Die Gärten bist du von Antje Wagner, 2003, Berlin

Antje Wagner

Feuer und Flamme
Oder: Die Geschichte, die nicht ins Buch paßt

(Leseprobe aus: Die Gärten bist du, Erzählungen, 2003, Querverlag).

Es passierte an dem Mittwochmorgen nach meiner Hochzeitsnacht.

Ich schlich leise aus dem Bett. Ich wollte nur schnell unter die Dusche huschen und meine Frau Florentine dann mit einem romantischen Frühstück im Bett überraschen.

Noch angenehm erschöpft von der vergangenen Nacht machte ich die Badezimmertür auf, starrte eine Weile verständnislos hinein, machte die Tür wieder zu, zählte bis zehn und öffnete sie wieder.

In meinem Badezimmer stand ein Drache.

Der Drache war blau, kämmte sich gerade seine drei wollig aussehenden, ebenfalls blauen Haare und drehte sich dann zu mir um. Er sah mich irgendwie − begeistert an.

Ich warf die Tür zu und dachte panisch: „Ein Reptil! Ein Reptil!" hörte aber sofort wieder auf, das zu denken, weil mir unwillkürlich Loriots Klavierszene einfiel.

Jacki, sagte ich mir, Jacki, in deinem Bad steht ein blauer Drache und kämmt sich.

Ich war es gewohnt, alle Dinge realistisch anzugehen. Ich dachte an Stadttauben und verirrte Hummeln und sagte mir: Was reinfliegt, fliegt auch wieder raus, und du solltest jetzt nur alle Fenster

schön weit aufmachen. Jacki, dachte ich, keine Panik, Jacki, es ist nur ein Drache, und zuallererst mußt du jetzt deine Frau aufwecken, ein bißchen mit ihr schäkern und sie dann von dem Drachen in Kenntnis setzen.

Da ging die Badezimmertür auf, der Drache trat heraus, öffnete die mächtigen Arme und sagte strahlend: „Jacki! Freust du dich denn nicht?"

Ich wich an die gegenüberliegende Wand zurück, lächelte ein, wie ich hoffte, beruhigendes Lächeln und dachte: Ich weiß auch nicht, aber irgendwie hält die Freude sich in Grenzen.

Ich zog es vor, erst mal zu schweigen.

Da runzelte der Drache seine türkisblauen Augenbrauen und sagte vorwurfsvoll: „Jaqueline Anita, ich spreche mit dir!" und ich zuckte zusammen, weil ich immer zusammenzucke, wenn mich jemand bei meinem vollständigen Namen anspricht.

Wenn man die Geschichte so beginnt, glaubt einem später kein Mensch.

Also fang ich besser noch mal an, und zwar ein paar Wochen vor diesem Mittwochmorgen.

Da war also Florentine, ebenjene, die ich oben erwähnt habe. Und ich war verliebt in Florentine.

Sie war alles zusammen: attraktiv und klug, hatte Humor, kochte besser als ich und fuhr Motorrad. Florentine hatte schönes, blondes Haar, das sie lang trug, und einen tollen Körper.

Wir waren schon vier Monate zusammen, als wir in einem Café auf eine verrückte Idee kamen.

Florentine hatte immer verrückte Ideen, auch deshalb war ich sehr in sie verliebt.

Wir tranken Rotwein, sie erzählte irgendwas, ich hörte gar nicht zu, sondern sah nur verzückt in ihre Augen. Da stellte sie das Glas ab und sagte: „Du denkst wohl, du könntest mich sehen? Was meinst du, was noch alles in mir drin steckt!"

Ihre Stimme war klasse. So eine Mischung aus Mädchenstimme und verrauchter Diva.

„O Mann, Florentine, ich will alle deine Gesichter kennenlernen!" rief ich laut.

„Dann sollten wir heiraten", sagte sie lächelnd. „Dann kriegst du alles zu sehen."

Warum nicht, dachte ich. Ich hatte noch nie geheiratet, und mit Florentine stellte ich mir das ziemlich romantisch vor.

Also hatten wir geheiratet. An einem Dienstag.

Und am Mittwochmorgen stand ein blauer Drache in meinem Badezimmer.

„Wir könnten jetzt was frühstücken, oder?" sagte der Drache und tapste in die Küche. Ich sah ihm hinterher und dann auf die Kratzspuren, die er auf dem Laminat hinterließ.

In der Küche drehte der Drache den Gasherd an und pustete eine kleine Flamme ins Gas. Dann drehte er sich zu mir um und fragte: „Kaffee oder Tee?"

