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Schädelernte
(Leseprobe aus:
Schädelernte, Roman,
2009,
litradukt - Übertragung
Peter Trier).
Ein kleines, zerklüftetes Land aus Hügeln,
Tälern und Seen, heute verwandelt in ein Land der Mühsal und der Knochenhaufen.
In dem bis dahin kaum giftigen Land, das isoliert in seiner Bergfestung lag,
beschleunigt sich ab 1959 oder jedenfalls bald darauf alles. Das Unglück tanzt
und hüpft am Arm der Geschichte. Über die in ihre dichte Finsternis gekleideten
Hügel brechen die Rindermilizen herein, die sich zwischen Stängelgewirr,
wucherndem Geäst und verschlungenen Lianen ihren Weg bahnen. Eine Schädelernte
bereitet sich vor, ein Theater, das einem Augen und Kopf verdirbt, wenn man noch
einen hat, ob nun etwas drin ist oder nicht. König Gerücht mobilisiert alle,
stürzt uns in den Schlamm, wo es am heftigsten gärt. Wer nichts sagt, stimmt
voll zu. Eine Kathedrale aus Blut und Asche zeichnet sich ab, eine Kathedrale,
die der tausend Kirchengemeinden unseres Landes oder der Kathedrale unserer
Freunde im Vatikan würdig wäre. Eine magnetisierte Kathedrale, die die
Flüchtigen und die Verrräter anzieht wie die Kirche der Heiligen Familie,
meisterlich geleitet von dem guten Pater Wenceslas Munyesyaka. Einstweilen ist
die Oberfläche glatt, Windstille, die UNO pfeift darauf, Kofi Annan zuckt
angesichts der Kriegstreiber mit den Schultern. Bah, wir haben weder auf dem
Messias noch auf dem Wunderheiler gewartet! Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu
sehen.
Dennoch…
Ladungen von funkelnagelneuen Macheten, billig in China gekauft, kommen jeden
Tag am Flughafen von Kanombé an. Wir werden sie abladen und dabei den Kakerlaken
einen heißen Tanz versprechen, wie man ihn in Afrika noch nicht gesehen hat. Auf
ex, wir stürzen das Mutzig-Bier und den kubanischen Rum hinunter. Mit
angespannten Muskeln wischen wir uns das Gesicht ab und lauschen den
stimulierenden, ausschließlich für das empfängliche Herz des Ackerbauernvolkes
bestimmten Worten von Simon Bikindi, bevor wir die Kisten in die Lastwagen
verladen, welche kreuz und quer über die sieben Hügel der Hauptstadt und in alle
Bezirkshaupstädte fahren werden. Unter dem Banner von Chefs, deren Stirn stets
in zornigen Falten liegt, kauen wir ungeduldig an den Nägeln, während wir darauf
warten, über die zweiköpfigen Schlangen hereinzubrechen, diese Leprakranken, die
aus dem Leben verbannt gehören. Alle Männer und Frauen mit schmächtigen Hälsen,
Föten inbegriffen, werden unermüdlich gesucht. Sie sind geliefert. Drücken wir
uns konkret aus, wir brauchen hier keine Samthandschuhe, das Spiel ist aus für
sie. Im Land der Bibel werden sie um die Ecke gebracht wie Lämmer, dieses Pack
das schlimmer ist als Exkremente. Auch wenn sie schon zerquetscht oder
gevierteilt sind, können wir noch nicht glauben, dass sie tot sind, also kommen
wir zurück und geben ihnen mit irgendetwas den Rest: Machete, Haumesser,
Knüppel, Keule, Kalaschnikow, Sichel, Beil, Stein, dicker Stock, Baumstamm,
Eisenstange, Bajonett, Rute, Pfahl, Kugel, Gewehrkolben, brennender Reifen,
Ziegelstein. Wir machen uns singend auf den Rückweg. Sie können nicht einmal auf
dem Nyabarongofluss nach Äthiopien zurück, wir lassen ihnen nicht die Zeit dazu.
Das Gesindel wird vollständig ausgerottet. Man wird nie wieder gestern, früher,
morgen sagen. Nie wieder wird man, ausgehend von einem naiven oder arroganten
„Es war einmal“ eine Geschichte spinnen. Nie wieder wird man sagen berühr mich
da, an der Stelle des Kopfes, der Stelle der Brust, der Stelle des Bauches. Aber
wo ist mein Kopf? Wo ist mein Körper? Warum ist es überall um mich herum so
leer? Der einzige visuelle Kontakt ist ein tiefer Himmel, der keinem anderen
gleicht. Nichts wird mehr die Karte der Geschmäcker, die Karte der Schmerzen und
die der Gewissensbisse trennen. Die Vollendung der Arbeit verfolgt uns, falls
wir jemals die Augen schließen. Wir hatten uns mit dem Feuer aus den Tiefen
verbündet. Um uns herum ist es überall dunkel und kalt. Überall in der Stadt
waren Stützpunkte eingerichtet, wir hatten Angst vor dem Feuer der bewaffneten
Kakerlaken. Es gab ein Komplott gegen unser Volk, das Pulverfass war bereit, es
fehlte nur noch die Lunte zum Anzünden. Wir mussten einen Gegenangriff starten,
schneller laufen als der Blitz, eine rückwärtige Basis für die Frauen, Kinder
und Gebrechlichen einrichten. Das war das Tribunal der Heiligen Inquisition. Ich
habe den Namen und den Standort der letzten Sperre und die Zahl der
Eingesickerten vergessen. Ich nur drei Welpen getötet, nicht der Rede wert, das
ist alles. Nein, jetzt weiß ich’s wieder, das war vor dem Christuszentrum Remera.
Wir haben im Radio den heißen Patriotismus in den Stimmen von Kantano Habimana
und Valérie Bemeriki gehört. Oh Bene Sebahinzi, Vater der Ackerbauern, komm mir
zu Hilfe. Nein, keine Reue, keine Tränen. So was wollen wir bei uns nicht. Es
ist ganz einfach. Es war die Sintflut, ein Wind des Irrsinns, den der Teufel
geschickt hat, um uns auf den krummen Weg zu bringen. Mir geht es nicht gut, ich
schäme mich, Ihnen das zu sagen, das ist verständlich. Meine Gedärme sind nicht
in Ordnung, mir kommt der Eiter hoch bis in den Mund. Ich bin ein verfaulender
Erdbrocken. Ich werde enden wie mein Bruder Jean-Bosco oder wie der andere,
Paterne, der nichts mehr sieht.
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