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Mit Blindheit
geschlagen
(aus: Mit Blindheit
geschlagen, Roman, 2004, Kiepenheuer
& Witsch)
1.
"Ziehnse die Vorhaut zurück."
Er zog die Vorhaut zurück. Der große, hagere Uniformierte betrachtete das
Glied des Gefangenen. Dann musste der sich nach vorn beugen und die Gesäßbacken
auseinanderziehen. Der Uniformierte beäugte den After des Gefangenen. Dann
musste der sich mit dem Gesicht an die Wand stellen. Im Augenwinkel sah der
Gefangene, wie ein anderer Uniformierter seine Kleidung durchwühlte. In einer
Ecke des Raums stand ein dritter, er war fett. Er beobachtete. Alle hatten sie
Knüppel am Gürtel und auf der anderen Seite ein Pistolenhalfter. Der Hagere
gab dem Gefangenen einen Stapel. Darin ein grauer Trainingsanzug, Unterwäsche,
Handtücher, blauweißes Bettzeug, obenauf Becher, Teller und Hausschuhe. Er
befahl dem Gefangenen, sich anzuziehen. Der Gefangene zog den Trainingsanzug an.
Er war verschlissen, die Hose rutschte.
Ein vierter Uniformierter betrat den Raum. Er sagte zum Gefangenen: "Gehnse!"
Er zeigte die Richtung an. Sie stiegen Treppen hinauf und hinunter und kamen in
einen Gang mit vielen Türen und ohne Fenster. Flecken auf dem Betonboden, an
der Decke Neonleuchten, eine flimmerte. An manchen Stellen waren Linien auf dem
Boden gezeichnet. Dort musste der Gefangene warten. "Gesicht zur Wand, Hände
auf den Rücken!" Der Wächter schaute um die Ecke, dann drehte er an einem
Schalter. Das grüne Licht an den Wänden ging aus, rote Lampen leuchteten auf.
Sie liefen weiter. "Halt!" Er öffnete eine Tür, der Gefangene
erschrak, als er in den Raum blickte. Er wurde hinein geschoben, die Tür fiel
zu. Der Raum war klein, die Wände waren aus Beton, statt eines Fensters waren
wenige Glasbausteine hochgemauert. Über der Tür brannte hinter einem in die
Wand eingelassenen matten Glas eine Glühbirne. An einer Seite standen eine
Holzpritsche mit erhöhtem Kopfteil, an einer anderen ein Klapptisch und ein
Stuhl, in einer Ecke ein Porzellan-WC.
Er setzte sich auf die Pritsche und starrte an die Wand. Eine braune Linie zog
sich knapp in Bauchhöhe an der Wand entlang, zwei Finger breit. Darüber war
die Wand ocker, darunter schmutzigweiß gestrichen. Der Gefangene stützte die
Ellbogen auf die Knie und legte sein Gesicht in die Hände. Er merkte, dass er
den Kopf schüttelte. Dann dachte er, das ist ein Irrtum. Sie wissen nichts. Du
bist spazieren gegangen, sonst nichts. Wer kann etwas dagegen haben, dass einer
spazieren geht? Sie müssen dich wieder raus lassen.
Schritte auf dem Gang. Riegel klackten, Türgeknarre, alle Geräusche gedämpft
durch die schwere graue Tür. Im Guckloch erschien eine Pupille, sie verschwand
gleich wieder. Nasse Kälte kroch dem Gefangenen die Beine hoch.
2.
Er schimpfte vor sich hin. Obwohl er aufgepasst hatte, verfehlte er den Abzweig,
überraschend war das Schild nach der Kreuzung aufgetaucht. Er kam sich vor wie
ein Fremder, dabei hatte er mehr als die Hälfte seiner Schulzeit hier
verbracht. Aber auf dem Waldfriedhof war er nie gewesen. Stachelmann bog rechts
ab in eine Seitenstraße mit Einfamilienhäusern, fuhr zweimal rechts und war
zurück auf der Straße nach Reinbek. Dort fuhr er links und erreichte gleich
wieder die Kreuzung. Wieder zu weit, diesmal aus der anderen Richtung. Er hätte
geradeaus fahren müssen, als er wieder an der Durchgangsstraße stand. Er
schlug mit der Hand aufs Lenkrad und spürte den Schweiß unter den Achseln.
