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Stromausfall
(Leseprobe aus:
Unland, Roman,
aus dem 10. Kapitel, 2009, Berlin
Verlag).
Wir traten durch den riesigen schmiedeeisernen Eisbecher auf den Dreieulenweg. »Wieso heißt das eigentlich Neuer Sportplatz«, fragte ich.
»Gibt’s auch einen Alten Sportplatz?«
»Soviel ich weiß, ist es der einzige Sportplatz hier in Waldburgen«, sagte Lizzie. »Oder, Ann?«
»Exakt.«
»Komisch«, sagte ich und blieb stehen, als Lizzie ihre Schnürsenkel neu binden musste. Axel hatte Anns Hand genommen, und als auch Ann stehen blieb, um auf Lizzie zu warten, umfasste er ihr Bein, als wäre es ein Baumstamm, und schmiegte sich daran. Denise stand ein paar Meter daneben. Mit den Händen in den Hosentaschen. Sie wirkte, als wären wir ihr egal, aber sie ließ Axel nicht aus den Augen.
Nach dem Dreieulenweg bogen wir in den Großen Streng ein. Alles wirkte wie ausgestorben. Niemand war auf den Höfen oder in den Gärten zu sehen. Nur Hunde.
Die rannten aufgeregt hin und her, wenn sie uns kommen sahen, und sobald wir an einem Tor vorübergingen, warfen sie sich blindwütig dagegen und bellten heiser vor Wut.
Lizzie, Ann und sogar die Zwerge mussten schon so daran gewöhnt sein, dass sie es kaum mehr bemerkten, ich aber zuckte jedes Mal zusammen und sah nervös auf die Tore, ob sie auch wirklich richtig verschlossen waren. Briefträger wollte ich hier in Waldburgen nicht sein. Ich hatte in Berlin nie Schiss vor Hunden gehabt, aber das hier waren keine Hunde, das waren Raubtiere.
An der Kreuzung bogen wir rechts in die Sandstraße ein, die aus dem Dorf hinausführte. Wir liefen nicht bis ganz zur Schule, sondern links in einen kleinen Pfad, der sich Sportlerweg nannte und zum Neuen Sportplatz führte.
Und als wir näher kamen, kapierte ich auch endlich, warum wir im Dorf keine Menschenseele gesehen hatten.
Die waren alle hier!
Zwischen zwei Fußballtoren wurde gewerkelt und gehämmert. Ein Trupp von vielleicht zwanzig Männern war sehr beschäftigt. Sie trugen große bunte Holzwände und Werkzeuge hin und her und schwangen sich auf die Karussellgerüste, um irgendwo etwas anzuschrauben oder festzuhämmern.
Sie fluchten laut und machten Witze dabei, und ich musste grinsen und hatte das Gefühl, sie taten es nicht nur für sich.
Rund um den Sportplatz hatte sich tatsächlich halb Waldburgen versammelt. Alles, was Moped fahren konnte, knatterte um den Platz.
»Rumfahren – das ist hier eins der wenigen Hobbys, die du haben kannst«, erklärte mir Ann. »Über die Äcker preschen und durchs Dorf. Es ist ja auch sonst nichts los. Die meisten geben ihr Jugendweihegeld für ein Moped oder einen Roller aus.«
Die Jüngeren standen mit zwischen die Beine geklemmten Rädern herum und starrten auf die Baustelle. Die beiden Gruftis aus meiner Klasse lehnten im Schatten am Stamm einer Kastanie. Leider entdeckte ich auch Tommy.
Er bockte gerade seinen Roller auf und ging auf einen anderen Typen zu. Sie grüßten sich lauthals. Als wir näher kamen, drehten sich ein paar um und starrten uns ungeniert an. Axel klammerte sich wieder an Anns Bein.
Wir blieben an einem der Fußballtore stehen und schauten beim Aufbauen zu. Leider blieben wir nicht lange ungestört. Tommy Rothenburg und der andere Typ pflügten sich bereits durch die Menge. Mit einem eindeutigen Ziel: wir. Automatisch rastete etwas in mir ein und ballte sich zur Faust.
