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Gadhafi läßt
bitten
(Leseprobe aus: Gadhafi läßt bitten,
Novelle, 2002,
Zu
Klampen)
Eine Einladung, die einer
Aufforderung gleichkommt, flattert der Vorsitzenden des deutschen
Libyen-Solidaritätskomitees auf den Tisch. Binnen 24 Stunden möge sie sich zu
den Revolutionsfeierlichkeiten in Tripolis einfinden, vorher allerdings noch
flink eine Abordnung Deutscher zusammenstellen, die sie dabei begleiten solle.
Überstürzte Vorbereitungen, hastige Telefonate. Zuletzt besteigt eine Handvoll
»Delegierter« das Flugzeug. Ankunft Flughafen Tripolis, rätselhafte
Einreiseprozeduren, einige bange Momente... Transfer zum ersten Haus am Platze.
Von da an folgt die Reise einer undurchschaubaren, dennoch ausgeklügelten,
straffen Dramaturgie. Wie sich die streitbare Libyen-Veteranin, der
allemannische Alternative, der aufrechte Häuserkämpfer, der bärtige
Bilderbuch-Anarchist und der distanzierte Erzähler-Beobachter mit der zugleich
restriktiven wie pompösen Agenda des Obersten Revolutionsrats arrangieren, ergäbe
allein schon Stoff für ein parodistisches Kabinettstück.
Nächster Schauplatz: Sirt. Dort nämlich, munkelte man, werde ER persönlich zu
den Revolutionsfeierlichkeiten im neuerbauten High-Tech-Kongreßzentrum
einfliegen. Warten auf IHN inmitten zahlloser einheimischer Würdenträger, aus
aller Welt angereister Repräsentanten revolutionärer Befreiungsbewegungen, Künstler
und Revolutionstouristen. Gadhafi läßt bitten und inszeniert seinen Einzug
just in dem Moment, als die erwartungsvolle Stimmung im Saal zu kippen droht.
Die Schilderung der anschließenden megalomanischen Veranstaltung - der
Verleihung des Großen Ordens der libyschen Revolution - während derer Gadhafi
einmal ganz als selbstherrlicher Despot, einmal als verkindschter Trotzkopf
erscheint, findet ihren Höhepunkt, als unvermutet ein Mitglied der kleinen
deutschen Abordnung aufgerufen wird.....
Abseits der Bizarrerie staatlicher Repräsentation bleibt dem Erzähler immer
wieder Gelegenheit, die Verhältnisse des ehemaligen »Schurkenstaates Nr. 1«
miniaturhaft zu erhellen: der unübersehbare Wohlstand der Bevölkerung; die
fast sprichwörtliche arabische Gastfreundschaft; Dissens und Machtkämpfe
innerhalb der Nomenklatura; die von offizieller Seite vorangetriebene Säkularisierung
der Gesellschaft; die egalitären Bemühungen - und dies mit einem kritischen
Seitenhieb auf andere arabische Staaten -; aber auch die religiösen und
kulturellen Traditionen, die ihre Nischen im Privaten gefunden haben. Ironisch,
manchmal schreiend komisch, jedoch stets mit ungetrübtem Blick, der neben allem
Parodistischen, das den Jubelfeierlichkeiten anhängt, die gesellschaftlichen
Gegebenheiten abseits gängiger Politklischees ins Visier nimmt.
Rezension I Buchbestellung IV03 LYRIKwelt © Zu Klampen