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Das ewige Leben der Albaner
(Leseprobe aus: Das ewige Leben der
Albaner, Roman,
2007, Zsolnay -
Übertragung Karin Fleischanderl)
Albanien ist das Land, wo keiner stirbt.
Gestärkt von endlosen
Stunden bei Tisch, bewässert vom Raki und desinfiziert vom
Peperoni in den allgegenwärtigen eingelegten Oliven, werden die
Körper hier so robust, daß ihnen nichts mehr etwas anhaben kann.
Die Wirbelsäule ist aus Eisen. Man kann mit ihr machen, was man
will. Geht sie kaputt, läßt sie sich wieder reparieren. Das Herz
wiederum kann verfetten, nekrotisieren, einen Infarkt, eine
Thrombose oder sonstwas erleiden, hält aber dennoch heldenhaft
stand. Wir befinden uns in Albanien, hier versteht man keinen Spaß.
Aus Staub und Schlamm besteht dieses Land, und die Sonne brennt
derart, daß die Blätter der Weinstöcke rostig werden und die
Vernunft dahinschmilzt. Das hat einen (wie ich fürchte,
unvermeidlichen) Nebeneffekt: den Größenwahn, der in dieser
Vegetation gedeiht wie Unkraut. Und aus diesem Grund gibt es hier
auch keine Angst, sofern das nicht an der Form des schiefen, flachen
Schädels liegt – Sitz von Gleichgültigkeit, wenn nicht gar
Gewissenlosigkeit.
Das Wort Angst hat hier keine Bedeutung. An den Augen der
Albaner erkennt man sofort, daß sie unsterblich sind. Der Tod ist
etwas, das nichts mit ihnen zu tun hat.
Im Sommer erhebt der Morgen um fünf Uhr das Haupt. Um sieben
trinken die Alten bereits den ersten Kaffee. Die Jungen schlafen bis
Mittag. Gott hat beschlossen, daß die Zeit in diesem Land so
angenehm wie nur möglich vergehen soll, wie ein Schluck starker
Kaffee auf der Terrasse der Bar gleich um die Ecke, während du die
Beine eines schönen Mädchens betrachtest, das dich keines Blickes
würdigt.
Der heiße Kaffee fließt dir langsam die Speiseröhre hinunter und
wärmt dir die Zunge, das Herz und die Eingeweide. Das Leben ist gar
nicht so übel. Du genießt die schwarze, bittere Flüssigkeit, während
dir die Barbesitzerin, die gerade mit ihrem Mann gestritten hat, einen
wutentbrannten Blick zuwirft.
Es ist halb zwölf. Gott sei Dank liegt der ganze Tag noch vor dir, und
außerdem hast du jede Menge Zeit. Tausend Dinge kannst du tun,
tausend Dinge. Die Abenddämmerung ist noch in weiter Ferne.
Irgendwann kommt Xifo herein, reibt sich die rissigen Hände und
erzählt zum x-ten Mal, wie sein Herz und seine Leber zerquetscht
wurden, als handelte es sich um eine Legende, die nichts mit ihm zu
tun hat. Wie etwas, das wichtig, aber weit entfernt ist. Alles erscheint
übertrieben und verzerrt.
Dann fügt er leise, in verschwörerischem Tonfall hinzu: »Hast du
schon gehört? Unser Nachbar, Suzis Papa, ist gestern abend beim
Duschen gestorben. Er ist von der Arbeit nach Hause gekommen, hat
gegessen, ist unter die Dusche gegangen und gestorben.«
»O nein! Er war doch noch so jung, der Ärmste!«
»Tja, da kann man nichts machen, meine Liebe. Das Leben ist voller
Überraschungen.«
Auf diese Weise sterben die anderen.
So vergeht das Leben in einem Land, in dem alles (mit Ausnahme
dessen, was den anderen zustößt) ewig währt. Aber es gibt Dinge, die
den Leuten sogar noch näher sind als der Tod. Eines davon steht ohne
Übertreibung fast im Mittelpunkt ihres Lebens.
Die Rede ist vom Herumhuren.
Das Thema begeistert sie, läßt ihre Herzen höher schlagen (obwohl
sie auch aus nichtigeren Anlässen höher schlagen), es läßt sie
phantasieren wie im Fieberwahn. Es ist ihr ein und alles, es
interessiert Alt und Jung, Gebildete und Ungebildete.
Gewisse Regeln entstehen in der Mentalität eines Volkes auf ganz
natürliche Weise, sie wachsen wie die Blätter am Baum. Diese
Regeln beruhen bei uns allesamt auf einer einzigen Annahme: Ein
hübsches Mädchen ist eine Hure, ein häßliches – die Ärmste! – ist
keine.
