Ein Axthieb in einen
gefrorenen See
(Leseprobe aus:
Nachtfahrt, 2002, Eichborn)
Mittags komme ich an
am Ende der Welt.
Ich miete mich ein in einem Hotel, sehe durch das Fenster meines Zimmers einen
dunkelblauen Streifen des Ozeans hinter der goldenen Sanddüne, auf der Urlauber einen
Ball hin- und herwerfen.
Ich lege mich auf das schmale Bett, schließe die Augen und amüsiere mich mit dem
Gedanken, Fraikin warten zu lassen, Fraikin, der mich erwartet mit wachsender Ungeduld, um
mir seine Geschichten zu erzählen, endlich wieder einer, der sich dafür interessiert,
interessieren muß, endlich einer, der an seinen Lippen hängen wird, ja, noch eine
Anekdote und noch eine von den vielen, die Fraikin zu erzählen hat. Fraikin, der plant,
die Nachwelt mit seinem ereignisreichen Leben zu langweilen.
So stelle ich mir Fraikin vor, den ich nicht kenne, Fraikin, der mich beauftragt hat,
seine Biographie zu schreiben.
Ich muß wohl eine Weile eingenickt sein, denn als ich die Augen öffne, schwitze ich, das
T-Shirt, die Hose kleben an der Haut. Ich bleibe so liegen ein, zwei Minuten, gestatte
meinem Zustand, sich weiter zu verschlechtern, wieder der Schüttelfrost, dann richte ich
mich ruckartig auf, zerre die Kleider von meinem Körper, werfe sie in die nächste Ecke,
schalte die Dusche an und lasse lauwarmes Wasser an mir herunterlaufen.
Ich gehe hinaus, ein Hitzeschauer, als ich auf die Straße trete, mein Gesicht, mein
Nacken brennt schon. Mein erster Eindruck von Cap Ferret: Kleines Dorf am Meer, überall
schneeweiße Ferienbungalows mit sonnigen Namen, gutgelaunte, braungebrannte Urlauber.
Ich laufe auf der Avenue de l´Ocean in Richtung der Sanddüne, auf der sich vor einer
Weile Urlauber einen Ball zugeworfen haben (vielleicht sind es auch Einheimische gewesen),
aber die sind schon gegangen, ins Hotel, hinunter an den Strand, zum Essen, wohin auch
immer. Ein schmaler Steg führt mich hinauf auf den höchsten Punkt der Düne, der Wind
bläst mir ins Gesicht, keine hundert Meter entfernt begraben die Wellen des Meeres
Schwimmer und Surfer, die gleich wieder auftauchen, lachend, Strichmännchen im Atlantik.
Ich gehe langsam weiter, die Düne hinab, entledige mich der Turnschuhe, der Sand brennt,
angenehm. Ich stehe am Rand des Wassers, die Wellen schlagen sanft gegen meine Beine,
dieselben Wellen, die wenige Meter weiter lachende Schwimmer durch die Luft wirbeln. Ein
Gedanke aus Kinderzeiten kommt mir, loszuschwimmen Richtung Horizont, nachzuprüfen, was
dahinter ist, oder ob es sich tatsächlich um das Ende der Welt handelt.
Ich stehe frontal gegen den Wind, spüre das kalte Wasser an meinen Oberschenkeln und
denke, daß ich Geschichten schreiben könnte über die Tankstellenkassiererin mit den
starren Augen, leer, blau, die an mir vorbeisah, als ich ihr den 200-Francs-Schein reichte
zwischen Orleans und Bordeaux.
Oder über den Fahrer des weißen PKW, deutsches Kennzeichen, der schlief, tief, träumte,
auf dem Fahrersitz, im trüben Schein der Parkplatzlampe. Den ich aus seinem Fahrzeug
hätte locken und erdrosseln können, nachts um drei Uhr, wenn ich nicht selber müde
gewesen wäre und eine kurze Pause benötigt hätte. Den ich hätte ermorden können, ohne
jemals zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Ich schenkte ihm das Leben. Ich frage mich, wohin er fuhr.
Ich werde keine Geschichten schreiben, wahrscheinlich.
Ich spüre das Wasser an den Oberschenkeln, sehe die weite Fläche des Meeres und denke an
Fraikin, den ich nicht kenne und der glaubt, daß ich darauf brenne, seine Biographie zu
schreiben. Und ich denke an Röder, ganz kurz. Röder, der lächeln und mir auf die
Schulter klopfen würde, Röder, der sagen würde: Ein Anfang, mein Lieber, Fraikin war
mal ein Großer, vergiß das nicht.
Aber Röder ist weit weg.
Der Wind treibt mir eine Träne ins Auge, die an meiner rechten Backe herunterläuft und
klebt.
Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © Eichborn