Das Schweigen von Jan Costin Wagner, 2007, EichbornJan Costin Wagner

Das Schweigen
(Leseprobe aus: Das Schweigen, Roman, 2007, Eichborn)

Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen. So war es immer gewesen, die Tabletten wirkten in ausreichender Dosierung wie ein Schwamm, der alles in sich aufsog, und zurück blieb ein wohliges Gefühl der Benommenheit an der Stelle, an der zuvor der Schmerz gesessen hatte.

Die anderen schliefen, und er würde bald nachdenken können. Zusammenhänge herstellen. Sicher stand er unter einer Art Schock, es konnte nicht anders sein. Es war ganz normal, dass er unter Schock stand. Das war nichts, was ihn beunruhigen musste. Er erinnerte sich an die perfekte Sonne hinter den Scheiben des Hauses, das er am Nachmittag einer Interessentin gezeigt hatte. Einer sympathischen Frau, die ihm freundlich begegnet war, ein nettes Gespräch hatte man geführt unter Gleichgestellten, unter Menschen, die miteinander sprachen und einander verstanden. So funktionierte das. Am späten Nachmittag war das gewesen. Die Frau hatte sich freundlich verabschiedet und gesagt, dass ihr das Haus gefallen habe, und er war an den See gefahren, ins Wasser gesprungen und weit raus geschwommen, so weit seine Kraft reichte, und er hatte viel Kraft in sich gespürt.

Er bezwang den Schmerz hinter seinen Augen, indem er den Atem anhielt, indem er sich ausschließlich darauf konzentrierte, nicht zu atmen. Der Name des anderen war Pärssinen gewesen. Pärssinen. Ein Name. Er kannte den Vornamen nicht. Er hatte ihn nie gekannt.

Pärssinen.

Er war später immer mal wieder einem Menschen dieses Namens begegnet, erst vor einigen Monaten hatte er ein Objekt eines Pärssinen vermittelt, ein schmuckes Haus in Vantaa, ganz nah am Flughafen Helsinki gelegen und doch ohne jeden Fluglärm. Ein wunderbares Haus, und der Name Pärssinen war nicht mehr als eine Randnotiz in seinen Unterlagen gewesen. Marjatta, Laura und Aku. Sie waren ihm nah, er würde nur Sekunden brauchen, um bei ihnen zu sein, und das war gut zu wissen, das war ein Wissen, das ihn ein wenig beruhigte.

Der Name war Pärssinen gewesen.

Er konnte sich an das Aussehen des Mannes nicht erinnern, er hatte in den Tagen und Wochen danach viel Zeit damit verbracht, Pärssinen in einer Weise aus seiner Erinnerung zu entfernen, die keine Spuren hinterließ. Es war ihm gleich zu Beginn klar gewesen, dass Pärssinen der Schlüssel war, denn sobald dieser Mann nie existiert hatte, war auch alles andere hinfällig. Das hatte funktioniert. Es hatte funktioniert, weil er es so gewollt hatte. Weil er begriffen hatte, dass es eine andere Möglichkeit nicht gab.

Nichts hatte Bestand, wenn man die Verbindung abbrach. Wenn man sich entschloss, wenn man sich wirklich entschloss, blieb nichts übrig, das wusste er seitdem, das wusste er besser als jeder andere.

Es hatte funktioniert, und jetzt war es vorbei. So einfach war das. So einfach ließ es sich auf den Punkt bringen, und er empfand für einen Moment eine Art Zufriedenheit, weil es ihm endlich gelungen war, weil er endlich allein war und nachdenken konnte.

Er schloss die Augen und spürte, wie Pärssinen in seinem Hirn wieder zum Leben erwachte. Alles, was Pärssinen gewesen war. Er ließ es geschehen, denn es war unvermeidbar. Er lehnte sich zurück und ließ es geschehen.

Pärssinen. Ein untersetzter, kräftiger Mann mit einem kugelrunden Gesicht und schütterem Haar. Er hatte schon einige Monate in dem grauen Haus am Rand der Stadt gelebt, als Pärssinen als Hausmeister angestellt wurde und die Wohnung im Erdgeschoss bezog.
Einige Zeit hatten sie sich flüchtig gegrüßt, der Sommer hatte begonnen und die Semesterferien. Er hatte mit Büchern auf seinem Balkon gesessen, ein wenig gelesen und ein wenig den Kindern beim Spielen zugesehen, und Pärssinen hatte Hecken gestutzt und die Rasenflächen der Wohnanlage gemäht.

Dann, an einem dieser Tage, hatte Pärssinen ihn angesprochen. Hatte gesagt, dass er ihn beobachtet habe und dass er einen Blick besitze für gewisse Dinge, die anderen verborgen blieben. Er erinnerte sich. Ganz genau erinnerte er sich. Jetzt kehrte also alles zurück. Er spürte, wie es in ihn eindrang. Nicht nur die Erinnerung an dieses Gespräch, sondern auch die Erinnerung an das, was er empfunden hatte. Pärssinen hatte nichts weiter sagen müssen, denn er hatte sofort begriffen. Er hatte in Pärssinens Augen sich selbst gespiegelt gesehen, hatte gesehen, was niemand wusste, was niemand wissen konnte, Pärssinen nicht und am allerwenigsten er selbst, und er hatte begriffen, dass Pärssinen es einfach, gegen jede Logik, gesehen hatte, und er hatte den Augenblick des Begreifens und den Augenblick danach als ungeheure, zutiefst beängstigende Erleichterung empfunden.

Pärssinen hatte ruhig, in gewisser Weise sogar freundlich gelächelt und ihn zu sich hereingebeten. So hatte es angefangen, und jetzt kehrte also die Erinnerung zurück, jetzt kehrte alles zurück, er betrachtete den Satz, den sein Sohn ins Holz eines Tisches geritzt hatte, und sah wieder den flirrenden Projektor, die zugezogenen Jalousien, die Sonnenflecken am Boden, die Filme … Pärssinen, der Filmrollen aus einem Regal zog … dieser eine Film, den er immer wieder hatte sehen wollen, seine Lieblingsszene in diesem … Film, seine Hand an seinen Schenkeln, und Pärssinen lachte, als er es sah, und dann hatte er mitgelacht und sich zum ersten Mal in seinem Leben frei gefühlt, vollkommen frei...

Rezension I Buchbestellung III07 LYRIKwelt © Eichborn