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Das Seiende im
Ganzen
(aus: Selbsterniedrigung
durch Spazierengehen,
Essays, 2002, S. Fischer)
(...)
Die Stimme meines achtjährigen Sohns klang so verzweifelt am Telephon, daß
ich, als ich im Büro gegen zwei Uhr nachmittags über irgendwelchen
Ausarbeitungen saß und erwartungsfroh das klingelnde Handy aus der Jackentasche
gefummelt hatte, im ersten Moment dachte, es sei etwas wirklich Schlimmes
passiert. "Papa, mir ist so langweilig", sagte er mit einer
Traurigkeit, die etwas Ernsterem angemessen gewesen wäre und obwohl ich
erleichtert war, daß es nur darum ging, sah ich ihn sekundenlang als den
Prinzen eines verregneten Frühnachmittagsreichs, das sich in endlosen Weiten
jetzt vor uns beiden in unauslotbare Zeittiefen dehnte, wie er zuhause gleichsam
mit verrutschter Krone auf dem Wohnzimmersofa saß, in die tropfenden Zweige des
Gartens starrte ("J'ai plus de souvenirs que si j'avais mille ans"
heißt es in Baudelaires "Fleurs du Mal") und ich wußte wieder, wie
entsetzlich es sein kann, wenn einem mit acht Jahren langweilig ist.
Es war ja eigentlich nichts. Er war ein bißchen müde von der Schule und vom
Mittagessen. Er würde jetzt gleich seine Hausaufgaben machen müssen. Sein
bester Freund konnte heute nachmittag nicht zu ihm kommen. Seine Mutter war mit
irgendetwas beschäftigt. Man würde den ganzen Nachmittag lang unmöglich
Fußball spielen können. Es war eigentlich nichts, aber es war in Wirklichkeit
Das Nichts, dem sich mein Sohn an diesem Tag gegenübersah und plötzlich graute
es mir in meinem Büro auch und ich sah den Regen vor dem Fenster und das Leben
überhaupt einen Moment lang mit seinen achtjährigen Augen.
Es ist, was wir Erwachsenen längst vergessen haben, offenbar sowieso alles
andere als einfach, acht Jahre alt zu sein. Mein Sohn jedenfalls ist imstande,
sich über sein Alter regelrecht zu beklagen. Sieben sei in Ordnung gewesen, hat
er in der letzten Zeit mehrmals festgestellt, neun wäre wahrscheinlich auch OK,
aber acht Jahre alt sei er wirklich nicht gerne. Acht sei überhaupt ein blöde
Zahl und sehe auch richtig blöd aus: so schlangenartig. Und je öfter ich mit
anderen Eltern über dieses Unbehagen meines Sohnes an seinem Alter und an
seinem Platz in der Welt spreche, desto häufiger erfahre ich, daß auch andere
Kinder zu Beginn ihrer Schulzeit seltsame existentielle Krisen durchmachen:
schwer erklärliche Anfälle von Unsicherheit, Zeiten des Brütens, der Angst,
der Manie und der Stumpfheit. Es ist, wenn man einen Augenblick lang nachdenkt,
auch gar nicht so schwer zu verstehen. Man ist mit acht kein kleines Kind mehr,
aber auch noch kein großes. Man kann noch nicht umgehen mit den Tröstungen und
Privilegien, die großen Kindern oder Erwachsenen zur Verfügung stehen und doch
braucht man sie schon (ein Grund für die grassierende Besessenheit durch
künstliche und käufliche Spielzeuguniversen in dieser Altersgruppe: "Star
Wars", "Pokemon", "Barbie", "Lego Technic").
Es wird plötzlich etwas verlangt von einem. Es reicht nicht mehr, einfach nur
dazusein. Es ist fast so etwas wie eine kleine, vorzeitige, kurze und dann
scheinbar folgenlos doch noch einmal vorübergehende Pubertät.
Aber irgendwie kann es nur daran auch nicht liegen, daß beispielsweise kleine
Mädchen aus denkbar glücklichen, vollständigen und wohlsituierten Familien in
diesem Alter die Gewohnheit annehmen, mitten in der Nacht aufzustehen und
schlaflos die Wohnung zu durchstreifen, um zu kontrollieren und sicherzustellen,
daß nicht Brände aus- oder Räuber einbrechen; daß andere Kinder düstere
Ängste vor dem bevorstehenden Untergang der Welt und der Ankunft
unbestimmt-fürchterlicher außerirdischer Mächte äußern. Manche Sieben- oder
Achtjährigen brauchen, nachdem sie in schon fast erwachsener Weise selbständig
schienen, plötzlich wieder soviel elterliche Zuwendung wie Dreijährige;
erleben Perioden des Bettnässens; essen schlecht. Und allen ist, nachdem sie
jahrelang interessierte, vielbeschäftigte, geistesgegenwärtige Drei-, Vier-,
Fünf- und Sechsjährige waren, auf einmal in einer fürchterlichen und
existentiellen Weise fad: "Papa, mir ist so langweilig!"
