Sie doch. Lotfi ist mein Geliebter. Ist das verboten? Nein, nein, sagte der Beamte, aber eines verstehe er nicht, Dababi Lotfi sei hier gemeldet, sie aber nicht. Mußte sie dem also erklären, daß das eine Zweitwohnung sei, gemeldet ist sie ein paar hundert Meter stadteinwärts, Holbeinstraße. Was hat er denn getan, ihr Lotfi, jemanden ermordet? Morgen kann sie anrufen. Hier, die Nummer.

Susi hat denen nicht gesagt, daß Lotfi zwar wegen der Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung noch bei ihr gemeldet war, daß sie aber seit zwei Jahren mit dem nichts mehr zu tun gehabt hatte. Schluß gemacht hatte sie mit dem. Nicht mehr ertragen hatte sie es, daß der sich jeden Morgen fünfzig Mark von ihr geben ließ, in die Stadt fuhr zum Billardspielen, anstatt sich nach einer Arbeit umzusehen oder wenigstens den Berlitz-Kurs, den sie für ihn gebucht hatte, zu besuchen. Aber abends hatte er für sie tunesisch gekocht. Morgens dann raus und vor in die Holbeinstraße, den Kaffeetisch decken. Alle anderen Frauen haben nur einen Frühstückstisch zu decken, sie aber hat zwei, die gedeckt sein wollen. Einmal frühstückte sie mit ihrem Geliebten, einmal mit ihrem Mann, solange der das noch gewollt hatte. Conny rief strafend an: Gleich siebenuhrzwanzig, siebenuhrfünfzehn wolltest du da sein. Dann zurück, Lotfi wecken, auf, in die Berlitz-Schule, auch wenn es längst klar war, daß er nur noch zum Billardspielen ging. Als sie die Trennung geschafft hatte, stellte sich heraus, daß sie keinen anderen Mann in dem kleinen Klinkerpenthouse empfangen konnte. Der Herd, an dem Lotfi für sie tunesisch gekocht hatte, durfte von keinem anderen Mann berührt werden. Die ganze Wohnung mußte, weil in ihr alles an Lotfi erinnerte, verkauft werden. Jetzt war der, als Abgeschobener, wieder in Tunis, wußte, daß sie hier war, und rief nicht an. Er hätte doch anrufen und fragen können: Seid ihr gut angekommen, habt ihr wieder Bungalow 122, wie jedes Jahr, wie geht es Conny, das Wetter ist ja jedes Jahr noch schlechter ... Nichts. Kein Anruf. Als sie es am vierten Tag nicht mehr ausgehalten und ihn angerufen hatte, hatte er erklärt, er müsse gerade auf eine dieser Inseln, endlich ein Riesengeschäft mit dem türkischen Schmuck, am nächsten Wochenende komme er. Gekommen war er nicht. Angerufen hatte er auch nicht. Das ging nicht. Mit ihr nicht. Der mußte ja nicht kommen. Aber anrufen konnte er und sagen: Hallo, ich kann nicht kommen, meine Mutter hat schon wieder eine Kolik. Aber nicht so. So nicht. Was konnte sie dem tun? Keinesfalls durfte sie die arme Frau sein, die hier bei schlechtem Wetter im SEMIRAMIS rumhängt, dieses Kind am Hals hat, diese Ehe, dieses Leben, der jetzt nicht einmal mehr Respekt erwiesen wird von einem Kerl, dem sie, als er noch nicht wegen Rauschgift eingesperrt gewesen war, im Lauf von dreieinhalb Jahren fünfundfünzigtausend Mark geliehen hatte. Gut, das war zehn Jahre her. Aber die Respektpflicht verjährt nicht. Sie wollte von dem nichts mehr. Aber Respekt schon. Die elf Schuldscheine hatte sie dabei. Edmund hatte jedesmal gelacht. Kannst du dir sparen, hatte er gesagt, das Geld siehst du sowieso nie wieder. Sie sei für