»Wer ist das neben Tommy Rothenburg?«, fragte ich.
»Ringo Kessler«, sagte Ann.
»Der geht in unsere Klasse«, sagte Lizzie, die sich wieder ihre Schuhe band. »Hat coole Muckis, aber im Kopf ist leider nur Flachland. Sein Wortschatz besteht zu siebzig Prozent aus dem Wort
Alter.«»Und die restlichen dreißig Prozent?«
»
Keene Ahnung und Bist du schwul? und Hau ab, Mann«, sagte Lizzie von unten wie aus der Pistole geschossen.»Das ist typisch für Tommy«, sagte Ann kalt. »Der sucht sich genau solche Typen für seine Garde. Stark, aber doof. Ehrlich: Wenn Ringo Kessler eine Fliege verschluckt, dann hat er mehr Verstand im Bauch als im Hirn.«
Und wie zur Bestätigung fing dieser Ringo an zu grölen:
»Ey, Alter, hat hier irgendjemand die Freakshow bestellt?«
Er sah mich dabei an.
Tommy johlte in demselben Tonfall: »Hat euch das fette Gebirge mal eine Stunde Ausgang gegeben?«
Ich fühlte, wie meine Muskeln sich anspannten, da kam Lizzie wieder vom Boden hoch. Mit einer geschmeidigenBewegung trat sie nach vorn und stellte sich vor uns alle.
Dann sagte sie mit einer Stimme, bei der selbst ein Gefrierschrank zusammengeschmolzen wäre: »Ringo, würdest du mir vielleicht einen Gefallen tun?«
»Oh, Lizzie«, stotterte der und starrte Lizzie an wie vom Licht geblendet. »Ich hab ja nicht gesehen, dass du … dass du auch …«
»Würdest du …«, sagte Lizzie, trat noch einen weiteren Schritt vor und legte Ringo dann kurz die Hand auf den Arm, »… und dein Freund Tommy vielleicht auch …«, und dann wendete sie sich mit demselben Lächeln an Tommy Rothenburg, der puterrot anlief, »… könntet ihr
beide vielleicht hier stehen bleiben und bis zehn zählen? – Wir bräuchten mal eine Stunde Ruhe.«Dann kam sie wieder zwei Schritte zu uns zurück, warf den beiden Jungs noch eine Kusshand zu, nahm Ann am Arm, und wir liefen an ihnen vorbei zur anderen Seite des Platzes. Die beiden sagten nichts, standen nur da und starrten uns hinterher.
»Wie hast du das gemacht?«, fragte ich entgeistert.
»Wieso stehen die so blöd da wie zwei Senfeier? Haben die nicht kapiert, dass du sie verarscht hast?«
Lizzie winkte nur ab. »Die können nur spontan reagieren, wenn du sie anbrüllst. Außerdem ist Ringo Kessler wirklich
ein Knalli. Der fängt am Montag an zu lachen, wenn du ihm am Freitag einen Witz erzählt hast.«Es war der kleinste Rummel, den ich je gesehen hatte.
Ein Riesenrad, das der Ehrlichkeit halber das Wort
Riesen aus seinem Namen streichen müsste, war schon fertig aufgebaut. Daneben stand eine winzige Autoscooterbahn, und für die ganz Kleinen montierten sie gerade ein Karussell aus Elefanten, Pferden und Maikäfern zusammen. Fünf Buden komplettierten diesen Rummel.Axel hatte Ann losgelassen und stand jetzt Hand in Hand mit Denise. Er bohrte in der Nase, und beide starrten fasziniert auf den blauen Elefanten, den ein junger Typ mit kurzem schwarzem Haar herbeischleppte und in die Bahn einpasste. Er trug ein lustiges kurzärmeliges Hemd mit schrägen blauen Streifen. Während er arbeitete, beantwortete er die Fragen der Kinder, die sich um ihn versammelt hatten. Sie schienen ihn nicht zu stören, er sah fröhlich und entspannt aus. Überhaupt wirkte die ganze Rummelcrew so. Cool. Ich drehte mich zu Lizzie und Ann um, und Ann zwinkerte mir zu.