In diesem Land muß ein Mädchen auf ihre Reinheit sehr aufpassen,
denn ein Mann wäscht sich mit einem Stück Seife und ist wie neu,
aber ein Mädchen wird nie wieder sauber, auch wenn sie sich mit
dem Wasser des Meeres wäscht. Des ganzen Meeres.
Wenn der Ehegatte aus geschäftlichen Gründen unterwegs war oder
im Gefängnis saß, sagte man zu seiner Frau, sie täte gut daran, sich
den Spalt zunähen zu lassen, damit er ganz sicher sein konnte, daß sie
auf ihn gewartet hatte und daß sie nur deshalb so eng geworden war,
weil sie ihn so schmerzlich vermißt hatte (in diesem Land haben
Männer einen ausgeprägten Sinn für Privateigentum).
Wenn ein hübsches Mädchen vorbeigeht, steigen von den Terrassen,
auf denen man in aller Ruhe den Tag genießt, hin und wieder
unterdrückte Seufzer auf, noch heißer als der Kaffee.
»Schau mal, wer da vorbeigeht!«
»Das meinst du doch nicht ernst! Du weißt doch, wie oft die sich hat
zunähen und die Naht wieder hat aufmachen lassen.«
Und mit wehem Herzen fahren sie fort: »Ach, Ingrid, Ingrid! Wer hat
dir gestern die Naht zwischen deinen süßen weißen Schenkeln
aufgetrennt? Komm, du Schöne, hinterher gebe ich dir das Geld,
damit du dich wieder zunähen lassen kannst.«
Auf der Straße gehen dir ihre Blicke durch und durch, so daß dein
Wesen ganz offen dazuliegen scheint. Sobald dieser Blick einmal in
dir drinnen ist, läßt er dich nicht mehr los. Zu Hause ging es in
derselben Tonart weiter: »Mach dir keine Sorgen«, sagt meine Tante,
»der Arzt wird schon feststellen, ob du noch Jungfrau bist oder
nicht.«
Sie durchbohrt mich mit ihrem drohenden Blick und stößt die Worte
zwischen den Zähnen hervor, und obwohl ich erst dreizehn bin und
noch nicht einmal gesehen habe, was die Männer in der Hose haben
(ein Geheimnis, das etwas mit dem Herumhuren zu tun hat), habe ich
das Gefühl, daß ich mit jeder Faser eine Hure bin. Der Blick meiner
Tante entehrt mich.
Starr vor Angst krieche ich ins Bett und denke: »Was soll ich tun,
wenn sie mich wirklich zum Arzt schickt und sich herausstellt, daß
ich von Natur aus keine Jungfrau bin, wie ein Kind, das ohne Hand,
taub, blind oder, schlimmer noch, ohne Liebe zur Mutter Partei zur
Welt gekommen ist?«
Der Schlaf überwältigte mich, während ich in Gedanken noch immer
die Tante anflehte, diese tragische Wahrheit, die uns so unvorbereitet
getroffen hatte, zu akzeptieren: »Ich schwöre dir, Tantchen, ich
schwöre, daß ich nichts Schlechtes getan habe. Ich bin so auf die
Welt gekommen. Glaub mir! Ich schwöre es dir!«
In diesem Land, in dem niemand stirbt, macht auch meine Tante
keine Ausnahme: Sie stirbt ebenfalls nicht.
Eine Vorstellung (von der ich noch niemals jemandem erzählt habe)
verfolgte mich. Vor dem Einschlafen träumte ich mit halboffenen
Augen von ihrem Begräbnis.
Ich sehe mich in einem schwarzen Schal (ein duftiges Spitzenkleid
wäre mir lieber gewesen), den ich um den Hals trage wie Madame
Bovary oder Anna Karenina. Ganz gewiß war ich blaß und weinte
hemmungslos, denn ich liebte sie ja sehr, aber der Wunsch, mich von
ihr zu befreien und ihren Wutanfällen, die immer nur mir galten, zu
entgehen, war einfach zu groß.
Da ich ohne Vater aufwuchs und offenbar hübsch war, wurde ich sehr
bald mit dem Thema des Herumhurens konfrontiert.
»Du wirst einmal eine große Hure werden, ja … ja.«
In der Stimme meiner Tante und meiner Cousine lag immer ein
leichtes Beben, fast als wollten sie sagen: »Tja, wir wissen
Bescheid«, und dabei schüttelten sie leicht den Kopf. »Aber wir sind
machtlos, wir haben uns dich ja nicht ausgesucht. Wir werden die
Schande runterschlucken wie Brot, was bleibt uns anderes übrig.
Eines Tages wirst du eben mit dickem Bauch nach Hause kommen.«
Meine Tante und meine Cousine setzten eine Leidensmiene auf, als
müßten sie genau in diesem Augenblick das mit Schande beschmierte
Brot runterschlucken, während mein Großvater schweigend seine
Tabakblätter rollte.