„Ähm, Kaffee", sagte ich und dachte: Korn. Ein Doppelkorn wäre eigentlich besser.

Der Drache kochte Kaffee, und ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und trat auch in die Küche.

Man muß die Dinge nehmen, wie sie kommen, dachte ich und backte ein paar Brötchen auf. Eins für mich und neun für den Drachen.

„Also, freust du dich?" fragte der Drache noch einmal, als er dann auf dem Sofa saß, die Beine zierlich übergeschlagen, und an seinem Kaffee nippte. Ich saß ihm gegenüber und bekam keinen Bissen runter.

„Na ja, Drache", sagte ich vorsichtig. Bloß nichts Falsches sagen, dachte ich, vielleicht waren Drachen leicht reizbar, „wie soll ich’s sagen …"

„Du kannst mich ruhig weiter beim Namen nennen", sagte der Drache und lachte. Er riß den Rachen auf dabei. Er hatte sieben blaue Zähne, und kleine Rauchwölkchen stiegen aus seinem Maul.

„Ja, Florentine", sagte ich eilig, „Es ist nur irgendwie so … ungewohnt für mich."

„Ach, das legt sich", sagte der Drache fröhlich und hieb mit einer Kralle recht anmutig ein Loch in ein Tetrapack Milch.

Der Drache hatte die Brötchen noch nicht angerührt. Mir kam ein furchtbarer Gedanke.

„Was fressen … äh … essen Drachen eigentlich?" fragte ich so beiläufig wie möglich. „Doch nicht etwa …"

„Keine Sorge", sagte er, „ich bin fast vegetarisch, nur alle vierzehn Tage brauch ich natürlich ’ne Prinzessin." Dabei beugte er sich vor, streckte die Pranken nach mir aus, fuhr die Krallen aus und machte: „Buuuuh!" Dann fing er an zu lachen.

Ich saß stocksteif auf meinem Platz, für Drachenwitze hatte ich in dem Moment wirklich keinen Nerv, aber da streichelte er schon mit der Pranke über meinen Kopf und rollte dann seine blaue Zunge raus. Er legte sich alle neun Brötchen hintereinander auf die Zunge, rollte sie wieder rein, zermalmte den Teig, schluckte einmal und sagte dann schüchtern: „Siehste? Brauchst keine Angst haben."

Ich wage es fast nicht zu sagen, aber man gewöhnt sich leichter an die unvorstellbaren Sachen als an die vorstellbaren.

Es mußte nur alles ein bißchen umorganisiert werden. Die Wohnung war auf Drachen eben nicht vorbereitet gewesen.

Verliert man auch die Schuhe, so behält man doch die Füße, dachte ich und stellte eine Menge Möbel raus, damit der Drache nicht ständig alles umwarf. Ich stellte die Geranien runter in den Garten, weil der Drache es liebte, ihnen mit einem Haps den Schopf abzubeißen. Er machte das nicht aus Boshaftigkeit, sondern nur so. Er war so leicht für alles zu begeistern, und danach war er immer sehr verlegen.

Der Drache hatte kleine Flügel, die hingen ihm meistens am Rükken runter, aber wenn er aufgeregt war oder ärgerlich, dann standen sie an den Seiten ab, und die zarten azurblauen Federn sträubten sich und drehten sich wie kleine Propeller.

„Kannst du damit eigentlich fliegen?" fragte ich neugierig.

Der Drache strahlte mich an, zog sein Maul breit und sagte: „Keine Ahnung. Müßte ich mal testen", hopste dann auf den Balkon,

und ehe ich bis drei zählen konnte, war er schon gesprungen. Ich rannte erschrocken zur Brüstung und sah ihn unten liegen. Mitten in den Rosenbeeten. Er rieb sich nachdenklich sein Gesäß, hob dann den Kopf und rief enthusiastisch hoch: „Nei-hein!"

Sämtliche Verabredungen mit Freunden verschob ich erst mal, ohne daß der Drache davon wußte. Aber dann kam er zu mir und sagte bedrückt: „Seit wir verheiratet sind, ruft mich keiner mehr an. Ist das normal? Keiner will sich mit mir treffen. Dabei würde ich so gern tanzen."

Ich sagte ihm, in vier Wochen, da wäre bestimmt alles wieder im Lot, und da würden wir dann tanzen gehen. Damals dachte ich noch, Florentine wäre einfach krank. Eine ziemlich breitgewachsene, beißend riechende und recht schuppige Krankheit zwar, aber eine Krankheit eben. Heilbar. Der Drache strahlte mich an. Kleine Funken sprangen aus seinem Maul, und dann blies er elf heitere hellblaue Rauchkringel in die Luft. Um ihn schnell vom Thema Tanzen abzulenken, fragte ich etwas, was mir schon seit Tagen keine Ruhe ließ: „Sag mal, Florentine, bist du eigentlich noch ein … Mädchen?"

