Christian Wagner

Eigenbrötler und Kienleute

In meiner Jugendzeit, das ist in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, waren mehrere hier; vier, fünf, sechs ledige Geschwister die, nachdem ihre Eltern gestorben waren, beieinander blieben und einen gemeinschaftlichen Haushalt führten.

Da waren zunächst des Fritzejakobles. Das waren neun, wovon sich jedoch drei noch verheirateten. Der Fritz, ich kann ihn mir gar nicht anders vorstellen als in gelben Lederhosen im Hof stehend, oder auch den Pflug regierend auf einem Acker, nie anders als mit selbstzufriedenem Lächeln auf dem glatten Gesicht. Er als der Älteste beanspruchte und genoß auch väterliche Gewalt. Dann kam der Hannes, auf den ich später zurückzukommen gedenke, ein Philipp und ein Christian. Dann drei Schwestern: s' Meile, Luise und Christine. Auch das räudige Schaf fehlte nicht: Es war dies ein Schneider, der lange in der Schweiz gewesen, in Genf und Zürich atheistische Lehren, revolutionäre Ideen in sich aufgenommen hatte und der Milch frommer Denkart, den Anschauungen der Heimat entfremdet worden war Wenn er einmal bei seinen Wanderfahrten auf einige Tage bei ihnen einkehrte, wurde er in ein Kämmerlein eingewiesen, das er wie ein Pestkranker nicht verlassen durfte. Zuletzt sägten sie ihm, um ihm das Wiederkommen ganz zu entleiden, die Stollen seiner Bettlade ab.

Doch der Eigenartigste der Gebrüder war nicht er, sondern der zweitälteste, der Hannes. – In ihm war die Pedanterie des Geschlechts zum vollsten Ausdruck gekommen. Sein Treiben wurde zum Sprichwort. Jede Arbeit, die ein wenig vonstatten ging, war bei ihm »verhudelt.« Er war ein entsetzlicher »Kümmich«, wie solche Wunderliche hier genannt werden. Waren Angersen, Rüben, Kartoffeln zu felgen oder zu häufeln, so schickte er seine Geschwister fort, weil sie ihm nicht pünktlich, das heißt nach seiner Meinung zuviel arbeiteten. Drei Reihen die Person, in einem langen Sommernachmittag, war schon zuviel für richtige Arbeit. Jede Scholle mußte genau so daliegen wie die andere, obschon der nächste Regen es nicht mehr erkennen ließ. Auch das Mähen des Klees ging ihm zu schnell; es war eben gehudelt, und er haderte fortwährend, daß man statt der Sense die Sichel nehmen und den Klee abgrasen solle. Auch mit dem Pflügen ging es ihm zu rasch, und er fing an, mit der Schaufel das Feld umzugraben. So war es natürlich, daß er in allem im Rückstand blieb, und sonderbar: die Nachbarn, die gehudelt hatten, ernteten mehr als er. Die so schlecht bearbeiteten Felder trugen mehr als die nach seiner Methode betriebenen.

Das Reinigen des Getreides mit der sogenannten Putzmühle ging ihm ebenfalls viel zu rasch. Diese Hudlerei konnte er nicht mitansehen. Das Getreide warf er nun bei passendem Wind in die Tenne, siebte und siebte wieder, warf es nochmals und siebte wieder, bückte sich, bückte sich, bis er zuletzt, ganz kreuzlahm, nimmer konnte und Feierabend machen mußte. Doch das allerumständlichste für ihn war das Kleesamendreschen. Das dauerte in den Mai hinein. Wenn im ganzen Dorf das Dreschen längst beendet war, hörte es da nicht auf. Mutterseelenallein, denn niemand konnte es ihm recht machen. Und vollends das Reinigen desselben, das Putzen! Hier trieb er seine Pedanterie auf die Spitze: Da konnte er wochenlang sieben, abheben und unter den Wind nehmen. Eine Putzmühle (Putzmaschine) war ihm geradezu ein Greuel. Doch dies beständige Bücken hatte für ihn die Folge, daß er sich nicht mehr ganz aufrichten konnte und so immer gebückt daherkam.

Bei den Feldarbeiten kehrte er sich streng nach dem auf- oder abnehmenden Mond, ebenso nach den Zeichen des Tierkreises. Jede Aussaat mußte unter besonderen Zeichen vorgenommen werden. Der Flachs mußte am Georgitag gesät werden. Erbsen, Linsen, Wicken je an dem einem gewissen Heiligen bestimmten Tage. Erstere zwei bei abnehmendem Mond und, damit sie gut kochen sollen, im Zeichen des Wassermannes.

Noch ein anderer Eigenbrötler war hier, und zwar der Schmidle. Alljährlich und noch in seinem sechzigsten Lebensjahr ging er auf die Wanderschaft mit der Begründung: »Damit er sein Handwerk vollends lerne.« Desungeachtet brachte er's lebenslang nicht zum Meister. Er war Junggesell und fristete sein elendes Dasein in einem Dachstüblein bei dem früher schon erwähnten Steinhilber.

Seine Genügsamkeit ging über die menschliche Grenze hinaus und verirrte sich ins Dumme. Er war, obschon er's hätte besser haben können, mit allem zufrieden, arbeitete ums Essen und drosch über den ganzen Winter barfuß in den Stiefeln bei geringer Kost. Dem Metzger Lipß, dem reichsten Mann hier, half er den ganzen Winter, bei Suppe und Erdbirnen, seine volle Scheuer ausdreschen. Bei großer Verdrossenheit pflegte er zu äußern: »Werdet schon sehen: bis um halb Drei werd' ich krank werden.« Weiter war ein Geschwisterpaar hier, das noch weit eher als unser Schmidle zu den Eigenbrötlern gezählt werden könnte. Das waren des Husärles, der krumme Hansjörg mit seiner Schwester, dem Annakätherle. Ihr einziges Geschäft jahraus jahrein war, Kienholz kleinzuspalten, zusammenzubinden, nach Stuttgart zu tragen, um es dort – sie hatten ihre eigenen Häuser – den Köchinnen zum Anzünden des anderen Holzes zu verkaufen.