Zuvor hatte er fast eine Stunde im Stau verbracht auf der Autobahn zwischen
Reinfeld und Bad Oldesloe. Er kam zu spät zur Beerdigung seines Vaters.
Auf dem Parkplatz neben dem Friedhof standen nur wenige Autos. Er stellte seinen
alten Golf in die Nähe des Gittertors. Noch im Auto sah er die Kapelle, sie
leuchtete weiß. Er ging durch das Tor, vorbei an einem Betonturm, in dem eine
Glocke hing. Eisiger Wind ließ ihn frösteln. Der Eingang der Kapelle lag
zwischen zwei grau lackierten Stahlsäulen, die das Spitzdach der Kapelle stützten.
Stachelmann öffnete die Holztür und sah den Geistlichen auf der Kanzel. In den
ersten drei Reihen saßen verstreut ein paar Leute, zwei oder drei schauten sich
um nach ihm. Er las Unverständnis in den Blicken. Auf dem Stuhl am Gang in der
ersten Reihe saß eine Frau, ganz in Schwarz. Das war seine Mutter. Sie war
klein und dünn. Der Platz neben ihr war frei. Stachelmann hörte, dass der
Pfarrer sprach, aber er verstand ihn nicht. Er setzte sich neben seine Mutter,
die schaute irgendwo auf den Boden. Stachelmann schlug seine Beine übereinander
und faltete seine Hände auf dem Knie. Da legte seine Mutter die Hand auf seine
und drückte sie kurz. Er schaute nach vorn und nahm erst jetzt den Sarg wahr.
Der war bedeckt mit Kränzen und Schleifen. "In Dankbarkeit" stand auf
der Schleife des Polizeisportvereins.
Plötzlich war es still. Der Pfarrer verließ die Kanzel. Dann erklang im
Hintergrund Musik, ein Largo-Satz aus einem Violinkonzert von Vivaldi. Sein
Vater hatte es geliebt und in der Interpretation von Yehudi Menuhin und dem
Polnischen Kammerorchester oft gehört. Stachelmann fiel ein, wie sein Vater früher
die Platte an manchem Abend auf den Dualplattenspieler gelegt und andächtig
gelauscht hatte. Dann mussten alle ruhig sein, während der Vater mit halb
geschlossenen Augen hörte und sein Körper kaum sichtbar mitschwang.
Als das Stück beendet war, ging der Pfarrer zur Tür, die Mutter stand auf,
Stachelmann folgte ihr. Vier Männer in dunkelgrauer Kluft schleppten den Sarg
hinaus. Draußen formte sich der Zug. Der Pfarrer, die Mutter und Stachelmann
folgten dem Sarg. Dem voran schritt ein Junge mit einem Kreuz. Die Trauergäste
bildeten den Abschluss. Sie liefen auf einem Weg aus Erde, Sand und Kiesel,
vorbei an parzellenförmig geordneten Gräbern unter Bäumen mit mächtigen
Kronen. Manchmal durchbrachen Sonnenstrahlen die schweren Wolken, dann glänzte
die Nässe auf den Grabsteinen. Stachelmann wartete auf die Schmerzen, sie würden
kommen, das war gewiss. Er tastete die Knöpfe seines Mantels ab, um sich zu
vergewissern, dass sie geschlossen waren. Er fror am Hals, den Schal hatte er
vergessen.
Der Zug hielt am Rand des Friedhofs, an einem weißen Grabstein. Daneben war
eine Grube ausgeschachtet, zwei Schaufeln lehnten am Zaun. Die Träger stellten
den Sarg ab neben der Grube. Der Pfarrer sprach von Asche und Erde, Stachelmann
betrachtete den weißen Stein des Nachbargrabs. Er sah aus wie ein Hinkelstein,
lief oben spitz zu. Darauf eingraviert in Versalien: Will, Adolf H.; gest. 15.
