Mann ohne Land von Kurt Vonnegut, Pendo, 2006Kurt Vonnegut

Mann ohne Land
(Leseprobe aus: Mann ohne Land, Roman (2006, Pendo - Übertragung Harry Rowohlt)

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Man hat mich einen Ludditen genannt.

Das begrüße ich. 

Wißt ihr, was ein Luddit ist? Ein Luddit ist jemand, der neumodischen Mistkram haßt. Ned Ludd war gegen Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Textilarbeiter in England und hat eine Menge neumodischer Mistdinger kaputtgemacht – mechanische Webstühle, die ihn arbeitslos machen sollten, die es ihm mit seinen speziellen Fähigkeiten unmöglich machen sollten, seiner Familie Nahrung, Kleidung und Obdach zu bieten. Im Jahre 1813 ließ die britische Regierung siebzehn Männer wegen »Maschinenstürmerei«, wie das genannt wurde, hängen, eines Verbrechens wegen, auf das die Todesstrafe stand.

Heutzutage haben wir Mistdinger wie Atom-U-Boote, die mit Poseidon-Raketen bewaffnet sind, die Atombomben in ihren Sprengköpfen haben. Und wir haben Computer, die einen um das Werden betrügen. Bill Gates sagt: »Warten Sie, bis Sie sehen können, was Ihr Computer werden kann.« Aber ihr seid es, die das Werden übernehmen sollten, nicht der verdammte Narr von einem Computer. Was ihr werden könnt, ist das Wunder, zu dem ihr durch die Arbeit, die ihr macht, geboren wurdet.

Der Fortschritt hat mich windelweich geprügelt. Er hat mir das genommen, was vor zweihundert Jahren für Ned Ludd der Webstuhl gewesen sein muß. Ich meine eine Schreibmaschine. So was gibt es gar nicht mehr. Übrigens war Huckleberry Finn der erste Roman, der je auf einer Schreibmaschine geschrieben wurde.

In der guten alten Zeit, noch gar nicht lange her, pflegte ich Schreibmaschine zu schreiben. Und nachdem ich etwa zwanzig Seiten hatte, habe ich auf denen mit Bleistift meine Korrekturen angebracht. Dann habe ich Carol Atkins angerufen, welche von Beruf, wie das ganz früher geheißen hat, Schreibfräulein war. Könnt ihr euch das vorstellen? Sie wohnte in Woodstock, New York, woher, wie ihr wißt, die berühmte Sex-und-Drogen-Veranstaltung in den ’60ern ihren Namen hat (die aber in Wahrheit in der Nähe stattgefunden hat, in einer Stadt namens Bethel, und jeder, der sagt, er erinnere sich daran, dort gewesen zu sein, war nicht da). Also rief ich Carol an und sagte: »Tag, Carol. Wie geht’s denn? Was macht der Rücken? Sind Blaudrosseln da?« So schwatzten wir hin und her. Ich rede so gern mit Leuten.

Sie und ihr Mann hatten immer versucht, Blaudrosseln bei sich heimisch zu machen, und wie ihr wißt, wenn ihr schon mal versucht habt, Blaudrosseln bei euch heimisch zu machen, bringt man das Blaudrosselhäuschen in gerade mal 90 Zentimetern Höhe an, gewöhnlich an einem Zaun. Warum es immer noch Blaudrosseln gibt, weiß ich nicht. Die Atkins’ hatten jedenfalls kein Glück, und ich auch nicht, da, wo ich mein Häuschen auf dem Land habe. Wir schwatzen also heftig drauflos, und schließlich sage ich: »Hey, weißt du was, ich habe ein paar Seiten. Schreibst du immer noch Schreibmaschine?« Klar schreibt sie immer noch Schreibmaschine. Und ich weiß, es wird so ordentlich sein, es wird aussehen, als hätte es ein Computer gemacht. Und ich sage: »Ich hoffe, daß es nicht bei der Post verloren geht.« Und sie sagt: »Bei der Post geht nie was verloren.« Und genau die Erfahrung habe ich auch gemacht. Ich habe noch nie etwas verloren. Und deshalb ist sie jetzt ein Ned Ludd. Ihr Schreibmaschineschreiben ist wertlos.