Ordnung, hatte Susi gesagt und den nächsten Schuldschein ausgestellt. Sie konnte jetzt nicht Lotfi anrufen. Den mußte sie bestrafen. Und nicht nur den. Sie hatte in ihrem eigenen Leben nichts zu sagen, das war‘s doch überhaupt. Alle in Spielfiguren verwandeln, Edmund, Frau Prellmann, Frau Pudlich, Ascona, Hammamet, Abdul, Lofti, alles auf ein Brett zum Hinundherschieben, noch besser wäre Würfeln, daß es nicht an ihr läge, wo die Figuren landeten, und wenn ihr das nicht genügte, konnte sie immer noch eingreifen, wie Gott eben. Also nicht zum Bungalow jetzt, sondern zum Empfang. Herrn Scherbe, bitte. Und das so, daß die sofort rannten, Herrn Scherbe zu holen. Und Herr Scherbe sah sofort, daß Frau Gern etwas zu besprechen hatte, was nicht am Empfang besprochen werden konnte. Er ging ihr in sein Direktionszimmer voraus. Herr Scherbe, sagte Susi, ich bin das siebzehnte Jahr hier im SEMIRAMIS. Jetzt aber brauche ich Ihren Rat. Lotfi misshandelt mich. Durch Respektlosigkeit. Sie müssen mir drei Tunesier beschaffen, denen vermache ich fünfundfünfzigtausend Mark, die sollen die bei Lotfi eintreiben. Die stehen dem dann Tag und Nacht auf der Matte.Will der ‚n Auto kaufen, sind die da: Junge, du zahlst uns erst mal unser Geld zurück. Herr Scherbe kannte Lotfi, weil Susi in den Lotfi-Jahren Lotfi immer mitgebracht hatte ins SEMIRAMIS. Susi war von allen als Madame Lotfi angesprochen worden. Herr Scherbe fand, Frau Gerns Idee sei zu mitteleuropäisch. Die Tunesier gehen nämlich hin zu Lotfi und sagen, gib uns ein Viertel davon auf die Hand, dann zerreißen wir den Wisch ... Dann, rief Susi, beschaffen Sie mir ein Charakterschwein, ich zahl dem extra was, daß der nach Tunis fährt und in der Nachbarschaft herumerzählt, wie lange Lotfi gesessen hat, die Mutter weiß das ja immer noch nicht. Wenn er dann von der Insel Kerkenah zurückkommt, ist er blamiert, die Mutter heult ihm was vor. Das tut ihm weh, das weiß ich. Die Mutter glaubt ja immer noch, die fabelhaften Hemden und Hosen, die ich ihm bei Selbach gekauft habe, habe er selber verdient und bezahlt. Fünf Brüder von ihm rennen in Tunis in den Sachen herum, die ich bezahlt habe. Überschlafen, riet Herr Scherbe. Als Herr Scherbe Überschlafen sagte, hatte Susi gewußt, daß sie zum letzten Mal im SEMIRAMIS war. Trotz Ihres Fünfmillimeterbartes, mit dem Sie Ihr nicht vorhandenes Kinn ersetzen, Schluß. Draußen am Empfang sagte sie: Abreise, übermorgen. Und stakste davon. Die zwei Koffer, die sie sonst, weil sie im nächsten Jahr wieder kommen würden, hier ließen, würden sie diesmal mitnehmen. Schluß. Sahen ihr jetzt alle nach? Schwankte sie? Sie schwankte doch nicht. Sie fürchtet doch nicht, daß ihr alle nachschauen. Sie hat doch noch nie Hemmungen gehabt, durch eine große Halle zu gehen. Susi, dachte sie, du warst noch nie bescheiden. Gleichgewichtsstörungen hatte sie bisher nur gekannt, wenn sie merkte, daß ihr niemand nachschaute. Jetzt schauten ihr aber alle Leute von allen Polsterinseln in der Halle nach. Die beobachteten, wie sie durch die Halle watete. Und sie hatte das Gefühl, sie wate durch Blei.Schwankte sie? Aber nein. Und war draußen zwischen Bungalows und Palmen.

