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Die Reise nach
Tell al-Lahm
(Leseprobe aus: Die Reise
nach Tell al-Lahm, Roman, Hanser
- Übertragung Imke Ahlf-Wien)
Prolog
Zuerst dachte ich, es wäre die Radiostimme, die mich geweckt hatte, nachdem sie
mit voller Lautstärke aus dem Transistorradio an meine Ohren gedrungen war. Ich
hatte das Gerät mitgenommen und dort stehenlassen, wo schon lange das Telefon hätte
stehen sollen. In dem Moment, als ich aufwachte, hörte ich eine abgehackte
Stimme, die klang, als würde Holz gesägt. Sie sprach von einem Ort, der »Tell
al-Lahm« hieß, und davon, wie jemand sich erschoß. »Auch eine Art zu sterben«,
sagte ich mir, als ich meine Hand ausstreckte, um den Apparat auszuschalten. Ich
dachte, ich könnte weiterschlafen, und bemühte mich, die Gedanken zu
verscheuchen, die der Name des Ortes in meinem Geist aufgewirbelt hatte. Ich war
gerade erst eingeschlafen – die Tage waren lang –, aber da war diese Stimme
aus dem Radio, die mich aus einem Meer von Schlaf, in dem ich versunken war,
herauszuziehen versuchte. So mußte ich versuchen, mich zu erinnern: Wo hatte
ich früher schon von »Tell al-Lahm« gehört? Jemand, ich weiß bis jetzt
nicht, wer, hatte mir von dem Ort erzählt (wenn man diesen Flecken einen Ort
nennen kann), ohne mir zu sagen, wo er lag. Hatte sich damit begnügt, ihn mir
zu beschreiben: seine Eigenheit, das ausgetrocknete Land, den Treibsand, in dem
ihr Auto verschwand, als hätten sie es über Ameisen gelenkt. Und da begann ich
zu begreifen. Es durchdrang meinen Körper, bis ich aufschreckte.
Aber er war immer noch da, der beharrliche Wunsch weiterzuschlafen. Es war nur
meine Hand, die sich zum Radio streckte, um es auszuschalten (beim ersten
Versuch hatte ich offensichtlich nur den Ton leiser gestellt), und damit den
Katarakt der Erinnerung an »Tell al-Lahm« zu verdrängen. Nach einem weiteren
Satzfetzen erreichte mich dann ein ganzer Satz: »Er erschoß sich dort.« Was
auch immer das bedeutet und ob es einen Zusammenhang zwischen »Tell al-Lahm«
und diesen Worten gab oder nicht (denn ich begann an der Existenz dieses Ortes
zu zweifeln). Auch was der Sprecher im folgenden nur undeutlich sagte, spielt
keine Rolle. Es war, als käme seine Stimme aus einer anderen Welt. Vielleicht
war es mein hartnäckiger Widerstand gegen das Aufwachen, der »Tell al-Lahm«
aus meinem Bewußtsein vertrieb.
Doch wie sich zeigte, war es mir nicht vergönnt, das Unternehmen Schlaf zu Ende
zu bringen. Kurz nachdem ich das Radio ausgeschaltet hatte, meinte ich eine
Stimme durchs Haus tönen zu hören. Zum letztenmal versuchte ich zu schlafen.
Doch unser Körper besitzt seine eigenen Strategien und Tricks – verborgene
und sichtbare –, unseren Wünschen zu entkommen. Obwohl »Tell al-Lahm«, die
Ameisen, der Treibsand und das verschwommene Bild der Person, die sich erschoß
und von der mir jemand erzählt hatte
(ich weiß nicht, wer!), im Meer meines Schlafes versanken, fühlte ich, daß
sich meine Lider nicht einig waren: eines will erwachen, das andere bittet inständig
um Schlaf. Bis jetzt wußte ich nicht, was
los war.
Ich rieb mir verwirrt die Augen, konnte noch nicht auseinanderhalten, was
Wirklichkeit war und was Einbildung, was Alpdruck und was Wunschdenken. Es war
ein Spiel, der Versuch zu erkennen, was tatsächlich stattfand und was ich mir
einbildete. Für jemanden wie mich, der das Sofa nicht verließ, auf dem er sich
entspannte (vielleicht rede ich mir das nur ein, da ich ja sicherlich sehr tief
geschlafen hatte), war es schwierig zu unterscheiden. Sonst wäre es nicht zu
dem Widerhall dieses Echos gekommen, dem Echo von »Tell al-Lahm«, das sich
vermischte mit dem Ameisenstrom, dem Bild des Treibsands und dem Mann, der sich
vermutlich umgebracht hat. Wäre ich wach gewesen, hätten sich Vision und Gewißheit,
Realität und Phantasie nicht vermengt.
