Der Fluch der Dogon von Christof Wackernagel, 2011, Nautilus

Christof Wackernagel

Der Fluch der Dogon
(Leseprobe aus: Der Fluch der Dogon, Roman, 2011, Edition Nautilus).

Die Verschiebung

Die Nachmittagssonne flimmerte verschwommen über der

Rue Nelson Mandela in Bamakos Stadtteil Hippodrome.

Obwohl bereits der Feierabendverkehr eingesetzt hatte

und zahlreiche Mopeds und Motorräder über den Asphalt

rollten, vor allem die schicken Djakartas mit ihren noch

schickeren Fahrerinnen, deren schwarze Haare im Wind

wehten, und die, fest den Lenker umklammernd, in der

einen Hand auch noch ihr Täschchen, in der anderen ihr

Handy hielten; obwohl bereits viele grün bemalte Minibusse

des Nahverkehrs mit ihrem schwarzen Auspuffqualm

den vom ständigen Wind hochgewirbelten feinen Sandstaub

zu einer Smogmischung verdichteten, die bei Anwendung

deutscher Feinstaubverordnungen für Großstädte

zur sofortigen Einstellung des gesamten Verkehrs geführt

hätten; und obwohl bereits fabrikneue Luxuslimousinen

neben verbeulten Schrottmühlen das Ganze zu einer einzigen

Schlange machten, die nur noch träge vor sich hin

kroch, fegte ungerührt von alldem eine Putzkolonne von

fünf Arbeitern und Arbeiterinnen den Straßenrand und

erhöhte damit die Unfallgefahr der sich halsbrecherisch

zwischen den Autos durchschlängelnden Mopeds und Motorräder,

im Volksmund motos genannt.

Die Arbeiter trugen allesamt eine blassblaue, orange gesäumte,

sackartige Arbeitsuniform, dunkelblauen Mundschutz,

wie man ihn auf den Nachtflügen nach Bamako

von den Flugbegleitern als Augenschutz bekam, und kehrten

mit dicken, feinfaserigen Reisigbüscheln, die mit Draht

am unteren Ende ihrer Besenstangen befestigt waren. Sie

wirbelten den Sand und Staub der Straße damit mehr auf,

als dass sie ihn auf kleine Häufchen zusammentrugen,

die von den immer wieder heftig aufbrausenden Windböen

oft schon abgetragen waren, bevor die beiden der

Kolonne folgenden Kollegen die übrig gebliebenen Häuflein

Staub mit Schaufeln in ihre Eimer verfrachten konnten.

Auch wenn ihre Münder verdeckt waren, konnte man

doch in den Augen dieser sanften Enkel des Sisyphus

ein mildes Lächeln erkennen – als ob die ganze Hektik

der Rushhour nur eine neuzeitliche Geistererscheinung

sei.

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