Der Drache sah begeistert an sich runter und sagte dann: „Ich glaube schon." Und dann peitschte er aus Freude ein bißchen mit dem Schwanz und riß die Gardine runter.

Der Drache machte Arbeit. Er schrubbte sich den Rücken an den Schränken und verlor eine Unzahl blauschimmernder Schuppen dabei. Jeden Tag kehrte ich sieben Bleche voll Drachenschuppen zusammen und warf sie ins Klo. Dann stand der Drache betreten neben mir im Bad, sagte: „Tut mir leid, Jacki", und ließ seine kleinen blauen Flügel traurig hängen. Ich dachte, was soll’s, fuhr in den Supermarkt und kaufte ein paar Paletten Schuppenshampoo.

Er aß auch viel. Am liebsten mochte er Müsli. Ich kaufte Haferflocken in Säcken, Rosinen in Zehn-Liter-Dosen und getrocknete Früchte vom Großmarkt. Der Drache schüttete alles zusammen, raspelte einige Tafeln Schokolade rein und schüttete einen Eimer Milch dazu. „Flori", sagte ich einmal und knetete nervös die Hände, „du frißt … äh … ißt uns noch die Haare vom Kopf."

„Echt?" sagte der Drache und schnupperte neugierig an meinem Kopf. Dann schämte er sich und sah auf den Boden. „Aber wenn ich doch Hunger hab."

Auf der anderen Seite: Wir sparten immerhin Feuerzeuge. Wenn ich eine Zigarette rauchen wollte, hauchte sie der Drache nur einmal ganz sanft an.

Gott sei Dank sind gerade Semesterferien, dachte ich. Der Drache wäre garantiert auf die Idee gekommen, weiterhin zur Uni gehen zu wollen. Jetzt blieb er zu Hause, aber er setzte sich, genau wie Florentine früher, jeden Tag hin, las und arbeitete in den Büchern, recherchierte im Internet, rief in den Bibliotheken an und schrieb stundenlang an seiner Doktorarbeit.

„Flori", sagte ich eines Abends zu dem Drachen, als er gerade strikkend vor dem Fernseher saß. „Meinst du wirklich, du könntest deine Dissertation vor … vor … Menschen verteidigen? Ich meine, so wie du … jetzt bist?" Da sah mich der Drache verständnislos an, verzog dann plötzlich das Gesicht zu einem schelmischen Lächeln, faltete die Ohren weit auf. Er klapperte sogar vor Freude mit allen sieben Zähnen und sagte: „Ja, wo lebst du denn, Jacki? Natürlich werde ich meinen Doktor machen! Hier hat doch jeder die gleichen Chancen. Vor allem Drachen!"

Einmal war der Drache traurig.

Ich kam nach Hause, und er saß auf dem Sofa und weinte. Ich rannte rasch in die Küche, um große Tücher und einen Eimer zu holen, und wischte den Boden auf.

„Jacki", sagte der Drache, „ich glaube, du magst mich nicht mehr."

O Gott, dachte ich, so hat es kommen müssen. „Aber wie kommst du denn darauf?"

„Du findest mich nicht mehr schön!" schniefte der Drache.

Meist hatte der Drache eine schöne volle Stimme, so ein bißchen wie dickgewordene Milch. Jetzt klang sie ganz leise, ein schwacher Rauchfaden. Seine Ohren hingen rechts und links an seinem Kopf runter, und ab und zu wischte er sich damit die Tränen ab. Die Ohren tropften das ganze Sofa voll.

„Was für’n Quatsch!" sagte ich und sah auf das weiche Bauchfell, das im Kerzenlicht azurblau flimmerte. Der Drache schniefte wieder und kratzte sich den Bauch.

„Doch, ich spür das, Jacki. Erzähl mir nichts. Seit wir verheiratet sind, willst du nicht mehr … na ja … du willst nicht mehr mit mir schlafen." Der Drache schwieg eine Weile, schniefte nur leise vor sich hin und sah mich schüchtern unter seinen langen Seidenwimpern an. „Dabei hab ich mich doch kaum verändert." Er schluchzte wieder. Über seinen großen feuchten Augen wogten wirklich formvollendete Wimpern, ozeanblau und sanft nach oben gebogen, und jetzt glänzten die Tränen wie aufgefädelte Glasperlen darin. Sogar der schöne schillernde Schwanz sah ganz traurig aus und lag zusammengekringelt unter dem Couchtisch, als wollte er nicht auffallen.