Vor drei Tagen bin ich aus dem Krieg zurückgekehrt. Irgendwie hatte er ein Ende
gefunden, zumindest für die kriegerischen Parteien. Für uns aber fand er nie
ein Ende! Uns kocht sein Erbrochenes entgegen wie Lava aus einem Vulkan. Wir
sind der heiße Dreck, der sich im Bauch des Vulkans sammelt. Ich gehöre zu
diesem Dreck, mit dem jedes menschliche Wesen leben kann, wenn es nur einen Anlaß
gibt, einen Tag, einen Monat, ein Jahr, in denen sich der Kreis um das Wesen
schließt. Es gibt einen Zusammenhang zwischen diesem Dreck, mit dem wir täglich
konfrontiert werden (besonders wenn wir allein sind), und dem, der sich in der Müllkiste
und im Abfallbeutel ansammelt. Aber es ist ein Dreck der besonderen Art, denn er
bietet auch Schutz. Und dieser Schutz ist es wohl, der mir an diesem Tag Halt
gab, während ich mich auf dem Sofa ausruhte oder im Fieber des Schlafs versank.
Bis zum Aufstehen wußte ich nicht einmal, daß ich noch am Leben war (in meinen
Ohren hallte nur das Echo dieses seltsamen Namens »Tell al-Lahm« wider, das
dann allmählich verebbte). Ich schuldete niemandem Dank, mußte nur die Regeln
des Spiels akzeptieren und bis zum Ende des Lieds befolgen, denn es war ein
Spiel und nichts sonst, das mir bis jetzt zu existieren erlaubte. Ich bin noch
am Leben, weil meine Rolle genau darin besteht – unter Voraussetzungen, die
diese Rolle überhaupt erst nötig machen. Ich muß meine einsame Lage
akzeptieren – bis jetzt, bis zu dem Moment, in dem die Hausklingel läutet.
Ich muß akzeptieren, daß mir möglicherweise nur das Schicksal bleibt, daß
jene Hand, die da siebenmal heftig klingelt, auch die Kraft hätte, siebenmal
oder öfter eine Pistole abzufeuern, um zu töten. Auf irgendein Ziel, aus purem
Vergnügen am Abknallen.
Wenn ich davon ausgehe, daß diese Hand ohne Hintergedanken klingelt und daß es
ihr gleich ist, was sie mit dem Klingeln bewirkt, muß ich ihr antworten. Doch
sie gibt mir nicht genügend Zeit, mir, dem Soldaten, der aus dem Krieg zurückgekehrt
ist, welcher schlimmer war als das Höllenfeuer. Vielleicht kennt diese Hand das
Feuer nicht, oder sie klingelt mit solchem Nachdruck, weil sie es kennt und mir
nicht genügend Zeit lassen will, wieder einzuschlafen. Sie zwingt mich, vom
Sofa aufzustehen, im Wohnzimmer, in der Finsternis des Hauses, der Nacht – und
der Stille, die sich ungewöhnlich früh über die Stadt gelegt hat.
Die Stille wird nur vom Zirpen der Zikaden durchtrennt, begleitet von einem Laut
wie dem eines traurigen Cellos, und dieser Laut löst mich für einen Moment vom
Zimmer los, von der Stadt, vom Süden, vom Land. Aber plötzlich sehe ich die
Lichter eines Schiffs, das den Schatt al-Arab verläßt. Es verschwindet,
gleitet an dem zum Fluß hinausgehenden Wohnzimmerfenster vorbei. Ich wünsche
mir, daß Wadschîha bei mir wäre, meine Frau, damit wir sofort abreisen und
nicht zurückkehren.
Aber ich erwache vollends von leichtem Pochen an das andere Fenster, das noch
von einer Gardine bedeckt ist, begleitet von einem sanften Flüstern: »Mach
auf, ich bin’s, deine Nachbarin!«
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