Aber noch bevor sie ihren Bungalow erreichte, wußte sie, daß Fred Scherbe heute abend nach dem Essen an ihren Tisch kommen und ihre Abreise bestreiten und damit rückgängig machen würde. Sehen Sie, würde er sagen, als Conny diese furchtbare Allergie nicht los wurde, wissen Sie noch, vor sieben Jahren, Tag und Nacht kratzte sie sich, da haben wir dafür gesorgt, daß Sie schnellstens zurückfliegen konnten. Und sie würde dem Direktorschwein nachgeben. Daß er mit Abhängigen schlief, wußte außer Conny und ihr sicher niemand. Conny wußte es von Abduls Schwester. Muslimische Zimmermädchen pflegte er vor dem Geschlechtsverkehr mit billigem Sekt und Wiener Würstchen zu traktieren.

Als sie Conny vor dem Fernseher kauern sah, sagte sie: Mäusken, das ertrage ich aber nicht. Wir haben abgemacht, ich komme nicht vor sechs herein, du suchst dir ne Serie, die um sechs zu Ende ist. Ja, ja, sagte Conny, o. k. Und das Allerschlimmste, daß du dir jeden Morgen auch noch die Wiederholung von diesem Mist anschaust.

Ich bin eine Mistgeburt, wissen wir doch, sagte Conny und grinste.

Das tust du nur gegen mich, sagte Susi.

Conny sagte: O. k.

Susi: Wenn ich mit dir böse bin, geht‘s mir nachher immer so dreckig.

Und sah die Elfjährige mit der Kommunionkerze die große Treppe von St. Nikolas herunterkommen. Die anderen Kommunionkinder kamen locker und lachend herunter zu ihren Familien. Conny blieb zurück. Daß sie ihre Kerze mit dem allergrößten Ernst trug, sah man von weitem. Und daß sie Angst hatte vor den vielen Stufen, sah man auch. Sie mußte bei jeder neuen Stufe mit der Fußspitze kreisen und prüfen, wo genau die nächste Stufe beginne. So tastete sie sich herunter und landete schließlich in den Armen ihrer Mutter. Aber solange sie da mit der Schuhspitze nach der nächsten Stufe tastete, dachte Susi nur eins: Ich gehe nicht von deiner Seite. Für dich werde ich mein ganzes Leben lang da sein.

Um nicht irgend etwas zu brüllen oder zu tun, was sie nachher bereuen mußte, war sie in ihr Zimmer gerannt. Tür zugeknallt - das konnte sie nicht unterlassen - und sich aufs Bett geworfen. Selbstbefriedigung. Sie drehte sich auf den Rücken und hoffte, sie würde diesem Wort nie mehr begegnen. Was die einem für Wörter liefern, dachte sie. Dafür gehören sie gepeitscht, alle.

Sie sprang auf, rannte hinüber, an Conny vorbei, rannte ins Badezimmer, sah sich im Spiegel, dachte: Diese Frau ist verrückt. Bloß jetzt nicht vor dem Spiegel stehenbleiben.

Dann war sie auf ihrem Bett gelegen und hatte die beiden Scheiben beobachtet. Beobachten müssen. Die müssen auf einander liegen. Die müssen wohl immer auf einander gelegen haben. Und solange die auf einander gelegen hatten, waren sie ihr nicht aufgefallen, hatte sie nicht gewußt, daß es die überhaupt gab, diese zwei Scheiben. Sie mußte dafür sorgen, daß diese zwei Scheiben wieder auf einander lägen. So auf einander, daß sie aussähen wie eine einzige. Sie hatte es geschafft. Wie? Irgendwie. Aus nichts als Angst und Not. Sie hatte sich entzogen. Weg von der Stelle, auf die eingedroschen wurde. Zusammenschnurren zu nichts und wieder nichts, dann wegrutschen, abwärts, in das schwärzeste Loch der Welt. In der vollkommenen Licht- und Ortlosigkeit ließ sie dann die Scheiben kommen, atmete durch, schaffte es durch nichts als Atmen, daß die Scheiben auf einander zutrieben, bis es nur noch eine einzige Scheibe gab. Dann war Conny hereingekommen und hatte gesagt: Mutti, eenes Dachs schlach ‚n kapott, de Jlotzkaste. Immer wenn sie ins Platt wechselte, das sie vom Kindergarten mitgebracht hatte, hieß das, daß sie wieder zugänglich war. Was sie heute abend anziehen solle, wollte sie wissen. Abduls Schwester habe, als sie gekommen sei, die Betten aufzudecken, gesagt, die Mutter werde für Conny heute abend Kuskus kochen. Sie könne ja ein paar Flaschen Cola mitbringen. Susi hatte nur nicken können. Du weißt, hatte Conny gesagt, ich werde Abdul heiraten.