Ich lehnte mich erschüttert in den Sessel zurück. Es stimmte. Florentine hatte sich nicht verändert. Noch immer strickte sie, schrieb an ihrer Arbeit, machte Scherze, backte Kuchen, führte dieselben klugen Gespräche wie früher mit mir. Noch immer hörten wir Deutschlandradio zusammen, stritten oder lachten, machten die Wohnung sauber, und ab und zu bastelte sie unten im Garten an ihrem Motorrad rum. Nur ausgegangen waren wir nicht wieder. Und Sex, den hatte ich mir nicht mehr so richtig vorstellen können.

„Ehrlich, Jacki. Ich bin dieselbe wie vorher. Daran hat die Heirat doch nichts geändert!" Der Drache sah mich aufmerksam an, derselbe Blick, den Florentine immer im Gesicht hatte, wenn es ein Mißverständnis zwischen uns gab. „Oder glaubst du etwa nicht mehr daran, daß alles, was wir sofort sehen können, von kurzer Dauer sein muß? Sich etwas vorzustellen ist doch wichtig, Jacki. Kannst du das denn nicht mehr?" Und dann warf der Drache keck seine drei blauwollenen Haare zurück, ließ sie in der Luft wirbeln, einander umkringeln und schließlich wie drei Grashalme steif vom Kopf abstehen. Er spannte seine Ohren auf und sah aus wie ein Auto, bei dem die Türen sperrangelweit offenstanden. Er klappte die meerblauen Augenlider auf unwiderstehlich kokette Art auf und zu, machte einen Schmollmund, und mein Herz öffnete sich und ich mußte lachen. Ich weiß nicht, was mich solange davon abgehalten hatte, aber ich warf mich dem Drachen in die perlmuttblauen Arme, kraulte seinen weichbehaarten Bauch und ließ mich von ihm hochheben und ins Bett tragen.

Die Situation war trotzdem nicht von Anfang an so einfach, wie es hier scheinen mag.

Der Drache war groß.

Er hatte die ganze Zeit im Wohnzimmer auf dem Boden geschlafen, und jetzt schlief er wieder in unserem gemeinsamen Bett, und seine Beine und der Schwanz hingen hinten über, und ich mußte ihn nachts immer mal wieder zur Seite schieben, weil er sich so breitmachte. Manchmal schnarchte er mir in den Nacken, und der Nakken wurde ganz heiß dabei.

Aber er war sehr zärtlich, und nachdem ich ihm die Nägel geschnitten hatte, tat es auch nicht mehr weh. Wenn er mir nicht gerade die Luft abquetschte, sobald er seine Pranke auf meine Brust legte, war ich glücklich.

Aber wie gesagt, es war nicht alles Friede und Freude.

Jeden Morgen mußte ich die Laken ausschütteln. Der Drache war eben eine haarige Angelegenheit. Von den festgehakten Schuppen überall ganz zu schweigen. Und dann, nun ja, ich wollte eigentlich nicht darüber reden − aber der Drache roch morgens immer so aus dem Fang. Nach alter Asche oder so.

Aber im Grunde waren das Kleinigkeiten, und ich hoffte, mich daran zu gewöhnen.

Nach vier Wochen stand der Drache abends vor mir: die drei Haare gestylt, die Schuppen gebürstet und frisch gewachst, und die Nägel in wunderschönem Lila lackiert. Außerdem drang mir eine betäubende Odolwolke entgegen.

„Tanzen!" brüllte der Drache ekstatisch, und mit Erschrecken erinnerte ich mich an mein Versprechen.

Aber ich wußte, denn das hatte mir meine Mutter eingebleut: Versprechen muß man halten. Also zog ich mich an und verließ das erste Mal mit dem Drachen das Grundstück. Es war dunkel, und auf der Straße waren zum Glück kaum Leute. Die Disko lag gleich um die Ecke, und mir klopfte das Herz bis zum Hals, als wir die Tür öffneten.

Der Drache hielt sich hinter mir und beschnupperte neugierig die Türklinke.

Ich trat zur Kassiererin, zog mein Portemonnaie raus und sagte: „Tja, also: eine Erwachsene. Und dann, äh, ein na ja, ein …"

„Drache", sagte die Frau gleichgültig, „’n blauer", nahm das Geld, stempelte mir die Hand und dem Drachen die Pranke, und dann standen wir in der Disko.

