Da kann man nichts machen von Ingomar von Kieseritzky, 2001, BeckIngomar von Kieseritzky

aus: Da kann man nichts machen
(Leseprobe aus: Da kann man nichts machen, Roman, 2001, Beck)

Kapitel 1 

Kurz hinter der Station Pardubice fand der Schaffner des Vindobona, Vicovic, in der Toilette des leeren Wagens 265 einen mittelgroßen Herrn, der, tot, mit herabgelassenen Hosen extrem bequem zurückgelehnt, auf dem rauchfarbenen Klosettdeckel saß. Er sah so friedlich aus wie ein schlafender Säugling und zeigte ungerührt seine beiden häßlichen, keulenartigen Knie. Vicovic bewaffnete seine Augen mit einer Sonnenbrille; sofort wurde die enge Kabine schön, der Spiegel erstrahlte in einem rostigen Gold. 
Gottlob hatte sich dieser stille Passagier keiner letzten Lockerung überlassen; da kannte Vicovic ganz andere Fälle - unreinliche Selbstmorde, Herzinfarkte mit Entleerung, aber auch triviale Alkoholiker, die sich ungeniert erleichtert hatten. Dieser Herr roch nicht schlecht, ja, er war von begrüßenswerter Geruchlosigkeit, was eine Bearbeitung dieses Falls auf engstem Raum zu einem Kinderspiel machte. 
Personalien sind immer interessant; der stille Herr hieß (so sagte der Paß in der Brieftasche) 
Randolf v. K. und war (nach der Fahrkarte 2. Klasse zu schließen) auf dem Weg von Berlin nach Wien. Der Mann sah leidend aus, als habe er eine langwierige Kur überstanden. Sein Kopf mit dünnen Haaren ruhte auf dem Spülkasten und folgte getreulich jedem Schwanken des Zuges. Sein Mund war leicht geöffnet. Er noch nach einem süßen Tonicum, das Vicovic an Orangenlikör erinnerte; vielleicht eine Medizin, die wohlschmeckend war. 
Zwischen den Füßen in furchtbar häßlichen Gesundheitsschuhen hütete dieser Randolf eine bauchige Tasche aus schwarzem Leder. Traurig entnahm Vicovic der leider anämischen Brieftasche ein wenig Geld für die Kinder, 4000 Schilling, 200 Franken, 300 deutsche Mark - eine einsame ägyptische Pfundnote legte er zurück, während er an den Tod dachte, den dieser Herr so diskret hinter sich gebracht hatte, ohne Lärm und ohne Schmutz. 
Als leidenschaftlicher Leser populärer medizinischer Artikel wußte Vicovic, daß alle inneren Funktionen erloschen waren; auch die Haare wuchsen nicht mehr, und niemals würde der Tote seine Soljanka verdauen. Als er die zweite Innentasche des Saccos untersuchte, ertönte ein Magengeräusch, als trennten sich verschiedene Sekrete, um in den dunklen Röhren des Leibes zu verschwinden. 
Was mochte der stille Herr hier von Beruf sein? Seine Hände waren zart, die Finger lang, und Vicovic fand ein paar Tintenspuren am Daumen der rechten Hand; er hatte X-Beine, ritt also nicht. Die Brille hatte dicke Gläser mit einer hohen Dioptrienzahl. Da wurde an die Tür geklopft, und Vicovic erstarrte, während eine Extrasystole ihm die Luft nahm. Er hielt den Atem an und betrachtete aufmerksam das Gesicht des schweigenden Herrn, die wohlgeformte, bleiche Stirn, die acht Querfalten und die abstehenden Ohren, die rosig schimmerten. 
Er sieht, dachte Vicovic, geistvoll aus, aber er hat weißen Grind auf dem Schädel. Dann wusch er sich entschlossen die Hände in einem dünnen, lauen Strahl und machte sich an die Aufgabe, den Koffer zu inspizieren. Vielleicht war der Passagier Vertreter für elektronisches Spielzeug. Das Söhnchen Milan war ganz wild auf das Zeug. Oder dieser Herr war ein berühmter Schriftsteller, gar ein Poet, was noch interessanter wäre - denn Vicovic schrieb heimlich Gedichte; nicht über Vögelein, die Wolken, Blumen oder Mädchen, sondern über Lokomotiven, selbstverständlich Dampflokomotiven. Sein Gedicht über den Orientexpreß und die berühmte Riesenlokomotive Buddicom war erst in einem zarten Anfangsstadium, und über die erste Zeile kam er einfach nicht hinaus -

O, Buddicom der CIWL, umgürtet von
Schwarzen Lenden aus Stahl! Illuminiert 
von feurigen Funken, beben deine Lenden. 

