Eismond
(Leseprobe aus: Eismond,
Roman, 2003, Eichborn)
Das erste, was Joentaa auffiel, war,
daß es ein sehr schönes, ganz in dunklem Blau gestrichenes Holzhaus war, in
einer exklusiven Wohngegend, die er nicht kannte. Vor dem Haus standen ein
Streifenwagen, ein Krankenwagen und ein Dutzend Neugieriger, die die Hälse
reckten in der Hoffnung, durch die geöffnete Haustür etwas zu sehen.
Was denn passiert sei, fragte eine junge Frau, als sie aus dem Wagen stiegen.
"Gar nichts", sagte Ketola unwirsch. Die Frau wollte neu ansetzen, war
aber zu verdutzt, um schnell genug reagieren zu können.
Ein uniformierter Polizist fing sie im Flur ab und erläuterte kurz, was
passiert war. "Laura Ojaranta, geborene Toivonen, 33 Jahre alt. Ihr Mann
ist heute morgen von einer Reise zurückgekehrt und fand seine Frau tot im
Schlafzimmer. Der Mann ist ziemlich fertig, glaube ich."
"Wo ist er?" fragte Ketola. Der Polizist deutete nach links. Joentaa
sah einen gepflegt gekleideten Mann mittleren Alters an einem Tisch im
Wohnzimmer sitzen. Der Mann starrte apathisch geradeaus und schüttelte unablässig
leicht den Kopf. Als Joentaa seinen Blick abwandte und wieder in das Gesicht des
Polizisten sah, dachte er an Sanna und daran, daß sie gestorben war. Ketola
sagte etwas, aber er hörte nichts.
"Ich rede mit Ihnen, Kimmo ...", rief Ketola. Joentaa erwachte.
Ketola sah ihn durchdringend an und ging voran ins Schlafzimmer, das im grellen
Sonnenlicht lag. Es wird noch heißer werden als gestern, dachte Joentaa.
Laukkanen von der Gerichtsmedizin kam ihnen entgegen. "Sie ist sehr
wahrscheinlich mit einem Kissen erstickt worden, vermutlich vergangene
Nacht." Kari Nieini von der Spurensicherung kroch auf dein Boden herum. Er
sprang auf, als er sie entdeckte, und kam schwungvoll und breit lächelnd auf
sie zu. Gut gelaunt wie immer, dachte Joentaa. Er mochte Niemi, und er glaubte,
im Laufe der Zeit beobachtet zu haben, daß das Lausbubenlächeln keine Kälte
gegenüber Verletzten oder Toten verriet. Kari Niemis kaum begreiflicher
Lebensoptimismus konnte offensichtlich durch nichts erschüttert werden.
"Ich habe erst angefangen", sagte Niemi, während er Ketola die Hand
reichte. "Ist ja ganz schön was los im Moment, ungewöhnlich." Ketola
verzog das Gesicht.
Niemi wandte sich Joentaa zu. "Hallo Kimmo, ich dachte, du hättest noch
Urlaub." "Nicht mehr", sagte Joentaa. Niemi schüttelte seine
Hand, lächelte. "Wie geht es deiner Frau?" Joentaa atmete durch.
"Sie ist gestorben, Montagnacht." Er nahm eine Änderung in Niemis
Gesicht wahr, ohne sie genau greifen zu können. Er sah immer noch das
Lausbubenlächeln, aber es lag wie im Schatten und fror langsam ein. Niemis Hand
löste sich aus seiner. "Das tut mir leid, Kimmo", sagte Niemi und tat
etwas, das Joentaa vollkommen verblüffte. Er umarmte ihn. "Es tut mir sehr
leid", sagte er noch einmal.
Ketola räusperte sich und schien peinlich berührt zu sein. "Gibt es schon
irgendwas?" fragte er, offensichtlich bemüht, das Thema zu wechseln.
"Wie gesagt, wir haben gerade angefangen. Geben Sie mir eine halbe Stunde,
dann kann ich Ihnen mehr sagen." Ketola nickte, und Niemi wandte sich ab.
Joentaa trat an das breite Bett heran, in dem die tote Frau lag. Ein
Polizeifotograf, den er nicht kannte, schoß Fotos aus verschiedenen
Blickwinkeln.
Die Frau sah aus, als schlafe sie, wie Sanna. Ketola drängte ihn zur Seite und
beugte sich über die Leiche. Er schien nichts Interessantes zu finden und
wandte sich an Joentaa. "Ich möchte mit dem Ehemann sprechen." Er
ging voran Richtung Wohnzimmer. Im Flur kam ihnen ein besorgter Polizist
entgegen. "Der Mann scheint... etwas nervös zu werden", sagte er.
"Was soll das heißen?" fragte Ketola. Der Polizist wollte antworten,
zuckte dann aber nur hilflos mit den Schultern. Ketola ließ ihn stehen und
beschleunigte seine Schritte.
Der Mann im eleganten Mantel, der bei ihrer Ankunft apathisch geradeaus gestarrt
hatte, ging jetzt unruhig auf und ab und beschimpfte einen uniformierten
Polizisten, der offensichtlich überfordert im Türrahmen stand. Ketola drängte
sich an ihm vorbei und ging auf den Mann zu.
"Herr Ojaranta?" begann er und streckte ihm die Hand entgegen.
"Sind Sie hier zuständig?" fragte der Mann. Seine Stimme bebte.
Joentaa fiel auf, daß er sehr groß war.
"Ich leite die Ermittlungen, ja. Herr Ojaranta, es tut mir..."
"Den Schmus können Sie sich sparen. Ich würde gerne wissen, was das hier
für eine Scheiße ist!"
Ketola stand mit offenem Mund da. Er wollte neu ansetzen, aber Ojaranta polterte
weiter.
"Ich würde gerne wissen, was hier los ist, verstehen Sie!?" Sein
Gesicht lief rot an. "Ich komme hier rein, und meine Frau ist tot,
verstehen Sie! Nein, das verstehen Sie nicht, weil diese Scheiße nicht zu
verstehen ist, kapiert!?" Ketola trat einen Schritt zurück und fragte
Joentaa, ob Laukkanen noch da sei. "Ich fürchte, nein", sagte Joentaa.
Ketola nickte, ging aber dennoch, um sich zu erkundigen. Ojaranta hatte sich
inzwischen auf das Sofa fallen lassen und wimmerte leise vor sich hin.
Joentaa war gegen seinen Willen gefesselt von der Situation, und er war überrascht,
wie leicht es ihm fiel, das Verhalten des Mannes zu deuten, der begriffen hatte,
daß seine Frau nicht mehr lebte, aber noch nicht in der Lage war, die Nachricht
zu verarbeiten.
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