Jedenfalls nehme ich meine Seiten, und ich habe dieses Dings aus Stahl, man nennt es eine Büroklammer, und ich stelle meine Seiten zusammen und paginiere sie natürlich vorher mit großem Bedacht. Also gehe ich die Treppe hinunter, um das Haus zu verlassen, und ich komme an meiner Frau vorbei, der Fotojournalistin Jill Krementz, die immer schon furchtbar hightech war und jetzt noch hightecher ist. Als Mädchen hat sie am liebsten die Nancy-Drew-Krimis gelesen, ihr wißt schon, die kleine Detektivin. Also kann sie nicht anders und fragt: »Wo gehst du hin?« Und ich sage: »Ich gehe einen Umschlag holen.« Und sie sagt: »Na, du bist doch kein armer Mann. Warum kaufst du dir nicht tausend Umschläge? Die kriegst du geliefert und kannst sie in einen Schrank tun.« Und ich sage: »Pscht.«

Also gehe ich die paar Stufen hinunter, und dies ist in der 48th Street in New York City zwischen der Second und der Third Avenue, und ich gehe über die Straße zu diesem Zeitungskiosk, wo sie Zeitschriften und Lotterielose und Briefpapier verkaufen. Und ich kenne ihr Sortiment sehr gut, und deshalb kaufe ich mir einen Umschlag, einen gelben Manila-Umschlag. Es ist, als hätte derjenige, wer immer es war, der diesen Umschlag gemacht hat, genau gewußt, welches Format das Papier hat, das ich verwende. Ich stelle mich hinten in der Schlange an, weil da Leute sind, die sich Lotterielose, Süßigkeiten und so was alles kaufen, und ich schwatze mit ihnen. Ich sage: »Kennen Sie irgend jemanden, der jemals irgendwas im Lotto gewonnen hat?« Die Frau hinter dem Ladentisch hat ein Juwel zwischen den Augen. Na, lohnt das nicht schon den Ausflug? Ich frage sie: »Hat’s in letzter Zeit irgendwelche großen Lottogewinner gegeben?« Dann bezahle ich meinen Umschlag. Ich nehme mein Manuskript, und ich stecke es hinein. Der Umschlag hat zwei kleine Metallzacken, die in ein Loch in der Klappe passen. Für die von euch, die noch nie einen gesehen haben: Es gibt zwei Arten, einen Manila-Umschlag zu verschließen. Ich wende beide an. Zuerst lecke ich an der Gummierung –, das ist schon mal ein bißchen sexy. Ich stecke die dünnen kleinen Metalldingsbumse durch das Loch –, ich habe noch nie gewußt, wie die heißen. Dann klebe ich die Klappe drauf fest.

Als nächstes gehe ich zum Post-&-mehr-Shop an der Ecke 47th Street/Second Avenue. Das ist ganz nah an den Vereinten Nationen, weshalb da diese ganzen komisch aussehenden Menschen aus allen Ecken der Welt sind. Ich gehe hinein, und wir stehen wieder Schlange. Ich bin heimlich in die Frau hinter dem Schalter verliebt. Sie weiß es nicht. Meine Frau weiß es. Ich werde auch nichts daran ändern. Sie ist so nett. Alles, was ich je von ihr gesehen habe, ist von der Hüfte aufwärts, weil sie immer hinter dem Schalter sitzt. Aber jeden Tag veranstaltet sie über der Hüfte etwas mit sich, um uns aufzumuntern. Manchmal wird ihr Haar ganz kraus sein. Manchmal wird sie es glattgebügelt haben. Einmal trug sie schwarzen Lippenstift. Dies ist alles so aufregend und so großzügig von ihr, nur um uns alle aufzumuntern, Menschen aus allen Ecken der Welt.

Also warte ich in der Schlange, und ich sage: »Hey, was war das für eine Sprache, die Sie gerade gesprochen haben? War das Urdu?« Ich führe fast immer einen netten kleinen Schwatz. Manchmal auch nicht. Auch möglich ist: »Wenn es Ihnen hier nicht gefällt, warum gehen Sie dann nicht zurück in Ihre kleine angeberische Diktatur, aus der Sie gekommen sind?« Einmal wurde ich dort von einem Taschendieb bestohlen und durfte einen Polizisten kennenlernen, dem ich davon erzählen konnte. Jedenfalls stehe ich schließlich ganz vorne in der Schlange. Ich offenbare ihr nicht, daß ich sie liebe. Ich wahre mein Pokerface. Sie könnte genausogut eine Honigmelone ansehen, so wenig Information steht in mein Gesicht geschrieben, aber das Herz pocht mir. Und ich gebe ihr den Umschlag, und sie wiegt ihn, weil ich die richtige Anzahl Briefmarken draufhaben möchte und weil ich will, daß sie das gutheißt. Wenn sie sagt, es sind genug Briefmarken drauf, und alles prima findet, dann war es das. Sie können mir den Umschlag nicht mehr zurücksenden. Ich kriege die richtigen Briefmarken, und ich adressiere den Umschlag an Carol in Woodstock.

Dann gehe ich hinaus, und da steht ein Briefkasten. Und ich füttere den riesengroßen Ochsenfrosch mit den Seiten. Und er sagt: »Ribbit.«

Und ich gehe nach Hause. Und habe mich amüsiert wie Bolle.

Elektronische Gemeinden bauen nichts. Am Ende hat man gar nichts davon. Wir sind tanzende Tiere. Wie schön ist es, aufzustehen und vor die Tür zu gehen und was zu erledigen. Wir sind hier auf Erden, um herumzufurzen. Laßt euch von niemandem was anderes erzählen.

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