Im Tal des Todes
Ich war Zeuge, am 3.August 1968, in der Zeit zwischen 16 und 17 Uhr.
Ort: Das ehemalige Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz.
Wetterlage:
Leicht bewölkt, Windstille, 28 Grad im Schatten. Ein katholischer Geistlicher
führte
eine Reisegruppe von 20 Leuten - 12 Männer, 8 Frauen - sie alle waren zwischen
30 und 40 Jahre alt,
durch das ehemalige Lager und erklärte ihnen, wie das Lager damals war, er
führte die Gruppe in das
"Tal des Todes", wo die Asche tausender erschossener und ungekommener
Häftlinge begraben liegt,
er ging mit den Leuten am ehemaligen Krematorium vorbei, er ging mit ihnen in
die Kapelle oberhalb
des Tales, in der Nähe eines restaurierten Wachturms.
Sie
traten nacheinander ein. Ich schloß mich der Reisegruppe an, als gehörte ich
dazu, die Erklärungen
des Pastors hatten mich neugierig gemacht, ich verfolgte aufmerksam was er den
Leuten sagte.
Der
Pastor ist, wie ich später erfuhr, 65 Jahre alt, er hat in den Jahren 1943-45
täglich die Schüsse aus
dem Tal des Todes gehört, er war damals Ortsgeistlicher in Flossenbürg.
In
der kleinen Kapelle, die vor Jahren von einstigen Häftlingen errichtet worden
war, insbesondere von
Franzosen, sind an den Wänden Wappen der Länder, von wo die Häftlinge kamen,
unter dem Wappen
eine Zahl: die Toten der betreffenden Nationalitäten, und im sogenannten
Altarraum ist eine Holzkreuz.
Unter dem Holzkreuz sind geschnitzte Figuren in Originalgröße. Unter dem
rechten Querbalken eine Frau,
die schützend den Arm um ihr Kind hält, unter dem linken Querbalken ein am
Boden liegender Häftling,
auf den ein anderer Häftling mit einer Peitsche einschlägt.
Die
Erklärung des Pastors: Die Frau versinnbildlicht die Ehefrau oder Mutter, die,
allein gelassen, weil
der Mann oder Vater ins KZ gekommen war, ohne staatliche Unterstützung für
sich und die Existenz ihrer
Kinder sorgen mußte.
Bei
der Darstellung der linken Gruppe, so sagte er weiter, sei er froh darüber,
daß nicht das Klischee vom
schlagenden SS-Mann verwendet worden sei, sondern der Tatsache Rechnung getragen
wurde, daß Häftlinge
auf Häftlinge eingeschlagen haben. Das sei zwar traurig, aber es entspricht der
historischen Wahrheit.
Seine Darstellung, seine Deutung: Der schlagende SS-Mann ist ein Klischee, der
Häftling, der auf einen
anderen Häftling einschlägt, ist die historische Wahrheit.
Ich
gebe zu, daß ich in diesem Moment den vollen Sinn dessen, was der Pastor sagte,
nicht begriff, ich hörte
einfach interessiert zu, wie die 20 Leute der Reisegruppe auch zugehört haben,
aber der junge Mann, ein
achtzehnjähriger Primaner, der mich nach Flossenbürg begleitet hatte, rief
plötzlich in die Stille der Kapelle:
Nun hören Sie doch auf! Das ist ja ungeheuerlich, was Sie sagen.
Ich erschrak.
Zwanzig
Köpfe schnellten herum. Entsetzte Gesichter. Der Pastor sah auf den
Zwischenrufer, vielleicht so,
als habe jemand in der Kirche bei der Zelebrierung des Abendmahls gestört. Ich
stieß Georg in die Seite und
zischte ihm zu: Sei doch still, mach doch hier keinen Stunk, das ist nicht der
Platz dazu.