Nov. 2001; geb. 22. April 1954. Was hieß "H."? Helmut, Heinz, Hans?
Da hatten Eltern ihren Sohn Adolf H. getauft, neun Jahre nach Ende des Kriegs.
Der Sohn war vor genau zwölf Monaten gestorben, und Stachelmanns Vater würde
neben ihm begraben sein. So würde Stachelmann auf Adolf H. treffen, wenn er das
Grab seines Vaters besuchte. Aber das war noch nicht ausgemacht.
Während der Pfarrer sprach, fiel Stachelmann das letzte Gespräch mit seinem
Vater ein. Das war zwei Jahre her. Sie hatten sich gestritten über die Lebenslüge
seines Vaters, der Ende des Kriegs als Postbeamter Hilfspolizist wurde, um ein
Bombenräumkommando aus Sträflingen zu bewachen. Er sah immer noch die
Verbitterung in den Augen des Vaters. Seit dem Gespräch hatte Stachelmann nicht
mehr mit ihm geredet. Nun wartete er auf das schlechte Gewissen; wenn einer tot
ist, kann man nichts nachholen. Aber das schlechte Gewissen rührte sich nicht.
Seine Mutter stieß ihn leicht am Arm. Stachelmann schaute auf und sah, der
Pfarrer hat seine Ansprache beendet, die Träger senkten den Eichensarg an
Seilen ins Grab. Als der Sarg abgestellt war, traten die Mutter und Stachelmann
an den Rand der Grube. In einem Erdhaufen steckte eine kleine Schaufel. Die
Mutter nahm sie, hob ein bisschen Erde vom Haufen und warf sie auf den Sarg.
Stachelmann tat es ihr nach. Dann stellten beide sich ein Stück seitlich von
der Grube auf und warteten auf die Trauergäste. Ein alter Mann warf Erde ins
Grab, dann steckte er die Schaufel wieder in den Haufen und näherte sich der
Mutter und Stachelmann. Der Mann gab der Mutter die Hand und murmelte etwas von
Beileid, dann gab er Stachelmann die Hand. Stachelmann begegnete einem harten
Blick, Hass steckte darin. Ein Paar näherte sich, sie hinkte, er ging am Stock.
Auch sie drückten der Mutter die Hand, an Stachelmann gingen sie vorbei. Die
Mutter warf einen kurzen Blick zu ihrem Sohn, sie schien mit den Achseln zu
zucken. Eine Träne stand ihr im Augenwinkel. Von den verbleibenden Trauergästen
verweigerte niemand mehr Stachelmann den Händedruck, aber freundlich schaute
ihn keiner an.
Als der Letzte auf dem Weg zum Parkplatz war, fragte Stachelmann die Mutter:
"Wer sind diese Leute?"
"Freunde deines Vaters."
"Aus dem PSV?"
"Auch."
Mitglied im Polizeisportverein war auch Hermann Holler gewesen, erst
SS-Sturmbannführer, dann Makler. Wegen seiner Verbrechen in der Nazizeit waren
die Frau und die Kinder seines Sohns Maximilian ermordet worden, Jahrzehnte
danach. Stachelmann war zufällig verwickelt worden in diesen Fall, hatte den Mörder
überführt und den alten Holler gestellt, der den eigenen Tod simulierte, um
unterzutauchen. Der Jude Leopold Kohn hatte sich gerächt. Hermann Holler hatte
Kohns Familie ermorden lassen und deren Besitz geraubt. Die Lokalpresse überschlug
sich, ein Historiker hatte die schrecklichste Mordserie seit dem Krieg aufgeklärt
und die Polizei schlecht aussehen lassen. Es war erstaunlich, was die Medien
Stachelmann andichteten, wo sie ihn doch nicht kannten und er mit keinem
Journalisten sprach. Dann fanden sie eine andere Sensation und ließen ab von
Stachelmann. Dessen Vater hatte den alten Holler gekannt, und die Trauergäste
hassten Stachelmann, weil er ihre Vergangenheit ans Licht gezogen hatte. Die
Polizei hatte nicht nur den Verkehr geregelt in der Nazizeit, ohne sie wären
Ausplünderung, Deportation und der große Mord nicht möglich gewesen. Die
alten Kameraden des Vaters im Polizeisportverein hatten Grund, Stachelmann zu
hassen.
