Und die
Bahnsteige füllten und leerten sich in einem fort, und die Leute strömten
herbei, fuhren ab, geregelt von vielschichtigen Mechanismen, die vielleicht mit
Migrantenströmen oder Reisewellen zusammenhingen, und jeder gelangte an einen
zufälligen oder nach reiflicher Überlegung ausgewählten Bestimmungsort, von dem
er jedoch trotz der Reisevorbereitungen, der gepackten Koffer und etlicher
Verabredungen nicht genau wusste, was ihn dort erwartete.
Das Glasdach stammte aus dem letzten Jahrhundert, das heißt, aus dem vorigen
Jahrhundert, schließlich mussten wir uns nun daran gewöhnen, uns für Abtrünnige
zu halten, die von einem Ufer zum anderen unterwegs waren, die in einer anderen,
weit zurückliegenden Zeit abgelegt hatten, um die Zukunft anzulaufen, eine
Zukunft, von der wir ein Teil waren, die sich uns aber entzog, das Glasdach aus
dem vorigen Jahrhundert also, das zwischenzeitlich zerstört, dann wieder
restauriert worden war, ließ so, wie es jetzt aussah, nichts von den
Ereignissen, den Zeiten ahnen, die es durchlebt und hinter sich hatte. Freilich
war jeder zu sehr damit beschäftigt, auf den Zug zu warten und sein Gepäck
zusammenzuhalten, um darauf zu achten, und diese Gleichgültigkeit ging unter im
Getöse der Durchsagen, im Stimmengewirr, im Lärm der Rolltreppen, Motoren und
Bremsen.
Ich war zu früh dran und wartete seit geraumer Zeit, zuerst auf die Bekanntgabe
des Bahngleises, dann auf die Ankunft des Zuges, aber soeben hatte man eine
viertelstündige Verspätung angekündigt, und die Fahrgäste, die geglaubt hatten,
sie müssten sich beeilen, schlenderten jetzt langsam und ziellos den Bahnsteig
auf und ab, wenn sie nicht standen und vor Ungeduld seufzten. Eine Viertelstunde
ist eigentlich keine große Verspätung, aber es genügt, dass etwas
dazwischenkommt, sich in den winzigen Zwischenraum schiebt, und schon fühlt man
sich hilflos und verloren.
Ich betrachtete die Anderen und versuchte anhand ihrer Gesichter, ihres
Benehmens, der Größe ihrer Gepäckstücke und ihrer Sprache herauszufinden, ob sie
bis zur Endstation mitfahren oder unterwegs aussteigen würden, ich versuchte
festzustellen, welche Fahrgäste die Grenze passieren und welche auf dieser Seite
bleiben würden, und wer unter denjenigen, die sie passieren würden, von dort war
und wer von hier. Unter ihnen waren Familien, eine Gruppe, die allem Anschein
nach aus Schülern und ihren Lehrern bestand, einige Paare und Alleinreisende wie
ich – vor allem Männer, als ob Frauen weniger häufig allein oder überhaupt
weniger reisen würden.
Reisen, dachte ich, während ich diejenigen beobachtete, die nachsahen, wo sie
ihre Fahrkarten hatten, den Blick auf die Anzeigetafeln richteten, auf denen die
Verspätung von einer Viertelstunde bestätigt wurde, oder versuchten, vor dem
Wagenstandsanzeiger herauszufinden, wo ihr Wagen halten würde, um jeder auf
seine Weise so wenig wie möglich dem Zufall zu überlassen, Reisen ist keine
einfache Sache, jedenfalls nicht so einfach, wie man gemeinhin meint, jeder
versucht, seine Welt mitzunehmen, sein Leben und seine Identität zu bewahren,
sich mit einem unsichtbaren Schutz zu umgeben wie die Mandorla von Ikonen, um
alle Unbilden schadlos zu überstehen und genau so anzukommen, wie man abgereist
ist, mithin das Wesen des Reisens zu leugnen. Nein, es war nicht einfach,
loszulassen, zu verlassen und sich dem zu überlassen, was geschehen könnte – und
diese Worte, loslassen, verlassen, überlassen, riefen Echos in mir hervor, die
zwischen den Zügen und den Reisenden, den ankommenden Zügen, meine ich,
unpassend erscheinen konnten.
Es war mir gelungen, nur das Allernötigste mitzunehmen.
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