Zwei farbenprächtige Bücher lagen auf einem Kulturbeutel, die Vicovic mit großem Interesse in die Hand nahm. Das eine Buch hieß Herzen in Flammen von einer gewissen Vanessa Wolf. Auf dem Umschlag sah man eine nackte, junge Dame mit milchweißen Brüsten, die auf einem schwarzen Hengst saß. 
Das zweite Buch war von einer Joyce Palmer - hier schmiegte sich eine junge Dame mit Dekolleté an einen Riesen, der lange Bodybuilding getrieben hatte; der Titel: Prinzessin des Wahnsinns. 
Der romantische Leser Vicovic legte die beiden Schätze vorsichtig auf den abschüssigen Schoß des bleichen Gastes; zu späterem Gebrauch. Herr Randolf v. K. starrte gleichmütig ins Nichts, während Vicovic den Kulturbeutel untersuchte. Einmal, vor Jahren, hatte er in einem verwaisten Necessaire kostbare Lotionen, Parfum-Flacons und herrlich duftende Seifen gefunden und für seine Frau eine exklusive Crème gegen Damenbärte. Neben belanglosen Toilettenartikeln fand sich ein hübsches Arsenal von Medikamenten, mit denen er seine Taschen polsterte; Medikamente aus dem Westen waren teuer und gut, und er dachte vage an seine ewigen Magenschmerzen, seinen Gichtzeh, auch Podagra genannt, und einen dunklen Schmerz unterhalb des Herzens, der ihn überfiel, wenn er ein schönes Gedicht las. Der Rest des Tascheninhaltes war leider unbrauchbar; es handelte sich um einen Aktenordner mit genealogischen Tafeln, einen Haufen von Stadtplänen, und in der untersten Schicht fand sich ein broschiertes Bändchen, auf dem eine schwarze Rose in einem weißen Feld blühte: Meine Reinkarnationen von E. Landau. Ein hochinteressanter Reisender, der da vor ihm saß, Knie an Knie, aber die Ausbeute war leider nicht so ergiebig, wie Vicovic gehofft hatte. 
Das Buch über die Reinkarnationen steckte er ein. 
In einer Tasche fand sich ein ordentlich an der Seite gelochtes Manuskript, voll von wilden Flecken und Tintenklecksen, in einer kleinen, runden Handschrift. Ein Teil war auf einer uralten Schreibmaschine mit fehlenden Buchstaben getippt. 
Vielleicht ein Roman? 
Vicovic fand keinen Titel, was er tief bedauerte. Ein Roman mußte einfach einen Titel haben. Er kannte den ganzen Balzac, da hatte jeder Roman einen richtigen Titel. 
Beim Blättern las Vicovic das Wort Darm-Hirn - die Poesie dieser ungewöhnlichen Kombination berührte sein Herz; er rollte das Manuskript, versah es mit einem Gummiband und verstaute es in seiner geräumigen Hose unter der Jacke. 
Der Tote, dachte Vicovic, wird wohl nichts dagegen haben, daß ich sein letzter Leser bin. Er blickte in Randolfs Augen, während er sein rechtes behostes Knie gegen das nackte linke des Toten preßte - und da machte er eine Entdeckung, die unheimlich war. Auf dem linken Lid hatte der stille Poet eine kleine Entzündung, ähnlich einem Gerstenkorn im Reifestadium. 
Vicovic kam ein fürchterlicher Verdacht. Für alle Fälle wusch er sich noch einmal die Hände; vielleicht hatte der Leichnam eine ansteckende Krankheit - und Vicovic rief sich verzweifelt jene Rubrik aus dem Reader's Digest vor das innere, im Augenblick hypochondrische Auge, die da siegreich hieß: Neues aus der Welt der Medizin. Er konnte sich aber leider nicht daran erinnern, ob die Geschlechtskrankheiten wieder auf dem Vormarsch waren oder im Rückzug begriffen. Ein Gerstenkorn wäre natürlich harmlos. Tante Irina hatte ihr Lebtag - bis 80 - unaufhörlich unter Gerstenkörnern gelitten, immer im Wechsel, mal am einen Lid, dann wieder am anderen, so regelmäßig wie Sonnenaufgänge. Nur die Syphilis ist ansteckend, sagte sich Vicovic, und sie wird durch Tröpfchen beim Küssen übertragen, durch den Koitus und durch den Atem. Bei Atem fiel ihm sofort ein Satz ein, den er zu Hause beim Bier in der Küche gelesen hatte: Im Durchschnitt enthält jeder Mensch zwei Moleküle des letzten Atems von Julius Cäsar! Vicovic fixierte nachdenklich den Herren auf der Klosettbrille: vielleicht krank, vielleicht ein Poet, aber ansteckend? Wenn diese Information mit