"Du musst nicht mit zum Leichenschmaus", sagte die Mutter, als sie an
dem Glockenturm aus Beton vorbeiliefen.
Stachelmann nickte.
"Aber du musst mich bald besuchen. Wenn das vorbei ist."
Stachelmann gab der Mutter die Hand. Sie hielt sich gerade, streckte ihr Kreuz,
als wollte sie sich wehren gegen die Last. Dann ging er mit schnellen Schritten
zu seinem Auto und fuhr los. Er drehte sich nicht um. Unterwegs überlegte er,
wann die Trauer käme. Er spürte nichts, vermisste seinen Vater nicht, Wehmut fühlte
er nur, wenn er an Episoden dachte, die weit zurück lagen. Spiele mit dem Vater
in der Kindheit. Der Vater als Helfer, wenn es Ärger gab in der Schule.
Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke. Stachelmann war ein behütetes Kind
gewesen, der Zwist kam später, zu spät, Stachelmann hätte den Vater früher
fragen müssen. Ihr letztes Gespräch fiel ihm ein, als der Vater berichtete und
doch nur Unverständnis erwartete. Die Behörden hätten ihn in den letzten
Monaten des Kriegs an einen Platz gestellt, und er habe seine Pflicht getan, wie
jeder andere Deutsche auch. Er hatte die Sträflinge nicht verhaftet und nicht
abkommandiert zum Bombenräumen. Er passte auf sie auf, und wenn einer weg lief,
fing er ihn wieder ein. Es war Krieg; einer, der nicht dabei war, kann das nicht
verstehen.
An der Universität warteten Hausarbeiten von Teilnehmern seines Hauptseminars.
Er hätte längst beginnen müssen mit der Korrektur, aber sie langweilte ihn.
Je länger er sie hinausschob, desto stärker wurde der Druck. Es war immer so.
Am Abend gab es bei Bohming den Empfang für den neuen Kollegen aus Berlin, Zeit
genug, ein paar Arbeiten zu lesen und zu benoten. Stachelmann setzte sich auf
den Schreibtischstuhl und lehnte sich zurück. An Holler hatte er schon lange
nicht mehr gedacht, jetzt kehrte die Erinnerung zurück. Was wohl Holler junior
trieb? Er spielte mit dem Gedanken, Ossi anzurufen, seinen Freund aus
Studientagen, der bei der Hamburger Kripo arbeitete. Der wusste gewiss, was
Maximilian Holler tat. Mit Ossi Winter hatte er schon lange nicht mehr
gesprochen, sie hatten sich gestritten bei den Ermittlungen und den Streit
danach nicht ausgeräumt. Er wusste nicht mehr genau, um was es gegangen war.
Er wollte über all das nicht mehr nachdenken, und das war ihm einigermaßen
gelungen bis zur Beerdigung des Vaters. Wenn er an den Fall Holler dachte, fiel
ihm die Zeit mit Anne ein. Anne, die ihn enttäuscht hatte und von der er
manchmal zu wissen glaubte, sie dachte ähnlich über ihn. Auch wenn er nicht
wusste, warum sie so denken sollte. Er hatte Abwehrkräfte entwickelt, gelernt,
sachlich mit ihr umzugehen, guten Tag zu sagen und tschüss und ihr aus dem Weg
zu gehen, wenn es möglich war. Er hatte sich darin eingerichtet. Anfangs
schaute sie ihn manchmal traurig an, als wollte sie ihn auffordern, mehr zu
sagen. Aber dann überzeugte er sich, er bilde es sich nur ein. Ein paar Mal hätte
er sie fast angesprochen, aber er wusste nicht, was sie erwartete. Und dann war
sie eines Tages schwanger gewesen von einem anderen. Als er es hörte, betrank
er sich und erschien am nächsten Tag nicht im Philosophenturm.
