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Am Anfang war die Nacht Musik
(Leseprobe aus:
Am Anfang war die Nacht
Musik, Roman, 2009, Piper).
20. Januar 1777
An diesemWintermorgen geht der bekannteste Arzt der Stadt,
verfolgt von seinem Hund, die Treppe vom Schlaftrakt zu seinen
Praxisräumen hinab. Die honigbraunen Stufen erlauben
bequeme Schritte und den Hundepfoten einen mühelos rhythmischen
Trab. In diesem Haus gibt es keine steilen, schmalen
Stiegen. Wie früher, im Haus seiner Eltern. Wo er stets durch
eine Luke in den Dielen wie auf einer Leiter in den unteren
Stock hinunterkletterte – wenn er nicht fiel und sich dabei
blaue Flecken holte.
Natürlich wäre er lieber im Bett geblieben. Draußen ist es
stockdunkel und kalt. Doch steht ein wichtiger Krankenbesuch
an, vielleicht der wichtigste seiner Laufbahn: Er soll die blinde
Tochter des kaiserlich-königlichen Hofbeamten Paradis untersuchen.
Frau Hofsekretär hat um einen Hausbesuch gebeten.
Des Aufstiegs wegen ist er so früh auf den Beinen. Und steigt
diese Treppe hinab, die zu keinem Frühaufsteher passt. Die üppige
Breite, die nur angedeutete Spirale – ein nicht ganz zu Ende
gedachtes Schneckenhaus – erinnern an eine Harmonie, die
höchstens der Ausgeschlafene empfindet. Ist er nicht. Und dass
Kaline, das Hausmädchen, Lampen und Ofen angezündet hat,
ist nur ein schwacher Trost, solange sie selbst sich nicht blicken
lässt. Wenn er wenigstens musizieren dürfte. Da wohnt er nun
seit seiner Heirat in diesem prächtigsten aller Häuser, mit so
vielen Zimmern, dass selbst sein Instrument ein eigenes hat,
und darf jetzt trotzdem nicht spielen. Dabei fängt ein guter
Tag immer mit Musik an. Fünf Minuten auf seiner Glasharmonika
genügen. Mozart, Haydn oder Gluck oder einfach die
Finger laufen lassen, bis sie selbst eine Melodie finden und
leicht über die Tastatur fegen wie eine Katze, die im Schnee
spielt. So leicht läuft dann auch der Tag.
Aber Anna, seine Frau, schläft, die Patienten schlafen, alle
schlafen noch, das ganze Haus. Wahrscheinlich ist auch Kaline
wieder eingeschlafen. Das sieht ihr ähnlich. Kaum lässt sie
sich nieder, auf der Küchenbank neben dem Herd oder auf
dem Hocker im Waschraum, sinkt sie in einen tiefen Schlaf.
Vor zwei Tagen erst hat er sie in diesem Zustand sogar im Salon
ertappt. Zurückgelehnt in eines der Kissen glich sie einem
zierlichen Tier mit geschlossenen Augen. Oder einer schlanken
Pflanze. Einer vom Schlaf überraschten Blüte. Gern hätte
er länger auf ihre leicht gewölbten Lider geblickt. Geschlossene
Augen haben etwas so Unschuldiges, Wehrloses. Doch er
musste sie wecken. Seine Frau wurde in solchen Fällen schnell
laut, viel zu laut für ein arglos schlafendes Mädchen. Er sagte
ihren Namen, aber Kaline wachte nicht auf. Hinfassen wollte
er nicht, also blieb er stehen und fing an, ihr ins Gesicht zu
blasen, bis sie die Augen aufschlug. Eher erstaunt als erschrocken,
Entschuldigung murmelnd. Unbemerkt stand Anna in
der Tür, und so wurde es doch noch sehr schnell sehr laut, so
laut, dass an Schlafen überhaupt nicht mehr zu denken war.
Das Schimpfen vertrieb jeglichen Schlaf in die hintersten Winkel
des Hauses. Hinab in die dunklen Kellergewölbe. Und hoch
hinauf, höher noch als die Zimmer der Bediensteten, in diese
winzige Kammer direkt unterm Dach. Ein Stübchen wie von
Spinnweben eingesponnen,wo die Fenster, der Tauben wegen,
vernagelt blieben. Dort war der Schlaf noch Schlaf, dieser natürlichste
Zustand des Menschen. Und der ihm am meisten
entsprechende. Schließlich beginnt des Menschen Dasein im
Schlaf. Und wozu hat die Natur ihn vorgesehen, wenn nicht
dazu, ihr Dasein fortzuführen.Und welcher Zustand wäre hierfür
geeigneter als der des Schlafs? Mesmers eigene These: Man
wacht, um zu essen und zu trinken, damit man ohne zu verhungern
schlafen kann. Der Mensch wacht, um zu schlafen.
Nur er nicht. Er schläft, um zu arbeiten. Er muss mit den
Vögeln raus, nein, weit vor ihnen. Sein Tag beginnt, da träumt
noch kein Vogel von noch keiner Sonne. Und was heißt hier
Sonne, was Vogel. Wien im Januar. Weder Sonne noch Vögel.
Krähen ja, Rabenvögel. Große schwarz-graue russische Krähen,
in der Wiener Nebelsuppe kaum zu unterscheiden vom
Steingrau der Häuser. Und wie sie ewig um Futter streiten.
Was den Schlaf angeht, ist seine Frau überraschenderweise
ganz und gar seiner Meinung. Anna behauptet sogar, Aufstehen
vor zehn schädige die Gesundheit. Und ein Mensch mit geschädigter
Gesundheit sei nicht nach Gottes Geschmack. Und
das in einem Ton, dass nicht einmal der Leibarzt der Kaiserin,
Störck, wagen würde, ihrem Blick zu begegnen. Herr Prof. Dr.
Anton von Störck. Der seine Studenten stets warnt vor dem
Schlaf, vor dem Müßiggang. Und hatte sich der Student Mesmer
nicht besonders angesprochen gefühlt von diesem Thema?
Er, ein Student und über dreißig Jahre alt. Die Doktorarbeit
erst mit dreiunddreißig.Der ewige Student, eine Gattung,
über die seine Eltern oft gespottet hatten. Zu der sie auch ihn
gerechnet hatten. Angenehm war das nicht. Er hatte tatsäch-
lich eine Ewigkeit studiert. Erst Theologie und Mathematik,
dann Jura und Philosophie, dann Medizin. Die bewährte Kombination.
Mustergültig. Faulheit konnte ihm keiner vorwerfen.
Auch wenn er immer gut geschlafen hat. Aber Professor Störck
macht keinen Unterschied zwischen Schlafen und Faulenzen.
So wie er keinen Unterschied macht zwischen Mesmers neuer
Methode und dem, was irgendwelche Okkultisten, Astrologen
und Scharlatane sich ausdenken. Seine Doktorarbeit hatte
Störck noch akzeptiert. Auch wenn er geschluckt hatte, als
er den Titel las. De planetarum influxu in corpus humanum. Über
den Einfluss der Planeten auf den menschlichen Körper. Bis
Mesmer ihm erklärt hatte, dass es ihm nicht um Horoskope
gehe, sondern um eine wissenschaftliche Untersuchung da -
rüber, wie die Gestirne sich auf die Erde auswirkten. Am Ende
hatte er den Baron halbwegs überzeugt. Zumindest setzte
der seine Signatur unter die Arbeit. Seither durfte Mesmer sich
Doktor der Medizin nennen.
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