Der dicke Bauch war eine schreckliche Vorstellung. Kennen Sie die
Bilder von Bosch? Diese Angst, aus der der Wahnsinn spricht, und
die Leiber Verstoßener, dicht an dicht, wie Seelen in der Hölle? In
meiner Vorstellung sah ich es ganz genau. Einen braunen und
dunkelroten Bauch, vollgestopft mit lebendigen Dreckhäufchen,
deren Behausung ich war. Einen dicken Bauch kann man nirgendwo
verstecken, man kann ja nicht aus der Haut fahren. Du bist
gezeichnet. Der dicke Bauch bedeutete, daß man im Gebüsch
gevögelt hatte (für meine Tante und meine Cousine fanden heimliche
Vögeleien immer im Gebüsch statt, offenbar dem idealen Ort für
einen anonymen Fick); er bedeutete, daß man Würmer der Schande
nährte, einen Embryo durchfütterte, der deinen Körper entstellte und
deutlich machte, daß du gefickt hattest.
Selbst heute noch werde ich die Vorstellung nicht los: Eine
schwangere Frau=eine Frau, die im Gebüsch gevögelt worden ist.
Was hatten sie doch für ein Bedürfnis nach Tragödie! Mein ganzes
wunderbares Land dürstet nach Tragödie! Es erschafft sie aus dem
Nichts, so wie Gott uns aus einer Handvoll Staub geschaffen hat.
Wenn ich krank war, überschlugen sich alle vor Aufmerksamkeit. Sie
kamen ins Zimmer und flüsterten »Schätzchen«, und wenn sie wieder
hinausgingen, murmelten sie: »Armes Kind.«
Sie bereiteten köstliche Speisen für mich, ohne auch nur einen
Gedanken daran zu verschwenden, daß die Krankheit mir vielleicht
den Appetit verdorben hatte. Mein Blick liebkoste die Marmeladen,
die auf dem Nachtkästchen neben dem Bett standen, ich warf
sehnsüchtige Blicke auf die Fleischklößchen, aber mir war so übel,
daß ich mich vom Anblick solcher Verheißungen abwenden mußte.
Meine Mutter, meine Großmutter und meine Tante verwandelten sich
in die liebenswürdigsten Personen auf der Welt, und ich war mir
sicher, daß ich mit ihnen an meiner Seite, die mit fester Stimme ihre
Prophezeiungen von sich gaben, ganz sicher nicht sterben würde.
Wenn ich krank war, ging es mir immer gut. Ich wurde nicht
ausgeschimpft, ich mußte nicht mehr nach der Schule Kartoffeln
braten, ich durfte schlafen, so lange ich wollte, das Reisschälen, Korn
um Korn, blieb mir erspart, das Holz, das gehackt werden mußte,
verschwand, und merkwürdigerweise war ich auch keine Hure mehr.
Und zwar bis zum Tag der Genesung, dem verdammten Tag der
Genesung, an dem die Beschimpfungen wieder anfingen, ich erneut
eine Hure war und die Marmelade zum Trost an andere
Krankenbetten wanderte: Marmelade bekommt man nur, wenn man
mit einem Bein im Grab steht, sonst nicht.
In unserem geliebten Land, in dem man nie stirbt, in dem die Körper
so stark wie Blei sind, gibt es einen Spruch, einen weisen Spruch:
»Solange du lebst, hasse ich dich, sobald du tot bist, trauere ich um
dich.«
Dieses Sprichwort ist der Lebenssaft, der durch die Adern unseres
Landes fließt. Wenn du einmal gestorben bist, äußert niemand mehr
ein böses Wort über dich, ich würde sogar sagen, man denkt nicht
einmal mehr schlecht über dich. Der Tod wird respektiert.
(Den Respekt der Albaner muß man sich erarbeiten; sobald man im
Sterben liegt, nimmt er zu, wenn man tot ist, hat man ihn endgültig
errungen.)
Mit einem Mal besitzen die Männer alle guten Eigenschaften, die
Frauen alle Tugenden. Man beweint dich als einen wundervollen
Menschen. Der Groll
löste sich in Luft auf, und ich hörte, wie meine Tante genauso
überzeugt und im bebenden Ton der Prophezeiung, aber diesmal
voller Ergriffenheit eine andere Maxime unserer Heimat von sich
gab: »Die Deinen (womit dein Blut, deine Verwandten gemeint
waren) fressen dir zwar das Fleisch weg, heben jedoch deine
Knochen auf.«
Ich spürte, daß mein Land im Besitz einer großen Wahrheit war.
Rezension I Buchbestellung I home II07 LYRIKwelt © Zsolnay