Florentine hatte schon nach ein paar Minuten ihre Freundinnen entdeckt und rannte kreischend auf sie zu. Ebenfalls kreischend rannten die Freundinnen nicht weg, sondern dem Drachen in die Arme. Sie fragten dies und das, schimpften, daß wir uns so lange nicht hätten blicken lassen, und eine boxte dem Drachen liebevoll in die Flanke und sagte zwinkernd: „Na ja, frisch verheiratet, ist ja eigentlich klar." Der Drache zwinkerte begeistert zurück und stieß mit den Wimpern gegen die Diskokugel.

dieses besondere Talent, Leute zu begeistern. Allerdings würden wir dann noch weniger Zeit füreinander haben.

Nur einmal, das war kurz nachdem Floris Doktorarbeit in der Wissenschaft anfing, Aufsehen zu erregen, als sie immer öfter zu Konferenzen und Vorträgen eingeladen wurde und ich tagelang allein zu Hause saß, rief ich meinen besten Freund Michael an.

„Sag mal, Micha", sagte ich. „Aber komisch ist es doch schon, oder? So ein Drache als Frau, meine ich."

Da fing er an zu lachen: „Du bist ein Glückspilz, Jacki!" sagte er, „ein Drache ist doch großartig. Stell dir vor, Ralf hat ein Gnu. Und Erdmute lebt mit einem Reh. Das ist so schüchtern, daß es sich manchmal tagelang in der Wäschetruhe versteckt. Und Sybille ist mit einem Nacktmull verheiratet. Ein Nacktmull! Weißt du, wie häßlich die sind?"

Als ich auflegte, saß ich lange erschüttert auf dem Sofa. Ich konnte nicht mal rauchen, weil kein Feuer da war. Ich saß und dachte lange nach.

Womöglich stimmt es wirklich, dachte ich, und Micha hat recht. Womöglich bin ich ein richtiger Glückspilz!

Ich möchte dem geneigten Leser und der geneigten Leserin im folgenden nicht sämtliche Details unseres Ehelebens ausbreiten. Zusammenfassend soviel: Die Hochzeit ist jetzt drei Jahre her.

Florentine hat in der Zwischenzeit ihren Doktor gemacht und hält jetzt Vorlesungen an der Uni. Unser Garten hat ein wenig gelitten, weil Flori noch immer gern in die Baumkronen beißt. Einfach so und um sie ein bißchen zu schütteln. Aber unsere Liebe blüht und gedeiht.

Ich habe meinen alten Seat Marbella verkauft und einen VW-Bus angeschafft, damit sie bequem sitzen kann, wenn wir in Urlaub fahren.

Flori hat immer noch dieselben verrückten Einfälle wie früher. So geht sie jetzt jedes Wochenende als Gogo-Tänzerin ins Fatal. Der Clou ist, daß sie ihre Tanzshow immer mit einer beeindruckenden Feuerspucknummer beendet. Die Leute stehen dann und klatschen, und manchmal kommt einer und flüstert mir ins Ohr: „Mann, hast du ein Glück. So eine Frau. So ein Feuer!" Und dann bin ich ganz stolz.

Florentine überlegt, in die Politik zu gehen, was ich mir bei ihr durchaus vorstellen kann. Sie ist ziemlich tough und hat vor allem

dieses besondere Talent, Leute zu begeistern. Allerdings würden wir dann noch weniger Zeit füreinander haben.

Nur einmal, das war kurz nachdem Floris Doktorarbeit in der Wissenschaft anfing, Aufsehen zu erregen, als sie immer öfter zu Konferenzen und Vorträgen eingeladen wurde und ich tagelang allein zu Hause saß, rief ich meinen besten Freund Michael an.

„Sag mal, Micha", sagte ich. „Aber komisch ist es doch schon, oder? So ein Drache als Frau, meine ich."

Da fing er an zu lachen: „Du bist ein Glückspilz, Jacki!" sagte er, „ein Drache ist doch großartig. Stell dir vor, Ralf hat ein Gnu. Und Erdmute lebt mit einem Reh. Das ist so schüchtern, daß es sich manchmal tagelang in der Wäschetruhe versteckt. Und Sybille ist mit einem Nacktmull verheiratet. Ein Nacktmull! Weißt du, wie häßlich die sind?"

Als ich auflegte, saß ich lange erschüttert auf dem Sofa. Ich konnte nicht mal rauchen, weil kein Feuer da war. Ich saß und dachte lange nach.

Womöglich stimmt es wirklich, dachte ich, und Micha hat recht. Womöglich bin ich ein richtiger Glückspilz!

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