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Schattengesicht
Eine Jeans, ein Pullover, ein T-Shirt, eine Wetterjacke.
Drei Schlüpfer, drei Unterhemden, zwei Paar Socken.
Ein Paar Freizeitschuhe, ein Paar Hausschuhe.
Drei Handtücher, ein Geschirrtuch, zwei Taschentücher.
Ein Teller, eine Schüssel, eine Tasse, eine Kanne, ein Salzstreuer,
eine Frischhaltedose, ein Satz Besteck.
Ein Kissen, ein Kissenbezug, zwei Wolldecken, ein Bettlaken,
ein Bettdeckenbezug.
Ein Schlafanzug.
„Unterschreiben Sie hier!“
***
In Flugzeugen gibt es keine dreizehnte Reihe. Die Deutsche
Bahn hat keinen Waggon mit der Nummer 13. Und in
keinem der Hotels, in denen ich gearbeitet habe, gab es ein
Zimmer 13. Auf das zwölfte folgte gleich das vierzehnte.
Wie seltsam also, dass – als ich von der Kammer komme,
wo ich meine Sachen abgegeben und neue bekommen habe,
einen ganzen Arm voller fremder Sachen – ich vor einer
Tür mit der Nummer 13 stehe. Dass man mir aufschließt.
Ich trete ein, die Tür fällt ins Schloss, ich bin allein. Ich
werfe die Sachen aufs Bett und gehe sofort hinüber zum
Fenster.
Man sieht den Hof, den Rasen, die Wäscherei und die
angrenzenden Wirtschaftsgebäude. Darüber der Himmel
wie ein aufgehängter Lappen. Kein ruhiges, gleichmäßiges
Grau, sondern so ein Drecksgrau. So ein Waschmaschinenabwassergrau,
wenn es aus dem Schlauch ins Waschbecken
schießt.
Ich drehe mich um. Der Blick hat nicht viel Platz zum
Herumstreifen. Zwei mal vier Meter. Ein Bett, ein Tisch,
ein Stuhl, ein schmaler Metallschrank, ein Standregal. Der
Boden ist gefliest. Die Fliesen haben die gleiche Farbe wie
die Haut starker Raucher.
Polly ist nicht hier. Wäre sie jetzt da, würde sie zuerst die
kleine runde Plastikplakette mit der eingestanzten schwarzen
13 von der Tür abmontieren und stattdessen mit Tesa
einen Zettel rankleben:
12 A.Polly fehlt mir. Sie fehlt mir wie verrückt. Ich halte mich
am Fensterbrett fest und lege die Stirn gegen die Scheibe.
Schließe die Augen.
Polly. Polly. Polly.***
Als es klopft, zucke ich zurück und fahre herum. Ich habe
nicht einmal Zeit, meinen Gesichtsausdruck zu wechseln,
schon geht die Tür auf, und eine Frau, die ich nicht kenne,
steht im Raum. Ich wische mir kurz übers Gesicht.
„Milana Helmholz?“
Ich sage nichts, nicke auch nicht, ich sehe sie einfach an.
„Ich bin Frau Hartwig.“ Sie kommt auf mich zu, hebt mir
ihre Hand entgegen, drückt meine. „Frau Klemm und Frau
Zenker zeigen Ihnen die Bücherei, die Waschküche und die
Kantine. Kommen Sie.“
***
Der Gang ist beige. Rechts gehen Türen ab. Sie sind klinkenlos
und aus Stahl. Es riecht nach Sagrotan.
Die Bücherei besteht aus einer Regalwand. Das Holz ist
rissig. Man bleibt mit dem Ärmel hängen, wenn man zu
dicht daran vorbeigeht. Die Bücherei ist einmal wöchentlich
geöffnet.
Es stehen nur Schmöker drin. Zerlesene Taschenbücher
und alte, schwere Schinken. Ich lasse meinen Blick über die
Kategorien streifen, die jemand mit Kuli auf gelbe Zettelchen
geschrieben und an den Regalbrettern befestigt hat:
Heimat. Liebe. Natur.
„Ich bin wegen Betrug hier“, sagt die, die Ilka heißt. Sie
erzählt es, ohne dass ich danach gefragt habe. „Sandra wegen
schwerer Körperverletzung.“
Ich sehe kurz auf Sandra. Sie ist vielleicht einsfünfundsechzig,
hat schwarze Locken, schulterlang, ein fleischiges
Gesicht, ihre Augen sind wach und beweglich. Ihr Körper
wirkt zusammengestaucht, dicht, schwer. Sandra sieht so
aus, als würde da, wo sie hinschlägt, so schnell nichts nachwachsen.
„Es war Notwehr“, sagt Sandra. „Er hat es so hingebogen,
als ob ich ihn absichtlich angegriffen hätte.“
„Und … hast du?“, frage ich.
„Erst als sie keine Luft mehr bekommen hat“, sagt Ilka.
An der Leichtigkeit, mit der sie die Sätze hin- und herspringen
lassen, merke ich, dass sie dieses Gespräch nur für
mich führen. Sie wissen all diese Dinge längst voneinander.
Es ist ihre Art, sich vorzustellen. Ihre Art, mich aufzunehmen.
Es mir zu erleichtern, hier
anzukommen.Ankommen – das Wort klingt nach einer Reise, die nach
Strapazen und Abenteuern endlich dahin führt, wo man
hinwollte. Kurz geht mein Blick aus dem Fenster, in den
zerwühlten Himmel, rutscht ab und prallt gegen die Mauer,
die unser Gelände hier umzieht. Früher war es ein Klostergelände.
Aus irgendeinem Grund denke ich
Heimat, Liebe,Natur,
drehe mich um und sage: „Okay, jetzt die Waschküche.“Später haben sie mir noch die Kantine gezeigt. „Drei von
uns können abwechselnd hier und in der Küche arbeiten“,
sagte Sandra.
Ich habe mich mit an ihren Tisch gesetzt, mich den anderen
vorstellen lassen. Und wieder haben sie es mir leicht
gemacht. Ich musste nur nicken und hin und wieder lächeln.
„Warum bist du hier?“, fragt Ilka plötzlich, als wir nach
dem Abendessen durch den Gang gehen. Vor Nummer 13
bleibe ich stehen.
Um neun ist Nachtverschluss, und morgen früh geht es
zu
Tillmans.Arbeit ist etwas Seltenes hier, hatte Sandra betont, ein
Ausblick. Es gibt nicht viele Werkstätten, die mit Strafvollzugsanstalten
zusammenarbeiten. Ich habe Glück, ich habe
einen Platz zugeteilt bekommen. Manche Frauen müssen
den ganzen Tag in ihrer Zelle hocken. Taschen. Tillmans fertigt
Taschen an.
„Mila?“
Ich schrecke zusammen. Sehe sie an. „Ich hab jemanden
umgebracht.“
Rezension I Buchbestellung I home ))I10 LYRIKwelt © A.W./Mit freundlicher Genehmigung des Querverlags