Es waren dazumal wohl achtzehn Familien hier, die sich damit abgaben. Und die Notiz in der Beschreibung des Oberamts Leonberg vom Jahr 1850, die ich vor mir liegen habe, und wo es von Warmbronn heißt: »Es ist ein armer Ort, und seine Bewohner nähren sich größtenteils vom Handel mit Kien, Wacholderholz und Wacholderbeeren, wovon auch der Unname der Warmbronner: ›Beerlesklopfer‹ herrührt«, war für selbige Zeit vollkommen zutreffend.

Jede Familie hatte in Stuttgart ihre eigenen Häuser, in die Großvater oder Großmutter schon gekommen waren, und so, fast möchte man sagen, sich erbrechtlich eingesessen hatten. Auch führten sie Wacholderholz, doch das zum Räuchern. Besonders geschätzt und begehrt rings im Lande war jedoch der aus den Beeren gepreßte und eingedickte Saft seiner harzigen und aromatischen Bestandteile halber als Heilmittel, sowie auch seines Wohlgeschmacks halber das Wacholdergesälz. Fast jegliche Familie hatte hiefür eine eigene Presse.

Eine weitere Eigenbrötlerfamilie waren »des Bräunings«. Drei Gebrüder, Hannes, Jakob und Daniel, und 's Kätherle. Des Daniels erinnere ich mich noch als Orgeltreter. Kienholz klein spalten und in kleine Büschele zusammenbinden, war wintersüber ihre ausschließliche Beschäftigung. Dienstags und Samstags kam der Gang nach Stuttgart. Morgens fünf Uhr gingen sie vom Hause fort, und unterwegs, meist auf der Steige, trafen die verschiedenen Partien zusammen, Am Frauenkreuz, eine Stunde von hier – der ganze Weg betrug drei Stunden – wurde gerastet; da stellten die Männer ihre Kreben, die Weiber ihre Zainen auf einem Wegrain ab. Die nächste Station war der Schatten, eine an der Calw-Stuttgarter Straße gelegene Wirtschaft, die dritte Station das Sophienbrünnele am Hasenberg. Noch ein wenig hinauf und dann hinab. Drunten lag die noch fast ländliche Stadt. Das Calwer Tor, heute im Mittelpunkt, war in den vierziger Jahren Außenstation. Die Infanteriekaserne der Rotebühlstraße stand noch nicht, und über dem Feuersee stand nur ein vereinzeltes Haus, Wein- und Mostwirtschaft von Kayser. Bei Bäcker Pressel am Calwer Tor stellten die Warmbronner ab; hier nahm der Eliasle, sobald er seinen Kien abgegeben hatte, etwaige Briefe, Schachteln, Pakete, die an hiesige Adressen lauteten, in Empfang. Noch heute, sechzig Jahre nachher, kann ich mich erinnern, wie ich am Heiligen Abend so sehnsüchtig harrte, bis der Eliasle, ein kleines Männle, in die Stube trat und eine neben der Adresse mit dem Vermerk: »Abzugeben bei Bäcker Pressel, Calwer Tor, Stuttgart« bezeichnete Schachtel abgab. Sie enthielt das Christgeschenk von meinem 1878 gestorben Onkel, Bruders meiner Mutter, des Christian Weeber, Musikdirektor am damals neugegründeten Seminar Nürtingen. Was mich von ihrem Inhalt weit mehr als Springerle, Lebkuchen, selbst Spielsachen freute, war ein Büchlein von Christoph Schmid, mit den allerliebsten Kindererzählungen, wie: Der Weihnachtsabend, Die Ostereier, Heinrich von Eichenfels, Rosa von Tannenburg, Eustachius, Der gute Fridolin und der böse Dieterich und andere.

Damals bestand noch der Botenverkehr. Bei Bäcker Pressel am Calwer Tor war eine solche Niederlage. Hier gab zum Beispiel der Nürtinger Bote die nach Warmbronn aufgegebenen Briefe Schachteln und dergleichen ab. Jedweder auswärtige Fremde vom Land, der schon stundenlang durch tiefen Schnee sich hergewatet hatte, konnte sich hier wärmen, denn hier traf man stets eine warme Stube. Da gab es schon in aller Herrgottfrühe neugebackene Wecken und Brezeln; als Getränk Stuttgarter Wein, selbstgezogenes, eigenes Gewächs, den Schoppen um einen Batzen, das heißt vier Kreuzer. Jeder Stuttgarter Wirt war dazumal Weingärtner, das heißt Weinbergbesitzer. Es ist seither in Stuttgart nie mehr so gemütlich geworden.

Ein weiteres hiesiges Original dieser fünfziger und sechziger Jahre war der Besenheiner, der einen Besenhandel trieb und ab und zu auch in Stuttgart hausierte, obschon es verboten war Der Reutlinger oder Stuttgarter Landeskalender brachte dazumal ein gelungenes Konterfei des Heiner, wie er, vom Hasenberg herabkommend mit unnachahmlicher Gravität und mit Selbstbewußtsein im Angesicht der Stadt bei den drei Pappeln – sie sind längst weg – regelmäßig seinen Pack ablegte, sich in Positur stellte und mit weithin hallender Stimme in die Stadt hinabbrüllte »Stuegert, host Geld? D'War' ist do!«

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