Er griff nach einer Hausarbeit, sie schilderte die Einführung der
Reichsfluchtsteuer in der Weimarer Republik. Diese Steuer diente der
Devisenbewirtschaftung in der Weltwirtschaftskrise und wurde später eine der
schärfsten Waffen der Nazis, als die daran gingen, die Juden auszurauben. Er
las zwei, drei Seiten und schob die Arbeit wieder weg. Sie war nicht schlecht,
aber nicht originell. Zusammengeschrieben aus Büchern, viele Zitate. Er war
ungerecht, er wusste es. Er verlangte zu viel von seinen Studenten und machte
sie verantwortlich für seine Langeweile.
Es klopfte, er dachte an Anne und ärgerte sich. Es war Renate Breuer, die
Sekretärin des Historischen Seminars. "Sie denken an den Empfang?",
fragte sie.
Er nickte, Renate Breuer schloss die Tür, nachdem sie ihn einen Augenblick
unfreundlich angestarrt hatte. Stachelmann zog die Hausarbeit wieder vor sich,
blätterte und schob sie wieder weg. Er verschränkte die Hände hinterm Nacken
und rollte mit dem Stuhl ein Stück weg vom Schreibtisch. Dann stand er auf und
schaute hinunter auf den Trubel des Von-Melle-Parks. Natürlich dachte er an den
Empfang. Professor Wolf Griesbach trat seinen Dienst an, einer, der es fast
schon geschafft hatte. Besser C 3 als gar nicht habilitiert. Stachelmann kannte
einige Veröffentlichungen des Neuen, auch der beschäftigte sich mit dem
Nationalsozialismus. Als Professor ohne Lehrstuhl besaß er alles, was einer
haben musste, der eines Tages Hasso Bohming nachfolgen würde, dem Sagenhaften,
wie er am Seminar genannt wurde, weil er so blumig berichtete von seiner
Beteiligung an all den Historikerschlachten. Er war ein Angeber, aber kein
schlechter Kerl. Einer, der es gut meinte mit Stachelmann und doch Griesbach
geholt hatte aus Berlin. Stachelmann nahm sich vor, kein schlechtes Wort zu
sagen über den Neuen. Griesbach war offenbar gründlich und zurückhaltend,
hatte ein gutes Urteilsvermögen, das musste er einräumen. Der hatte erreicht,
was Stachelmann anstrebte. Stachelmann erinnerte sich an einen Aufsatz
Griesbachs in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte, der ihn beeindruckt
hatte. Neid keimte in ihm, er mühte sich, ihn wegzuwischen. Ganz gelang es
nicht. Er stritt mit sich, erklärte sich seinen Neid mit dem eigenen Versagen.
Warum hatten es andere einfacher? Weil du es dir selbst schwer machst. Dann fiel
ihm die Beerdigung wieder ein. Was bist du für ein Mensch? Dein Vater wurde
gerade beerdigt, und du denkst nur an dich. Die Trauer ließ sich immer noch
nicht blicken. Vielleicht lag es daran, dass er seinen Vater schon vor zwei
Jahren verloren hatte.
Als er in Bohmings Dienstzimmer kam, waren die anderen schon da. Ostermann,
zurzeit Bohmings Lieblingsassi, machte mit Witz auf Kellner. Er hatte sich einen
devoten Blick zugelegt und verbeugte sich pausenlos. Mit gespielter Eleganz
jonglierte er mit einem Tablett, Sekt und Orangensaft, an der Wand waren auf
einem langen Tisch Schnittchen mit Fleisch und Fisch ausgelegt, der Neue gab
sich spendabel. Stachelmann entdeckte einen Mann, der dem Eingang den Rücken
zukehrte, das musste Griesbach sein. Er stand vor Bohming, und der hörte zu.