J. Cäsar stimmte, dann besaß jeder Mensch, vorausgesetzt, er lebte noch, auch zwei Moleküle des letzten Atemzugs von Marylin Monroe, von Jane Russel, Jack the Ripper, Hitler und Balzac; er dachte immer intensiver über diese phantastische Idee nach, und ihn schwindelte. Wenn das also stimmte, hatte er eine Unzahl prominenter Moleküle intus, leider auch die seines geduldigen Passagiers. Vicovic wusch sich noch einmal sorgsam die Hände, schloß den Mund und atmete trotz seiner Polypen durch die Nase, weil ihm noch eine wichtige Information eingefallen war: - der Mensch atmet etwa 23000 mal am Tag aus und ein; multiplizierte man diese Zahl mit der Anzahl der Moleküle, dann war die Gefahr, sich zu infizieren, unkalkulierbar. Vicovic räumte gründlich auf, beseitigte seine Spuren und sagte Adieu. In wenigen Minuten, exakt um 15 Uhr 21, würde der Zug Prag erreichen. 
Zwei Stunden später saß Vicovic in seiner Küche an einem fleckenreichen Tisch und breitete die Kostbarkeiten in einer geometrischen Ordnung aus. In der Wohnung war es still und der Herd kalt, aber auf dem Fensterbrett lag ein toter Hase, der gewisse Freuden des Abends verhieß - aber was der schönste Hase gegen diese Dokumente. 
Die beiden Romane mit den farbenprächtigen Titelblättern legte er exakt aufeinander. Rechts neben die Romane stellte er eine geöffnete Flasche Stamopramen, aus der er hin und wieder vorsichtig trank. Neben den Randolf'schen Aktenordner mit den genealogischen Anmerkungen legte er das broschierte Bändchen mit dem interessanten Titel Meine Reinkarnationen von E. Landau. Als letztes legte er das an der linken Seite perforierte Manuskript neben die Reinkarnationen und gönnte sich eine lange Zeit der Betrachtung und Vorfreude, ehe er mit der bestimmt genußreichen Lektüre begann. 
Aus der Schublade, die ein wenig klemmte, nahm er feierlich eine marmorierte Mappe, in der sich sein immer noch nicht vollendetes Gedicht Die Große Lokomotive Buddicom befand. Liebevoll betrachtete er sein Poem im Licht des scheidenden Tages und wurde ein bißchen sentimental. Über den ersten Zeilen hatte er mit schwarzem Kugelschreiber eine Wolke gezeichnet, geformt wie die Dampfwolke, die große Lokomotiven bei hohen Geschwindigkeiten ausstoßen; diese Wolken waren für Vicovic eine Quelle unerschöpflicher Inspiration, und über allen seinen Gedichten dräute eine von ihnen. 
Ach, Jaroslav, sagte er laut zu sich selbst, so eine Dampfwolke ist irgendwie ein Symbol der Kraft, der Bewegung natürlich, der Geschwindigkeit, und sie ist so flüchtig wie der Erfolg. Diesen Einfall notierte er unter die letzte Zeile des Gedichtes und zeichnete unter den Bauch der Wolke einen kleinen Auswuchs, der an eine Nabelschnur erinnerte. 
Jaroslav, sagte er laut, deine Selbstgespräche müssen aufhören, auch wenn dir keiner außer dir selbst zuhört, es wirkt irgendwie krank, wie Eva in ihren helleren Minuten sagt, und macht einen unguten Eindruck auf die Umgebung. Und genug mit diesen Symbolen, den Wölkchen und dem Qualm; das Gedicht muß warten, und auch die Buddicom wird's aushalten müssen. Sie ist so unsterblich wie kaum etwas anderes auf dieser Welt, und vielleicht steckt sich mein Gedicht einfach an den anderen Manuskripten an, sozusagen, oder das Einatmen der Moleküle aus den Manuskripten meines seligen Passagiers hat einen - irgendwie inspirierenden - Einfluß auf mein Gehirn, das im Stillstand nicht richtig funktioniert. Im Express kann ich leidlich denken, das liegt an der gleichmäßigen Bewegung des Zuges. Und das Gehen im Gang eines Zuges entgegen der Fahrtrichtung macht bei Jaroslav den Dichter in ihm gewissermaßen frei, während das Gehen in Fahrtrichtung die Gedanken behindert, Gott allein weiß, warum. 
Und Jaroslav Vicovic bedauerte es, daß er keinen einzigen Dichter kannte, der Schaffner gewesen war. 
Sehr, sehr schade, sagte er laut zum toten Hasen, und es ist doch schon September.

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