Lizzie schien nicht mehr ganz unter uns zu sein. Sie stand völlig in sich versunken da und starrte ebenfalls fasziniert auf den Elefanten. Das heißt, eigentlich starrte sie daneben: auf den schwarzhaarigen Typen.
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Nach ein paar Minuten lösten sich die Zwerge aus unserer Mitte und begannen, auf dem Platz hin und her zu rennen, sich hinter den Buden zu verstecken und Fangen zu spielen. Sie standen den Aufbauern im Weg herum, aber da waren noch mehr Kinder, die genau dasselbe machten, und die Aufbauer lachten und schienen das gewohnt zu sein.
Lizzie lehnte im Schatten einer Bude, die morgen Zuckerwatte verkaufen würde, wie die glitzernden, flamingofarbenen Buchstaben verrieten. Der Typ war jetzt dabei, einen großen Maikäfer in das Kinderkarussell einzupassen.
Dann sah er zu Lizzie herüber, stockte, fuhr sich nervös durchs Haar, Lizzie schaute ebenfalls, und die Luft schien plötzlich zu brutzeln.
»Oh, oh«, sagte Ann. »Ich höre Amors Pfeil heranschwirren.
« Lizzie ging aber seltsamerweise nicht näher an das Karussell, sondern zog sich tiefer in den Schatten der Bude zurück. Der Junge machte weiter, sah aber immer wieder zu Lizzie hin.
Jemand stellte riesige Boxen auf, ein anderer schraubte Lautsprecher an die Buden und Karussells. Ein paar Jungs aus der Achten beschwerten sich, dass die Autoscooterbahn viel zu klein sei. Schließlich waren die Karussells fertig aufgebaut. Die Buden standen. Vor den Buden parkten Jeeps mit Anhängern, und Männer mit Cowboyhüten schoben Kartons und Kisten über die Budentheken. In der Mitte des Sportplatzes wurde jetzt ein Pfahl errichtet, der höher als alles, höher sogar als das kleine Riesenrad war und von dem aus lauter lange Schnüre mit Hunderten Glühlampen in alle Richtungen gespannt wurden. Wenn man die alle anmachte, würde der Platz so aussehen, als hätte er ein Dach aus farbigem Licht. Erst jetzt merkte ich, dass die Dämmerung längst gekommen war.
»Es wäre echt cool, wenn sie die Beleuchtung oder die Musik testen würden!«
Und als hätte irgendwer mich gehört, passierte es.
Es klang, als würde jemand einen riesigen Schalter umlegen.
Es knirschte, knarzte, rauschte in den Boxen und Lautsprechern, dann flammten alle Lichter auf, blau, rot, grün, gelb, und nicht nur die ganz kleinen Kinder schrien begeistert auf. Die Musik sprang an. September brüllte Cry for you
über den Platz in die Lichter und in die Dunkelheit dahinter, in die dichten Bäume, und ich fühlte, wie mir der Rhythmus direkt in die Füße schoss, meine Zehen zum Zucken brachte und die Mundwinkel anhob, und hatte doch zugleich ein unangenehmes Schule-Gefühl, so als würde DJane Cindy wieder auflegen.Das brachte mich zum Grinsen. Nie hätte ich gedacht, dass Musik mich mal an Schule denken lassen würde. September war jetzt beim ersten Refrain angekommen, die Lampen leuchteten, die Autoscooterbahn gab ein Heulen von sich, und ich fing gerade an, wie Ann und all die anderen um uns herum mitzubrüllen, You never see me agaaaaaaaiiiin …, als sich plötzlich das Licht veränderte, merkwürdig hell wurde, und alle nach oben sahen, in diese bunten Lampen, die den ganzen Platz überstrahlten und heller wurden, immer heller, viel zu –
Dann gab es einen Knall, und Septembers Stimme erstarb, als hätte jemand sie erschossen. Im selben Augenblick war es finster. Nicht einfach nur abenddunkel, wie sonst auch, nein, stockfinster – denn die Straßenlampen waren ebenfalls erloschen.