Neben Griesbach sah Stachelmann eine schlanke Frau mit dunkelbraunen Haaren,
einem kurzen Rock und langen Beinen. Sie verfolgte das Gespräch zwischen
Griesbach und dem Sagenhaften. Stachelmann kannte sie nicht. In einer Ecke
entdeckte er Anne im Gespräch mit dem schönen Kugler, der sich mal wieder
eingeschlichen hatte von den Politologen, wo er hingehörte und, ging es nach
Stachelmann, hätte bleiben sollen. Rolf Kugler war immer auf der Suche nach
Frauen, alle witzelten darüber. Kugler kümmerte es nicht und widmete sich
seiner Mission mit erstaunlichem Erfolg. Stachelmann ärgerte sich, dass Anne
mit ihm sprach. Er schaute weg, aber nicht schnell genug, um nicht einen Blick
von ihr einzufangen. Er hatte ihren dicken Bauch gesehen. Er hatte sich
gemartert, wer der Vater sei, es aber nicht gewagt, jemanden zu fragen. Sie
hatte eines Tages Renate Breuer erzählt, sie sei schwanger, und die Sekretärin
hatte es herumgetratscht. Wenn man wollte, dass etwas bekannt wurde, musste man
es Renate Breuer erzählen.
Plötzlich stand Ostermann vor ihm mit seinem Tablett. "Herr Historienrat
wollen doch nicht verdursten an einem so wunderbaren Tag", sagte er.
Stachelmann nahm einen Orangensaft und wusste nicht, wohin er sich stellen
sollte.
Da winkte Bohming plötzlich, rief: "Josef, komm mal her!" Er winkte
noch einmal.
Stachelmann stellte sich zu der Gruppe.
"Das ist Josef Maria Stachelmann, nicht nur ein ausgezeichneter Kollege,
sondern auch so eine Art Detektiv", sagte Bohming mit Öl in der Stimme.
Stachelmann winkte ab.
"Ich habe davon gehört", sagte Griesbach. Er hatte eine sympathische
Stimme. Und er sah gut aus. Beides ärgerte Stachelmann, und es ärgerte ihn
noch mehr, dass es ihn ärgerte.
"Reiner Zufall", sagte Stachelmann, "und schon zwei Jahre
her."
"Das ist meine Frau Ines", sagte Griesbach. "Sie ist Kollegin,
wenn zurzeit auch ohne Anstellung, oder sollte man besser sagen,
Zeitvertrag."
Ines lächelte ihn aus braunen Augen an. Sie hatte einen festen Händedruck. Als
Stachelmann mit dem Kopf nickte, blieben seine Augen an ihrer Bluse hängen. Sie
trug keinen Büstenhalter, die Brustwarzen ragten hervor. Dann merkte er, seine
Augen waren einige Augenblicke zu lang hängen geblieben, er schaute auf und spürte,
wie er errötete. Sie strahlte ihn an. In ihrem Blick lag ein Einverständnis.
"Auch ich habe von Ihnen gehört. Vor allem, dass Sie ein Tiefstapler sein
sollen." Sie lachte und warf den Kopf nach hinten.
"Mit dem Transportwesen habe ich nun wirklich nichts zu tun, auch wenn ich
mich mal in etwas eingemischt habe, das mich nichts anging. Genauer gesagt, ich
wurde eingemischt." Er sah im Augenwinkel Horst Lehmann das Zimmer
betreten. "Entschuldigen Sie bitte, da kommt der Kollege Lehmann, mit dem
muss ich dringend etwas besprechen."
"Nur wenn sie schwören, dass Sie wiederkommen", sagte sie leise.
Es berührte ihn. Als er ging, sah er, dass Wolf Griesbachs Augen ihm folgten.
Stachelmann glaubte, eine Frage darin zu lesen. Er wechselte ein paar Worte mit
Lehmann und ging dann zur Toilette. Dort schaute er in den Spiegel. Er fand sich
älter als dreiundvierzig Jahre und hässlich. Die Stirnglatze glänzte, die
verbliebenen Haare waren zu früh ergraut. Der Bauchansatz wölbte das Hemd über
dem Gürtel. Was konnte eine Frau finden an ihm? Er wusch sich die Hände und
ging in sein Dienstzimmer. Was für ein Tag. Am Mittag den Vater beerdigt, am
Nachmittag gefaulenzt, dann ein Bild eingesammelt von einer Frau, von dem er
wusste, er würde es eine Weile mit sich tragen.