Georg
erwiderte laut, so daß es alle hören mußten: Nein, da kann man nicht mehr
still sein, das ist wirklich
ungeheuerlich, was der Pastor sagt, das grenzt doch schon an Volksverhetzung. Er
entstellt die Tatsachen,
bewußt oder unbewußt, das ist jetzt Nebensache. Georg zwängt sich durch die
Reisegruppe, er ging auf den
Pastor zu. Die Leute empörten sich, es fielen Worte wie: Langhaariger Affe,
Lümmel, Flegel, ungezogen, Kommunist...
Georg stellte sich vor den Pastor hin. Der Pastor stand eine Stufe höher. Es ergab sich folgender Dialog.
Georg: Sie sagen, Herr Pastor, Häftlinge haben auf Häftlinge eingeschlagen.
Pastor: Ja, das stimmt.
Georg: Haben Häftlinge auch Häftlinge erschlagen oder erschossen?
Pastor: Das ist mir, ehrlich gesagt, nicht bekannt.
Georg:
Ist Ihnen aber dann bekannt, daß Häftlinge nicht auf Häftlinge eingeschlagen
hätten, wenn hinter ihnen
nicht ein SS-Mann gestanden hätte, der sie gezwungen hat, zu schlagen, weil sie
sonst selbst geschlagen oder
erschlagen worden wären.
Pastor: Wahrscheinlich hätten sie dann nicht geschlagen.
Georg:
Und weiter. Hätte hinter dem Häftling ein SS-Mann gestanden, wenn hinter dem
SS-Mann nicht ein
unmenschliches System gestanden hätte, ein System, das Verbrechen nicht
bestrafte und verurteilte.
Im Gegenteil, das System hat Verbrechen und Sadismus belobigt und dafür Orden
verteilt.
Pastor: Wahrscheinlich hätten dann Häftlinge nicht auf Häftlinge eingeschlagen.
Georg: Warum sprechen Sie dann von Klischee.
Pastor: Aber es ist doch...
Georg:
Sie selbst bauen doch schon wieder eine neues Klischee auf. Die Leute hier, die
Sie führen, müssen
doch, aufgrund Ihrer Erklärungen, zu dem Schluß kommen, daß die Häftlinge
damals nur von ihresgleichen
drangsaliert worden sind. Sonst hatten sie wahrscheinlich den Himmel auf Erden.
Pastor: Das wollte ich aber damit nicht gesagt haben.
Georg:
Sie haben es aber gesagt, und Sie haben vergessen zu sagen, daß die Häftlinge,
die geschlagen haben,
von der SS, dem verlängerten Arm des Systems, gezielt ausgesucht worden sind,
daß die Schläger Kriminelle
waren oder aber auch Menschen, die vor lauter Angst alles taten, wenn man ihnen
nur versprach, daß sie morgen
oder übermorgen oder irgendwann einmal frei sein werden.
Pastor: Das mag stimmen.
Georg:
Und da kommen Sie und sprechen von Klischee, Leuten gegenüber, die dieses Lager
als Kurpark
wiederfinden. Na, ich danke. Ich hätte es einem alten Nazi, für den der Krieg
unglücklich verloren wurde,
noch zugetraut... aber ihnen? Man lernt nie aus. Wie heißt es doch? Liebe
deinen Nächsten.
Mein
Begleiter drehte sich um, ging an mir vorbei und sagte: Kommen Sie, diese Leute
sterben nicht aus,
weil sie dafür sorgen, das Nachwuchs in Massen ihre Geisteshaltung übernimmt.
Wir
gingen zum Ausgang. Dort blieben wir stehen und warteten, bis die Besuchergruppe
mit dem Pastor kam.
Die Leute gingen an uns vorbei zum Parkplatz. Sie steigen nacheinander in den
Bus, der ein Kennzeichen aus
Weiden hatte. Die Leute sahen uns nicht an. Der Pastor stieg als letzter ein, er
drehte sich, bevor die Tür
zuschnappte, noch einmal um. Er nickte uns zu, er hatte, wie man so sagt, ein
nachdenkliches Gesicht.
