Schattengesicht von Antje Wagner, 2010, Querverlag

Antje Wagner

Schattengesicht
(Leseprobe aus: Schattengesicht, Roman, 2010, Querverlag).

Eine Jeans, ein Pullover, ein T-Shirt, eine Wetterjacke.

Drei Schlüpfer, drei Unterhemden, zwei Paar Socken.

Ein Paar Freizeitschuhe, ein Paar Hausschuhe.

Drei Handtücher, ein Geschirrtuch, zwei Taschentücher.

Ein Teller, eine Schüssel, eine Tasse, eine Kanne, ein Salzstreuer,

eine Frischhaltedose, ein Satz Besteck.

Ein Kissen, ein Kissenbezug, zwei Wolldecken, ein Bettlaken,

ein Bettdeckenbezug.

Ein Schlafanzug.

„Unterschreiben Sie hier!“

***

In Flugzeugen gibt es keine dreizehnte Reihe. Die Deutsche

Bahn hat keinen Waggon mit der Nummer 13. Und in

keinem der Hotels, in denen ich gearbeitet habe, gab es ein

Zimmer 13. Auf das zwölfte folgte gleich das vierzehnte.

Wie seltsam also, dass – als ich von der Kammer komme,

wo ich meine Sachen abgegeben und neue bekommen habe,

einen ganzen Arm voller fremder Sachen – ich vor einer

Tür mit der Nummer 13 stehe. Dass man mir aufschließt.

Ich trete ein, die Tür fällt ins Schloss, ich bin allein. Ich

werfe die Sachen aufs Bett und gehe sofort hinüber zum

Fenster.

Man sieht den Hof, den Rasen, die Wäscherei und die

angrenzenden Wirtschaftsgebäude. Darüber der Himmel

wie ein aufgehängter Lappen. Kein ruhiges, gleichmäßiges

Grau, sondern so ein Drecksgrau. So ein Waschmaschinenabwassergrau,

wenn es aus dem Schlauch ins Waschbecken

schießt.

Ich drehe mich um. Der Blick hat nicht viel Platz zum

Herumstreifen. Zwei mal vier Meter. Ein Bett, ein Tisch,

ein Stuhl, ein schmaler Metallschrank, ein Standregal. Der

Boden ist gefliest. Die Fliesen haben die gleiche Farbe wie

die Haut starker Raucher.

Polly ist nicht hier. Wäre sie jetzt da, würde sie zuerst die

kleine runde Plastikplakette mit der eingestanzten schwarzen

13 von der Tür abmontieren und stattdessen mit Tesa

einen Zettel rankleben: 12 A.

Polly fehlt mir. Sie fehlt mir wie verrückt. Ich halte mich

am Fensterbrett fest und lege die Stirn gegen die Scheibe.

Schließe die Augen. Polly. Polly. Polly.

***

Als es klopft, zucke ich zurück und fahre herum. Ich habe

nicht einmal Zeit, meinen Gesichtsausdruck zu wechseln,

schon geht die Tür auf, und eine Frau, die ich nicht kenne,

steht im Raum. Ich wische mir kurz übers Gesicht.

„Milana Helmholz?“

Ich sage nichts, nicke auch nicht, ich sehe sie einfach an.

„Ich bin Frau Hartwig.“ Sie kommt auf mich zu, hebt mir

ihre Hand entgegen, drückt meine. „Frau Klemm und Frau

Zenker zeigen Ihnen die Bücherei, die Waschküche und die

Kantine. Kommen Sie.“

***

Der Gang ist beige. Rechts gehen Türen ab. Sie sind klinkenlos

und aus Stahl. Es riecht nach Sagrotan.

Die Bücherei besteht aus einer Regalwand. Das Holz ist

rissig. Man bleibt mit dem Ärmel hängen, wenn man zu

dicht daran vorbeigeht. Die Bücherei ist einmal wöchentlich

geöffnet.

Es stehen nur Schmöker drin. Zerlesene Taschenbücher

und alte, schwere Schinken. Ich lasse meinen Blick über die

Kategorien streifen, die jemand mit Kuli auf gelbe Zettelchen

geschrieben und an den Regalbrettern befestigt hat:

Heimat. Liebe. Natur.

„Ich bin wegen Betrug hier“, sagt die, die Ilka heißt. Sie

erzählt es, ohne dass ich danach gefragt habe. „Sandra wegen

schwerer Körperverletzung.“

Ich sehe kurz auf Sandra. Sie ist vielleicht einsfünfundsechzig,

hat schwarze Locken, schulterlang, ein fleischiges

Gesicht, ihre Augen sind wach und beweglich. Ihr Körper

wirkt zusammengestaucht, dicht, schwer. Sandra sieht so

aus, als würde da, wo sie hinschlägt, so schnell nichts nachwachsen.

„Es war Notwehr“, sagt Sandra. „Er hat es so hingebogen,

als ob ich ihn absichtlich angegriffen hätte.“

„Und … hast du?“, frage ich.

„Erst als sie keine Luft mehr bekommen hat“, sagt Ilka.

An der Leichtigkeit, mit der sie die Sätze hin- und herspringen

lassen, merke ich, dass sie dieses Gespräch nur für

mich führen. Sie wissen all diese Dinge längst voneinander.

Es ist ihre Art, sich vorzustellen. Ihre Art, mich aufzunehmen.

Es mir zu erleichtern, hier anzukommen.

Ankommen – das Wort klingt nach einer Reise, die nach

Strapazen und Abenteuern endlich dahin führt, wo man

hinwollte. Kurz geht mein Blick aus dem Fenster, in den

zerwühlten Himmel, rutscht ab und prallt gegen die Mauer,

die unser Gelände hier umzieht. Früher war es ein Klostergelände.

Aus irgendeinem Grund denke ich Heimat, Liebe,

Natur, drehe mich um und sage: „Okay, jetzt die Waschküche.“

Später haben sie mir noch die Kantine gezeigt. „Drei von

uns können abwechselnd hier und in der Küche arbeiten“,

sagte Sandra.

Ich habe mich mit an ihren Tisch gesetzt, mich den anderen

vorstellen lassen. Und wieder haben sie es mir leicht

gemacht. Ich musste nur nicken und hin und wieder lächeln.

„Warum bist du hier?“, fragt Ilka plötzlich, als wir nach

dem Abendessen durch den Gang gehen. Vor Nummer 13

bleibe ich stehen.

Um neun ist Nachtverschluss, und morgen früh geht es

zu Tillmans.

Arbeit ist etwas Seltenes hier, hatte Sandra betont, ein

Ausblick. Es gibt nicht viele Werkstätten, die mit Strafvollzugsanstalten

zusammenarbeiten. Ich habe Glück, ich habe

einen Platz zugeteilt bekommen. Manche Frauen müssen

den ganzen Tag in ihrer Zelle hocken. Taschen. Tillmans fertigt

Taschen an.

„Mila?“

Ich schrecke zusammen. Sehe sie an. „Ich hab jemanden

umgebracht.“

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