Iss ja doll. Mehr hatte Susi nicht sagen können. Nicht sagen dürfen. Sie mußte zustimmen und den Moment abwarten, von dem an sie mit der Zerstörung dieser Illusion beginnen konnte. Schon ‚n netter Kerl. Rein optisch. Aber ein eiskalter Typ, der nur nach Deutschland will, Geld will, der ganz schnell spürte, daß Susi ihn durchschaut hatte. Conny war stolz auf jedes arabische Wort, das sie behalten konnte. Ihre Mutter konnte so gut wie keins. Conny wurde von Abduls unüberschaubar großer Familie bewundert, weil sie alles Arabisch, das sie hörte, sofort nachsprechen und auch behalten konnte. Die Schule hatte sie verlassen müssen, weil sie auch nach neun Jahren kein Verständnis für das kleine Einmaleins und für Rechtschreibung hatte aufbringen können. Sie war in einem geradezu unheimlichen Ausmaß auf ihr Gehör angewiesen. Was durchs Gehör in sie gelangte, veränderte sich in ihr überhaupt nicht. Sie konnte es jederzeit aufsagen. Dadurch brachte sie Abduls unzählbare Familie abendelang zum Lachen. Das tat ihr gut. Susi hatte denen jedes Jahr Geld gegeben, daß sie ein Fest für Conny veranstalten konnten.

