Rosas Rache von Rosa von Praunheim, 2009, MartinSchmitzVerlagRosa von Paunheim

Rosas Rache
(Leseprobe aus: Rosas Rache, Filme und Tagebücher seit 1960, Seite 51, 2009, Martin-Schmitz-Verlag).

1960 Siebzehn Jahre alt, Goethe Gymnasium. Wohnte mit meinen Eltern in Frankfurt am Main, Stadtteil Praunheim, ging gerne tanzen, liebte Schlager, Theater und Kino. Der erste Kuss.

7.1.60 Rundfunk gehört und um neun Uhr zu Bett. Mäuschen wegen der Ausstellung bei Zaberovski, die ich veranstalten will, angerufen. Mäuschen hat Geburtstag, war aber nicht eingeladen.

10.1.60 Nachmittags mit Mutti und Vati Spaziergang. Abends In Memoriam Kurt Tucholsky gehört und zum Teil auf Magnetophon aufgenommen. Von 7-8 Uhr abends mit Mutti und Vati Skat gespielt.

12.1.60 Vati war betrunken um acht Uhr nach Hause gekommen. Alle waren wir furchtbar aufgeregt. Ich hätte ihn umbringen können. Mutti weinte.

30.1.60 Im Bunker waren Zabo, Gerd und zwei andere Jungens sowie ein Cousin von Zaberovski mit zwei Freundinnen. Wir tanzten bis halb elf ganz großartig nach Platten. Es war mein erstes Tanzfest.

2.2.60 Mit dem Rad zur Hauptwache gefahren, um Theaterkarten für mich und Zabo zur Premiere für Die Nashörner von Ionescu zu kaufen.

5.2.60 In das Große Haus zu Ionescus Nashörnern, Premiere mit Zabo, hat uns gar nicht gefallen. Ich war der Einzige, der Pfui schrie, wurde aber nicht gehört, da viel geklatscht wurde.

12.4.60 Um sechs Uhr in die Stadt gefahren um auf den Empfang von Sophia Loren zu warten. Es waren Tausende an der Hauptwache, die sie sehen wollten. Es wurden zur Autogrammstunde nur wenige, die vorne standen, hereingelassen. Ich hatte Glück. Sie sieht ganz wunderschön und anders als im Film aus.

20.4.60 Abends um halb neun mit Mutti und Vati im Kino: Anders als Du und ich von Veit Harlan über den § 175. Verwirrte mich sehr.

23.4.60 Ging in unseren Tanz-Bunker, keine Mädchen. Wir berieten, wie Mädchen herzubekommen seien.

29.4.60 Latein und Russisch gelernt, Kaffee, Schach und Rundfunk, dann den Anzug für die morgige Tanzstunde angeprobt.

30.4.60 Vati fuhr mich zum ersten Mal zur Tanzstunde. Die Hälfte Knigge, dann langsamen Walzer gelernt. Zwei sehr nette in der Tanzstunde, eine brachte ich bis zur Straßenbahn.

2.5.60 Ich machte Frau Paul Vorwürfe, dass sie Vati zu viel zu trinken gegeben hätte. Sie stritt alles ab. Als ich aufl egte, war sie auf hundertachtzig.

14.5.60 Als ich kam, sprach ich mit Zabo über Bücher. Er versprach in vierzehn Tagen Mädchen aufzutreiben oder den Bunker aufzugeben.

17.5.60 Mathearbeit geschrieben. Nach der Schule gelernt, Radio gehört, gelesen, in dieser Woche Brecht Maßnahme, Hl. Johanna der Schlachthöfe, Jasagen und Neinsagen, Thornton Wilder, Kleine Stadt. Wir sind noch einmal davongekommen.

21.5.60 In der Deutschstunde Aufsatz vorgelesen. Der Lehrer sagt, ich hätte Mut, aber ich müsste so schreiben, dass es andere verstehen. Nach der Schule im roten Anzug zur Tanzschule gefahren. Wiener Walzer und Rumba gelernt.

14.6.60 Abends kam kurz K. Ich habe seit langem den unbestätigten Verdacht, dass er etwas widergeschlechtlich veranlagt ist. Abends Kriminalhörspiel gehört.

26.6.60 Rainer erzählte mir vor der Schule über sein Casanova- Leben, biologisch-technisch und sittlich.

28.6.60 Sehr kalt. Nach dem Frühstück sind alle mit dem Bus zum Edersee (Staumauer) gefahren und haben die Burg Waldeck besichtigt. Habe dort beschlossen, mich auf dem Grund des Edersees begraben zu lassen.

1.7.60 Um vier Uhr zur Laienspielgruppe unter Studienrat Pfeler gegangen. Habe große Rolle in Knock bekommen.

3.7.60 Etwas zu kleine Tanzfl äche. Mit Angela geduzt. Im Tanzturnier in die Endrunde gekommen und den dritten Preis gemacht.

17.7.60 Rolle gelernt. Ich spreche mir die anderen Personen auf Band und ergänze beim Abspielen meine Rolle. Brand von Ibsen gelesen, schon besser, aber zweifelhaft.

24.7.60 Ich machte A. sehr heftige Vorwürfe, dass er mit Inge so oft zusammen sei, und dass ich nicht gedacht hätte, dass er so eine Moral hat. Er sah es ein. Er holte Inge ab. Ich kam kurz mit und sprach auch mit ihr, dass

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