Georg
sagte zu mir, als der Bus längst abgefahren war: Wieviel Reisegruppen mag der
wohl schon durch dieses
Lager geführt haben, denen er dasselbe erzählte. Sie haben doch gehört, das
war geleiert, das war auswendiggelernt.
Und die Leute fahren nach Hause und sind bestärkt in dem Glauben, daß doch
alles nicht so schlimm gewesen ist,
schlimm wurde es durch die Häftlinge selbst. Nicht die SS und das System
waren die Sadisten, nein, es waren die
Inhaftierten selbst, und die sagen sich insgeheim, daß wahrscheinlich doch was
dran war, diese Leute einzulochen,
so unschuldig konnten die doch nicht gewesen sein. Sehen sie, nach dreißig
Jahren gibt es keine Wahrheit mehr,
nur noch Vermutungen, nur noch Legenden.
Ich gebe zu, daß ich erst anfing zu überlegen, als wir schon im Auto saßen und auf der B 15 Richtung Hof fuhren.
Wenn
ich nun allein gewesen wäre und hätte mich der Reisegruppe angeschlossen,
wahrscheinlich hätte ich an den
Ausführungen des Pastors nichts auszusetzen gehabt, denn er hatte ja auch nicht
die Unwahrheit gesagt, nur eben
die halbe historische Wahrheit. Diese Menschen, sagte Georg immer wieder, daß
die nicht aussterben. Warum ist
er damals nicht in das Tal des Todes gegangen und hat sich vor einen Häftling
gestellt, der erschossen werden sollte,
wo er doch seinen Bruder lieben soll wie sich selbst. Aber sein Bruder damals
war wahrscheinlich ein Russe oder
ein Jude oder ein Tscheche und ein Kommunist und ein Bibelforscher und ein
Landesverräter und ein Homosexueller
und vielleicht auch ein Geistlicher, der es mit der Nächstenliebe zu genau
genommen hat. Ach, Worte, nichts als Worte.
Seit
damals habe ich mir dauernd überlegt, wie dieser junge Mann zu diesen Worten
und zu solch einem Handeln
gekommen ist, wie er es fertig brachte, den Pastor zur Rede zu stellen, er, der
damals noch nicht geboren war, er
der in seiner Familie keinen Betroffenen hat. Vielleicht sollte man öfter mit
jungen Leuten verreisen, an Stätten des
Grauens, in Täler des Todes fahren, mögen sie nun Flossenbürg heißen oder
Verdun oder Stalingrad. Es gibt ja,
nach meinen ganz persönlichen Erfahrungen, immer nur zwei Gruppen, die an
Orte dieser Vergangenheit reisen:
diejenigen, die selbst einmal da einsaßen, gequält wurden, um sich wieder
einmal an das Grauen zu erinnern, und
die sich dann freuen können, dieser Hölle entkommen zu sein; die anderen sind
die Neugierigen, die interessenlos
Interessierten, für die solche Orte Stationen eines programmierten Tourismus
geworden sind.
Die
dritte Gruppe, der Georg zugehört, ist selten, nämlich die, die an solchen
Stätten des Grauens nicht mehr das
Verbrechen und nicht mehr die Zahlen sieht, die sich vielmehr fragt, wo die
Ursachen liegen, die zur Errichtung solcher
Stätten des Grauens und der Vernichtung geführt haben.
Am
nächsten Sonntag sind wir beide nach Neustadt an der Waldnaab gefahren, haben
uns in die Kirche gesetzt.
Der Pastor hielt eine Predigt. Er sprach von der Erkenntnis, über einen Text
aus der Bibel, über Lukas Kap.24, Vers 29,
wo es heißt: Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns, denn es will
Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.
Und er ging hinein, um bei ihnen zu bleiben.
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