Wie soll ich je ohne meinen Abdul leben? Hatte Conny gesagt. Susi nahm sie in den Arm, zog sie aufs Bett. Hat Lotfi angerufen, fragte sie, weil sie wußte, Conny würde vor lauter Wut auf Lotfi ihren Abdul vorübergehend vergessen. Dä Lomp, sagte Conny. Hat er angerufen, fragte Susi. Afselut nich, sagte Conny, dä Pullovertyp, dä fiese. Weil Conny bemerkt hatte, daß ihrer Mutter seit Tagen an Lotfis Gesellschaft gelegen gewesen wäre, mußte sie den heruntermachen, so sehr sie konnte. Ihrer Mutter durfte nur an ihr gelegen sein. Daß sie mit ihrer Pulloverschmähung ihre Mutter dahin traf, wo‘s weh tat, war ihr wahrscheinlich sogar bewußt. Pullovertyp! Susi bei Selbach, fünf Pullover, sechs Oberhemden, vier Hosen, zum Mitnehmen. Herr Herzig lächelte mädchenmäßig, wenn er für sie einpackte, weil er schon wußte: sie wird nicht ein Hemd, nicht eine Hose und keinen einzigen Pullover zurückbringen, weil ihrem Geliebten alles so gut steht, daß er es einfach behalten muß. Dieser hellbeige Pullover mit der Waffeloberfläche, V-Ausschnitt, dazu das hellste Hellblauhemd mit einem feinsten weißen Karo. Aber Lotfi war nie mit ins Geschäft gegangen. Der Verkäufer weiß doch, daß das Geld von deinem Mann kommt, hatte er gesagt. Sie hatte gesagt, Herr Herzig sei homosexuell, der werde, wenn er Lotfi einen Pullover probieren lasse, an etwas ganz anderes denken als daran, woher das Geld komme. Lotfi weigerte sich. Er habe auch seinen Stolz. Sie hatte mit ihm Schluß gemacht gehabt, bevor er eingesperrt worden war, aber manchmal hatte sie gespürt, daß sie vielleicht zu früh Schluß gemacht hatte. Sie nannte, was sie Lotfi gegenüber empfand, Resterotik. Unausgelebtes eben. Aber wenn sie ihn nicht, aus purer Fürsorglichkeit, fast drei Jahre lang im Gefängnis besucht hätte, wäre vielleicht von Lotfi weniger übrig geblieben in ihr. Obwohl, diese schreckliche Szene in der Simrockstraße sprach dagegen. Dirk Pfeil war der erste Mann, den sie, als sie sich nach Lotfi wieder bewegen mußte, liebenswert fand. Gefunden per Annonce. Also, Kaffee getrunken, Händchen gehalten, der sah aus wie der von der Liz Taylor, ja, wie der Burton sah der aus. Ein bisschen weicher, schmerzbereiter. Sie nimmt ihn mit in ihr Simrock-Penthaus hinauf, ihr von Edmund gekauft, damit sie für sich sein könne. Eine spielzeughafte Klinkerburg mitten zwischen Wipfeln. Und als sie drinnen in der Ringsumhelle Kaffee getrunken hatten, er dann Cognac, sie ihren immerwährenden roten Martini, als sie soweit waren, ins Schlafzimmer hinüberzugehen, um ihre Bekanntschaft zu vollenden, da hatte sie plötzlich gespürt und es ihm gleich sagen müssen, daß sie in diesem Zimmer nicht mit ihm schlafen könne, weil, ja, weil sie da immer mit einem gewissen Lotfi geschlafen habe, der jetzt eingesperrt sei, mit dem sie Schluß gemacht habe, bevor er eingesperrt worden sei, aber jetzt, in diesem Augenblick, erlebe sie sich als unfähig, Dirk in diesem Zimmer zu empfangen. Dirk Pfeil litt. Gesicht, Schultern, Hände -, der Mann zerfiel. Er war dann zurückgegangen zu dem Sessel, in dem er gesessen hatte. Er habe das gewußt oder geahnt, nein, nein, gewußt habe er es, diese Frau, das wäre ja einmal nicht wie immer, das wäre doch überhaupt nicht von dieser Welt, daß diese Frau seine Frau werden könnte, das würde überhaupt nicht zu seinem bisherigen Leben passen: Vater im Krieg geblieben, Mutter einfach weggestorben, ab ins Heim, als Siebzehnjähriger in die Fremdenlegion, dem Freund zuliebe, nach zehn Jahren zurück, aufs Sofa beim Cousin, dann wagt er es, die Annonce zu beantworten, dann erscheint Susi, dann sitzen sie einander gegenüber in der SCHILLERSTUBE, und als sie zum Auto gehen, macht sie schon Schluß, und dann fängt sie am Auto doch wieder an, schöne Küsse dann, und jetzt also wieder nichts, klar, ist ja nicht das erste Mal. Nein, sagte Susi, nein, nur in diesem Schlafzimmer nicht. Wenn das Bett hier stünde, in diesem Zimmer, kein Problem. Dirk Pfeil wuchtet das Großbett herüber, da steht es, und Susi merkt: es ist nicht das Zimmer, es ist das Bett. Das Bett ist von Lotfi belegt. Tut mir so leid, sagt sie. Und ist überrascht, daß ihm bei dieser neuerlichen Verhinderung sein schmerzbereites Gesicht nicht endgültig in einer Schmerzgrimasse zerläuft. Er nickt und murmelt, er verstehe das ja. Susi fährt sofort heim. Edmund, bitte, die Simrockstraße verkaufen. Wird verkauft. Wo man besitzt, im Apartment-Haus in der Lindemannstraße, zieht Susi ein, da war Lotfi nie. Dirk Pfeil kann kommen, Lotfi war gebannt.

Cornelia, hatte Susi gesagt, wenn du Lotfi erwähnen mußt, nenne ihn Lotfi, aber, bitte, nicht Pullovertyp. Und wenn Susi Connys Namen unverkürzt aussprach, wußte die, daß die Mutter es ernst meinte.