Er setzte sich wieder an den Schreibtisch. Dann kam der Schmerz, er kroch über
die Beine nach oben. Stachelmann streckte den Rücken und durchsuchte seine
Taschen nach einer Tablette. In der Jacketttasche fand er eine Diclofenac, er
schluckte sie trocken. Es klopfte an der Tür, sie öffnete sich, ohne dass er
etwas gesagt hatte. Griesbach guckte durch den Spalt. "Viel zu tun?",
fragte er.
Stachelmann nickte, er hatte einen Kloß im Hals. Er hatte sich verdrückt vom
Empfang, das war ihm peinlich.
Griesbach blieb in der Tür stehen. "Vielleicht verraten Sie mir demnächst
die Geheimnisse?"
"Geheimnisse?"
"Was man hier wissen muss als Neuer. Damit ich nicht in Fettnäpfchen
tappe. Das ist gewissermaßen mein Steckenpferd, Sie verstehen?"
Stachelmann musste grinsen. "Dann sind Sie auf diesem Gebiet mein schärfster
Konkurrent. Es gibt kein Fettnäpfchen im Philosophenturm, in dem Sie nicht
schon Fußabdrücke von mir finden. Kommen Sie rein!" Stachelmann zeigte
auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
"Was macht Ihre Habil?", fragte Griesbach.
Stachelmann änderte seine Sitzposition, um dem Schmerz auszuweichen. "So
genau weiß ich das selbst nicht." Er hatte den Berg der Schande aufgelöst,
die Aktenstapel, die gewachsen waren, um Stachelmann noch mehr abzuschrecken.
Als er nach Hermann Hollers Hinterlassenschaft in Naziakten suchte, hatte er
gemeinsam mit Anne den Berg abgetragen. Inzwischen war der Entwurf seiner
Habilitationsschrift zur Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald fertig,
die Datei lag auf der Festplatte seines Computers, und er fürchtete sich vor
dem, was er geschrieben hatte. Er hatte eine Vorstellung, was er schreiben
wollte, aber als es geschrieben war, schien es seinem Maßstab nicht zu
entsprechen. Ob die Arbeit schlecht war oder sich seine Ansprüche verändert
hatten, er wusste es nicht. Aber er wusste, der Entwurf legte ihn fest, noch
einmal würde er es nicht schaffen, eine neue Arbeit war nicht vorstellbar, und
so musste er den Entwurf verbessern und fürchten, dass er am Ende nicht
zufrieden sein würde. Es half nichts, dass er sich einredete, er sei noch nie
zufrieden gewesen mit sich und dem, was er schrieb. Warum sollte es diesmal
anders sein? Doch seine Sorgen gingen den anderen nichts an.
"Bohming hält ja große Stücke auf Sie", sagte Griesbach. "Große
Stücke."
Stachelmann stellte sich vor, wie Griesbach seiner Frau die Bluse auszog.
"Er übertreibt gerne ein bisschen." Griesbach hatte volles schwarzes
Haar, war drahtig, trug eine leichte Brille mit Tönung. Er trieb Sport, das
verrieten sein Aussehen und sein Auftreten. Stachelmann fühlte sich noch hässlicher.
Griesbach grinste. "Sie denken da an seinen Durchbruch im
Historikerstreit?"
Stachelmann musste lachen. "Ihr geheimes Spezialgebiet ist offenbar die
Militärgeschichte."
"Gewiss, aber nur solange es um das Gemetzel unter Kollegen geht. Und
Kolleginnen natürlich."
"Denken Sie da an Ihre Frau?" Es rutschte Stachelmann heraus.
Griesbach lachte. Er hatte ein offenes Lachen. "Die darf zurzeit nicht
Mitmetzeln. Hat sich an der FU, dann an der Humboldt von Zeitvertrag zu
Zeitvertrag gehangelt. Aber mit einer Festanstellung wurde es nie etwas. Dabei
ist sie spezialisiert auf die SED, man sollte doch denken, dafür gebe es
Bedarf. Aber Berlin ist pleite."
"Dann ist sie jetzt arbeitslos. Haben Sie Kinder?"
