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Die Nacht der
Wassermelonen
(aus: Die Nacht der
Wassermelonen, Roman, 2004, Eichborn)
Ein paar Meilen nach der Abfahrt von der Schnellstraße tauchte sie auf, die Stadt; hinter einem langgestreckten, dichten Kiefernwald ragten ihre Dächer und Kirchtürme hervor. An der Stadtgrenze stand in einsamem Verfall eine aufgelassene Tankstelle aus Gasbetonsteinen, die altmodischen Zapfsäulen braun vor Rost; aus den Rissen im Betonboden wuchsen die Grasbüschel wie aus weicher Erde. Die Tür zum Kassenraum fehlte, und obwohl der Tag strahlend hell war, sah es drinnen düster und gespenstisch aus; bis auf die Wände war alles herausgerissen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie sie an ihrem allerersten Tag an dieser Tankstelle Halt gemacht hatte, damals vor neunzehn Jahren, wie sie an den Zapfsäulen vorfuhr und auf den bäurischen Typen im ölverschmierten Overall wartete, der sich die Finger an einem schmutzigen gelben Lumpen abwischte und dann mit der Hand die Augen gegen das grelle Licht abschirmte.
Ihre rötlichbraunen Haare waren mit einem Tuch zurückgebunden, in ihrem sommersprossigen Gesicht blitzten grüne Augen. Sicher ließ sie für den Mann ihr Lächeln aufstrahlen - das Attraktivste an ihr, wie mir jemand erzählte. Doch dieses Bild verblaßte gleich wieder. Ich konnte sie mir noch nicht richtig vorstellen, sie noch nicht als Mensch aus Fleisch und Blut lebendig werden lassen.
Nehmen wir trotzdem einmal an, sie stieg aus, während der Wagen vollgetankt wurde, und ging um die Ecke zur Damentoilette. Auch hier gab es jetzt keine Türen mehr, da war nur die Kloschüssel, der angelaufene Spiegel, das Waschbecken. Seltsamer Gedanke, daß der Spiegel vielleicht einmal ihr Gesicht gezeigt hat so wie jetzt meines. Besäßen Spiegel ein Gedächtnis und wäre in der Lage, ihre gespeicherten Bilder wieder aufzurufen dann könnte ich jetzt mein Gesicht neben ihres halten und nach Ähnlichkeiten forschen - worin wir glichen, worin nicht: Haare, Mund, Augen, Kinn. Doch auch ohne einen solchen Vergleich erkannte ich unsere Gemeinsamkeit: Keiner von uns beiden hatte die leiseste Ahnung, was geschehen würde.
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