Conny trampelte offensichtlich ohne Schlappen in die Küche und stampfte auf und schrie: Da haben wir den Salat.Wenn sie so stampfte und schrie, wurde ihr immer blasses Gesicht blaurot. Jeannie hatte sich offenbar wieder dagegen gewehrt, Connys Kind zu sein. Häufchen gemacht, sagte Susi. Geschissen, sagte Conny. Putz es auf, sagte Susi. Soll die Oschatz machen, sagte Conny. Susi holte Eimer und Lappen, ließ Wasser ein, ging hinüber, Conny folgte und sah zu und verfluchte, während sie zusah, die böse Jeannie. Susi war froh, daß Conny wenigstens darunter litt, wenn ihr eine der Katzen ins Zimmer schiß. Ist ja nur ‚n kleines Häufchen, sagte Susi. Ach, du heiliger Strohsack, sagte Conny. Ach, du heiliger Strohsack, wiederholte Susi, weil sie wußte, daß Conny es gern hatte, wenn die Mutter ihre Lieblingssätze wiederholte. Dann konnte Susi sich doch nicht beherrschen und fragte: Hast du dich gewogen?

Conny: There comes trouble, oh, oh, oh. Susi spürte, daß sie einen riesigen Umweg machen mußte, wenn sie jetzt überhaupt noch etwas erreichen wollte, zum Beispiel, daß Conny sich wiege und das Gewicht, falls sie wieder zugenommen hatte, in roten, und falls sie abgenommen haben sollte, in blauen Zahlen auf den Kalender schreibe, der extra dafür im Bad hing. Scheiße im Trompetenrohr kommt Gott sei Dank recht selten vor, sagte Susi und erntete sofort die lockere Antwort: Scheiße in der Lampenschale dämpft das Licht im ganzen Saale! Und Susi sofort, und auch lockerleicht: Scheiße auf dem Sofakissen wird man wohl entfernen müssen.

Conny: Scheibenkleister.

Schönes Scheißspiel, sagte Susi, dafür wiegt sich Mäusken heute und schreibt, was rauskommt, aufs Kalenderblatt. Um Conny keine Gelegenheit zum Widerspruch zu geben, drehte sie sich um und ging. Wenn Susi so ruckzuck hinausstürmte wie jetzt, antwortete Conny mit ihrer Musik. Das waren finster trommelnde Stämme aus Afrika oder irgendeinem Amerika, schrill klimpernde Inder oder nerventötend flötende Malaien. Susi rannte in die Küche und drückte ihre Musik.

Heute ließ sie Frank Sinatra kommen, und es mußte gleich das Lied sein, das sie seit Wochen jeden Tag nicht nur einmal hörte. My way. Je heftiger Sinatra sang, desto weniger verstand sie den Text, desto mehr aber die Musik, den Gesang. Dieses Wunder, daß ein Lied einen so ausdrücken konnte! And now the end is near, and so I face the final curtain, my friend I‘ll say it clear, I‘ll state my case of which I‘m certain. I‘ve lived a life that‘s full, I‘ve traveled each and every highway, and more, much more than this, I did it my way. Sie sang mit. Wenn der Sänger dann abhob, sich und sein ganzes gesungenes Schicksal in die Höhe stemmte, so heftig, daß die Wörter eingeschmolzen wurden zu nichts als Empfindung, dann war Susi praktisch nicht mehr da im Eßzimmer, im dritten Stock, Penthaus, in der Holbeinstraße im Zoo-Viertel in Düsseldorf, sie war weg, war aber so bei sich selbst, wie sie nie und nirgends bei sich selbst war wie bei Frank Sinatra. Nachher mußte sie wieder landen, obwohl sie nie mehr hatte landen wollen, und hier schon gar nicht, im Eßzimmer, dritter Stock, Penthaus Holbeinstraße, Zoo-Viertel, Düsseldorf, verheiratet mit einem Mann, der sagte, Frank Sinatra sei nichts als ein billiger Gangster.