Griesbach schüttelte den Kopf. "Die sind nicht Freizeit-kompatibel."
Er lachte. "Wir reisen gerne und treiben Sport. Aber das ist natürlich
nicht so aufregend wie das, was Sie erlebt haben. Bohming hat mir einiges erzählt.
Ich weiß natürlich nicht, ob das alles stimmt. Darf ich Sie mal einladen,
meine Frau würde sich auch freuen. Dann müssen Sie uns aber etwas von dieser
Holler-Geschichte erzählen."
Stachelmann sah sich in der Erinnerung mit Anne in seinem Dienstzimmer, wie sie
die Akten filzten. "Ich hatte gehofft, es sei vorbei."
Griesbach schaute ihn erschrocken an. "Tut mir Leid, ich wollte nicht
aufdringlich sein." Er erhob sich. "Aber die Einladung steht, über
einen Termin sprechen wir noch. Und wenn Sie keine Lust haben, von Ihren
Abenteuern zu berichten, dann reden wir über was anderes." Er winkte
Stachelmann freundlich zu und verließ den Raum.
Stachelmann starrte auf die geschlossene Tür. Es schien ihm, als hätte nichts
von dem, was er tat und dachte, einen Sinn. Ihm fielen die alten Leute auf der
Beerdigung ein, ihr Hass. Sie trugen die gleiche Lüge mit sich herum wie der
Vater. Wir sind nicht Schuld, wir haben nur Befehle befolgt, es war unsere
Pflicht. Stachelmann überlegte, was geschehen wäre, wenn sein Vater früher
darüber gesprochen hätte, von sich aus. Es hätte ihre Beziehung früher zerstört.
Ihre beiden Wahrheiten waren nicht zu versöhnen und nicht zu widerlegen. Sie überlappten
sich nirgendwo. Ihr Streit hatte sie nicht weiter gebracht, sein Vater begriff
ihn nicht, so, wie er den Vater nicht begriff. Er spürte einen Anflug von Reue.
Warum hatte er den Vater bedrängt? Der hätte die Lüge mit ins Grab nehmen können,
niemandem hätte es geschadet, und gemessen an den Naziverbrechern, gehörte der
Vater zu den kleinen Rädchen im Mordgetriebe. Stachelmann überlegte, ob er
ungerecht gewesen war. Es wäre nicht mehr gutzumachen. Wenn er nach dem letzten
Gespräch an den Vater gedacht hatte, dann im Zorn über die Halsstarrigkeit des
Alten.
Da fielen ihm die Spaziergänge im Sachsenwald ein, er mit seinem Vater. Er löcherte
ihn mit Fragen. Wie groß ist der Mond? Warum wird man schneller müde, wenn man
schneller läuft, als wenn man dieselbe Strecke langsam zurücklegt? Warum ist
der Himmel blau und nicht rot? Und vielleicht waren es Vaters Geschichten über
den Alten von Friedrichsruh im Sachsenwald, den der Kaiser Wilhelm zwo aus dem
Amt warf und damit Deutschlands Untergang einleitete. Bismarck war Vaters Held,
und eine Weile hielt ihn der Sohn für einen Riesen, der jeden Augenblick im
Wald vor ihnen stehen konnte. Im Sachsenwald setzte der Vater die Wurzel für
die Geschichtsneugier des Sohns, auch wenn sich die zunächst auf Helden
richtete, wie Bismarck einer war oder Schlieffen, der ältere Moltke und
Hindenburg. Es dauerte seine Zeit, bis Stachelmann das Reich der Helden verließ,
in den Träumen war er daraus nie ganz verschwunden.
Vielleicht begann er erst mit dem Tod des Vaters zu verstehen, wie der ihn auf
einen Weg geführt hatte, ohne führen zu wollen. Als Stachelmann die Quarta
besuchte, erklärte er seinem Vater, er wolle später Historiker werden. Der
Vater legte die Zeitung weg und lächelte, wie er über die vorherigen Berufswünsche
gelächelt hatte. Als Stachelmann die Bilder sah, spürte er einen Kloß in der
Kehle.
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