Christa von Andrian

Steingeschichte

Ich bin ein Stein.
Irgendjemand hat mich an diese Stelle gelegt.
Ich bin gefunden worden.
Er fand mich schön und nahm mich mit.
Jetzt liege ich da mit meiner Steinschwere.

Ich bin nicht klein und nicht gross.
Ich bin gerade so gross,
dass eine Menschenhand mich gut aufheben kann.
Meine Oberfläche ist uneben.
Turmalinstäbe liegen wirr in meinem harten Steinkörper.
An der Oberfläche werden auch sie sichtbar.

Manche zeigen sich in voller Länge und ihre Flächen leuchten tiefgrün.
Ettliche sind nur noch Bruchstücke.
Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden bei der Fülle.
Einst war ich Teil eines Felsens.
Ich weiss nicht, wie der Berg heisst, zu dem dieser Felsen gehört,
und wie das Land heisst, in dem der Berg steht.

Ich weiss nur noch,
dass ich lange Zeit verborgen
im Inneren dieses Felsens mich befand.
Meine eigene Form gab es noch nicht.
Es bedurfte der Kräfte anderer,
dass ich ans Licht kam,
dass ich mich vom Ganzen dieses Felsen löste.
Und es bedurfte abermals der Hinwendung anderer,
dass ich hier bei den Menschen bin,
hier vor dir liege
und Du mich betrachten kannst.

In meinem Dasein war ich immer wieder
Teil von einem grösseren Ganzen.
War es der Fels,
die Kiste mit den vielen herausgebrochenen Steinen wie ich,
der Laden mit unzähligen Edelsteinen und Mineralien,
die Sammlung des Menschen, der mich erworben hat, ...?
Und jetzt bin ich Teil des Raumes, wo auch Du bist.
Ja, noch viel mehr,
ich bin Teil Deiner Aufmerksamkeit,
Teil unseres gemeinsamen Gespräches.

Um etwas über mich selbst zu erfahren,
muss ich immer wieder Teil eines neuen Ganzen werden.
Dieses neue Ganze ist unsere gemeinsame Verwandlung.
Mag sein, dass, wenn wir uns wieder voneinander lösen werden,
unsere Gestalt sich neu geformt haben wird,
sei es die körperliche, die seelische oder die geistige.
Denn in dem Augenblick,
wo wir zusammen Teil eines grösseren Ganzen werden,
verschmelzen wir zu einem Konglomerat.
Auch wenn dieses nicht heftig verrührt wird,
so lässt jeder bei der Loslösung
etwas von sich zurück
und trägt neues vom anderen mit sich weiter.

Das ist meine Geschichte.

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