Es war gleich neun. Das Messer hatte sie nicht gewetzt. Frau Oschatz stand plötzlich vor ihr, Susi begrüßte sie freudig. Susi begrüßte ihre Frauen immer freudig, aber jede auf eine andere Art. Bei Frau Oschatz wäre es möglich gewesen zu sagen: Ach, Frau Oschatz, ich möchte nicht wissen, was aus mir geworden wäre, wenn Sie jetzt nicht gekommen wären. Wie geht‘s Herrn Oschatz, ist die Allergie ganz und gar weg? Aber Frau Oschatz kam mit Geschenken. Obwohl sie fast immer mit Geschenken kam, war Susi Gern nie darauf vorbereitet. Heute trug sie auf einer Kuchenplatte einen kompletten Kuchen herein. Käsekuchen. So etwas aß Susi nie. Das konnte Frau Oschatz wissen. Und zwei umhäkelte Topflappen. Und zwei Taschentücher mit Lochstickereien für Conny. Conny haßte Stickereien. Etwas Gesticktes oder Gehäkeltes war immer dabei, wenn Frau Oschatz schenkte. Frau Oschatz häkelte, stickte und strickte praktisch ununterbrochen. Das habe sie sich in einer für sie schwierigen Zeit angewöhnt und könne es jetzt nicht mehr lassen. Jetzt bedank dich, daß sie nicht merkt, wie überflüssig alles ist, was sie dir schenkt. Am besten du rufst ganz laut: Aber Ottilie, wie Sie mich wieder verwöhnen, also wirklich. Also rief Susi laut: Aber Ottilie, wie Sie mich wieder verwöhnen. Ottilie Oschatz trocken: Sie mich ooch. Und außerdem ham Sie morgen Geburtstag. Und das wissen Sie, rief Susi. Wo wir doch beide Sonntagskinder sind, sagte Frau Oschatz. Aber, sagte Susi, ich verbiete es mir, Ihnen noch irgend etwas zu schenken - und das fällt mir schwer genug -, weil Sie es einem immer so maßlos heimzahlen. Ihnen gegenüber kann man den Kampf WER SCHENKT MEHR nur durch Rückzug beenden. Frau Oschatz sagte, Susi solle jetzt mal halblang machen. Und zog das Messer aus dem Messerblock, aber bevor sie mit dem Daumen an der Schneide entlangfahren konnte, rannte Domino herein und schiß, so dicht es ging, neben Frau Oschatz‘ Füße. Domino, schrie Susi, Frau Oschatz, Achtung, Domino hat schon wieder ein Häufchen gemacht! Oh, sagte Frau Oschatz, hat er wieder jeschissen, der Schlawiner. Susi hätte auch gern gesagt, daß Domino geschissen hatte, aber da sie schon wußte, daß Frau Oschatz nicht vor dem Wort geschissen zurückschrecken würde, hatte sie sich aus diesem Wort vertreiben lassen. Das ärgerte sie. Wieder diese Regung: sie mußte diese Frau feuern. Daß Domino immer wieder einmal ganz dicht neben Frau Oschatz hinschiß, schien ihr recht zu geben. Domino empfand das offenbar auch, daß diese Frau nicht hierher paßte. Wenn man nur wüßte, warum, dachte Susi.

Domino saß inzwischen schon in der höchsten Gabel des Eßzimmer-Kratzbaums und schaute so neugierig herüber und herunter, als wolle er sehen, wie auf seine Tat reagiert werde. Frau Oschatz putzte Dominos Dreck auf, spülte ihn im Klo hinunter, wusch sich die Hände und fuhr dann mit dem Daumen die Schneide entlang und sagte, ihre schwarzen Brauen hochziehend: Da druff kann ich nach Moskau reiten. Ja, sagte Susi, mir geht‘s heute nicht so gut. Frau Oschatz verzog den Mund, als wolle sie sagen: Nu machen Se mal halblang. Und fing an das Messer zu wetzen. Sie würde Frau Oschatz feuern. Die war ja eiskalt. Wie die einen anschaute. Da konnt‘s einen direkt frieren.

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