Aus der Nacht von Cécile Wajsbrot, 2008, LiebeskindCécile Wajsbrot

Aus der Nacht
(Leseprobe aus: Aus der Nacht, Roman, 2008, Verlagsbuchhandlung Liebeskind - Übertragung Holger Fock und Sabine Müller).

Und die Bahnsteige füllten und leerten sich in einem fort, und die Leute strömten herbei, fuhren ab, geregelt von vielschichtigen Mechanismen, die vielleicht mit Migrantenströmen oder Reisewellen zusammenhingen, und jeder gelangte an einen zufälligen oder nach reiflicher Überlegung ausgewählten Bestimmungsort, von dem er jedoch trotz der Reisevorbereitungen, der gepackten Koffer und etlicher Verabredungen nicht genau wusste, was ihn dort erwartete.
Das Glasdach stammte aus dem letzten Jahrhundert, das heißt, aus dem vorigen Jahrhundert, schließlich mussten wir uns nun daran gewöhnen, uns für Abtrünnige zu halten, die von einem Ufer zum anderen unterwegs waren, die in einer anderen, weit zurückliegenden Zeit abgelegt hatten, um die Zukunft anzulaufen, eine Zukunft, von der wir ein Teil waren, die sich uns aber entzog, das Glasdach aus dem vorigen Jahrhundert also, das zwischenzeitlich zerstört, dann wieder restauriert worden war, ließ so, wie es jetzt aussah, nichts von den Ereignissen, den Zeiten ahnen, die es durchlebt und hinter sich hatte. Freilich war jeder zu sehr damit beschäftigt, auf den Zug zu warten und sein Gepäck zusammenzuhalten, um darauf zu achten, und diese Gleichgültigkeit ging unter im Getöse der Durchsagen, im Stimmengewirr, im Lärm der Rolltreppen, Motoren und Bremsen.
Ich war zu früh dran und wartete seit geraumer Zeit, zuerst auf die Bekanntgabe des Bahngleises, dann auf die Ankunft des Zuges, aber soeben hatte man eine viertelstündige Verspätung angekündigt, und die Fahrgäste, die geglaubt hatten, sie müssten sich beeilen, schlenderten jetzt langsam und ziellos den Bahnsteig auf und ab, wenn sie nicht standen und vor Ungeduld seufzten. Eine Viertelstunde ist eigentlich keine große Verspätung, aber es genügt, dass etwas dazwischenkommt, sich in den winzigen Zwischenraum schiebt, und schon fühlt man sich hilflos und verloren.
Ich betrachtete die Anderen und versuchte anhand ihrer Gesichter, ihres Benehmens, der Größe ihrer Gepäckstücke und ihrer Sprache herauszufinden, ob sie bis zur Endstation mitfahren oder unterwegs aussteigen würden, ich versuchte festzustellen, welche Fahrgäste die Grenze passieren und welche auf dieser Seite bleiben würden, und wer unter denjenigen, die sie passieren würden, von dort war und wer von hier. Unter ihnen waren Familien, eine Gruppe, die allem Anschein nach aus Schülern und ihren Lehrern bestand, einige Paare und Alleinreisende wie ich – vor allem Männer, als ob Frauen weniger häufig allein oder überhaupt weniger reisen würden.
Reisen, dachte ich, während ich diejenigen beobachtete, die nachsahen, wo sie ihre Fahrkarten hatten, den Blick auf die Anzeigetafeln richteten, auf denen die Verspätung von einer Viertelstunde bestätigt wurde, oder versuchten, vor dem Wagenstandsanzeiger herauszufinden, wo ihr Wagen halten würde, um jeder auf seine Weise so wenig wie möglich dem Zufall zu überlassen, Reisen ist keine einfache Sache, jedenfalls nicht so einfach, wie man gemeinhin meint, jeder versucht, seine Welt mitzunehmen, sein Leben und seine Identität zu bewahren, sich mit einem unsichtbaren Schutz zu umgeben wie die Mandorla von Ikonen, um alle Unbilden schadlos zu überstehen und genau so anzukommen, wie man abgereist ist, mithin das Wesen des Reisens zu leugnen. Nein, es war nicht einfach, loszulassen, zu verlassen und sich dem zu überlassen, was geschehen könnte – und diese Worte, loslassen, verlassen, überlassen, riefen Echos in mir hervor, die zwischen den Zügen und den Reisenden, den ankommenden Zügen, meine ich, unpassend erscheinen konnten.
Es war mir gelungen, nur das Allernötigste mitzunehmen.

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