Einen – wie mir vorkam – unendlich langen Moment war es erschreckend still, so als hätten alle um uns herum den Atem angehalten. Und dann schrie ein kleines Mädchen: »Stromausfall! Es ist Stromausfall!« Es klang aber eher, als würde sie schreien: »Lauft! Lauft um euer Leben!«
Ich wollte gerade was Witziges zu Ann sagen, als ich das Getrappel hörte. Hektisches Getrappel von Füßen um uns herum. Taschenlampen und Handylichter wurden hastig angeschaltet. Und dann fingen die Waldburgener an, sich beim Namen zu rufen. Sie riefen ihre Familie zusammen, Geschwister und Freunde. Und alle, die irgendwie zusammengehörten, sammelten sich. Sie griffen sich fest an den Händen und rannten los. Um nicht zu sagen: Sie stoben davon. Es dauerte nur Sekunden. Dann war der Platz leer. Nur ein paar Fahrräder lagen noch da, wie ich im Schein meines Handylichts erkannte. Es war geradezu gespenstisch.
Außer der Rummelcrew und uns war niemand mehr da.
Und da kroch auf einmal ein unangenehmes Gefühl in mir hoch. Im selben Moment klingelte ein Handy, und ich hörte, wie Ann antwortete: »Ja, ja, wir sind schon unterwegs. Nein, es fehlt keiner. Mach dir keine Sorgen! Wir sind in drei Minuten da.«
»Wo sind die Zwerge?«, fragte Lizzie. »Wir müssen nach Hause.«
»Aber …«, wollte ich protestieren.
»Sofort!«, sagte jetzt auch Ann, und ihr Tonfall duldete keinen Widerspruch. »Denise, Axel?«, rief sie. »Kommt zu mir! – Franka, leuchte mich an!« Ich richtete das Handylicht auf Anns Gesicht, und dann hörten wir, wie Denise und Axel aus dem Dunkel angetrippelt kamen. Eine kleine Hand griff nach meiner und hielt sich an mir fest, und ich brauchte das Licht nicht nach unten zu richten, um zu wissen, dass es Axel war.
»Okay«, sagte Lizzie. »Sind wir vollzählig?«
»Alle da«, sagte Ann. »Gebt mir eure Handys«, sagte sie zu Lizzie und mir. »Franka, du bist stärker als ich, du trägst Axel. Lizzie und ich werden uns abwechseln, Denise zu tragen. Ich leuchte uns erst mal den Weg. – Denise, pass auf, hab keine Angst, wir werden dich jetzt anfassen und hochheben, ja?« Denise nickte.
»Sie können doch selber laufen«, wagte ich einzuwerfen.
»Es sind doch keine Babys mehr.«
»Wir müssen so schnell wie möglich nach Hause!«, schnitt Lizzie mir das Wort ab.
»Was ist denn bloß mit euch los? Hier ist es doch viel interessanter!«
Ich hörte, wie die Aufbauer leise miteinander redeten.
Ich schnappte das Wort »Stromüberlastung« auf und hatte absolut keine Lust, jetzt nach Hause zu gehen.
»Hast du Axel?«, wollte Lizzie wissen.
»Eye, eye, Käpt’n«, sagte ich und hob den kleinen Racker hoch, so dass er auf meiner Hüfte saß und sich an meinem Hals festhalten konnte.
»Dann los«, sagte Ann und stürmte davon. Die zwei zitternden Lichtkreise entfernten sich immer schneller.
Ich hatte nicht gewusst, dass wir rennen würden. Aber als auch Lizzie lospreschte, umfasste ich Axel fester, flüsterte ihm noch mal ins Ohr: »Halt dich gut fest, okay? Ich bin jetzt dein Rennpferd!«, und dann stürzte ich hinterher.
(...)
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