Friedrich von Spee

Eingang zu disem BüchleinTrvtz-Nachtigal genandt

1.

Wan Morgenröt sich zieret
   Mitt zartern Rosenglantz,
Vnd gar sich dan verlieret
   Der Nächtlich Sternentantz:
Gleich lüstet mich spatziren
   Jn grünen LorberWald,
Alda dan Musiciren
   Die pfeifflein mannigfalt.

2.

Die Flügelreiche Schaaren,
   Das FederBürschlein zart
Jn süssem Schlag erfahren
   Noch kunst, noch athem spart:
Mitt Schnäblein wolgeschliffen
   Erklingens wunder fein,
Vnd frisch in Lufften schiffen
   Die schöne Mütterlein.

3.

Der grüne Wald ertönet
   Von krausem Vogelsang;
Mitt Stauden stoltz gekrönet
   Die Krufften geben klang:
Die Bächlein krumb geflochten
   Auch lieblich stimmen ein,
Von Steinlein angefochten
Gar süßlich sausen drein.

4.

Die sanffte Wind in Lufften
   Auch ihre Flügel schwach
An händen, Füß, vnd Hufften
   Erschüttlen mitt gemach:
Da sausen gleich an bäumen
   Die findgerührte Zweig,
 Zur Music sich nitt säumen;
   O woll der süssen Streich!

5.

Doch süsser noch erklinget
   Ein sonders Vögelein,
So sein gesang volbringet
   Bey Sonn- vnd Monetschein.
Trvtz-Nachtigal mitt Namen
   Es nunmehr wird genandt,
Vnd vilen Wilt, vnd Zahmen
   Geht vor, gantz vnbekandt

6.

Trvtz-Nachtigal mans nennet,
   Jst wund von süssem Pfeil:
Jn Lieb es lieblich brennet,
   Wird nie der wunden heil.
Gelt, Pomp, vnd Pracht auff Erden,
   Lust, Frewden es verspott,
Vnd achtets für beschwerden,
   Sucht nur den schönen Gott.

7.

Nur klinglets alter orten
   Von Gott, vnd Gottes Sohn;
Vnd nur zun Himmelpforten
   Verweisets allen ton:
Von Bäum- zun Bäumen springet,
   Durchstreichet Berg, vnd Thal,
Jn Feld- vnd Wälden singet,
   Weiß keiner Noten Zahl.

8.

Es thut gar manche farthen,
   Verwechßlet ort, vnd Lufft:
Sichs ettwan setzt in garten
   Betrübt an holer klufft;
Auchs ettwan frewdig singlet
   Susampt der süssen Lerch,
Gott lobend es vmbzinglet
   Den Oel- vnd ander Berg.

9.

Auch schwebets auff den Waiden,
   Vnd wil beyn Hirten sein
Da Cedron kombt entscheiden
   Die grüne wisen rein.
Thut zierlich sammen raffen
   Die Verßlein in bezwang,
Vnd setzet sich zun Schaaffen,
   Pfeifft manchen Hirtensang

10.

Auch wider da nitt bleibet,
   Sichs hebt in Wind hinein,
Den lären Lufft zertreibet
   Mitt schwancken federlein:
Sichs setzt an grober Eichen
   Zur schnöden Schedelstatt,
Wil kaum von dannen weichen,
   Wird Creutz, noch peinen satt.

11.

Mitt Jhm wil mich erschwingen,
   Vnd manchem schwebend ob,
Den LorberCrantz ersingen
   Jn Teutschem GottesLob.
Dem Leser nicht verdriesse
   Der Zeit, vnd Stunden lang:
Hoff ihm es noch erspriesse
   Zu gleichem Cithersang.

Rezension I Buchbestellung I home IV04 LYRIKwelt © Erich Adler