Der Einbruch des ennui in die Welt achtjähriger Kinder ist ennervierend und
manchmal qualvoll für sie und ihre Eltern. Überhaupt gibt es, von
körperlichen Schmerzen abgesehen, eigentlich wenige Zustände, die unangenehmer
sind als die Langeweile. Und es ist eine bisher wohl noch überhaupt nicht
untersuchte Frage, welche Folgen es auf die Verfassung und den Zustand unserer
modernen Gemeinwesen und unserer systemisch ausdifferenzierten Wirtschaft hat,
daß deren Verwaltung vor allem mithilfe dieser so furchtbar langweiligen
Sitzungen bewerkstelligt werden muß: Komitteesitzungen, Vorstandsitzungen,
Abteilungsleitersitzungen, Kabinettsitzungen, Zentralkomitteesitzungen,
Sektionssitzungen - Veranstaltungen, über deren entsetzliche, zerknirschende,
gottlose Langweiligkeit sich der Außenstehende meist keine angemessene
Vorstellung macht. "Historiker werden noch in ferner Zukunft dicke Bücher
schreiben", sagt der Held der fiktiven Stalin-Memoiren von Richard Lourie,
eines des besten Bücher über die modernen Formen der Machtausübung, "und
zu ergründen suchen, warum Leo Trotzki nach Lenins Tod den Machtkampf gegen
Stalin verloren hat. Sie werden Dutzende, gar Hunderte von Erklärungen finden,
doch es gibt im Grunde nur eine: Trotzki hat Langeweile gehaßt, und Stalin hat
sie geliebt. Die Fähigkeit, zur Not mehr und immer noch mehr Stumpfsinn zu
ertragen, ist das große Geheimnis meines Erfolges. Nach der Revolution habe ich
die fadesten und langweiligsten Posten übernommen, wurde unter anderem Leiter
des Organisationsbüros, kurz Orgbüro genannt, und war damit eine Art
Personalchef. Für Männer wie Trotzki war diese stille, glanzlose Arbeit der
reine Stumpfsinn. Wer will schon in einem kalten, düsteren Zimmer sitzen und
Karteikarten sortieren, nicht wahr? Nun, ich zum Beispiel. Weil ich wußte, daß
jede Beförderung, die ich aussprach, mir mittel- und langfristig einen
Verbündeten gewinnen würde, der sich bei entscheidenden Abstimmungen
erkenntlich zeigen konnte. Und ich habe bewußt die neuen Genossen befördert,
die ungehobelten, ehrgeizigen, rachsüchtigen jungen Leute, durch Welten von den
bärtigen alten bolschwistischen Bücherwürmern getrennt."
Es wäre jedoch ein Irrtum anzunehmen, daß allein die Macht über totalitäre
Apparate vor allem durch die Fähigkeit erworben wird, still dasitzend
fegfeuerhaft ausgedehnte Zeitspannen schierer Langeweile zu ertragen, derlei
vielleicht sogar genießen zu können. Auch demokratische Politiker und Manager
der Marktwirtschaft müssen das können. Und am Wochenende, zuhause im
Wahlkreis, sind dann noch Frühschoppen absolvieren, Weinköniginnen zu küssen,
Honoratiorenabende zu besuchen. Eine Art Gehirntod bei lebendigem Leibe ist der
Seelenzustand moderner Machtausübung, ein Koma, aus dem es allerdings
reptilienhaft blitzschnell zu erwachen und richtig zu reagieren gilt, wenn die
Diskussionen und Dinge jene entscheidene Wendung nehmen, die die eigene
Machtstellung gefährden könnte. Diese schwebende Aufmerksamkeit im Sumpf der
sich eozänweit dehnenden Langeweile ist es wahrscheinlich, die vielen an sich
intelligenten, gutwilligen und integren Menschen, die mit hochmögenden
Aspirationen sich in politischen Apparaten engagieren, nach einem oder zwei
Jahrzehnten der Machtteilhabe dann jene krokodilshafte Anmutung verleiht.
(...)
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